Wolkenverhangen bei milden 10°C. Samstags gelegentlich Böen.

Der Checkpoint feiert fünfjähriges JubiläumEx-Bausenator Wolfgang Nagel warnt Regierung vor dem MietendeckelInterview mit Newsletter-Pionier Gabor Steingart

an diesem Wochenende feiern wir Jubiläum: Der Checkpoint wird 5! Am 24. November 2014 erschien die erste Ausgabe, es war ein Montag, 9 Grad – und los ging’s gleich nach der Begrüßung („Guten Morgen – und herzlich willkommen beim Checkpoint! Berlin ist eine der aufregendsten Städte der Welt. Hier den Überblick zu behalten, ist nicht ganz leicht. Von heute an gibt es deshalb den Checkpoint“) mit einer Meldung zu unserem Lieblingsflughafen:

Terminchaos am BER: Der neue Stadtentwicklungssenator Andreas Geisel hat sich auf einen Eröffnungstermin für den BER festgelegt: ‚Eines Tages‘, sagt er, ist es soweit.“ Damit sicherte er sich einen Platz auf der nach oben offenen Mehdorn-Skala („Wir werden fertiger und fertiger“) – und auf jeder Checkpoint-Party beim BER-Zitate-Raten.

Damals war klar: 2016 wird das nichts mehr. Und 2017 auch nicht. Flughafenchef Hartmut Mehdorn fand kein „Zeitfenster“ und suchte stattdessen „Eine/n Projektingenieur/in für Ad Hoc Baumaßnahmen“ – das passte: Der neue Technikchef (inzwischen gefeuert) hatte einen Mangel an qualifiziertem Personal beklagt.

Auch heute, fünf Jahre später, beginnen wir mit dem BER: Der Satz „Sie dürfen davon ausgehen, dass ich mich nicht unter Druck setzen lasse“ könnte ein Klassiker der BER-Zitate werden. Gesagt hat das gestern ein Mann, der für das Schicksal Berlins derzeit wichtiger ist als der Regierende Bürgermeister: Er heißt Hartmut Zimmermann und ist in der Baubehörde des Landkreises Dahme-Spreewald zuständig für die Abnahme des BER.

Telegramm

Als Karikatur gezeichnet, sieht der neueste Ansiedlungsbrief von Ramona Pop so aus: Tesla bekommt eine Anhängerkupplung, und am Haken hängt „Siemens Energy“. Tja, so einfach ist das – it’s the economy, stupid! Aber war Siemens nicht „Chefsache“? „Doch, das ist richtig“, sagt die Senatskanzlei dem Checkpoint. Hm, und hatte denn dann Ramona Pop ihr Schreiben an „Energy“-Chef Michael Sen mit dem Regiermeister wenigstens abgestimmt? Na, die Antwort schauen wir uns doch mal genauer an: „Nein, aber es stört auch den engen Kontakt zwischen dem Regierenden Bürgermeister und dem Siemens-Konzern und Jo Kaeser nicht.“ Also: Sollte die Wirtschaftssenatorin von Michael Müller jemals ein Abschlusszeugnis bekommen, wäre dort wohl neben ein paar unentschuldigten Fehltagen ein besonderes Lob vermerkt: „Hat nicht gestört.“

Den größten Traktorenparkplatz, den wir je gesehen und erlebt haben“, kündigt „das Orga-Team“ der großen Bauerndemo am 26.11. an – und die Berliner Polizei macht schon mal die Räumfahrzeuge klar. Merke: Berlin ist eben doch ein Dorf.

Der Immobilienwitz der Woche ist ein Klappbett mit Klo für 450 Euro p/m in Weißensee (Foto hier) – immerhin sind die Nebenkosten inklusive. Dass bei solchen Zuständen in einer aktuellen Umfrage mehr als 70 % für Mietendeckel und Obergrenze sind, ist dann keine große Überraschung mehr.

Ex-Bausenator Wolfgang Nagel warnt dagegen in einem Brief an die Fraktionsvorsitzenden von SPD und Grünen sowie den Regierenden Bürgermeister („Sehr geehrte Frau Kapek, lieber Michael, lieber Raed“) vor dem Mietendeckel: Zu 80 % sei der Gesetzentwurf verfassungswidrig, schreibt Nagel, und: „Ein wissentlicher Verstoß gegen unsere Verfassung durch gewählte Abgeordnete ist doch in einer Demokratie ein schwerwiegender Vorgang.“

Einen ordentlichen Batzen Geld bekommt die Initiative „Deutsche Wohnen & Co. enteignen!“: Die „Bewegungsstiftung“ aus der Artilleriestraße in Velden schießt 15.000 Euro dazu.

Verkehrswende ist… wenn die Leute Ihre neue Spülmaschine im Bus nach Hause karren.

Keine Verkehrswende ist… wenn der neue grüne Radweg in der Joachim-Friedrich-Straße wunderbar angenommen wird – von falsch parkenden Autos.

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Beim rbbKultur Klassik Slam heißt es: Hausmusik war gestern. Jetzt geht es ab auf die große Bühne. Sechs Ensembles, gecoacht von Musikern des Deutschen Symphonie-Orchesters Berlin, treten gegeneinander an. Das Publikum entscheidet, wer gewinnt. Am 24. November um 19 Uhr im Heimathafen Neukölln und live auf rbbkultur.de

Neues aus Schilda (aka Berlin): Donnerstag hieß es: Die Dieselfahrverbotsschilder kommen nächste Woche. Freitagfrüh hieß es: Überraschung! Sie sind schon da. Freitagnachmittag hieß es: Entschuldigung! Es gibt nur genug Schilder für eine Richtung. CDP-Prognose: Bis der der Senat und seine nachfolgenden Behörden das Problem gelöst haben, ist die Welt schon untergegangenen

… es sei denn: Das Land Berlin ruft endlich den Klimanotstand aus! Dann wird alles gut.

Der Senat will jetzt doch „eine Klimanotlage“ anerkennen (Antrag von Senatorin Regine Günther mit der Bitte um verkürztes Mitzeichnungsverfahren) – wichtiger Hinweis: Gemeint ist damit allerdings nicht das Klima in der Koalition.

Neue Details zum schrecklichen Leichenfund bei London: Im Oktober waren in einem Industriegebiet östlich von London 39 Vietnamesen tot in einem Kühltransporter gefunden worden. Nach „rbb“-Recherchen hatten sich mehrere von ihnen vor ihrem Tod in Berlin aufgehalten.

Die Gallier hatten Angst, dass ihnen der Himmel auf den Kopf fällt, Berliner Schüler fürchten, dass über ihnen das Dach einstürzt – nur verfügen letztere nicht über einen Zaubertrank. Neuestes Beispiel: Nur eine Woche nach Sperrung der hoch frequentierten Charlotte-Pfeffer-Sporthalle krachte ein Betonteil vor der Fassade – zuvor war bereits der Playground eingebrochen (Q: „Mopo“). CP-Blitzanalyse: Berlins Bildungspolitik ist bodenlos.

Zu einer „rustikalen Sauvesper“ lädt Innensenator Andreas Geisel für den 13.12. am Naturschutzturm der Deutschen Landjugend ein – wird sicher tierisch gut (Ausnahme: für die arme Sau).

Es gab in der Vergangenheit immer wieder einzelne Vorfälle, wo Kooperationspartner von freien Trägern solche waren, die das Existenzrecht Israels in Frage stellen“ – mit diesen Worten begründete die CDU-Abgeordnete Cornelia Seibeld ihren parlamentarischen Vorstoß für eine Demokratieklausel in Förderanträgen. Auf unsere Bitte hin, solche Fälle zu benennen, kramte die CDU in ihren „Nachweisen“ – aber fand „nichts Verlässliches“. Tja, das trifft offenbar nicht nur auf die Unterlagen zu.

Weil wir ja erst Anfang kommenden Jahres mit unseren Podcasts an den Start gehen, hatte ich etwas Zeit für die Kollegen von „Lage der Nation“ in ihrem Kreuzberger Küchenstudio. Es wurde ein munteres Gespräch quer durch die Republik – und kreiste doch immer wieder um Berlin. Darin die schöne Vision eines „Markenbilds“ der etwas anderen Art: Von der Stadt der Teilung zur Stadt des Teilens. Wollte ich Ihnen nur kurz mitteilen (hier anzuhören).

Und zum Ende des Nachrichtenblocks noch eine Meldung aus dem ersten Checkpoint vom 24.11.2014 im Original:

„Wowi out – Berlin wieder in: Anfang des Jahres liefen Schockwellen durch die Stadt – die New York Times hatte ihr Urteil gefällt: „Berlin is out“. Die Feuilletons suhlten sich, je nach Redaktionsstandort, in Selbstmitleid und Schadenfreude. Folgerichtig trat im August der Regierende Bürgermeister zurück – und siehe da: es hat gewirkt! Am Wochenende veröffentlichte dieselbe New York Times eine Hymne auf das Berliner Nachtleben. Musikchef Jon Pareles lobt die unprätentiöse Kraft der Stadt und schreibt, vielleicht müssten die tollsten Clubs zwar irgendwann teuren Büros und Appartements weichen, „but: not for the moment!“

Seitdem hat es zwar nur noch Hymnen über Berlin gegeben, aber „the moment“ ist leider vorbei. „Berlin bleibt anders“, lautet das neue Leitbild der Stadt. Bald wird man sagen: anders als erhofft (wenn das so weitergeht).

Durch­gecheckt

Durchgecheckt

Gabor Steingart hat nach Stationen bei „Spiegel“ und „Handelsblatt“ seine eigene Firma gegründet: „Media Pioneer“. Seit Jahren schreibt er einen viel beachteten Newsletter, das „Morning Briefing“.

Gabor, was sagst Du als Newsletter-Pionier: Wie lang trägt das Medium E-Mail noch das „Morning Briefing“ und den „Checkpoint“ zu den Leserinnen und Lesern?

Ehrliche Antwort: keine Ahnung. Aber ich glaube, das Trägermedium ist nicht entscheidend, nur der Inhalt. Mick Jagger weiß wahrscheinlich gar nicht, dass die Langspielplatte verstorben ist und dass auch Mini Disc und Walkman auf dem Friedhof der Übergangstechnologien liegen. Er macht unverdrossen weiter Musik. Und wir beide, Lorenz, sollten es ihm gleichtun: Unsere Musik ist das Wort. Deine Satisfaction heißt Checkpoint. Glückwunsch übrigens!

„Media Pioneer“ produziert einen politischen Podcast am Morgen, einen aus Amerika, bald einen über die Börse und einen als Talk. Auch der „Checkpoint“ startet im kommenden Jahr drei verschiedene Podcast-Formate. Wird Audio zum wichtigsten journalistischen Medium?

Die Haltbarkeit solcher Aussagen hat sich verkürzt, wie Du weißt, weil wir in einer Zeit unfassbar schneller technologischer Zyklen leben. Aber ja, im Moment liefert der Podcast genau das, was unserem Freiheitsdrang entspricht. Ich kann selber hören, wann und wo, aber auch so viel und so oft ich will. Dieses Medium ist wie der Mensch: nahbar und non-linear.

Auf der Website von „Media Pioneer“ heißt es: „Wir sind ein Medienunternehmen neuen Typs“ – was ist das Neue?

Finde es selbst heraus. Ich lade Dich auf unser Redaktionsschiff Pioneer One ein, das mit Elektromotor, Podcast-Studio und Newsroom gerade von einer kleinen Familienwerft am Rhein gebaut wird. Anfang Mai ist es fertig, und dann schippern wir zehn Tage von Köln über Düsseldorf, Duisburg, Münster, Wolfsburg, Magdeburg und Potsdam nach Berlin zum Reichstag. Das Motto der Tour: „Vom Ich zum Wir. Fluss der Gedanken“. Viele Leserinnen und Leser, Hörerinnen und Hörer, aber auch Spitzenpolitiker, Wirtschaftsbosse und Künstler werden an Bord dabei sein. Und hoffentlich Du! Steig doch in Potsdam dazu. Und dann produzieren wir live einen Podcast gemeinsam. Was hältst du davon?

Sehr gerne, das machen wir! Noch eine Frage zu „Media Pioneer“: Im Mission-Statement heißt es: „Das Problem sind nicht die kritischen Journalisten, sondern die harmlosen“. Was ist die wichtigste Voraussetzung für kritischen Journalismus, was die größte Herausforderung, was die größte Gefahr?

Der liberale Vordenker Lord Acton hat den Satz geprägt: „Macht korrumpiert, absolute Macht korrumpiert absolut“. Das gilt auch für Nähe. Viele Journalisten sind Teil des Milieus geworden, das sie beschreiben. Sie haben Neugier durch Haltung ersetzt. Der Typ des journalistischen Aktivisten ist entstanden. Die gemeinsame Herausforderung besteht darin, diese Fehlentwicklung zu erkennen und zu korrigieren.

Was müssen Journalisten heute anders machen als vor 10 oder 15 Jahren?

Wir müssen uns neu definieren. Wir sind keine Print- oder Radio- oder TV-Journalisten. Wir arbeiten technologieoffen. Und wenn sich Journalismus verflüssigen lässt, dann verflüssigen wir ihn eben. Dann gibt es den Checkpoint als morgendliches Erfrischungsgetränk. Wunderbar!

Unter uns Morgen-Newsletter-Schreibern: Bist Du eher Frühaufsteher oder Nachtarbeiter?

Beides. Bis Mitternacht schreiben. Und ab 5:30 morgens Endredaktion. Es gibt Jobs, die kann man nicht delegieren, deiner und meiner gehört dazu.

Zwei kurze Fragen zum Schluss:

Berlin ist für mich…

… meine Geburtsstadt, meine Inspiration und meine Liebe. Und die gesteigerte Form der Liebe besteht darin, dass ich mich manchmal ärgere. Zum Beispiel über eine Metropole, die unter ihrem Niveau regiert wird. Der letzte große Regierende Bürgermeister, den die Stadt hervorgebracht hat, war Richard von Weizsäcker.

Am Checkpoint mag ich… 

… alles! Auch die Information, aber vor allem den Ton. Der Checkpoint schaut humorvoll und mit dem nötigen Respekt auf die Menschen dieser Stadt. Und mit der gebotenen Respektlosigkeit auf die Mächtigen. Die Stadt hat einen solchen publizistischen Gegencheck verdient. Oder um es mit Hannah Arendt zu sagen: „Wahrheit gibt es nur zu zweien.“

Thomas Wochnik

Wochniks Wochenende

Die besten Berlin-Tipps für drinnen, draußen und drumherum.

48h Berlin

Samstagmorgen – Vor 30 Jahren noch der Wurmfortsatz Westberlins, ist Kreuzberg heute eines der Herzen der Stadt. Und das Herz Kreuzbergs ist der Kotti. Regelmäßig sind hier Gruppen waghalsiger Abenteurer auf Kiezsafari auszumachen, die später daheim, zum Beispiel in Tübingen, einer staunenden Menge vom knappen Überleben am Rande von Bandenkrieg und Drogensumpf erzählen. Wer auf solchen Sensationstourismus keine Lust hat, kann am Kotti aber auch gut abtauchen. Etwa im Aquarium (Skalitzer Straße 6). Der zum Südblock gehörige Bau bietet ortsnahen Initiativen und Besucherinnen Platz zu Arbeit, Präsentation, Information, dazu Frühstück, Brunch und Kaffee ab 1,90 Euro. Das Thema heute lautet „Restitution des afrikanischen Kulturerbes in europäischen Museen“. Um 10 Uhr trifft sich zunächst eine Gruppe zur „kritischen Museumsführung“ am Bode-Museum (Am Kupfergraben), um 13 Uhr beginnt dann im Aquarium die Konferenz zum Thema. Zur Anmeldung hier entlang. 

Samstagmittag – Wer dem Jahresend-Konsumwahn ein klimafreundliches Schnippchen schlagen, aber trotzdem nicht aussehen möchte, wie letzten Winter, sehe einfach aus, wie jemand anderes letzten Winter. Das Prinzip Kleidertausch macht es möglich, führt zu mancher Selbst- und Fremdfindungserfahrung, aufregenden Verflechtungen und glänzender Ökobilanz. Daneben fördert es auch noch das lokale Handwerk – Änderungsschneidereien erwarten schon sehnsüchtig Ihre Wünsche. 16 Uhr beim Sekundär-Schick-Salon Treskowallee 101, S-Bhf Karlshorst

Samstagabend lassen sich die neuen Identitäten auf ihre Gesellschaftsfähigkeit hin überprüfen. Sicherheitshalber zunächst noch in einer in Modefragen naiven Umgebung mit Anklängen bei Tierwelt, Dschungel und Safari, aber auch elaborierten Vergleichsmöglichkeiten etwa bei Design-Ikone Erich Honecker. Dies in der Performance zur „All Animals am I“-Ausstellung in der Saarländischen Galerie, Charlottenstraße 3, U-Bhf Kochstraße (20 Uhr, Eintritt frei). Wer den Augen nach dem Kleiderkauf hingegen mal eine Pause gönnen möchte, findet in der Villa Elisabeth (Invalidenstraße 3, U-Bhf Rosenthaler Platz, 10/ 7 Euro) ein außergewöhnliches Hörprogramm: Das Synthesizer-Trio Lange/ Berweck/ Lorenz (siehe Mein Wochenende mit…) spielt Auftragskompositionen von Kirsten Reese, Bernhard Lang und Malte Giesen, das zwischen verschiedenen Traditionen interessanteste Brücken schlägt.

Sonntagmorgen – Wem bei der morgendlichen Zeitungslektüre gerne der ein oder andere besserwisserische Kommentar entfährt, versuche sich mal beim Bildungsbrunch im Essentis Ecohotel. Neben der basalen Versorgung mit „Kaffee, Tee, Brötchen und Butter“ wird das Thema Klimawandel aufgetischt. Maître Christoph Schneider, Professor am Geografischen Institut der HU, führt kommentierend durch das Menü. Verköstigt werden unter anderem auf 1,5 bis 2 Grad temperierte Klimaziele, zart schmelzende Polkappen in steigendem Meeresspiegel sowie zivile und politische Handlungsoptionen, das einem das Gletscherwasser zusammenläuft. Vorlaute Klimaskeptiker mit halbgaren Theorien sind willkommen – das Laserskalpell, mit dem diese zerlegt und  dann häppchenweise neu verteilt werden, ist gerade frisch kalibriert. Weiskopffstraße 16/17, 11 bis 15 Uhr, Anmeldung über berlin@lernkulturzeit.de

Sonntagmittag – Es gab eine Zeit, in der objektive wissenschaftliche Wahrheitsansprüche pauschal gegen die Subjektivität der Künste ausgespielt wurden. Bis, erstaunlich spät in der Geschichte, einigen Denkern auffiel, dass eigentlich nichts dagegen spricht, auch die Subjektivität zu objektivieren. Mitunter muss eben das noch heute umständlich vermittelt werden. Ganz unmittelbar, um den Kreis zu schließen, leisten genau das immer schon die Künste. Mit welcher Deutlichkeit objektiv unstrittige Subjeke objektive Fakten schaffen, zeigt ab 16 Uhr etwa das großartige Berliner Splitter Orchester zusammen mit dem schwedischen Ensemble Skogen sowie Oren Ambarchi und Will Guthrie. 38 Musikerinnen bilden einen lichten, klanglich aber dichten Wald, der sich über das gesamte Gelände des Silent Green verteilt, um eine Improvisationsmusik zu erschaffen, die vor allem räumlich erfahrbar wird. Der Titel Counterbalance weist darauf hin, dass die widerstrebenden subjektiven Absichten der Musiker betont werden, am Ende dennoch ein großes Ganzes entsteht. 15 Euro, Gerichtstraße 35, U-Bhf Wedding

Sonntagabend – Zum objektiven Gipfel der Subjektivität wird schließlich der Gipfel des Pfefferberg. Die selbstverliebte Siciliano Contemporary Ballettcompany möchte dem Publikum ein Geschenk machen, indem sie die Selbstliebe stimuliert. Genau zur richtigen Zeit, um sich innerlich auf dunkle Winternachmittage in wohliger Gegenwart seiner Selbst und des eigenen Narziss einzustimmen, der den eigenen Humor genau trifft, überwiegend einer Meinung mit sich ist und einen auch ohne Worte versteht. Das wird schön. „The Gift“, 18 Uhr, 18/ 12 Euro im Theater auf dem Pfefferberg, U-Bhf Senefelderplatz

Mein Wochenende mit

Durchgecheckt

Wer „Incises“ von Pierre Boulez so live spielen kann, könnte es sich als Klaviervirtuose eigentlich ganz gemütlich machen. Im Synthesizer-Trio mit Silke Lange und Martin Lorenz bricht Sebastian Berweck allerdings mit Puristenerwartungen, die einen Pianisten mit seinem Klavier (und nur mit ihm) verschmolzen sehen wollen. Foto: Anika Neese

Der ganze Samstag dreht sich naturgemäß um unser Konzert in der Villa Elisabeth: Ab 8 Uhr morgens wird das Instrumentarium transportiert, die Bühne aufgebaut, nochmal geprobt, Soundcheck gemacht – das wird uns bis zum Abend in Atem halten. Etwas Restatem werden wir auch für das Konzert noch brauchen. Bernhard Langs Partitur zur „Cheap Opera #1“ verlangt von uns nämlich den Einsatz unserer Stimmen ab. Da wir Insrumentalisten nicht wirklich singen können, werden unsere Stimmen mit Vocodern bearbeitet – die harmonischen Tonhöhen, in denen sie am Ende erklingen, werden mithilfe unserer Synthesizern erzeugt. Dass wir überhaupt die Stimme nutzen, hat mit dem programmatischen Inhalt zu tun: Der Komponist lässt uns Texte rechtsradikaler Politiker vortragen, die die Musik mit ihren Mitteln verarbeitet. Zwischendurch am Tag werden wir sicher bühnennah essen – vielleicht Pizza bei Papà Pane in der Ackerstraße 23 – die übrigens kürzlich auch eine Dependence in Kreuzberg eröffnet haben. Ausgezeichneten Kaffee und mehr bekommen wir von meinem Namensvetter Sébastien (Invalidenstraße 157). Am Sonntag ist dann nach einer ganze Woche Proben Familientag. Es geht wahrscheinlich mit Kind in den Garten der irdischen Freuden im Gropius Bau. Und zum Wochenendeende mit Freunden auf ein Bier in der Roberta-Bar (Zionskirchstraße 7) – schon wegen der schrägen T-Shirt-Sammlung des Wirts einen Besuch wert. Möglich wäre auch ein Besuch der Schaubühne. Während die Volksbühne mit ihrem Führungswechsel befasst war, habe ich in letzter Zeit dieses wunderbare Theaterhaus für mich neu entdeckt. Seit der beeindruckenden Germania-Insenierung ist die Volksbühne allerdings auch wieder zurück.

Lese­empfehlungen

Es ist schon ganz schön, vor dem Grab Tutanchamuns zu stehen, die Nofretete im Ägyptischen Museum zu betrachten oder durchs Ethnologische Museum Dahlem zu schlendern und sich von den akkumulierten Jahrtausenden ergreifen zu lassen. Worüber sich die Exponate leider ausschweigen, sind die Wege, über die sie an ihre heutigen Ausstellungsorte gelangt sind. Forderungen nach einer Rückgabe von Kunst, die im Zuge von Kolonialisierungsbestrebungen geraubt wurde, hängen seit Jahrzehnten vielfach auch über den Berliner Museen. Seit einer Rede von Emmanuel Macron 2017, in der er sich prinzipiell für die Rückgabe und damit für eine Neuausrichtung der französischen Kulturpolitik aussprach, findet der Diskurs unter dem ungelenken Begriff „Restitution afrikanischer Kulturgüter“ (siehe auch Samstagmorgen) verstärkt statt. Der Begriff entstammt dem Titel eines Berichts, den Macron selbst in Auftrag gab. Geschrieben haben ihn der senegalesische Wirtschaftswissenschaftler Felwine Sarr und die Kunsthistorikerin Bénédicte Savoy, die seit 2009 eine Professur an der TU-Berlin hält. In einer gut verständlichen Kurzfassung ist der äußerst lesenswerte Bericht kürzlich auch in deutscher Übersetzung erschienen, „Zurückgeben, über die Restitution afrikanischer Kulturgüter“ (224 Seiten, 18 Euro).

Entgegen dem Blick in die Vergangenheit, versteht sich Felwine Sarr daneben auch auf die Zukunft. In Afrotopia (Hardcover, 176 Seiten, 20 Euro) hinterfragt der Autor nicht nur die europäische Fantasie, alle Länder wollten irgendwann genauso werden wie wir, sondern auch den Sinn solcher Nachahmung. Denn müsste sich dabei nicht auch die Zerstörung wiederholen, die die Entwicklung europäischer Länder in die Welt getragen hat? Statt also Afrika die Wiederholung anzuraten, entwirft Sarr eine genuin afrofuturistische Kulturrevolution, die aus den historischen Fehlern anderer lernt und zugleich aus dem schöpft, was an Potenzial tatsächlich in den afrikanischen Kulturen angelegt ist.

Wochen­rätsel

Wie viele Tage seit Nicht-Eröffnung zählte der BER-Counter als der erste Checkpoint am 24. November 2014 erschien?

a) 673
b) 905
c) 999

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Encore

In der Kunst, und nicht erst seit der Digitalisierung, gilt schon das Kopieren als eine Form des Raubs. Böse Zungen und Neider haben beispielsweise Gustav Mahler seinerzeit vorgeworfen, er habe keinen einzigen Ton selbst komponiert, sondern nur Versatzstücke anderer neu arrangiert. In gewisser Weise hat man ihm also postmoderne Züge angekreidet, lange bevor der Begriff existierte. Der Komponist Johannes Kreidler, Jahrgang 1980, hat das Thema im Jahr 2008 spektakulär ad absurdum geführt: Er komponierte ein Stück mit 70200 Zitaten anderer Werke und füllte für jedes einzelne einen separaten Bogen für die Verwertungsgesellschaft GEMA aus. Mit einem Kleinlaster brachte er das tonnenschwere Papier dann zur GEMA Berlin. Wie schwer sich nicht nur die Musikindustrie, sondern auch die deutsche Justiz mit dem Thema tut, zeigt sich ganz aktuell auch am Rechtsstreit zwischen der Band Kraftwerk und dem Produzenten Moses Pellham. 20 Jahre dauert der Rechtsstreit um zwei Sekunden Musik bereits. Sein Ende ist noch nicht in Sicht, weil die Lösung Grundsatzurteile erfordert. Indirekt geht es dabei auch um ein Versprechen der Digitalisierung, das Wissen (und damit mediale Kulturgüter) der Welt allen Menschen gleichermaßen zugänglich zu machen. Und das gegen den Willen der Halter von Verwertungsrechten, die nicht leer ausgehen wollen, aber noch keine neuen Geschäftsmodelle haben, die mit der Veränderung Schritt halten. Zur Vertiefung läuft im HKW aktuell das Right the Right-Programm.

Wir wünschen Ihnen ein genuin schönes Wochenende.

Lorenz Maroldt