Kalt und immer kälter wird es, von Wochenende zu Wochenende
Samstagmorgen – Kalt ist es, nass und grau. Und alle Jahre wieder trifft die Kälte nicht alle Menschen gleich. Wer warme Sachen aus der letzten Saison abzugeben hat, Jacken mit funktionierenden Reißverschlüssen, Schlafsäcke, etc., in sauberer Verfassung – Berliner Kältehilfe und Stadtmission freuen sich, bedürftige Menschen mit Ihren Spenden zu erfreuen. Wer halbwegs aufmerksam um sich schaut, erkennt auch jetzt schon Menschen auf der Straße und in Bahnhöfen, die frieren – da ist der Umweg über Sammelstellen manchmal gar nicht nötig. Wenn doch schon die Supermärkte wieder ihre Eingangsbereiche mit Weihnachtswaren zustellen, darf man doch den damit einhergehenden Geist der Nächstenliebe schon mal etwas vorwärmen.
Samstagmittag – Hach, das Künstlerdasein – einfach mal seinen spontanen Impulsen nachgehen und alles tun, worauf man Lust hat – und dann auch noch dafür gefeiert werden! Dass die Realität ganz anders aussieht, daran erinnern Rehema Chachage und Aderemi Adegbite mit einer Serie von Installationen und Performances, „Flinn Works: White Money“. Das Thema ist ein zu Berlin ausgezeichnet passendes: Antragslyrik. Auf der ganzen Welt ist die Kunst abhängig von Fördergeldern – und Fördergelder müssen beantragt werden. Dafür wiederum gibt es Formulare, Kriterienkataloge – und nicht zuletzt reichlich Konkurrenz um die im Verhältnis zur Nachfrage wenigen Zusagen. Welche Kunst sieht man also, wenn man etwa „junge Kunst aus dem Iran“ vor sich hat? Nun, diejenige, die den Kriterien des jeweiligen Förderinstituts am besten entsprochen hat. Wie europäisches Geld die Weltkunst gestaltet – ab 16 Uhr in den Sophiensaelen.
Samstagabend – Wie gesagt, die kalte Jahreszeit trifft nicht alle Menschen gleich. Exhibitionistisch veranlagte Menschen zum Beispiel müssen sich in Geduld üben oder frieren – dass es zudem dermaßen lange dunkel ist, kommt ihnen auch nicht gerade entgegen. Wie gut, dass Yann Yuno in der Stadt ist! Der preisgekrönte Meister der Mentalmagie und Mind-Hacker erkennt schon beim bloßen Anblick seines Publikums dessen Urlaubsbilder und Facebook-Profile, enthüllt seine bestgehüteten Geheimnisse und bietet somit die beste Gelegenheit für einen Seelen-Striptease vor lauter fremden Menschen. Aber nein, datenrechtliche Fragen berührt die Veranstaltung ausdrücklich nicht – es geht vielmehr um bloße Illusion und Sci-Fi-Unterhaltung. Ab 20 Uhr in der ufa-Fabrik, Tickets kosten 19/16/12 Euro. Tickets zu 21,90 Euro gibt es hier.
Sonntagmorgen – Sunday morning, early dawning… Sie wissen schon, irgendwas ist ja immer, aber dann gibt es wieder einen lieblichen Sonntagmorgen, an dem man durchatmet, wenn nicht gerade jemand anruft – davor warnt der Velvet-Underground-Song ja – aber selbst das ist sonntagmorgens „nothing at all“. Besser schnell das Haus verlassen, die Straßen kreuzen, die man neulich erst gekreuzt hat („…not so long ago“) und seinem unruhigen Gemüt zum Beispiel einen Kalligrafiepinsel in die Hand geben, mit dem es sich ausdrückt und aller Anspannung eine Form gibt. Das, und vieles andere mehr, kann man auf dem Japanmarkt im Festsaal Kreuzberg ab 12 Uhr tun, der Eintritt beträgt 7 Euro.
Sonntagmittag – Apropos Papier: Auf der Messe Buch Berlin stellen sich rund 300 kleine, unabhängige Verlage vor. Von 10 bis 17 sind sie nicht nur an ihren Ständen zu bestaunen, nein – es gibt auch literarische Reiseführungen, Lesungen, eine Rätselrallye, also reichlich Unterhaltungsprogramm am Rande. Aber vor allem eine Menge Literatur, die üblicherweise leider allzu weit abseits des öffentlichen Blickes geschrieben, gedruckt und gelesen wird. Das Tagesticket für die Arena (Eichenstraße 4) kostet 8/4 Euro.
Sonntagabend – Zurück in die Gegenwart. Die ist bekanntlich weder smooth – sonst wären Smoothies zum aus-smoothen der Dinge nicht so beliebt – noch cool. Smooth, cool – wer bei diesen Stichworten an Jazz denkt, denkt ganz richtig: Um 20 Uhr steht nämlich das Laurids Richter Quintett auf der Bühne des Holzmarkt 25, um, wie ich aus Insiderkreisen höre, alles andere als „angepasste Löffelmusik“ oder „Fahrstuhljazz“ zu spielen, sondern eine Musik, die „zu dieser Stadt passt“.