Verlängertes Wochenende, Hörspaziergänge und ikonische Bilderwelten
Samstagmorgen — Es ist keine allzu neue Eigenart, allzu bekannt ist sie aber auch nicht: Fahrrad- und Kaffeekultur gehen schon länger Hand in Hand, vor allem wenn es um italienische Rennräder und eben italienische Kaffeevariationen geht. Warum auch nicht, einigen aktuellen Studien zufolge sollen beide eine lebensverlängernde Wirkung entfalten. Mit dem Fahrrad dem Gedränge der Stadt zu entkommen, ist sowieso ratsam. Alte und neue vorwiegend italienische Rennräder gibt es ab heute um 11 Uhr wieder im charmanten Steel Vintage Fahrradcafé in der Wilhelmstraße 91 in Mitte, dazu sehr guten Kaffee aus der hauseigenen Rösterei, Speisen und, zur Feier des Tages, einen Live-DJ.
Samstagmittag — Sightseeing per Videostream ist in den letzten Wochen recht beliebt gewesen. Mit den vorsichtigen Lockerungen sind jetzt wieder echte Touren möglich und eine, die über die Schauplätze der Serie Babylon Berlin verläuft, dreht den Trend quasi um. Statt die Wirklichkeit über den Bildschirm zu betrachten, schauen wir uns hier die Originalschauplätze an, die wir aus den Babylon-Filmen kennen. Um 16.30 Uhr startet die Erkundung in kleinen Gruppen mit Abstand und Maske, die ersten 50 Gäste erhalten sogar eine von der Theaterschneiderin Kelly Zehe. Vor Ort werden Filmausschnitte und Originalaufnahmen aus den Zwanzigern gezeigt und historischer Hintergrund beleuchtet. Lange sind die Restkarten nicht mehr verfügbar. Kleiner Trost für Spätaufsteher: Die Tour soll in nächster Zeit wöchentlich wiederholt werden. 31 Euro kostet das Ticket.
Samstagabend — Von Stadtschauplätzen zu den Sternen und, über Bande, zu griechischen Göttern: Venus, auch bekannt als Aphrodite, ist bekanntermaßen nicht nur Liebe und Schönheit in Person, sondern auch eine mutterlos gezeugte Göttin, Tochter nämlich des Uranos. Die biologischen Einzelheiten beiseite, leitete der Schriftsteller und Jurist Karl Heinrich Ulrichs davon den Uranismus ab, seine Bezeichnung für die gleichgeschlechtliche Liebe, und machte ihn zu einem Schlagwort in der Geschichte der Gleichstellung. Der Philosoph Paul B. Preciado träumt in seinem letzten Buch von einem „Appartment auf dem Uranus“, fernab irdischer Kategorisierung und transformierten Körpern wie Gesellschaften. Um 21 Uhr ist auf dem HAU-Youtube-Kanal seine Onlinelesung und Buchpremiere live im Stream zu sehen.
Sonntagmorgen — Wer sich einmal morgens aufgerappelt hat, sollte keine Probleme haben, in Bewegung zu bleiben. Vorausgesetzt, es gibt was zu tun. Damit es immer was zu tun gibt, gibt es Apps wie Echoes, die einen mit Soundwalks beschäftigen. Die Berliner Stadtführungsprofis von Poligonal haben gerade ihre ersten Soundwalks für Echoes erstellt und bieten sie, weil noch in der Testphase, kostenfrei an. Zum Beispiel einen durch Kunst und Architektur der DDR.
Sonntagmittag — Wer nach dem Hörspaziergang den Ohren eine Pause gönnen möchte, findet im Freiraum für Fotografie, Waldemarstraße 17 (Mitte), akustische Ruhe und „Zeit-Zeug*innen — Ikonen des Bildjournalismus 1932-1986“, die unter anderem bezeugen, wie dicht für sich stehende Bilder Geschichte erzählen können.
Sonntagabend — Toll, wenn zum Wochenendeende noch eine unerledigte Aufgabe anliegt. Nachdem es am Mittwoch im Kunst 100 Diskussionsstream um das Maskuline in der Kunst gegangen war, geht es heute um Frauen und das Weibliche in der Kunst, Rollenklischees und ihre viel zu späten Brüche.
Montagmorgen — In die Verlängerung gehen wir mit einem Verlängerten, einer besonders leicht herzustellenden Wiener Kaffeevariation: Man gieße einfach einen „kleinen Schwarzen“ mit der gleichen Menge heißen Wassers auf. Wer sich nicht ganz sicher ist, wie das Resultat schmecken soll, bestelle sich zum Vergleich einen im Alt Wien, Hufelandstraße 22 in Prenzlauer Perg.
Montagmittag — Tagebücher sind eigentlich für die Nachwelt gedacht, technische Kunstinstallationen dagegen flüchtig. Oft werden sie nach der Ausstellungszeit wieder zerlegt, die einzelnen Bestandteile für neue Werke wiederverwendet. Die Installation im Schaufenster des Kreuzberg Pavillon (Naunynstraße 53) von Dana Engfer, „Viral Empath“, will dagegen selbst Tagebuch des milden Berliner Lockdowns sein. Für jeden Tag der Ausstellungsdauer hat die Künstlerin Kollaborateure gefunden, die sie von Sonnenauf- bis Untergang mit ihrer Arbeit allein lässt.
Montagabend — Zum Ende der Verlängerung jazzen wir alles nochmal hoch: Schon seit Freitag streamt das Moers-Festival, was die Datenraten hergeben. Täglich bis 12 Stunden abgefahrenen Jazz, Außenseiterpop und abseitige Elektro- und Experimentalmusik, die dem anstehenden Wochenanfang keine Chance lässt.