Es ist schon komisch: Wir zwängen uns in übervolle Busse, lernen immer neue Arten von Betriebsstörungen bei der S-Bahn kennen – und lesen in der Londoner „Times“: „Excellent public transport.“ Wir erleben stark steigende Mieten und Wohnungspreise, fürchten, uns die eigene Stadt nicht mehr leisten zu können – und bekommen gesagt: „Berlin is very affordable“. Wir stehen mit unseren Kindern vor gesperrten Spielplätzen, erfahren, dass stadtweit 500 davon demoliert sind – und lesen sprachlos in der „New York Times“: „Berlin is a playground paradise.“ Wir stolpern über wild abgestellten Sperrmüll, erkennen unter Tonnen von Tüten, Pappen und Flaschen unsere Parks nicht mehr – und hören New Yorks Ex-Bürgermeister Rudy Giuliani sagen: „Berlin ist eine sehr saubere Stadt.“
Haben wir, die ewigen Nörgler, eine Wahrnehmungsstörung? Oder übersehen die Gäste, berauscht von was auch immer, was hier wirklich läuft – oder vielmehr: was nicht? Wir wollten herausbekommen, wo unserer Stadt gerade wirklich steht, und eine Antwort finden auf die Frage: „Warum finden eigentliche alle Berlin so toll - außer den Berlinern?“ Unseren Bericht finden Sie hier.
Die Berliner CDU-MdB sortieren sich neu – bei einer Telefonkonferenz soll heute früh um 8.30 beschlossen werden: Jan-Marco Luczak löst die Staatsministerin und Berliner Parteivorsitzende Monika Grütters (wird aus Halle zugeschaltet) als Landesgruppenchefin ab, für ihn rückt Thomas Heilmann als Beisitzer in den Fraktionsvorstand. Grütters, deren Einfluss auf Absprachen als begrenzt gilt, soll die Rochade am Freitag selbst vorgeschlagen haben.
Ob der SPD-Vorsitz noch das schönste Amt neben dem Papst ist, wie Franz Müntefering einst sagte, mochte Andrea Nahles vor ihrer Wahl der „S.Z.“ nicht beantworten, denn: „Das werde ich als Frau ja nie erfahren können.“ Dass knapp 66,4 Prozent Zustimmung nicht das schönste Ergebnis neben den Erfolgen der bisherigen SPD-Chefs ist (die allerdings meistens ohne Konkurrenz angetreten waren), weiß sie aber selbst – der weiße Rauch über der Parteitagshalle wirkte ein wenig rußig.
Die Messe hat entweder zu viel Geld oder zu wenig Humor, vielleicht auch beides, wie dieses Beispiel aus Kleinkrümelsdorf (Ortsteil Berlin) zeigt: Die Macher des „verrückten Flughafenspiels“ (Motto: „UnberechenBER“) wollten auf der ILA (25.-29.4.) offiziell angebotene Werbeplätze buchen: Aufkleber über den Handwaschbecken und Flyerverteilung zum Preis von 6000 Euro. Doch dann kam eine Mail von der „MB Capital Services GmbH“, die im Namen der Messe verkündet:
„Nach intensiver Rücksprache mit dem ILA Projekt-Team müssen wir Ihnen leider mitteilen, dass die Anfrage als thematisch unpassend eingestuft worden ist. Aus diesem Grund können wir Ihnen leider keinerlei Werbe- oder Promotion-Möglichkeiten anbieten.“
Der Checkpoint hat das zum Anlass für eine intensive Rücksprache mit seinem Archiv genommen und muss leider feststellen, dass die Veranstaltung einer ironiefreien Luftfahrtshow an einem Flughafen, der u.a. wegen politischer Unfähigkeit der Eigentümer (die zugleich Eigentümer der Messe sind) seit Jahren nicht eröffnet werden kann und so weiterhin öffentliche Mittel in Milliardenhöhe verbrennt, als thematisch unpassend eingestuft worden ist.
Falls Sie dennoch zur ILA möchten, hier noch ein wichtiger Hinweis der Veranstalter: „Planen Sie eine Anreise mit dem eigenen Flugzeug? Kein Problem - für eine möglichst angenehme, schnelle und kostengünstige Anreise empfehlen wir den Anflug zum Verkehrslandeplatz Schönhagen“. Willkommen in Berlin.
„Wer RIN hört, versteht die Jugend“, schrieb das Jugendmagazin „Neon“, bevor es eingestellt wurde (wurde wohl von der Jugend nicht mehr verstanden). Ich hab’s gestern Abend überprüft, beim RIN-Konzert in der Columbiahalle, in Begleitung der Jugend. Was ich verstanden habe: Es gibt deutschen Rap, der ohne Antisemitismus auskommt – aber nicht ohne Strom: Weil der plötzlich fehlte, war nach 39 Minuten Schluss (21 Uhr 24). Auf Instagram teilte RIN anschließend mit: „Ich habe Berlin kaputt gemacht. Tut mir leid.“ Betroffen war der Bergmannkiez, zuvor hatte es Friedrichshain erwischt – und dort auch das Berghain.
Dazu noch das: Ben Salomo beendet wegen Antisemitismus die von ihm erfundene Battle-Show „Rap am Mittwoch“ (Calabash Club, Veteranenstraße) – im Interview mit watson.de begründet er das u.a. so: „Auch backstage wurde ich regelmäßig mit antisemitischen Narrativen konfrontiert. Mich haben Leute gefragt, ob es eigentlich stimmt, dass ich als Jude in Deutschland keine Steuern zahlen muss. Als wir mal den Eintrittspreis von drei auf fünf Euro erhöht hatten, sagten Gäste und einige Künstler: ‚Guck mal, der Jude.‘“
Telegramm
Morgen erscheint der neue Roman von Frank Schätzing: „Die Tyrannei des Schmetterlings“ heißt er, und ich durfte ihn schon mal lesen (Berufsprivileg). Es geht um Künstliche Intelligenz, und am Ende ist man froh, vom Plot aus gesehen in der Vergangenheit leben zu dürfen.
Am Sonnabend erscheint dann im Tagesspiegel der neue „Berliner“, und auch in unserem Magazin geht es um Künstliche Intelligenz – Amazons oberster KI-Forscher Ralf Herbrich verrät im Interview, was er sich davon verspricht:
„Es bliebe mehr Zeit für kreative Arbeit. Einkaufen gehen oder die Waschmaschine ausräumen - das muss alles sein, aber ich sage mir da oft: Woah, was ist das für ein Aufwand!“ Geht mir auch so – vielleicht erfindet Herbrich ja noch einen netten Roboter, der demnächst den Checkpoint schreibt.
Da wir gerade bei Künstlicher Intelligenz sind: booking.com empfiehlt mir, kaum bin ich mit Schätzing durch, Hotelzimmer in London, Exmouth und: Leverkusen. Ähm, Leverkusen?
Falls das eine hämische Anspielung so genannter Künstlicher Intelligenz auf den nahen Abstieg des 1. FC Köln gewesen sein sollte (gestern 2:2 gegen Schalke): sehr witzig (auch Schätzing ist übrigens Kölner, vielleicht hat der Algorithmus ja die Rheinseiten verwechselt).
Immerhin fahre ich dann nächste Saison mal wieder zum Auswärtsspiel nach Magdeburg, der Heimatstadt von CP-Stadtleben-Chefin Stefanie Golla. Sie versichert übrigens, am Krawall bei den Aufstiegsfeierlichkeiten (nach dem 2:0 gegen Fortuna Köln) nicht beteiligt gewesen zu sein.
Mail von Eurowings: Die Lufthansa-Tochter bittet ihre Kunden wegen chaotischer Zustände in Tegel jetzt "mindestens 90 Minuten vor der geplanten Abflugzeit am Flughafen einzutreffen, in der Ferienzeit planen Sie idealerweise 120 Minuten". Vorschlag für den nächsten Schritt: Die Fluggesellschaft bittet ihre Kunden, auf Flugreisen ganz zu verzichten, weil die Bahn alles in allem dann doch schneller ist.
Übrigens: Das erinnert ein bisschen an die BVG, die zuweilen von der Nutzung ihres eigenen Ersatzverkehrs abrät – weil Dank ortstypischer Koordinationskunst zeitgleich zur Schienenreparatur die parallel verlaufende Straße aufgerissen wird.
Was die Zahl der Straftaten betrifft, hat Berlin seinen Spitzenplatz wieder an Frankfurt (Main) abgegeben – und auch Hannover ist vorbeigezogen, aber auch Platz 3 qualifiziert ja noch für die Champions League.
Falls Sie mal über einen richtig dicken Etat verfügen wollen – die Bauverwaltung sucht eine neue Leitung für die Abteilung „Zentrales“, Aufgabe: „Die Steuerung und Koordinierung eines Gesamthaushaltsbudgets von ca. 1,2 Milliarden Euro, Voraussetzung (u.a.): „Grundkenntnisse der Korruptionsbekämpfung“. (Q: Amtsblatt S. 2066). Behalten wir mal im Auge.
Berlin bekommt einen neuen Feiertag – aber welchen? Die bisher genannten Vorschläge reichen inzwischen locker für 365 mal Ausschlafen, der Grünen-Abgeordnete Daniel Wesener rät deshalb: „Bitte nicht jede Woche eine neue Feiertagssau durchs Dorf treiben.“ Obwohl – sieht bestimmt lustig aus.
Für die Reihe „BER-Devotionalien“ haben wir aus unserer Ausstellung heute ein besonders schönes und zugleich seltenes Exponat herausgeholt: einen echten Anhänger (und hier ist er).
BER Count Up – Tage seit Nichteröffnung:
Flughafenchef Engelbert Lütke Daldrup hat das Wunder vollbracht: Am 31. Oktober 2020 ist der Flughafen BER offiziell eröffnet worden. 3.073 Tage nach der ersten Nicht-Eröffnung stellen wir damit unseren Count Up ein. Wer nochmal zurück blicken will: Im Tagesspiegel Checkpoint Podcast "Eine Runde Berlin" spricht Lütke Daldrup mit Tagesspiegel Chefredakteur Lorenz Maroldt und Checkpoint Redakteurin Ann-Kathrin Hipp über detailverliebte Kontrollen, politische Befindlichkeiten und aufgestaute Urlaubstage.
Zitat
„So dramatisch ist die Silvesterböllerei auch nicht.“
Justizsenator Dirk Behrendt lehnt beim Grünen-Parteitag „die Verbotskeule“ ab und fordert: „Lasst den Leuten doch die Böllerei, die Spaß daran haben.“ War ein echter Knaller.
Stadtleben
Essen & Trinken in Neukölln aus der Kategorie „vom Kaffee bis zum Cocktail“: Im Reuterkiez frönt das Barettino deutsch-italienischer Fusion, die vom zarten Cornetto bis zu hausgemachter Lasagne reicht. Besonders beliebt sind die Frühstücksplatten (8,50-16,50 Euro) mit reichlich gegrilltem Gemüse, Käse und Schinken. Wer es leichter mag, startet mit einem Knuspermüsli in Kokosjoghurt und frisch gespressten Organgensaft (7 Euro). Ganztägig eine gute Option sind die üppigen Panoni, zum Beispiel mit Coppa (italienischer Nussschinken), Provolone, Kirschtomaten und Ruccola (6,50 Euro). Gern bleibt man hier zwischen all den Madonnas bis die Sonne untergeht auf einen Aperitivo - irgendwie haben sie hier an alle(s) gedacht. Reuterstraße 59 (U-Bhf Hermannplatz), geöffnet tgl. 9-0 Uhr