Am Abend hat sich Angela Merkel in der ARD-„Wahlarena“ noch einmal festgelegt: Eine Obergrenze für Flüchtlinge wird es mit ihr nicht geben. Wirklich nicht? Vor vier Jahren hatte sie an gleicher Stelle gesagt, eine Maut wird es mit ihr nicht geben, ein Erstwähler wies sie gestern nochmal darauf hin - jetzt kommt die Maut. Aber so ist das eben in einer Demokratie mit einem pluralen Parlament: Vorher gibt es Garantien und Bedingungen, hinterher gibt es Spitzfindigkeiten und Koalitionen. Welche, ist offener denn je.
Der Landesrechnungshof (Leitbild: „Wir tragen zu einem verantwortungsvollen, effizienten und effektiven Umgang mit öffentlichen Mitteln bei“) hat mal wieder einen Skandal aufgedeckt: Die gesamte Führungsebene des Kontrollgremiums (15 Leute) verdient zu wenig! Einfach ungeheuerlich - wie soll man derart sparsam motiviert die Sparsamkeit in der Verwaltung vorantreiben? Die Präsidentin will deshalb beim Senat eine kräftige Gehaltserhöhung durchsetzen - und hat auch schon einen Finanzierungsvorschlag: Damit ihre komplette Behördenleitung jeweils eine Gehaltsstufe nach oben klettern kann, sollen auf der mittleren Ebene 12 Stellen gestrichen werden. Dazu auch der Kommentar von Zoodirektor Robert Gernhardt: „Die schärfsten Kritiker der Molche sind ebensolche.“
Um die anarchische Verwaltung in den Griff zu bekommen, reaktiviert der Senat eine alte Methode: Nach dem Motto „Wenn du nicht mehr weiter weißt, gründe einen Arbeitskreis“ beschließt er heute die „Einsetzung einer Steuerungsgruppe zur Verbesserung der gesamtstädtischen Verwaltungssteuerung“ (S-551/2017). Steuermann der Steuerungsgruppe zu Verwaltungssteuerung wird ein sozialdemokratischer Bekannter: Heinrich Alt, von 2002 bis 2015 Vorstandsmitglied der Bundesagentur für Arbeit und dort bekannt für seinen kreativen Umgang mit Statistik. Zumindest auf dem Papier dürfte also demnächst alles besser werden.
Fassen wir zusammen: Wir brauchen also einen Rechnungshof für die Kontrolle des Rechnungshofs, eine Steuerungsgruppe für die Verbesserung der Verwaltungssteuerung, und - wie die folgende Meldung zeigt - auch eine Videoüberwachung der Videoüberwachung, denn…
… die Filmstadt Berlin ist noch lange nicht am Ende mit ihrer Kunst - Frage des CDU-Abgeordneten Dregger im Innenausschuss: Können die Videowagen der Polizei mit Videoüberwachung vor Diebstahl geschützt werden? Moment… ja, das geht – aber wer schützt dann die Videokameras, die den Videowagen der Polizei schützen? Hm, vielleicht –Videokameras auf Videowagen? Fehlt jetzt eigentlich nur das Plakat „Mehr Video wagen“ (aber wahrscheinlich gibt‘s das schon – wenn es nicht geklaut ist).
Die Wirkung von Videoüberwachung hat die CDU zu Wahlkampfzwecken (die Unterschriftensammlung für das Volksbegehren beginnt am Mittwoch) übrigens in einem Tierversuch getestet (hier zu sehen) – sollte das irritierende Verhalten der Probandin übertragbar sein, stammt der Mensch offenbar von der Katze ab.
p.s.: Wenn sie mal richtig guten Cat-Content sehen wollen: Der Tierpark hat auf seiner Facebook-Seite gerade 12 allerliebste Fotos von unserem kleinen Schneeleoparden Kitai veröffentlicht („Die Augen hat er vom Vater“).
Eher auf den Hund gekommen ist dagegen die FDP – nach zweitägiger Klausur teilt die Abgeordnete Sibylle Meister u.a. mit: Der rot-rot-grüne Senat setzt die falschen Schwerpunkte, denn „zu einer lebenswerten Stadt gehören auch unsere Vierbeiner. Deshalb wollen wir die Hundesteuer abschaffen.“ Und hier der Kommentar von Checkpoint-Gastautor Snoopy: „Wuff.“
Telegramm
Das Bezirksamt Tempelhof-Schöneberg hat offenbar ein paar Leichen im Keller bzw. Tote in den Akten – so wurde ein im Jahr 2015 Verstorbener jetzt per Mail gebeten, am 24.9. als Wahlhelfer einzuspringen. Da scheint die Not groß zu sein - und das Vertrauen in die Loyalität der Bürger unsterblich.
Und hier eine Nachricht der bekannten Satirezeitung „FAZ“: „Schulz bietet Merkel Vizekanzlerschaft an.“ Aha. Genauso originell wäre die „Postillon“-Nachricht „1. FC Köln bietet Bayern München die Vizemeisterschaft an“… Wie bitte, Schulz hat das wirklich gesagt? Na dann… dann kann ja auch Schulz’ Lieblingsverein, der FC (z.Z. mit 0 Punkten Letzter) noch Meister werden.
Gar keine Antwort bekamen dagegen bisher die Chefs von sechs großen Berliner Autohäusern (u.a. Porsche, BMW, VW, Audi), die sich Anfang August in einem Brief an den Regierenden Bürgermeister über die elendigen Wartezeiten bei den KfZ-Zulassungsstellen beklagten: Vier Wochen dauert’s bis zum Termin – und so lange müssen die gekauften Wagen irgendwo stehen (auf die Straße dürfen sie ja nicht). Die Händler wissen nicht mehr weiter, die Kunden sind sauer, ihre Autos verlieren an Wert, es gibt Schwierigkeiten mit den Banken… aber der Senatschef schweigt. Checkpoint-Mechatroniker-Diagnose: Da hat im Roten Rathaus wohl jemand den Mail-Server abgewürgt.
Dazu passt auch folgende Meldung: Innensenator Geisel hält die Digitalisierung der Berliner Verwaltung für „die komplexeste IT-Aufgabe, die es zur Zeit deutschlandweit gibt“ - ganz unten sind wir also wieder mal Spitze.
Kleine Warnung: In den Zügen der BVG nimmt die Zahl der Taschendiebstähle stark zu - aber „insgesamt“ ist das Unternehmen mit der Sicherheit im Liniennetz „sehr zufrieden“.
Das „Lollapalooza“ findet nach dem Abfahrt-Chaos in Hoppegarten im nächsten Jahr auf dem Olympiagelände statt (8./9. September) - warum nicht gleich so? Dazu auch der Dienstagskommentar bei Radioeins, heute ausnahmsweise bereits um kurz nach halb 8.
Auch in Berlin geschehen Wunder: Von Ende September an wird die Amerika-Gedenkbibliothek voraussichtlich für ein Jahr auch sonntags geöffnet sein.
Hier noch zwei Tipps aus der Rubrik „Checkpoint Karriere“:
1) Falls Abenteuer im Berliner Verkehrsdschungel für Sie genau das richtige sind: Die Verkehrsverwaltung sucht Tarifangestellte („Genderkompetenz erforderlich“) für das Projekt „Safari“ (SenUVK 77/2017).
2) Wenn Sie sich aber mal als Flugunternehmer versuchen wollen - noch bis Freitag können Gebote für Air Berlin abgegeben werden.
BER Count Up – Tage seit Nichteröffnung:
Flughafenchef Engelbert Lütke Daldrup hat das Wunder vollbracht: Am 31. Oktober 2020 ist der Flughafen BER offiziell eröffnet worden. 3.073 Tage nach der ersten Nicht-Eröffnung stellen wir damit unseren Count Up ein. Wer nochmal zurück blicken will: Im Tagesspiegel Checkpoint Podcast "Eine Runde Berlin" spricht Lütke Daldrup mit Tagesspiegel Chefredakteur Lorenz Maroldt und Checkpoint Redakteurin Ann-Kathrin Hipp über detailverliebte Kontrollen, politische Befindlichkeiten und aufgestaute Urlaubstage.
Zitat
„Jetzt wissen wir, wo du wohnst.“
Facebook-Post der Polizei zu einem Foto, das im dritten Stock eines Wohnhauses einen in den Himmel gerichteten Laserpointer zeigt. Laut Polizei wurde damit eine Hubschrauberbesatzung geblendet. Weiter im Text: „Und da nichts über einen nächtlichen Kurzbesuch geht, stellten unsere Kollegen den 13jährigen Tatverdächtigen kurze Zeit später in der Wohnung und beschlagnahmten dabei gleich den grünen Laserpointer.“
Tweet des Tages
PC Unterricht in der Schule -> Eintrag im Elternheft: „Bitte Passwort deutlich sichtbar ins Hausaufgabenheft eintragen."
Stadtleben
Frühstück in Wedding Am Nettelbeckplatz bietet eine Fata Morgana, bzw. das Mirage Frühstück, Mittag und ab freitags auch Wein, Tapas und belgisches Bier. Ein petit dejeuner besteht zum Bespiel aus einem „Croque Monsieur“ oder „Eggs Cocotte“, alles äußerst apart auf dem Teller drapiert. Musik darf auch nicht fehlen, schließlich war Mitbesitzer Jochen Küpper zuständig für Kultur im ehem. Stadtbad Wedding. Reinickendorfer Straße 110 (S-Bhf Wedding), Di-Do 9-18 Uhr, Fr-Sa bis 23 Uhr, So 11-17 Uhr
Cocktails in Kreuzberg sind nun wirklich nicht schwer zu finden, der obligatorische Gin Tonic erst recht nicht. An der Bar im neu eröffneten Hotel Orania hingegen sucht man die Klassiker vergebens auf der Karte. Auf Anfrage werden auch diese gern gemixt, aber das Publikum soll am zwölf Meter langen Tresen lieber aus den Kategorien "Orania.Woman" oder "Orania.Man" wählen. Ein Schelm, wer Böses dabei denkt, im genderdekonstruierten Kreuzberg. Barchef Merlin Braun (ehem. Headbartender im Hotel de Rome) versichert: Es geht dabei um Gleichberechtigung. Oranienplatz 17 (U-Bhf Moritzplatz), tgl. 18-2 Uhr
Berlinbesuch sollte sich unbedingt Karten für den Wintergarten organisieren. Seit gestern ist Berlins bekanntestes Varieté Theater um eine Attraktion reicher: den wohl schillerndsten stillen Ort der Stadt. Fiona Bennett, Hutmacherin, hat zusammen mit Partner Hans-Joachim Böhme eine unglaublich sinnliche Atmosphäre für die Notdurft entworfen: Die Herren urinieren im blauen Blätterwald, die Damen in samtiger Glitzerwelt inklusive Puderstübchen. Na hoffentlich bleibt zukünftig der Zuschauerraum nach der Pause nicht leer.