Schauen wir erst mal, ob’s was Neues im Netz gibt… na bitte, ein Video bei Facebook: „Ja und jetzt ist es soweit, jetzt ist die Senatskanzlei, jetzt bin ich als Regierender Bürgermeister auch auf Facebook“, teilt der Regierende Bürgermeister auf Facebook mit. Und, worum soll’s gehen, Herr Müller? „Dass wir besser miteinander kommunizieren können, und dass die Arbeit des Senats und meine Arbeit im Roten Rathaus noch sichtbarer wird“. Das ist schön. Den ersten Kommentar setzte FDP-Fraktionschef Sebastian Czaja ab: „Herzlich willkommen! Wenn Sie jetzt noch unsere Stadt ins digitale Zeitalter holen würden, das wär‘s!“ Antwort Müller (oder Team): „Danke, sind mittendrin.“ Und genau das sind wir jetzt auch.
Die Akademie der Künste dokumentiert in ihrem neuen „Journal“ die Ergebnisse ihrer AG „Gender und Sprache“ (Mitglieder: Friedrich Christian Delius, Friedrich Dieckmann, Jörg Feßmann, Monika Rinck, Kathrin Röggla, Matthias Weichelt) – Fazit der Denker vom Pariser Platz (u.a.): „Technizistische Eingriffe in die Sprache widersprechen deren grundsätzlich inkonsequenter und vielfach alogischer Beschaffenheit“; „Auch wenn die Bürokratie ein Recht auf Schubladendenken in Anspruch nimmt, darf sie sich nicht anmaßen, ihre Sprachregelungen der Gesellschaft aufzuzwingen“, und: „Berlin ist nicht imstande, für eine effiziente Verwaltung zu sorgen, aber dieser Verwaltung werden die fragwürdigsten Sprachregelungen aufoktroyiert“.
Wie bitte, „aufoktroyiert“? Das schreiben dieselben Künstler, die eben noch von der schnörkellosen Schönheit der deutschen Sprache schwärmten und der dummen Gesellschaft vorwarfen, sie sei „nicht imstande“, Schülern „Sprachsensibilität zu vermitteln“? Ach! Schlagen wir doch mal nach, was ein Wortfeinmechaniker wie Wolf Schneider dazu sagt… hier: „Deutsch für Profis“ (Goldmann, 9. Auflage v. 1991), Kapitel „Schludereien und Marotten“, S. 207: „aufoktroyieren – Geschwätzige Erweiterung von ‚oktroyieren‘ (was ‚auferlegen‘ heißt)“. Tja, da wird aus dem Pleonasmus „weißer Schimmel“ in der ehrwürdigen Akademie gleich noch ein Teekesselchen.
Für eine kristalline Redigatur des Abschlussberichts der Alt-Kommission zur Verwaltungsreform wären die Akademie-Dichter ohnehin nicht infrage gekommen – damit wurde der gerade von seinem eigenen SPD-Kreisverband Marzahn-Hellersdorf unter unwürdigen Umständen abgesägte Ex-Bürgermeister Stefan Komoß beauftragt. Sonst fand sich im Senat offenbar niemand, der freiwillig geradeausschreiben wollte – nicht mal für eine Ausschreibung des lukrativen Auftrags (zw. 10.000 und 20.000 Euro) hat es gereicht. (Q: „Morgenpost“).
Aus unserer Reihe Berliner Blitzhochzeiten (siehe auch CP v. 4.5.): Nach diversen vergeblichen Online-Anläufen traf ein Checkpoint-Leser zufällig eine Standesbeamtin – und die hatte ebenso zufällig vier Tage später noch eine Lücke im Kalender für die Anmeldung zur Eheschließung. Und weil der nächste freie Trauungstermin erst im September war, beurkundete die Standesbeamtin nach der Anmeldung zur Eheschließung (Beginn 13.30) auch gleich den Vollzug der Eheschließung (Ende 14 Uhr). Rekordverdächtig – der Checkpoint gratuliert! Am Abend organisierte das Paar dann spontan eine Gartenparty – und hat jetzt tatsächlich noch einen Termin zur Anmeldung einer Eheschließung für den 9. Juli zu verschenken. Bedürftige melden sich bitte unter checkpoint@tagesspiegel.de, bei mehreren Einsendungen entscheidet das Los. Viel Glück!
Für das Archiv der Kollegen von der „Floskelwolke“ ein Blick auf die Schlagzeilen vom 9. Mai 2012, also von heute vor sechs Jahren: „Berlin fällt aus allen Wolken“, „Fehler im System“ „Stadt mit Bodenhaftung“ (alle Tsp), „In der Warteschleife“, „Bruchlandung“ (SZ), „Ihr Abflug verspätet sich“, „Am Ende muss einer fliegen“, „Der Schlussverkauf in Tegel ist abgesagt“ (MoPo), „Bei den Bürgern hebt der Ärger ab“ (BZ), „Wowereit kriegt keinen Tüv“ (Kurier), „In der Wartschleife“, „Projekt der Bruchpiloten“ (BerlZ)“, „Bruchlandung für die Glaubwürdigkeit“, „Berlin kriegt keinen hoch“ (taz).
Und falls Sie den Checkpoint hinterm Mond lesen, hier die Zusammenfassung der Ereignisse von damals in der FAZ: „Eröffnung von Schönefeld um Monate verschoben“. Korrekt! Nach derzeitigem Stand wären es dann genau 99. Warten wir also noch ein bisschen und freuen uns auf die Schlagzeilen vom Oktober 2020 („BER kriegt die Kurve“, „BER macht die Fliege“, „BEReady for take off“ oder so).
Apropos „Warten“ und „Flughafen“: Werfen wir schnell noch einen Blick auf den so genannten Web-Service „Aktuelle Wartezeiten an den Sicherheitskontrollstellen des Flughafens Schönefeld“ – wir lesen: „Das System steht aus operativen Gründen derzeit nicht zur Verfügung. Planen Sie bitte stets ausreichend Zeit ein.“ Das sowieso.
Telegramm
Berlins Grundschullehrer werden in die 1. Gehaltsklasse versetzt – sie bekommen 500 Euro mehr und damit genauso viel wie ihre Oberschulkollegen (Angestellte 5300 Euro, Beamte 4879). Das Land Berlin erkauft sich damit nationale Konkurrenzfähigkeit auf dem Arbeitsmarkt, der Preis: 55 Millionen Euro p/a.
So, wie verlief denn nun das Gespräch von Sportsenator Geisel mit dem Hertha-Management über ein neues, reines Fuballstadion auf dem Olympiagelände? Laut gemeinsamer Erklärung „ausgesprochen freundlich“ – der Verein kommt also einer eigenen Arena näher (und dort vielleicht auch mal wieder dem gegnerischen Tor).
Die Schlagzeile „Autonomes Auto verwechselte Frau mit Plastiktüte“ (Tsp-Wirtschaftsteil von heute) kommt schon mal in den Ordner für den Jahresrückblick. Bei einer Untersuchung stellte sich auch heraus, dass die Car-Software das Logo einer Fastfood-Kette für ein Stoppschild hielt – das ist zwar ungesund, aber immerhin nicht tödlich (im Gegensatz zum o.g. Fall).
Brandenburgs AfD-Chef Andreas Kalbitz zieht sich gerade selbst durch den Kakao: Zum Auftakt einer Pressekonferenz wollte er dem Journalisten Michael Sauerbier (Bild/BZ) von vornherein den Mund verbieten, weil der ihn zuvor genervt hatte mit Fragen zu seinen Kontakten ins Milieu der Rassisten und Rechtsextremisten. Richtige Reaktion von Sauerbiers Kollegen: Sie verließen geschlossen den Saal – und die AfD saß alleine da.
Schock am Mittag: Im Roten Rathaus war es gestern plötzlich 5 nach 12: Zwei Monate lang zeigte die Turmuhr nur den Reparaturstillstand an, jetzt läuft sie wieder – oder helfen da die ersten Mindestlohn-Freiwilligen aus Michael Müllers Grundeinkommens-Programm nach?
Björn Böhning, nach 11 Jahren in der Senatskanzlei gerade als Staatssekretär zum Arbeitsministerium gewechselt, wird Chef eines Gedankenproduktionsbetriebs: Er leitet die neue „Denkfabrik für die Gestaltung der Arbeitswelt der Zukunft“. Umweltfreundlicher Weise werden in dieser Fabrik nur Köpfe rauchen (und allenfalls der eine oder andere Rechner).
Böhnings Nachfolger als CdS im Roten Rathaus, Christian Gaebler, verblüffte die Staatssekretärsrunde diese Woche unterdessen mit einer unkritischen Jubelarie über ein Schreiben aus der Innenverwaltung zur Zentralen Vergabestelle: Die Argumente erschienen ihm plausibel und vernünftig, die Zusammenhänge seien klar und sachlich benannt, er teile die Position absolut und freue sich, dass der Vorgang somit nunmehr zum Abschluss gebracht werden könne. Kurze Stille – dann großes Gelächter: Das Schreiben, das Gaebler so lobte, trägt seine eigene Unterschrift – es war die letzte Amtshandlung des Innenstaatssekretärs Gaebler vor dem Wechsel in die Senatskanzlei. Wir lernen: Eine konsequente Rotation im Senat hebt die Stimmung und beschleunigt Umlaufverfahren.
Erste Bilanz der „Aktion Sumpfkrebsbrötchen“ (CP v. 7.5.): Innerhalb von einer Woche hat der vom Senat dazu lizensierte Spandauer Fischer Klaus Hidde 2000 der aus Amerika eingewanderten essbaren Schalentiere im Britzer Garten aus dem Wasser geholt, 1000 im Tiergarten. Wie sie schmecken, weiß Hidde zwar nicht („Ich esse keinen Fisch“) – aber wo sie demnächst serviert werden, hat er meinem Kollegen André Görke für seinen „Leute“-Newsletter verraten (und hier steht’s).
Unterdessen mahnt der Naturschutzbund Berlin, auch in anderen Gewässern nach den aggressiven Invasoren zu fahnden – schauen Sie vielleicht besser mal in Ihrer Badewanne nach (oder im Kochtopf ihres Nachbarn).
Unter dem Titel „Berliner Ausverkauf“ startet die „Berliner Zeitung“ heute eine dreiteilige Serie über den dubiosen Abriss der legendären Ku’damm-Bühnen– die Recherchen von Gabriela Keller und Kai Schliefer legen einen Fall von Geldwäsche über Briefkastenfirmen in Luxemburg, Panama, den British Virgin Islands und Zypern nahe. Die Kulturverwaltung lehnte eine Einsichtnahme in Dokumente ab – es sei „kein öffentliches Interesse ersichtlich“, welches „das Zustimmungsbedürfnis der Betroffenen überwiegt“.
Die Stadt wächst und wächst – und schon wollen Wissenschaftler des Geoforschungszentrum Potsdam mit zwei Satelliten „die Erde neu vermessen“. Würde mich nicht wundern, wenn dabei herauskommt, dass sie sich gar nicht mehr um die Sonne dreht, sondern um Berlin.
BER Count Up – Tage seit Nichteröffnung:
Flughafenchef Engelbert Lütke Daldrup hat das Wunder vollbracht: Am 31. Oktober 2020 ist der Flughafen BER offiziell eröffnet worden. 3.073 Tage nach der ersten Nicht-Eröffnung stellen wir damit unseren Count Up ein. Wer nochmal zurück blicken will: Im Tagesspiegel Checkpoint Podcast "Eine Runde Berlin" spricht Lütke Daldrup mit Tagesspiegel Chefredakteur Lorenz Maroldt und Checkpoint Redakteurin Ann-Kathrin Hipp über detailverliebte Kontrollen, politische Befindlichkeiten und aufgestaute Urlaubstage.
Zitat
„Lieber Oliver Reese, suchen Sie das Herz des BE, erkennen und begreifen Sie es. Dann brauchen Sie auch keine Buhmänner mehr. Das BE ist ein Schatz!“
Ex-Intendant Claus Peymann rechnet im Tagesspiegel mit seinem Nachfolger ab: Dessen „Lamentatio“ sei absurd, die neue Preispolitik „unmoralisch“ – Reese leite das Theater wie „eine Fabrik“.
Tweet des Tages
„berlin ist mord an mein immunsystem.“
Stadtleben
Essen Im neu eröffneten Savu am Ku´Damm macht Küchenchef Sauli Kemppainen nicht nur durch seine gewagte skandinavisch-spanisch-italienische Fusionküche auf Sterneniveau auf sich aufmerksam, auch die Preise verblüffen: „Lamm aus Polting, Nuss und Zunge, Piquillo-Paprika, Knoblauchkartoffeln, Kartoffelcreme, Aubocassa-Olivenöl, Jus von geräuchertem Lamm und Estragonkresse“ kosten exakt 17 Euro (vier Gänge kosten 59 Euro, jeder weitere 10 Euro). Auch wenn es hier keine Portionen in klassischem Hauptgangformat mehr gibt, darf das als Provokation für die Branche gelten - man darf gespannt sein. Kurfürstendamm 160 (U-Bhf Adenauerplatz), Mo-Sa ab 18 Uhr
Kaffeetrinken und dann an der Panke entlang spazieren. Die Tour beginnt mit einem getoasteten Brioche oder Mandelcroissant und einem Americano im Dark & Twisty in Wedding. Das etwas versteckte Souterrain-Café in der Gerichtstraße 26 (S/U-Bhf Wedding) wechselt seine Kaffeesorten monatlich, der Berliner Bohnenhype wird hier also gewissermaßen auf die Spitze getrieben - und durch analoge Zeitungslektüre konterkariert (No Internet!). Es gibt nur wenige Sitzplätze und nicht mal eine Toilette, also schnell weiter Richtung Panketal, wo kurz hinter dem Schlosspark Buch James Biergarten Ziel des 18 km langen (Himmelfahrts-) Spaziergangs sein kann. Unterm Sonnenschirm mit Wiesenblick gibt es Limo, Bananabread und Zitrone-Mohn-Kuchen (Hobrechtsfelder Dorfstraße 30a, S-Bhf Röntgental, morgen geöffnet).