Nach Besetzung und Räumung in Neukölln leistet sich die Koalition ein kleines Häuserkämpfchen: Bei Grünen und Linken halten manche die Besetzung für legal und die Räumung für fatal, bei der SPD sehen sie es genau andersherum (mehr dazu unter „Zitat“). Dabei ist das Thema eigentlich gar keins, die Wohnungsnot ist diesmal keine Leerstandsgeschichte: Nicht etwa 100.000 Einheiten werden, wie oft behauptet, durch Nichtvermietung dem Markt entzogen, sondern allenfalls (und überwiegend kurzfristig) 18.000 – das reicht kaum noch als „Fluktuationsreserve“. Und Jahr für Jahr gibt es weniger leerstehende Wohnungen, die Quote liegt jetzt, je nach Zählweise, zwischen 1,1 und 1,8 Prozent. Das ist zu wenig für eine neue Hausbesetzerbewegung – und nicht genug für eine Neuvermessung der Kräfteverhältnisse im Senat.
Die Mär vom „linken Berufsdemonstranten“ gehört zur rechten Politfolklore wie das Bäuerchen zum Bierchen. Doch jetzt lockt ausgerechnet die AfD ihre Fans mit Geld zur Teilnahme an der für Sonntag im Berliner Regierungsviertel angekündigten Kundgebung: 50 Euro zahlt der Landesverband Rheinland-Pfalz bereitwilligen Claqueuren, als Nachweis gilt z.B. „ein Bild mit mir am Washington-Platz“, heißt es in einer Mail des „Orga-Büros“ vom Landesvorstand. (Q: Exif) Die Resonanz zu den Reiseaufrufen war vor der „Aktion Gage“ nach interner Einschätzung des Vorstands „sehr gering“. Dabei wird den AfD-Demonstranten in Berlin ein einmaliges Kulturprogramm geboten: 120 Clubs haben angekündigt, die Demonstranten „wegzubassen“ – es könnte die größte Raveparty seit der „Love Parade“ werden.
Apropos Krach: Heute endet das Senats-Projekt „Berlin wird leiser“ – falls Sie also noch einen „Lärm-Ort zu melden haben, dann jetzt mal los … Per Flüsterpropaganda hatte die Aktion noch nicht ganz die Aufmerksamkeit bekommen, die sie verdient. Übrigens: Der BER steht natürlich auch schon auf der Liste, obwohl… (siehe „Count up“).
32.100 Kubikmeter illegalen Sperrmülls hat die BSR im vergangenen Jahr auf den Straßen eingesammelt - „vor allem in Neukölln“, wie es in einer Senatsantwort auf Anfrage des MdA Langenbrinck heißt. Gestern registrierte das Ordnungsamt des Bezirks hier 11 Autoreifen, 6 Couchgarnituren, 5 Matratzen, 3 Schränke und Schrankteile, 2 Kühlschränke, Stühle, 1 Fernseher etc. pp. (alles Neumeldungen). Es kommentiert Sarah Jessica Parker: „Wenn du jemanden brauchst, der den Müll runterträgt, heirate.“ Oder, Variante Neukölln: Fenster auf und raus damit.
Neues vom „invasiven amerikanischen Flusskrebs“ (inzwischen auch CNN-Zuschauern weltweit bekannt): Weil ihm im Tiergarten zwei seiner Reusen geklaut wurden, hat der Spandauer Fischer Klaus Hidde (Exklusivlizenz zum Fangen) die anderen auch noch abgebaut – der hoffnungsvolle Spezialitätenmarkt (Berliner Krebsschrippe) droht gleich wieder zu vertrocknen. Checkpoint-Tipp: Bis zum 31.5. erledigt der Senat die Sache mit einer Ersatzsreusenlieferung – an dem Tag hat der Landeswaldtierexperte direkt am Wasser ein Exklusivinterview mit dem „Heute Journal“ (oder eben, ohne Krebse, auch nicht). p.s.: Wie die Krebse schmecken und wo es sie trotz Fangkrise gibt, steht heute weiter unten im Stadtleben.
Von einem bedrückenden Ausflug an einen ungenannten Berliner See berichtet im „Spiegel“-Newsletter Dirk Kurbjuweit. In einem ebenfalls ungenannten Biergarten beobachtet der stellvertretende Chefredakteur, wie zwei Jungs für zwei Portionen Pommes zehn Euro zahlen müssen: „Entsetzen im Gesicht der Mutter, Entsetzen über den unverschämten Preis, aber wohl auch Entsetzen darüber, dass nun Geld fehlt, weil der Etat so klein ist. Die Jungs sind nun auch betroffen, weil sie im Gesicht der Mutter sehen können, dass ihr eigentlich kleiner Wunsch die Mutter aus der Bahn wirft. Still essen sie ihre Pommes.“
Das ist, na klar, ein Fall für den Checkpoint: Gerne würden wir die Luxusfritten einem bissigen Test unterziehen, also Anruf beim „Spiegel“, um zu erfahren, an welchem Berliner See sie den Leuten so viel Geld für ein paar Schnitzkartoffeln aus der Tasche angeln. Doch leider richtet eine Mitarbeiterin aus: Herr Kurbjuweit wolle dazu keine Angaben machen. Tja, damit wäre die Recherche wohl ins trübe Geschichtenwasser gefallen – oder kennen Sie den Neppladen vielleicht? Sachdienliche Hinweise bitte an checkpoint@tagesspiegel.de.
Alle zwei Wochen habe ich es Dienstag früh um kurz nach 8 bei Radioeins mit dem Duo Stefan Rupp und Christoph Azone zu tun. In dieser Woche feiern die beiden Moderatoren vom „Schönen Morgen“ jetzt ein ganz besonderes Jubiläum: Seit 25 Jahren machen sie gemeinsam Radio, und das auf ganz hohem Niveau. Der Checkpoint ist angemessen beeindruckt – herzlichen Glückwunsch, Jungs!
Telegramm
Philip Roth galt als einer der wichtigsten Schriftsteller seiner Generation, wurde immer wieder für den Nobelpreis gehandelt: Jetzt ist er im Alter von 85 Jahren gestorben, wie US-Medien soeben vermeldeten.
Die BVG bestellt neue Doppeldecker – und das wohl beim britischen Hersteller „Alexander Dennis“, von dem auch die Londoner Busse sind.
+++Breaking News+++ Der SPD-Landesvorsitzende Michael Müller hat in Sachen SPD-Diskussionspapier (CP v. gestern) eine Entscheidung getroffen – die SPD-Sprecherin Birte Huizing teilt mit: „Der Landesvorsitzende hat entschieden, das Diskussionspapier nicht weiter zu kommentieren.“
Neues vom berühmten Spielplatz am Teutoburger Platz (nach Sanierung geschlossen) - Pankows Stadtrat Vollrad Kuhn bestätigt jetzt auch offiziell: Bei der Montage von Spielgeräten wurden Sicherheitsrichtlinien nicht beachtet, jetzt sei zu prüfen, ob „unterschiedliche Interpretationen der Norm“ zulässig sind. Vielleicht wird ja so aus dem Ball am Ende doch noch eine Scheibe.
Die „Geschlechtergerechtigkeit bei Preisen und Ehrungen“ interessierte die Abgeordnete Manuela Schmidt – jetzt weiß sie: Es sieht nicht so gut aus (Bsp. Feuerwehr: 83,6 % zu 16,4 %). Immerhin heißt es in der Kategorie Frauenpreis: „In den letzten fünf Jahren wurden ausschließlich Frauen bedacht.“
Na das ist ja mal ein Knaller: „Berliner gewinnen Lebenszeit“ – in keinem anderen Bundesland ist die Lebenserwartung stärker gestiegen. Allerdings wird die zusätzliche Zeit hier auch dringend gebraucht: Nirgendwo warten die Leute länger auf einen Termin beim Amt.
„Zalando will neues Modell für Vorstände“, heißt es heute im Wirtschaftsteil. Ob das alte Modell im Originalkarton kostenlos zurückgeschickt werden kann, steht da leider nicht (und auch nicht, ob es das neue Modell in Wildleder Bonusfarbe Gold gibt).
Und da wir schon beim Blättern sind, gleich noch ein Blick in die Kultur: „Die Berliner Kunstsäle empfehlen ein bewusstes Leben ohne Sinn“ (Ha, alles richtiggemacht!) – und wie es der Zufall so will, finden wir genau dafür auch ein bisschen weiter hinten auf den Medienseiten eine Idee: Weil die Warnleuchte am Sendemast vom Scholzplatz ausgetauscht wird (endlich mal eine originelle Ausrede), sendet der rbb in den kommenden Tagen auf vier Wellen abends nur ein ruhiges Rauschen. Herrlich – wie damals die kontemplativen Stunden vor dem TV-Testbild (für die Jüngeren unter uns: da kam früher der Poltergeist raus).
Falls Sie sich zwischen zwei Hausbesetzungen ein wenig entspannen wollen: Wir haben auf tagesspiegel.de ein schönes Golfportal eröffnet. Dort erfahren Sie u.a., wie sich die Wannsee-Herren beim Saisonstart in Hubbelrath geschlagen haben (Spoiler: nicht ganz so doll).
BER Count Up – Tage seit Nichteröffnung:
Flughafenchef Engelbert Lütke Daldrup hat das Wunder vollbracht: Am 31. Oktober 2020 ist der Flughafen BER offiziell eröffnet worden. 3.073 Tage nach der ersten Nicht-Eröffnung stellen wir damit unseren Count Up ein. Wer nochmal zurück blicken will: Im Tagesspiegel Checkpoint Podcast "Eine Runde Berlin" spricht Lütke Daldrup mit Tagesspiegel Chefredakteur Lorenz Maroldt und Checkpoint Redakteurin Ann-Kathrin Hipp über detailverliebte Kontrollen, politische Befindlichkeiten und aufgestaute Urlaubstage.
Zitat
„Die Berliner Politik ist ein lernendes System.“
Frank Zimmermann, innenpolitischer Sprecher der SPD-Fraktion, im „Abendschau“-Gespräch mit Eva-Maria Lemke über Hausbesetzungen.
Tweet des Tages
„Es gibt eine unumstößliche Regel im Leben: Je hipper das Café, desto unbequemer und kleiner die Stühle.“
Stadtleben
Neu im Fisch Frank sind die „Berliner Tiergarten Krebse“ (siehe oben). Letzten Sommer galten die Schalentiere noch als lästige Invasoren, jetzt landen sie mithilfe des Fischers Klaus Hidde aus Tiefwerder, der sich der Tiere angenommen hat, auf den Restauranttellern in der Spandauer Charlottenstraße 7. Wie die Krebse schmecken? Leute-Autor André Görke hat dem Fischrestaurantbetreiber und Ex-Sterne-Koch Olaf Pelz aus Flensburg einen Besuch abgestattet – der meint „mit bestem norddeutschem Humor“: „Schmecken nach Krebs“. Sechs kaltservierte Krebse mit Baguette, selbstgemachter Mayonnaise und Salat samt Himbeerdressing gibt es für 9,90 Euro. Wer lieber bei den altbewährten Klassikern bleibt, die dem Checkpoint vor einigen Monaten eine Empfehlung wert waren, bestellt die Flensburger Fischsuppe oder den „Nordischen Heringstopf nach Hausfrauenart“ – dazu natürlich ein Flens. Mo-Sa 11-20 Uhr
Trinken in Schönberg – und zwar Kreuzberger Kaffee. Das Eckcafé Mattea im Akazienkiez verwendet für seine flüssigen Wachmacher à la Kaffee Crema und Espresso Italian Style nämlich die Bohnen der Rösterei Zazza, ansässig in der Schönleinstraße 7b. Zum Kreuzberger Kaffee gibt es – wenn man so will – Schöneberger Scones: Das britische Gebäck, das dort traditionell zum Tee gereicht wird, wird in der Frankenstraße 13 selbstgemacht. Auch das Frühstück und die selbstgebackenen Dinkelkuchen sind nicht zu verkennen – passend, dass der Name des hellen, unaufgeregt eingerichteten Cafés auf Latein „Leckerbissen“ bedeutet. U-Bhf Eisenacher Straße, Mo-So 9-20 Uhr