Auf einen verhangen verregneten Samstag bei höchstens 20°C folgt ein ebensolcher Sonntag

Nachruf auf eine Berlinerin: die Stadt ohne ZittyCDU schlägt Magnetschwebebahn zum BER vorHöchste Neuinfektionszahl in Berlin seit Mitte April

Eines ist gewiss: Diese Krise wird Berlin verändern. Das syrische Restaurant bei mir in der Straße hat noch immer geschlossen. Drinnen steht einsam die Werbetafel, darauf in schöner Schrift „Essen wie bei Mamma“. Das Licht an der Decke hat lange nicht gebrannt. Vielleicht kommen sie ja wieder, oder nicht? Diese Krise trifft die Kleinen wie die Großen: Galeria-Karstadt-Kaufhof hat verkündet, sechs von elf Filialen in Berlin zu schließen, eine weitere in Tegel soll gar nicht erst öffnen. Geschlossen werden sollen die Standorte in Charlottenburg, Tempelhof, an der Müllerstraße in Wedding, im Ringcenter an der Frankfurter Allee, in Hohenschönhausen und die Filiale in den Neuköllner Gropius-Passagen. 600 Menschen könnten allein in Berlin ihren Job verlieren und ganze Nachbarschaften ihren Halt: Was macht so ein leerstehender Betonklotz mit der Gegend? Der Regierende Bürgermeister nennt das Aus der Filialen einen „schweren Schlag für die Kieze“. Verdi spricht von „einer der bittersten Stunden des deutschen Einzelhandels“.

Vor dem Karstadt an der Wilmersdorfer Straße ist heute Morgen um 10 Uhr eine Spontandemo der Beschäftigten angekündigt, genauso in Wedding. Für die Angestellten bedeuteten die Schließungen eine Zäsur. Die Frage: Trägt das Virus die Schuld am Ende der Filialen oder ist es die Folge eines langsamen Wandels, den die Eigentümer verschlafen haben?

Telegramm

Er ist wieder da: Andreas Kalbitz muss von der AfD vorerst wieder aufgenommen werden – zumindest bis das Bundesschiedsgericht der Partei über seinen Verbleib entschieden hat. Als Kronzeugen hat sich Kalbitz schonmal den ehemaligen HDJ-Führer beschafft. Ein Rechtsextremist soll dann beweisen, dass der andere Rechtsextremist nicht Mitglied bei Rechtsextremisten war, sondern sein Leben lediglich (sic!) über „rechtsextremistische Bezüge“ verfügt.

Zurück ins Futur: CDU-Chef Kai Wegner will „die Zukunft der Mobilität neu definieren“ und eine Magnethochbahn zum BER bauen. Das gab es natürlich alles (recht unerfolgreich) schonmal, mir macht die Idee trotzdem Spaß. Wir können schließlich nicht alle Fahrradfahren. Warum eine Bahnstrecke zu einem Flughafen ein – Zitat – „Leuchtturm für Berlin“ sein soll, konnte mir aber noch niemand erklären. Oder klebt ein Drehfeuer auf dem Bahndach?

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Aus dem Gruselkabinett: Gegen den ehemaligen Fernsehkoch und Verschwörungsmystiker Attila Hildmann ermittelt der Brandenburger Staatsschutz, das teilte die Polizei am Freitag via Twitter mit. In seiner Telegram-Gruppe hetzt Hildmann, der in Brandenburg wohnt, mittlerweile gegen Juden und hält Adolf Hitler im Gegensatz zu Angela Merkel für „einen Segen für Deutschland“ – mehr als 60.000 Menschen lesen mit. Ignorieren ist keine Lösung.

Wenn Standschlagzeuger Bela B sich in einen Sessel setzt, muss es schlimm stehen. Zusammen mit seinem Bandkollegen Farin Urlaub las Spandaus größter Sohn nun im Kreuzberger SO36 aus dem Berlin-Comic „Didi und Stulle“ (ursprünglich aus der Zitty). „Halts Maul und lies“ heißt die an sich sympathische Aktion. Die Ärzte sammeln Spenden für Berlins Live-Clubs, die mächtig unter den coronabedingten Schließungen leiden: Keine Bands, keine Gäste, keine Kohle – einfache Rechnung. Jetzt sollen mindestens 200.000 Euro zusammenkommen. Is’ das noch Punkrock? Na unbedingt!

Politik mit Soße I: Mal wieder ein Nebenkriegsschauplatz für Franziska Giffey. Jetzt wird geprüft, ob ihr Engagement für die Internetseite „nebenan.de“ rechtens war. Während der Corona-Krise hatte sie in einem Video, laut eigener Aussage, für mehr Nachbarschaftshilfe werben wollen. Schöner Gedanke, klar, leider ist das Portal kommerziell – und das wiederum rief die Medienanstalt Berlin-Brandenburg auf den Plan. Die „FAZ“ titelte schon: „Eine Ministerin als Reklamegesicht“.

Politik mit Soße II: Auch Klaus Lederer, Berlins Kulturkümmerer, nimmt die Vorschriften, an die ihn sein Amt bindet, manchmal etwas lockerer. Über die Facebookseite seiner Senatsverwaltung für Kultur macht er hin und wieder Werbung für die Arbeit seiner Partei. Erst vorgestern in einem Posting, aber auch 2017 schon einmal. Das mag als Lapalie erscheinen, ist aber nicht erlaubt. Und Lederer (oder seine Verwaltung) ist kein Ersttäter: Im März 2019 fiel auf, dass auf der Website der Kulturverwaltung ausschließlich linke und grüne Autoren bloggten. Als Kritik aufkam, wurden die entsprechenden Einträge rasch gelöscht. So muss er sich eben anhören, dass er im  „30sten Jahr nach der Wiedervereinigung noch immer in alter SED-Tradition Staat und Parteien nicht voneinander trennt“, so wie es jetzt CDU-Mann Robbin Juhnke dem Checkpoint sage.

Is there anybody out there? Am Amtsgericht Wedding läuft ein Todeserklärungsverfahren für einen Herrn Bruno Müller, weiß das Amtsblatt: „Der Verschollene wird aufgefordert, sich bis zum 10. August 2020 vor dem Amtsgericht Wedding zu melden, widrigenfalls er für tot erklärt wird.“ Wenn der Amtsschimmel dreimal wiehert.

Wenn die Großen schon dichtmachen, sollen wenigstens die Kleinen überleben: Berlins Grüne wollen deshalb Gewerbetreibenden, die von Pandemie-Schließungen betroffen sind, ermöglichen, wegen der Corona-Krise ihre Mieten zu senken. Österreich gilt als Vorbild: Dort entfällt die Pflicht zur Miete, wenn Objekte aus „außerordentlichen Zufällen“ nicht genutzt werden können. Eine Pandemie wäre wohl ein derart außerordentlicher Zufall. Zum Ausgleich sollen die Vermieter staatliche Hilfen bekommen. Die SPD will wohl mitziehen, die Linkspartei wollte bislang nicht so recht (wegen der Hilfen für Vermieter). Für die Lösung á la Austria soll jetzt erstmal... eine Bundesratsinitiative her!

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Politik mit Soße III: CDU-Vortänzer Philipp Amthor tritt zurück ins Glied. Weil immer härtere Vorwürfe gegen ihn laut werden – recherchiert von den Kollegen des „Spiegel“ –, kandidiert er nun doch nicht für das Amt des Landesvorsitzenden von MeckPomm. Echte deutsche Leidkultur.

Kinder (und Jugendliche) an die Macht: Susanne Gericke von der Fritz-Reuter-Sekundarschule in Höhenschönhausen wurde „für ihre herausragende Arbeit“ als Berlins beste Klassensprecherin geehrt. Auf Platz zwei landete Fridolin Kosslick von der Paula-Fürst-Gemeinschaftsschule in Charlottenburg, den dritten Preis bekam Ekin Uckun, Klassensprecher am Europäischen Gymnasium Bertha-von-Suttner in Reinickendorf. Herzlichste Checkpoint-Gratulation!

Liebe Frauen, wissen Sie, was die Männer so am Vatertag treiben? Nein...? Dann wissen Sie genauso viel wie die Herren selbst. Höhö. Im Ernst: Die frisch gewählte Linken-Fraktionsvorsitzende Anne Helm wollte Licht in den Alkoholdunst bringen und fragte die Innenverwaltung: „Wie viele der folgenden Delikte wurden im Land Berlin zu Christi Himmelfahrt 2020 und am Folgetag durch Tatverdächtige welchen Geschlechts begangen? Die traurig-männlichen Top-Drei:

101 Fälle von Körperverletzung – Tatverdächtige: m: 67 / w: 17

140 Fälle von Sachbeschädigung – Tatverdächtige: m: 50 / w: 6

132 Fälle von Diebstahl  Tatverdächtige: m: 21 / w: 0.

Gefährliche Nähe: Die Gesundheitsverwaltung meldete gestern Abend 130 Neuinfektionen, die Zahl ist so hoch wie seit dem 15. April nicht mehr. Auch die Zahl der aktiven Fälle steigt wieder deutlich an: Ihre Zahl hat sich innerhalb der letzten beiden Wochen von 321 auf 671 verdoppelt. Mit 12 Neuinfektionen pro 100.000 Einwohnern in sieben Tagen ist die Infektionsquote in Berlin dreimal so hoch wie im deutschen Durchschnitt. Allein in Neukölln wurden mittlerweile 94 Menschen positiv auf das Virus getestet, 41 sind unter 18 Jahre alt. Momentan stehen alle Ampeln wieder auf Grün. Eine kleine Checkpoint-Umfrage unter führenden Politikern von SPD, Linken und Grünen ergab am Abend aber: große Sorge vor dem Trend.

Alle weiteren Neuigkeiten lesen Sie in unserem Berliner Corona-Liveblog.

Zum Schluss: Legen Sie jetzt mal das Croissant beiseite, packen Sie Ihre wichtigsten Schlüpfer zusammen. Unsere Lieblingswohnungsannoncen der Woche:

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Durch­gecheckt

Durchgecheckt

Julian Zado, stellvertretender Vorsitzender der Berliner SPD, Mietendeckelideengeber (Foto: privat)

Vor einem Jahr – am 18. Juni 2019 – hat der Senat das Mietendeckelgesetz vorgestellt, seitdem sind in Berlin die Mieten eingefroren. Ein Gastbeitrag von Ihnen und Ihren Parteifreunden Eva Högl und Kilian Wegner im Tagesspiegel hatte die Debatte im Januar 2019 ausgelöst. Bei „beherztem Vorgehen“, schrieben Sie damals, sei „ein Berliner Mietendeckel“ noch in dieser Legislaturperiode umsetzbar. Heute zufrieden?

Ich bin sehr zufrieden, weil ein weitreichender Gesetzgebungsprozess so schnell gelungen ist. Man muss das mal aus der Logik sehen, in der Ministerien sonst arbeiten: Gesetze, die ganz neu geschaffen werden, werden meist jahrelang vorbereitet. Wir hatten aber nicht so viel Zeit, weil wir ein dringendes Problem in dieser Stadt haben, das viele Mieterinnen und Mieter beschäftigt hat. Wenn die Mieten so exorbitant steigen, betrifft das wirklich alle. Natürlich hat es in der Koalition mal geruckelt und es gab Konflikte in Sachfragen oder der rechtlichen Ausgestaltung. Wir hatten aber keine ideologischen Konflikte – und das ist schon etwas Besonderes, das gibt es in anderen Regierungen nicht. Weil wir uns als Rot-Rot-Grün im Ziel einig waren, ging es so zügig voran.

Ein Jahr danach werden jetzt erste Bilanzen gezogen. Ein Beispiel: Laut Amt für Statistik ist die Zahl der genehmigten Neubauwohnungen in Berlin bis Ende April um mehr als zehn Prozent gesunken. In der Opposition heißt es: Auch der Mietendeckel ist schuld.

Niemand hat jemals behauptet, dass der Mietendeckel für mehr Neubau sorgt – das war immer eine Zuschreibung der Gegner. Momentan haben wir erstmal die Mieten eingefroren und zwar überall. Das hat die Mietpreisspirale unterbrochen, das kommt allen Mietern in Berlin zugute. Wir brauchen aber auch massiven Neubau, deshalb ist es natürlich ein Problem, wenn die Zahl der Neubauwohnungen stagniert oder zurückgeht. Aber ob das mit dem Mietendeckel zusammenhängt, würde ich bezweifeln. So richtig gilt das Gesetz ja erst seit Februar. Wir müssen das nach längerer Zeit gründlich untersuchen. Ich glaube nicht, dass der Mietendeckel dem Neubau schadet. Er sorgt vielmehr dafür, dass Menschen kurzfristig nicht unter der Mietlast erdrückt werden. Die Leute, die Geld haben, werden weiterhin bauen.

Das Immobilienportal Immoscout meldet, dass sich das Gesamtangebot an Mietwohnungen um 28 Prozent verringert hat, an Angebot an Eigentumswohnungen stieg dagegen um 37 Prozent. Trifft damit nicht ein, was vorhergesagt wurde, und der Mietmarkt ächzt noch stärker?

Ich freue mich erstmal, dass die Angebotsmieten in Berlin eher sinken und die Bestandsmieten nicht erhöht werden – übrigens gegen den Trend in anderen Städten. Das ist der Haupteffekt des Mietendeckels. Aber natürlich wird es immer so sein, dass durch ein Gesetz nicht aller Ärger für immer gelöst wird. Wenn sehr viele Wohnungen in Eigentum umgewandelt werden, ist das ein generelles Problem – egal, ob das mit dem Mietendeckel zu tun hat oder nicht. In bestimmten Vierteln kippt die soziale Durchmischung, deshalb gibt es dort ein gesellschaftliches Interesse, dass Umwandlungen dort generell verboten und Leute nicht verdrängt werden.

Apropos verdrängen: Damit Mieter den eigentlichen Preis ihrer Wohnung nicht vergessen, erheben Vermieter sogenannte „Schattenmieten“. Nachdem Motto: Wenn der Mietendeckel vor dem Verfassungsgericht kippt, müssen Sie folgende höhere Summe nachzahlen. Die liegt teilweise 100 Prozent über der Deckelmiete.

Lassen Sie mich etwas ausholen: Ein Problem der Mietpreisbremse war ja, dass das Gesetz zwar im Raum stand, der Mieter es aber oft erst mit einer Klage gegen seinen Vermieter durchsetzen musste. Das heißt, die geringere Miete musste man sich erkämpfen, weil die Miete trotz Verstoßes erstmal vertraglich vereinbart und damit zu zahlen war. Beim Mietendeckel ist das anders, weil das gesetzliche Verbot zu hoher Mieten unmittelbar gilt. Die Vermieter müssen von sich aus die rechtmäßige Miete verlangen – das ist erstmal ein sehr guter Effekt. Aber wie bei allen solchen Regelungen üblich, sucht sich die Vermieterseite eine Nische. Das sind in diesem Fall die Schattenmieten. Ich schließe mich der Einschätzung des Mietervereins an und halte das für rechtswidrig. Das ist nichts, was sich ein kleiner Vermieter ausgedacht hat, die Vermieterlobby hat gezielt darauf hingewirkt. Was ich daraus mitnehme, ist, dass wir nicht auf die Einsicht der meisten Vermieter hoffen können. Die Mieter werden verunsichert, aber wir können wenig dagegen machen. Die rechtliche Überprüfung des Mietendeckels steht eben noch aus – wenn wir das auch noch schaffen in dieser Legislatur, dann bin ich wirklich zufrieden.

Spötter sagen: Die Idee für ein so experimentelles und weitreichendes Gesetz hätte man der SPD gar nicht zugetraut.

Der Mietendeckel ist im Kern SPD-Politik, weil er dazu führt, dass wir die unterstützen, die sich nicht selbst helfen können, indem sie sich ihr Luxushaus kaufen. Menschen mit geringen und mittleren Einkommen profitieren jetzt von diesem Gesetz. Wir haben da gemeinsam etwas gemacht, was innovativ ist und eine Forderung umgesetzt, die nicht von Anfang an viele Kompromisse beinhaltet hat. Wir hatten ein massives Problem, deshalb brauchte es eine massive Lösung.

Nehmen wir mal an, das Gesetz wird vor Gericht bestätigt und die SPD hat in der nächsten Koalition wieder etwas zu sagen. Wird der Mietendeckel über 2024 hinaus verlängert?

Ich habe immer gesagt, dass es aus verfassungsrechtlichen Gründen notwendig ist, eine solche Maßnahme zeitlich zu befristen. Solche weitreichenden Eingriffe müssen immer verhältnismäßig sein – und das sind sie momentan aufgrund der schwierigen Lage auf dem Berliner Wohnungsmarkt. Wir müssen das aber immer wieder überprüfen. Ich bin zuversichtlich, dass der Mietendeckel so effektiv sein wird, dass er zu dauerhaft bezahlbaren Mieten führt. Dann müssen wir ihn – wenn alles gut läuft – gar nicht verlängern.
 

Thomas Wochnik

Wochniks Wochenende

Die besten Berlin-Tipps für drinnen, draußen und drumherum.

48h Berlin

Samstagmorgen – Streckenweise mag es in der Stadt vielleicht etwas gespenstisch anmuten, das diesjährige 48-Stunden-Neukölln meets Fête-de-la-Musique-Wochenende. Denn beide Festivals bespielen dieses Jahr gezwungenermaßen vor allem das Netz und ergänzen sich zu einem Rundumschlag der vielen kleinen Grassroot-Protagnist:innen der Kunst und Musikwelt Berlins. Während die Fête vor allem Livestreams ausstrahlt, sind viele der 200 Ausstellungen, Exponate und Diskursformate der 48-Stunden, wie die Kernausstellung „Collapse“, virtuell in 3D begehbar und interaktiv. Ganz absent ist das Festival aber auch im öffentlichen Raum nicht: 57 Schaufensterinstallationen sind über den Norden Neuköllns verteilt. 

Samstagmittag – Dass Kunst schön sein muss, ist ein schwer zu haltendes Vorurteil, das sich spätestens bei der Auseinandersetzung mit Wolf Vostell als außerordentlich hässliche Ignoranz herausstellt. Für Vostell, wie für viele seiner Zeitgenossen, war Kunst nichts weniger als Leben, das Leben Kunst. Und schon die alten Griechen wussten, dass die Geschichte eines bloß schönen Lebens als Theater- und Kunststoff todlangweilig wäre. „Außerordentlich hässlich“ lautet daher auch der Titel der Vostell-Ausstellung in der Galerie aKonzept in Charlottenburg (Niebuhrstraße 5, Sa 14-19 Uhr, Di-Fr 15-18 Uhr) mit 20 seiner Arbeiten aus den Jahren 1958 bis 1980. Wegen der Abstandsregeln erfordert der Besuch vorab einen Eintrag in die Besucherliste.

Samstagabend – Im Gegensatz zu den großen Wochenendfestivals können kleine Kunstaktionen viel individueller und spezieller auf die Abstandsregeln reagieren. Das Kollektiv Reflektor Neukölln zum Beispiel schickt ein fragmentiertes Zimmer auf Wanderschaft durch den Neuköllner Schillerkiez, lässt seine modularen Bestandteile wie Wände, Sessel, Stehlampe Fugen und Nischen der Umgebung besetzen und die Grenzen zwischen Innen und Außen verschwimmen. Wie eine Metapher auf den Kiez, der öffentlicher und privater (Wohn-)Raum zugleich ist und dessen lose Bestandteile ein zusammenhängendes Ganzes bilden. An einigen Stationen wird das metamorphe Zimmer zur Bühne für theatrale Einlagen, Lesungen und Gespräche. Start der Aktion ist um 19 Uhr am Herrfurthplatz.

Sonntagmorgen – Nähe mit sicherer Mattscheibendistanz verspricht eines der interessantesten Musikprojekte Berlins: Das Splitter Orchester gewährt per Livestream aus dem Radialsystem Einblicke in seine improvisatorische Arbeitsweise unter dem vieldeutigen Titel Schrumpf!. Eine Aufforderung? Der Selbstverkleinerungsvorgang beginnt dreimal: um 11.30 Uhr, 15 Uhr und 18.15 Uhr. Schließlich ist um 19.30 Uhr von der Übertragung nichts mehr übrig. Tickets ab 1,09 Euro

Sonntagmittag – Um nach der Schrumpfung wieder zu Form zu gelangen, bietet sich der Street Food Markt im Hof der Kulturbrauerei (Schönhauser Allee 36, Prenzlauer Berg) an, der zwischen regionalen und Allerweltsspeisen so ziemlich alles abdeckt, was der Magen begehrt. Was das Herz begehrt, steuert diesmal die Fête-de-la-Musique bei, die in Kooperation mit dem Sonntagsmarkt musikalisches Drumherum zum Zuhören und Mitmachen bietet. Hervorzuheben ist vor allem der kollektive Gesang der „Ode an die Freude“ für alle, die bis dahin noch nicht dem Fresskoma erlegen sind. Um 17 Uhr wird das Ess-Trink- und Sing-Gelage über die Homepage der Fête live in alle Welt übertragen.

Sonntagabend – Da das Wochenendeende nicht mehr zwingend in den heimischen vier Wänden verbracht werden muss, hat Queerspiegel-Kollege Sebastian Goddemeier eine kleine Liste wiedereröffneter queerer Lokale zusammengestellt. Darunter Café Morgenrot (Kastanienallee 85, Prenzlauer Berg), Bar Saint Jean (Steinstraße 21, Mitte), Tipsy Bear (Eberswalder Straße 21, Prenzlauer Berg), Hafenbar (Karl-Liebknecht-Straße 11, Mitte), Südblock (Admiralstraße 1-2, Kreuzberg), Marietta (Stargarder Straße 13, Prenzlauer Berg), SilverFuture (Weserstraße 206, Neukölln), Oya (Mariannenstraße 5). Die Bar Sofia in Kreuzberg (Wrangelstraße 93) feiert übrigens gerade Fünfzehnjähriges und öffnet Samstag schon um 15 Uhr.

Mein Wochenende mit

Durchgecheckt

Toula Limnaios ist Choreographin. Mit den Tänzern ihrer Kompanie cie.toula limnaios bereitet sie gerade eine Outdoor-Performance vor, die im August in der HALLE Tanzbühne Berlin aufgeführt wird. Noch bis zum 31. Juli zeigt sie ein ausgewähltes Onlineprogramm mit Filmversionen ihrer Tanzstücke. Foto: Giacomo Corvaia

„Seit März probe ich mit den Tänzern meines Ensembles nur einzeln. Zeit zur Muße ist da nicht! Heute bin ich in der HALLE mit unseren Graphik-Designern von cyan und Tänzern für ein Fotoshooting verabredet. Samstag ist mein Lieblingstag, schon seit ich Kind war. Danach werden wir einen Prosecco in der Oderberger Straße trinken, da sind so viele schöne Cafés. Abends treffe ich gemeinsam mit meinem Lebensgefährten, dem Komponisten Ralf Ollertz, wieder die cyan-Leute im Restaurant Der Hahn ist tot! am Zionskirchplatz, um meinen Geburtstag nachzufeiern. Danach werden wir uns in einem Photoautomaten auf der Veteranenstraße fotografieren, was stets viel Gelächter auslöst. Im Anschluss gehen wir in die Bar von Suzie Mambo, die leckere Cocktails zubereitet (Veteranenstraße 16). Sonntag erst lange schlafen, ein spätes Frühstück, das ich sehr genieße, da ich in der Woche kaum Zeit habe. Dann entscheide ich spontan, was ich wirklich zum Entspannen brauche. Vielleicht besuche ich im Gropius Bau die Ausstellung Geschenke und Rituale von Lee Mingwei. Später setzen wir uns auf unseren Balkon und denken über die Wiedereröffnung unseres Theaters am 13. August mit einem alternativen Aufführungsformat nach. Wir halten es für sehr wichtig, trotz Einschränkungen künstlerisch spannende Arbeiten zu zeigen. In ‚meantime‘ wird das gesamte Areal der HALLE bespielt. Acht Tänzer zeigen sechs Soli und ein Duett. Es ist ein getanzter Parcours, in dem sich die Persönlichkeiten der Tänzer unseres Ensembles widerspiegeln.“

Lese­empfehlungen

Was macht man mit einer Theaterkolumne, wenn es während des Lockdowns kein Theater gibt? Erstens gehört weit mehr zum Theater, als all das, was man so auf der Bühne vor Publikum tut. Und zweitens ist Gorki-Kolumnistin Mely Kiyak prinzipiell nie um Ideen verlegen, denn sie neigt nicht dazu, sich zu langweilen. Sagt sie selbst. Hier einer von vielen (117 gibt es im Blog) Einblicke in ihre Kopfwelt.

Immer wieder liest man seit der Tötung des US-Amerikaners George Floyd den Rassismus gegen Schwarze relativierende Texte von Weißen Autor:innen, die sich selbst offenbar vom Vorwurf eines systemischen Rassismus gekränkt oder durch das Hashtag #blacklivesmatter ausgegrenzt fühlen. Als stünde darin, dass Weiße Leben weniger wert wären. Implizit steht darin aber genau das Gegenteil: Schwarzes Leben wird benachteiligt, deshalb wird auf seinen Wert hingewiesen. Die öffentliche Debatte vom Rassismus gegen Schwarze Menschen abzulenken bedeutet, das Thema zu verfehlen. Wie es anders gehen kann, beschreibt Kemi Fatoba in einem Artikel für edition f.

Wochen­rätsel

Seit Anfang der Woche steht zumindest für einige die Corona-App zum Download bereit. Als „kein Allheilmittel“ bezeichnete sie…

a) Jens Spahn. 
b) Ramona Pop.
c) Dilek Kalayci.
d) Christian Drosten.

Schicken Sie uns die richtige Lösung und gewinnen Sie einen Checkpott.

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Encore

Während sich manche noch über die Entfernung rassistischer Ausdrücke und Stereotype aus (Kinder-)büchern empören, macht die Tech-Branche kurzerhand vor, wie „woke“, also wach für die Zeichen der Zeit, man die Dinge auch angehen kann. Ohne großes Aufhebens arbeitet zum Beispiel ein Team der Software-Platform GitHub an der Entfernung von Begriffen wie Master und Slave (Herrscher und Sklave/Knecht) aus Programmiersprachen. Und niemand empört sich über den angeblichen Kulturverlust. Man vergisst es leicht, aber der allergrößte Teil heutiger Texterzeugnisse ist Code, dessen implizite Aussagen über unsere Gegenwart noch Generationen zukünftiger Medienarchäologen beschäftigen dürften. Andere Archäologen werden sich über den Plastikmüll unserer Zeit wundern, der durch so einfache Lösungen vermieden werden kann, wie diese essbaren Pflanzenfetthüllen für Gurken und Avocados.

Haben Sie ein schönes, erholsames Wochenende.

Ihr Julius Betschka