Der Klang der allmächtigen Orgel
Was es nicht alles gibt in Berlin! Ein Museum etwa, das historische Instrumente beherbergt. Georgelt wird am Wochenende auch anderswo. Und getrödelt. Die Tipps von Thomas Wochnik
Foto: Anne-Katrin Breitenborn/SIMPK
Samstagmorgen – Für alle, die ihren Kaffee am liebsten schwarz, heiß und im Dunkeln trinken: In der Ruine der Franziskaner Klosterkirche (Klosterstraße 73a) wird die Nacht unter freiem Sommerhimmel durch eine Doom-Klangwelt mit Unterweltassoziationen verlängert. Die/der alle Gendergrenzen auflösende koreanisch-US-amerikansiche Autor:in, Künstler:in, Musiker:in und Astrolog:in Johanna Hedva zeigt eine Reihe von Klangstücken, die er/sie selbst und befreundete Künstler:innen teils speziell für diese Show angefertigt haben. Einige davon, so Hedva, sind vor Ort, andere aus Distanz, wieder andere telepathisch zu erfahren. God is an Asphyxiating Black Sauce ist bis 3. August täglich von 10 bis 18 Uhr geöffnet. Besagten Kaffee gibt es übrigens ab 12 Uhr im angeblich ältesten Restaurant der Stadt: Zur Letzten Instanz, Waisenstrasse 14-16
Samstagmittag – Von der morgendlichen Portion Finsternis zum strahlenden Orgelklang: Die „Mighty Wurlitzer“ des Musikinstrumenten-Museums (an der Philharmonie, Tiergartenstraße 1) ist eine imposante Orgel mit Kirchenorgel-Dimensionen, 1228 Pfeifen und einer Reihe von Schlag- und Effektklängen aus der Prä-Synthesizer-Zeit, das Instrument stammt nämlich von 1929. Ursprünglich diente sie der Livevertonung von Theater und Stummfilmen, bei denen sie ganze Orchester ersetzen sollte. Heute demonstriert das seinerzeit unbezahlbare Stück die Demokratisierung der Musiktechnologie: So manche Musikapp auf Ihrem Smartphone kann nämlich mehr, als das raumfüllende Instrument. Beginn der 30-minütigen Vorführung ist um 15 Uhr, Eintritt 6 Euro, Di-So 14 bis 19 Uhr
Samstagabend – Dennoch haben alle echten, berührbaren Instrumente jeder App eines voraus, was die diesjährige Rohkunstbau mit dem Begriff der Zärtlichkeit fasst. Die Ausstellung geht allerdings weit über rein ästhetische Belange hinaus: Zärtlichkeit als Bezugsmodus zur Welt spielt auch eine Rolle in der Fürsorge, in zwischenmenschlichen (Gewalt-)Verhältnissen und der Naturzerstörung. Passend zur barocken Kulisse des brandenburgischen Schloss Lieberose liegt damit ein Vanitas-Moment in der Luft. Beim Lustwandeln im Schlosspark können Sie schön feinfühlig darüber sinnieren. Die etwas umständliche Anfahrt mit Bus ab Lübben sollte den Besucherstrom überschaubar und das Gedränge vernachlässigbar halten. Schloss Lieberose, bis 20. September jeden Sa & So 12 bis 18 Uhr, Eintritt 10/7 Euro
Sonntagmorgen – Wer hat dieses Jahr nicht in punkto Mode die ganze Saison übersprungen? Was soll man sich auch in Schale werfen, wenn man unter der Maske gar nicht erkannt wird? Wer auch 2020 nicht ganz ohne Gucci, Prada und Co auskommen möchte, begebe sich an einen der unscheinbarsten Flohmärkte der Stadt, an den Neuköllner Kranoldplatz (11 bis 17 Uhr) nämlich. Da die hier zu findenden Vintagestücke nicht selten aus den Siebzigern, Achtzigern und Neunzigern stammen, sieht man nicht nur niemals aus wie aus der letzten Saison, man verströmt, neben einer manchmal staubigen Note, auch massig früher-war-alles-besser-Romantik – und was könnte ein passenderes Modestatement zur Corona-Saison sein?
Sonntagmittag – Wer verschiedenen Quellen im Netz Glauben schenkt, muss meinen, die Ausstellung mit Linda McCartneys Polaroid-Familienalbum, Sophie Thuns medienästhetischer Fotografie und Francesca Woodmans psychoanalytisch getränktem Surrealismus längst verpasst zu haben. Aber nein, die Show wurde nur verschoben, ihr Ende ist auf dem 5. September gelandet und wer sich die drei weiblichen Perspektiven auf die Welt ansehen möchte, die verschiedener kaum sein könnten, begebe sich zwischen 10 und 20 Uhr ins c|o Berlin (Hardenbergstraße 22-24). Kaffee oder Wein im Café des Hauses öffnet den Blick auf in Feinstaub aufgegangene Träume des ehemaligen Hauptstadtzentrums.
Sonntagabend – Zum Wochenendeende dann der Blick über eines der heutigen Zentren der Stadt vom Dach der Neukölln Arkaden aus. Die darauf befindliche Rooftop-Bar Klunkerkranich hat nämlich wieder geöffnet und lädt laut Wettervorhersage zu spektakulär nassen Aussichten auf sich türmende Gewitterwolken, gleißende Blitze und Wetterpanik in den Straßen von 17 bis 23 Uhr. Kostenfreier Bonus: Bei Regen wird das Aperolglas nie leer, nur seine Farbe ändert sich allmählich. Auch die überall üblichen Wartezeiten am Einlass könnte das Wetter reduzieren. Karl-Marx-Straße 66, U-Bhf Rathaus Neukölln