Dreifacher Gedenktag ist heute; so schwer beladen mit Finsternis und Licht, dass man ihn fast als Feiertag in Betracht ziehen könnte. Geht aber nicht, weil dann nur wieder welche das Falsche feiern. Oder sich dumm stellen wie die Rechtsradikalen, deren heutige Demo der Innensenator auf juristisch dünnem Eis verbieten lassen hat, was Gerichte prüfen müssen. Und dann passieren Dinge wie mit Herrn Wild von der AfD, von dem gleich noch die Rede sein wird. SPD-Fraktionschef Raed Saleh hat für die Premiere seines Podcasts mit der Rabbinerin Gesa Ederberg geredet, die viel Bedenkenswertes sagt. Wie gestern versprochen gibt’s das Gespräch zuerst hier via Checkpoint zu hören.
Berlins beliebteste Behörde rumpelt als Manta unters Werkstattdach der Senatsverwaltung für Verkehr – und könnte nach Ansicht von Fachleuten als Tesla wieder zum Vorschein kommen: Als nachgeordnete Behörde sei die Verkehrslenkung Berlin von der Fachaufsicht derart gegängelt worden, dass die VLB-Beschäftigten lieber gar nichts mehr entschieden hätten, statt sich ständig blutige Nasen zu holen. Als Fachabteilung hätten sie das künftig nicht mehr zu befürchten, sagt einer, der die VLB von innen kennt. Mit der Neuorganisation tut die Verkehrssenatorin, was ihr ein Gutachten seit Februar rät. Der Unterschied zu damals: Den Grünen bleibt bis zur nächsten Wahl ein Dreivierteljahr weniger Zeit, ihre Versprechen umzusetzen.
Anders als in populären Newslettern vereinzelt behauptet hatten sich für den Chefposten der „alten“ Verkehrslenkung doch mehrere Menschen beworben. Einer von vier, die es bis ins Assessment Center geschafft hatten, staunt noch heute, wie professionell das Bewerbungsverfahren gemanagt worden sei. Das habe er von einer Berliner Behörde nicht erwartet, sagt der bisher anderswo Beschäftigte. Und auch in diesem Zusammenhang fällt der Name des später schwer erkrankten Staatssekretärs Jens-Holger Kirchner, der in seiner Verwaltung als Fachkraft und Mensch gleichermaßen schmerzlich vermisst wird.
Weil/obwohl (Nichtzutreffendes bitte streichen) sie seit 2016 nicht mehr für die Verkehrsverwaltung zuständig ist, drückt die SPD auf die Tube: Am Donnerstag beschlossen die Verkehrspolitiker der Fraktion einstimmig einen Antrag, schon jetzt mit den Planungen für den 3. Bauabschnitt der S21 (Potsdamer Platz – Yorckstraße mit Umsteigebahnhof am Gleisdreieck) zu beginnen, um die neuen Wohngebiete dort vernünftig an den ÖPNV anzubinden. Für S-Bahn-Passagiere würde das bedeuten, dass sie womöglich schon ca. 2035 auf den versifften Brettertunnel über die Yorckstraße verzichten müssten, der 1985 als provisorischer Zugang zur von der DDR betriebenen S-Bahn gezimmert worden war.
Da wir gerade bei Fossilien sind: Von den 660 Mio. Euro fürs Naturkundemuseum fehlen noch 330. Regiermeister Müller habe den Deal mit dem Bund ohne vorherige Abstimmung mit seiner Koalition vereinbart, merken die hiesigen Haushälter an. Da niemand den Totengräber von Tristan & Co. geben möchte, wird R2G den Scheck wohl trotzdem ausstellen, zumal das Geld zurzeit ohnehin aus allen Ritzen quillt und kaum abfließen will. Bevor der T-Rex steppt, ist auch noch Kleingedrucktes zu regeln, damit der Bund nicht fix 330 Mio. übernimmt, sondern die Hälfte der realen Ausgaben. Als Mahnung dient der Hauptstadtfinanzierungsvertrag von 2007, in dem der Bund 200 Mio. für die Sanierung der Staatsoper zusagte – bevor die Gesamtkosten von 239 auf 440 Mio. Euro stiegen.
Ein Hafttag in Berlin kostet so viel wie 54 AB-Tickets oder 89 Kurzstrecken – eines von mehreren Argumenten, Schwarzfahren zur Ordnungswidrigkeit herabzustufen. Und was spricht dagegen? Aus Sicht des Münchner Oberstaatsanwaltes Udo Kramm sollte die Straftat bleiben, weil sie juristisch schön einfach sei und jungen Kollegen Erfolgserlebnisse und gute Erledigungsquoten sichere. Sprach Kramm im Rechtsausschuss des Bundestages, wie der Abgeordnete Niema Movassat (Linke) berichtet. Die im Wortsinne armen Leute, die wegen Schwarzfahrens hinter Gitter wandern, wissen nun also, dass ihr Schicksal einem guten Zweck dient: Sonst würden noch mehr Jungjuristen als Abmahnanwälte o.ä. auf die schiefe Bahn geraten.
Wenn muslimische Jugendliche davon abgehalten werden, sich zu Islamisten zu radikalisieren, ist das neuerdings ein Fall für Erdogans Religionsbehörde: Fünf Männer von Ditib jagten kürzlich im Beisein von Zeugen die Politologin Pinar Cetin mit Gebrüll aus der Sehitlik-Moschee am Columbiadamm, wo Cetin sich um Prävention bemüht. Der Träger „Violence Prevention Network“ beendete daraufhin die Kooperation mit dem Haus, das bis zum Rauswurf des liberalen Vorstandes 2016 in jeder Hinsicht eine Vorzeigemoschee war. Sie ist eine von 900 unter Regie der Ditib. Nachfragen zum Thema mochten weder der Religionsverein noch das türkische Generalkonsulat beantworten.
Zum Abschluss der „Luthes-Lunte“-Woche im CP eine versöhnliche Nachricht: Der FDP-Abgeordnete nennt als Beruf u.a. „Mediator“. Als solcher weiß er (und auch wir dank dem Video aus dem CP vom Dienstag) natürlich, dass sich mancher Zwist ganz unbürokratisch in der Parkplatzausfahrt klären lässt. Die Parlamentsverwaltung hat gestern nur eine beantwortete Anfrage Luthes veröffentlicht, nämlich zur „sogenannten Deutschen Umwelthilfe“ (die sich bei manchen unbeliebt macht, seit sie die Einhaltung der gesetzlichen Luftgiftgrenzwerte erstreitet). Viel Neues steht nicht drin in der Senatsauskunft, denn die meisten von Luthes Fragen hatte ein AfD-Kollege bereits im April gestellt und beantwortet bekommen.
Berliner Schnuppen
Telegramm
Zufälle gibt’s: Ausgerechnet eine Kornblume trug der AfD-Abgeordnete Andreas Wild beim Gedenkmarsch zum 80. Jahrestag der Reichspogromnacht am Revers. Die Blume war Erkennungszeichen der radikal antisemitischen Schönerer-Bewegung und der in Österreich zunächst verbotenen Nationalsozialisten. „Dass sie ein Nazi-Symbol ist, höre ich zum ersten Mal“, sagte Wild.
Laut „B.Z.“ war es die 82-jährige Lea Rosh, die Wild daran hinderte, am Holocaust-Mahnmal Namen aus dem Buch der Schoah-Opfer vorzulesen. Wild, den die AfD-Fraktion 2017 wegen übermäßiger Rechtsradikalität ausgeschlossen hatte, findet es skandalös, dass die Juden sich gleich so anstellen, nur weil er sich zum Holocaust-Gedenken versehentlich als Nazi dekoriert hat.
Senat und Bezirke bringen mehr Grün auf die Straße: 20 Radwege sollen in den nächsten Monaten farbig markiert werden, drei sind schon. Fünf Jahre lang soll erforscht werden, ob und was die Farbe nützt. Grün ist auch der erste verpollerte Radweg, der gestern an der Holzmarktstraße freigegeben wurde. Doch auch der hat seine Tücken, wie der Beitrag der RBB-Abendschau (ab 0'50“) eindrucksvoll zeigt.
Noch bunter wird es bei Vattenfall: Rund 1000 Schüler aus 40 Schulen durften in diesem Jahr unter fachkundiger Anleitung Stromverteilerkästen im Stadtgebiet verschönern. Jetzt wird unter 20 Finalisten der Publikumspreis vergeben; die Online-Abstimmung läuft bis 18. November. Zu gewinnen gibt es laut Vattenfall „einen tollen Preis“. Vielleicht ein Gruppenticket für den BFC Dynamo oder einen Jahresvorrat Batterien.
Die Zwölf-Apostel-Kirche in Schöneberg hat bereits gewonnen: Der Bund spendiert 28.000 Euro für die Sanierung der Gin-Flaschen-Fenster, die 1945/46 als Spende einer Spirituosenfabrik eingebaut wurden und jetzt Asbach uralt sind. Darauf einen Dujardin.
BER Count Up – Tage seit Nichteröffnung:
Flughafenchef Engelbert Lütke Daldrup hat das Wunder vollbracht: Am 31. Oktober 2020 ist der Flughafen BER offiziell eröffnet worden. 3.073 Tage nach der ersten Nicht-Eröffnung stellen wir damit unseren Count Up ein. Wer nochmal zurück blicken will: Im Tagesspiegel Checkpoint Podcast "Eine Runde Berlin" spricht Lütke Daldrup mit Tagesspiegel Chefredakteur Lorenz Maroldt und Checkpoint Redakteurin Ann-Kathrin Hipp über detailverliebte Kontrollen, politische Befindlichkeiten und aufgestaute Urlaubstage.
Zitat
"Jeder von uns könnte einmal Ihr Nachbar werden."
Der Chefredakteur der in der JVA Tegel produzierten Gefangenenzeitung „Lichtblick“ zur Frage, warum Menschen im Gefängnis nicht nur verwahrt werden sollten. Zum 50. Jubiläum der Zeitung hat die „Berliner Zeitung“ den zu lebenslanger Haft verurteilten Chefredakteur interviewt.
Tweet des Tages
"Bin gerade in ein Taxi gestiegen und der Fahrer sagt nicht Hallo, sondern motzt erst mal minutenlang über irgendein Uber-Auto, das er eben gesehen hat. Nächstes Mal bestelle ich mir ein Uber."
Stadtleben
Essen Das Tapas-Konzept hat es längst über den spanischsprachigen Raum hinausgeschafft. Denn bei Wein, Schnaps und Schnack köstlich-kleine Portiönchen teilen, verbindet. Das haben die Kollegen von „MitVergnügen“ am eigenen Leib im Flying Monkey in der Kastanienallee 15 (U-Bhf Eberswalder Straße) getestet und kamen bei veganen kantonesischen Dumplings, Avocado-Garnelen-Salat und gegrilltem Oktopus mit Mangostreifen ins Schwärmen. Natürlich wurde auch der Nachtisch geteilt: Schwarzer Klebereis mit Mango und Kokos klingt jedenfalls nach einem Erlebnis. So-Do 12-24 Uhr, Fr-Sa 12-2 Uhr
Wer nicht genug haben kann von der fernöstlichen Küche, der sollte sich Karten (ab 3 Euro) für das Asian Hot Noodle Festival holen. Ramen, Udon und Soba sind die angesagte, asiatische Antwort auf Pasta mit Parmigiano und mindestens genauso variantenreich. Es besteht also kein Zweifel, dass die Nudelcurrys und -suppen im Birgit & Bier (Schleusenufer 3, U-Bhf Schlesisches Tor) ein ordentliches Menü für das zweitägige (Sa-So 12-21 Uhr) Food-Festival hergeben werden. Nicht zu vernachlässigendes Extra: Es wird eine Sake-Bar geben!
Trinken im Rhinoceros in der Rhinower Straße 3 (S/U-Bhf Schönhauser Allee). Die französische Jazzbar mit Stammlokal-Potenzial wird am Samstag ein Jahr alt, was natürlich gefeiert werden muss! Wein wird‘s en masse geben und der Schampus ist for free. Die Tische kommen von 18 bis 5 Uhr raus und für tanzbare Musik sorgen gleich zwei DJs. Es kommentiert Deichkind: „Schmeiß die Möbel aus dem Fenster, wir brauchen Platz zum Dancen!"