Stadtleben
Samstagmorgen – Er hat seinerzeit das Vulgärlatein salonfähig gemacht und mit der Beschreibung des „Infernos“ unwissentlich die Zustände vorweggenommen, unter denen Geflüchtete heute in libyschen Auffanglagern überleben oder sterben. Außerdem hat Dante eine für seine Zeit durchaus fortschrittlich säkulare Gesellschaft entworfen und um diesen Entwurf, seine mittelalterlichen Voraussetzungen und seine Bedeutung für die heutige Zeit dreht sich der ganze Tag im ICI, Haus 8 auf dem Pfefferberg, Christinenstraße 18/19. Das Programm des Symposiums „Dante’s Political Modernities“ beginnt um 10 Uhr mit Kaffee, gesprochen wird vorwiegend Englisch, teils Französisch.
Keinen libyschen Hafen sondern den von Lampedusa hat Carola Rackete mit der Sea-Watch 3 angesteuert und Leben gerettet. Das Verfahren gegen sie läuft (siehe auch das heutige „Durchgecheckt“). In Berlin hat es u.a. Solipartys gegeben, ein 30 Meter langes Graffito und eine Spendenguerilla-Aktion. Auch eine unter die Haut gehende Solidaritätsbekundung gibt es: Das Studio „Rostige Nadel“ bietet heute die Möglichkeit, sich ein Soli-Tattoo oder -Piercing stechen zu lassen. Der Gewinn soll über Sea-Watch.org in die Seenotrettung fließen, die quasi Spendenquittung trägt man fortan am Körper.
Vom Mittelmeer holpert dieser Wochenend-Einstieg zugegeben etwas ungelenk in heimische Gewässer, genauer: zum heimischen Fisch. Der ist nämlich eine der Spezialitäten des StadtFarm-Wochenmarkts, wo der maritimen Küche gar ein kostenloses E-Book unter eigener Flagge gewidmet ist: Das StadtFarm-Fischkochbuch mit 19 Rezepten von Food-Bloggern und dem StadtFarm-Team bekommen Sie hier. Die Zutaten ab 10 Uhr in der Allee der Kosmonauten 16 – was uns mit einem Satz in kosmische Weiten hinausbefördert. Oder auch bloß nach Lichtenberg.
Samstagmittag – Wem der Sinn nicht nach Abheben steht, setze sich doch: Und zwar an den Tisch im Alten Museum. Da findet ein Tischgespräch statt, bei dem Studierende und Expertinnen aus Kunst, Kultur und Wissenschaft verschiedene Wissenskulturen betrachten, und dies mit Bezug auf die hauseigene Antikensammlung. Wer aber lieber steht, kann eigentlich gleich gehen. Am besten in die Kunsthochschule Weißensee, die heute ihren Rundgang ausrichtet. Neben der Besichtigung zahlreicher Arbeiten von Studierenden und der Ateliers gibt es um 15 Uhr in der Aula an der Bühringstraße 20 eine Buchvorstellung: Heike Schüler hat sich mit DDR-Design von der Weltzeituhr am Alex bis zum Wartburg-Lenkrad auseinandergesetzt. Eintritt frei. Eine West-Option gibt es aber auch: Die Klanginstallation „Chorale“ des New Yorker Urgesteins Elliott Sharp im Geoff Stern Art Space ist heute letztmalig zu hören.
Samstagabend – Wer im Alten Museum was vom Spielbein gehört hat und das jetzt auch mal selber ausprobieren möchte: Bei Disco Tehran in der Loftus Hall ist die körperliche Ertüchtigung mit Einnahme von Posen essenzieller Bestandteil der Programmgestaltung. Im Arkaoda kuratiert ab 20 Uhr die Society of Nontrivial Pursuits das nächtliche Geschehen, ein Ableger der Klasse Generative Kunst der UdK – was die vielleicht ungewöhnlichste musikalische Ausgehmusik der Stadt versprechen dürfte.
Sonntagmorgen – An Sonntagen soll der gemeine Berliner ruhen, wie das Verwaltungsgericht im Späti-Verfahren bestätigt hat – also mehr Zeit in Tankstellen und Bahnhofssupermärkten verbringen. Soll auch schön sein. Und wenn wir schon da sind, können wir gleich weiter nach Neuruppin rausfahren: Die Waldschenke, Stendenitz 13, lädt zum Brunch im Wald um 10 Uhr für 17,50 Euro respektive 7,50 Euro ermäßigt oder frei für Kinder unter 12. Dass anlässlich des 200. Geburtstags gerade Fontane-Jahr ist, beflügelt Theodors Geburtsstadt und das Umland zu reichhaltigem Programm, aber das ist ein weites Feld.
Sonntagmittag – Ein ebenso weites Feld ist Fontanes Zeit in Berlin – immerhin 55 Jahre hat er hier gelebt. Michael Bienert führt um 14 Uhr durch Fontanes Kreuzberg, Näheres hier. Weit enger gefasst ist dagegen das Sujet, dem sich der Geräuschladen Ohrenhoch von 14 bis 21 Uhr widmet: Jeden Sonntag wird eine Komposition vorgestellt, die speziell auf die im Laden aufgebaute Lautsprecher-Anordnung abgestimmt ist. Die Reduktion auf nur ein sich immer wiederholendes Stück und die Vertiefung darin, bietet einen Kontrapunkt zur Zerstreuung. Heute: „In der Zukunft war alles besser“, ein Stück, das Knut Remond mit Kindern der Ohrenhoch-Schule erarbeitet hat. Der Laden ist nämlich Berlins außergewöhnlichste Spielwiese experimentell musikalischer (Früh-)Erziehung.
Am Sonntagabend, gleich im Anschluss ans Finale der Frauen-WM, kommt schließlich der Pianosalon Christophori als romantischer Salon voll zur Geltung. Bariton Manuel Walser in Begleitung von Anano Gokieli am Klavier bietet Brahms, Strauss und Rachmaninov zum Ausklang des Wochenendes dar. Beginn ist um 20 Uhr, Tickets kosten pauschal 25 Euro inklusive Drinks. Das Kleingedruckte auf der Homepage ist übrigens eine Reservierungsanleitung – ihr zu folgen wird ausdrücklich empfohlen, es kann schon mal voll werden. Uferstraße 8, U-Bhf Pankstraße