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ITB aus Angst vor Corona-Verbreitung abgesagtRaed Saleh bekommt Gegenwind aus der eigenen ParteiWirtschaftssenatorin Ramona Pop im Interview

Guten Morgen,

und herzlich willkommen zum vielleicht letzten Schalttag vor dem Weltuntergang – aber keine Panik: Wir haben diesen Checkpoint nach allen Regeln der antivirologischen Kunst zwanzig Sekunden mit heißem Wasser und Kernseife durchgewaschen, abgetrocknet und desinfiziert – hier können Sie sich allenfalls an guter Laune anstecken (es sei denn, Sie haben auf Aktien gesetzt).

Einen 29. Februar gibt’s nur alle vier Jahre, immer im Jahr der Olympischen Sommerspiele – aber für die sieht’s diesmal gar nicht gut aus: Weltweit werden aus Angst vor einer weiteren Corona-Verbreitung Events abgesagt. Gestern Abend traf es auch die ITB – das Gesundheitsamt Charlottenburg-Wilmersdorf hatte eine irrwitzige Forderung gestellt: Jeder Besucher und jede Besucherin hätte belegen müssen, weder aus einem Risikogebiet zu stammen, noch Kontakt zu einer Person aus den Corona-Hotspots in China, Italien oder Südkorea gehabt zu haben. Wie soll das sichergestellt werden in einer Stadt, die es nicht einmal schafft, den Leuten bis zur Scheidung einen Hochzeitstermin anzubieten? Absurd

Damit entfällt leider auch eine Weltpremiere – am 5. März stand im Hub 27, Raum Beta 1 für 16 Uhr auf dem Programm: „Flughafenchef Engelbert Lütke Daldrup befragt Tagesspiegel-Chefredakteur Lorenz Maroldt“ (kein Witz, kein Fehler!) – ich hätte im Gegenzug darum gebeten, den BER eröffnen zu dürfen. Obwohl der ja bis zum 31. Oktober sicher auch infiziert ist und schwer aus der Entrauchungsanlage hustend unter Quarantäne gestellt wird.

Hier noch drei Corona-Links (bitte nur mit Handschuhen und Atemschutzmaske öffnen):

1) So verändert das Virus Berlin

2) 45 Antworten auf die wichtigsten Fragen

3) Alle News in unserem Blog (ohne Inkubationszeit).

Und eine dringende Bitte der Feuerwehr: Im Verdachtsfall nicht die 112 wählen, sondern die Nummer der Gesundheitsverwaltung: 90282828.

Telegramm

Al-Quds-Demo statt Oldtimer-Show (CP v. 25.2.): CDU-Fraktionschef Burkard Dregger spricht von einem „Desaster für unseren Kampf gegen den Antisemitismus“ – dem Checkpoint sagte er gestern: „Der Senat hat die Auseinandersetzung mit den Veranstaltern des antisemitischen Aufzuges gescheut. Weder Innensenator Andreas Geisel, noch der Regierende Bürgermeister Michael Müller haben reagiert. Das ist beschämend.“ (Einen Beitrag von Dregger zum Thema finden Sie am Sonntag im Tagesspiegel).

Kurz vor der Entscheidung über die IAA (vermutlich am Dienstag) fährt Wirtschaftssenator Ramona Pop auf die Veranstalter zu und setzt auf ein neues Konzept „Wenn mit Neuanfang tatsächlich weniger PS-Protzerei und dafür moderne Mobilitätskonzepte, emissionsfreie Fahrzeuge ohne Abgasskandale und mehr Rücksicht auf schwächere Verkehrsteilnehmer gemeint sind, kann das vielleicht auch die Skeptiker überzeugen“, sagt sie dem Checkpoint. Wie sie selbst in der Stadt unterwegs ist und ob sie sich die Spitzenkandidatur für die nächste Wahl zutraut, steht etwas weiter unten in der Rubrik „Durchgecheckt“.

Monika Grütters sprach von einem bevorstehenden „Weltereignis“, Michael Müller unterstützte das „außerordentliche Projekt“ wegen seiner „internationalen Strahlkraft“. Thomas Oberender, Tom Tykwer, Kirsten Niehuus, Nina Pohl, Burkhard Kieker, Lars Eidinger, Iris Berben, Veronica Ferres, Tom Schilling, Joachim Król, Sönke Wortmann, Leander Haußmann, Susanne Kennedy, Ersan Mondtag, Sasha Waltz, Tino Sehgal, Joachim Lux, Lieben-Seutter, Guido Maria Kretschmer Michael Michalsky, Thomas Krüger, Andreas Görgen – sie alle freuten sich begeistert auf „DAU“, das klaustrophobische Mauer-Diktatur-Event des russisches Filmemachers Ilya Khrzhanovsky, der „Diktatur erlebbar machen“ wollte, aber in Berlin an der Bürokratie scheiterte. Ich würde gerne wissen, was all diejenigen heute sagen, nachdem ein Teil des Begleitfilms auf der Berlinale lief und sich als öde, sexistische Gewaltkolportage entpuppt.

Schlüsselsatz des Films „Wagenknecht“, in dem die Linken-Politikerin im Westflügel des Reichstags herumirrt, obwohl sie im Ostflügel verabredet ist: „Osten ist das Gegenteil von Westen“.

Ein sprachlicher Grobmotoriker hat dem Comedian Shahak Shapira per Sprachnachricht ein nachhaltiges Gesichtsbehandlungs-Abo angeboten („Deine eigene Mutter wird dich nicht mehr wiedererkennen!“ – hier zu hören). Der Polizei kam der Sound bekannt vor – sie twitterte: „Hmm... Haben nur wir ein Déjà Vu, oder wird da tatsächlich bald wieder ein Album gedroppt? Als ‚Fanboys‘ müssen wir diese beleidigende aggro Ansage natürlich trotzdem zur strafrechtlichen Prüfung weiterleiten.“

Seit Wochen warte ich auf die Nachricht, dass der Herbst endet, und jetzt ist schon der meteorologische Winter vorbei – und das mit einem Rekord: 4,8 Grad waren es im Mittel der vergangenen drei Monate in Berlin (normal wären 0,5 gewesen).

Frage an Berlinkenner: Wie kann es sein, dass ein ungenehmigtes Werbegroßplakat an einem Baugerüst in der Torstraße wochenlang vor den Fenstern der Bewohner hängt? Tja, schon schwieriger, stimmt’s?

Wir lösen auf – hier die Antwort des Grauflächenamts Mitte: „Das Grundstück liegt im Bezirk Pankow und das Baugerüst steht im öffentlichen Straßenland im Bezirk Mitte. Demzufolge ist das Bezirksamt Pankow für die Bauarbeiten zuständig und das Bezirksamt Mitte für die Gerüstaufstellung.“ Und das bedeutet natürlich: Verantwortlich ist niemand so richtig.

Das Herder-Gymnasium hat beim Schülerzeitungswettbewerb der Länder den Sonderpreis des BDZV gewonnen – ok, wir halten schon mal ein paar Volo-Stellen frei.

DGB und IHK schreiten Seit’ an Seit’ – jedenfalls beim Azubi-Gehalt: Vor anderthalb Jahren forderte die Wirtschaft, das nicht mehr mit Hartz IV-Ansprüchen der Familie zu verrechnen, gestern forderte das auch die Gewerkschaft. Jetzt muss nur noch einer den Senat wecken.

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Vor sieben Jahren versprachen die Bäderbetriebe für das Stadtbad Charlottenburg Barrierefreiheit – und warum ist nichts geschehen? BBB-Sprecher Matthias Oloew: Das sei „unklar“ und lasse sich nicht mehr klären, weil die damals zuständigen Mitarbeiter dem Unternehmen nicht mehr angehörten. Tja, manchmal muss für mangelnden Durchblick nicht mal das Wasser eingetrübt werden.

Der Senat steht im ständigen Austausch mit Hertha BSC“ heißt es in der Antwort von Staatssekretär Aleksander Dzembritzki auf Anfrage des CDU-MdA Stephan Standfuß – da wird einem natürlich so manches klar. Jetzt müssen wir nur noch klären, welcher gestern Abend zwischen der 64. und 75. Minute in Düsseldorf angerufen hat – da schossen die Berliner drei Tore zum Ausgleich (3:3).

Die Feuerwehr rüstet auf – nach iPpads und iPhones („space grau“, CP v. 17.2.) werden jetzt per Ausschreibung u.a. Schuhpflegemittel und Latzhosen gesucht. Also, falls Sie da was übrighaben – und denken Sie jetzt bitte bloß nicht an das Bild, das ich gerade vor Augen habe.

In der Reihe „Fatale Verleser“ heute ein flüchtiger Blick auf die Berliner Vergabeplattform: Über eine „Rahmenvereinbarung zur Lieferung von Matratzen für die Sitzungssäle der ordentlichen Gerichtsbarkeit“ hätte sich zwar auch kaum jemand gewundert, tatsächlich steht da aber (auf den zweiten Blick) leider nur „Matrizen“ – schade.

Durch­gecheckt

Durchgecheckt

Ramona Pop (Grüne) ist Wirtschaftssenatorin und Bürgermeisterin.

Frau Pop, wie klären die Grünen die Frage der Spitzenkandidatur?

Wir bekommen viel Zuspruch dafür, wie wir regieren. Die Grünen liegen in den Umfragen auch konstant vorne, weil wir auf der Spitzenebene harmonisch und zielorientiert zusammen arbeiten. Und wir wollen künftig mehr Verantwortung für diese tolle Stadt übernehmen. Auch das geht nur gemeinsam.

Aber zwei Bürgermeisterinnen wird es ja nicht geben. Welches Verfahren wählen Sie?

Wir wählen eine Liste. Die Mitglieder entscheiden.

Also eine Kampfkandidatur?

Wir haben das Verfahren geklärt, die Personen bestimmen wir, wenn es soweit ist. Gerade bekommen wir viel Zuspruch, weil wir uns auf unsere Aufgaben konzentrieren und Lösungen anbieten – und eben nicht um uns selbst kreisen.

Aber Sie würden schon wollen?

Ich erkläre jetzt keine Kandidatur.

Ok, aber Sie würden schon können?

Ich bin Bürgermeisterin. Da trage ich Verantwortung auch über mein Ressort hinaus – und dieser will ich in diesem und nächsten Jahr gerecht werden.

Die Wirtschaftssenatorin hat es oft schwer, Gehör zu finden bei den Grünen.

Es war neu für Grüne, ein Wirtschaftsressort zu übernehmen. Aber ich kann nicht klagen. Wir haben die Schwerpunkte richtig gesetzt, die Digitalwirtschaft ist der Treiber und wir ziehen eine moderne, nachhaltige Industrie an. Jedes Jahr entstehen 50.000 neue Arbeitsplätze.

Aber warum wachsen die Einkommen in Berlin so langsam?

Die Berliner Einkommen sind in den letzten Jahren bundesweit am stärksten gewachsen, da gibt es keinen Grund für Spott und Hohn aus dem Süden der Republik. Wir arbeiten aber noch immer die Folgen der Teilung und die Fehler der Konsolidierungszeit ab. Jetzt holen wir auf. Jeden Tag schließen wir eine Wunde, die Krieg oder Teilung dieser Stadt zugefügt hat.

Ist die Sorge, dass Berlin zu schnell wächst, gerechtfertigt?

Niemand will zu einer schrumpfenden Stadt zurück. Berlin muss sich verändern, wenn die Stadt dauerhaft attraktiv und lebenswert bleiben will – vor allem angesichts der Klimakrise, sich wandelnder Arbeitswelten oder einer älter werdenden Gesellschaft. In manchen Teilen wird das Wachstum übrigens zurückgehen, weil sich Märkte verändern. Der Ausbau der Infrastruktur wird dagegen noch einige Zeit beanspruchen. Investitionen brauchen einen langen Atem.

Verkehrssenatorin Günther hat das Ziel, den privaten Autoverkehr bis 2030 aus der Innenstadt und bis 2035 ganz aus der Stadt zu verdrängen. Halten Sie das für realistisch?

Das Ziel einer klimaneutralen Stadt ist richtig. Aber wir müssen die Wege dahin aufzeigen. Immer mehr Menschen sind nicht mehr bereit hinzunehmen, dass Autos ihnen Platz und Luft wegnehmen. Dazu müssen wir nach Jahren des Kaputtsparens den ÖPNV kräftig ausbauen. Dazu gehört für mich auch, den Ausbau der U-Bahn in den Blick zu nehmen. Die Grünen haben als mutige Zukunftspartei schon immer in langen Linien gedacht. Dass wir hier Mut beweisen, dafür werbe ich.

Was heißt das konkret?

Wir müssen Zukunftsprojekte frühzeitig in Angriff nehmen. Den Berlinerinnen und Berlinern im Märkischen Viertel ist die Verlängerung der U8 zu lange versprochen worden, ohne dass etwas passiert ist. Grüne Politik hört nicht am S-Bahn-Ring auf, ich stehe dafür, dass wir Politik für die ganze Stadt machen.

Auch mit Angeboten wie dem BerlKönig, den der Senat nicht weiter finanzieren will?

Ich finde es richtig, Ride-Sharing nicht nur privaten Unternehmen zu überlassen, die dem ÖPNV damit Konkurrenz machen. Man könnte auch die Taxi-Innung einbinden und weitere Kooperationen eingehen. Wie das konkrete Angebot aussehen kann, da habe ich auch noch unbeantwortete Fragen. Aber ich glaube, dass sich die Zeiten ändern und immer mehr Menschen dazu übergehen, nicht selbst ein Auto besitzen zu müssen.

Sie fahren selbst Auto?

Ich nutze nahezu alle Verkehrsangebote, auch das Auto.

E-Scooter?

Ist mir zu wackelig.

In Berlin wird auch wieder eine Bewerbung um Olympische Spiele diskutiert, Sportsenator Geisel ist dafür, ebenso wie der LSB und Teile der Wirtschaft – Sie auch?

Ich empfinde diese Diskussion als absurd, keine vernünftige Stadt kann sich ernsthaft bewerben. Der olympische Gedanke ist schon lange nicht mehr erkennbar. Olympia ist eine Veranstaltung geworden, die Privilegien verlangt, die nur Autokraten erfüllen können. Da sollte sich Berlin nicht einreihen. Unsere Infrastrukturprobleme lösen wir auch ohne Olympia.

Zu den Infrastrukturproblemen gehört auch das Wohnungsangebot. Sind Sie als Wirtschaftssenatorin glücklich mit dem Mietendeckel – und ist er Teil einer Lösung?

Es ist sinnvoll, die Spekulation mit Wohnraum einzudämmen. Der Mietendeckel gibt der Stadt Zeit zum Atmen. Mit dem Mietendeckel sind wir aber auch die Verpflichtung eingegangen, den Neubau spürbar voranzubringen und die Wohnungsnot anzugehen. Wenn wir das nicht machen, bildet sich parallel zum geltenden Recht ein Schwarzmarkt, der dazu führt, dass die Mieter am Ende finanziell nicht besser dastehen als vorher.

Teile der Koalition setzten darauf, möglichst viele Häuser zu kaufen, manche sagen auch, Wohnen dürfe kein Markt sein. Wie weit würden Sie gehen?

Wohnen ist und bleibt ein Markt – aber reguliert. Den Markt mit Zukäufen stärker zu beeinflussen, ist OK, aber wir werden nicht die ganze Stadt aufkaufen können. Sonst wird der Staat am Ende selbst zum Spekulanten, wenn überteuerte Preise gezahlt werden. Häuser zu einem vernünftigen Preis zu kaufen, ist ein sinnvoller Beitrag. Aber ein Allheilmittel ist es nicht.

Wofür steht Berlin in 10 Jahren?

Berlin ist DIE Metropole Deutschlands, selbstbewusst, innovativ, eine starke proeuropäische Stimme. Die Stadt wird schon heute gemeinsam genannt mit London oder Paris. Aber wir wollen unseren eigenen Berliner Weg gehen – und Vorbild sein als moderne, lebenswerte und grüne Stadt für alle.

Thomas Wochnik

Wochniks Wochenende

Die besten Berlin-Tipps für drinnen, draußen und drumherum.

48h Berlin

Samstagmorgen – Langsam ist es wieder soweit, neben dem saisonalen Frühlingsobst und -gemüse werden demnächst auch saisonale Radfahrerinnen wieder vermehrt in der Stadt anzutreffen sein. Wem es dafür noch an Ausrüstung fehlt oder wer sich mal auf den aktuellen Stand der Dinge in punkto Radwelt bringen möchte, bekommt auf der Kolektif-Berlin Fahrradmesse… nun ja, keine umfassende, aber in bestimmten Punkten nicht schlechte Gelegenheit. Abgesehen von einer Präsentation der Polizei Berlin zum Thema Pedelecs samstags und sonntags um je 10.15 Uhr, liegt der Schwerpunkt der Messe auf eher nischigen Themen wie offenen Radrennen auf beispielsweise Lastenrädern, Routenplanung und Langstrecken-Abenteuern, daneben Essen, Tattoos und einer ordentlichen Note Lifestyle. Auch wer ein soziologisches Interesse daran hat, wie das Fahrrad im Spannungsfeld zwischen Fahrzeug, Kulturgut und Fetischobjekt gehandelt wird, dürfte hier goldrichtig liegen. Die Höhe des Eintrittspreises darf man mit sich selbst ausmachen. Sa und So, jeweils ab 10 Uhr, Motorwerk Weißensee, An der Industriebahn 12
 
Samstagmittag – Das Boulez Ensemble, benannt nach dem Komponisten Pierre Boulez, gibt heute um 13.30 Uhr eineinhalb Stunden konzentrierter Boulez'scher Klangwelten zum Besten, und zwar im Boulez Saal. Mit der Sontaine für Flöte und Klavier, der Messagesquisse für Solo-Cello und sechs weitere Celli (Arrangement für Bratschen) und dem Éclat / Multiples für 25-köpfiges Ensemble gibt es so viel konzentrierte Nachkriegsmoderne, Serialismus und eben Boulez, wie selten. Monumental – Monument mal: Es gibt tatsächlich noch Tickets (ab 15 Euro). Französische Straße 33D, U-Bhf Hausvogteiplatz
 
Samstagabend – Verlieren und sich verlieren sind zwei ganz verschiedene Zustände, behauptet der Ankündigungstext. Verliert man etwas, weiß man nämlich nicht, wo es ist. Verliert man sich selbst, weiß man auch nichts. Moment mal, etwas verlieren ist das Verschwinden des Gewohnten. Sich verlieren ist dagegen das Auftauchen des Ungewohnten. So hat es jedenfalls die Schriftstellerin Rebecca Solnit aufgefasst – und dieser Logik will sich auch die Tanzperformanz von Anna Lena Häußler, Rosalie Stark und Musiker Demian Kern nähern. Und zwar im GrimmuseumFichtestraße 2, U-Bhf Südstern. Der Einlass ist um 20 Uhr, die Performance soll pünktlich um halb Neun beginnen. Wer anschließend etwas jüngste elektronische Klubmusik-Geschichte erleben möchte, sollte Mount Kimbie im Anomalie Art Club (Storkower Str. 123, S-Bhf Greifswalder Straße) nicht verpassen. Das Londoner Duo ist seit zehn Jahren prägend für den Sound der englischen Hauptstadt. Eintritt 13 Euro.
 
Sonntagmorgen – Wenn Sinti und Roma durch die Straßen Berlins ziehen, begegnen sie vor allem Vorurteilen. Kenntnis der kulturellen und geschichtlichen Hintergründe der Diaspora sowie etwas Verständnis dafür, was es bedeutet, entwurzelt, fremd und gewissermaßen zur Fremde (vor-)verurteilt zu sein, könnten durchaus für die hiesigen Sinti und Roma sowie für alle anderen Vertreterinnen unserer diversen Kultur bereichernd sein. Zwei Stunden, von 11 bis 13 Uhr, widmen ihnen das European Roma Institute for Arts and Culture und die Volksbühne mit Experten-Keynotes und einer offenen Diskussion. Eintritt 8 Euro, Volksbühne am U-Bhf Rosa-Luxemburg-Platz 

Sonntagmittag – Ein Shoppingvergnügen der besonderen Art bietet die fünfzehnte Auflage des allseits beliebten Punk Rock Market im Cassiopeia, wo die Friedrichshainer Crème seit jeher ein und ausgeht um gemeinsamen Freizeitinteressen nachzugehen. Von 13 bis 19 Uhr finden sich hier handverlesene Punk-Paraphernalien wie Pins, Patches und Platten, Bänder, Klamotten und Schmuck, Poster, Sticker und vieles mehr, liebevoll auf den Gestellen der freundlichen Händlerinnen drapiert. Revaler Straße 99, S-Bhf Warschauer Straße
 
Sonntagabend – Auf den ersten Blick klingt es nach einem typischen Coming-Of-Age-Roman: Teenager begibt sich allein auf Reisen in ein fernes, unbekanntes Land, Wanderjahre sozusagen, um von zu Hause auszubrechen. Allerdings ist zu Hause hier nicht das Eternhaus – die Eltern fördern nämlich mit allen Mitteln die Ausreise des Kindes, um es in Sicherheit zu bringen. Zu Hause ist ein Land im Ausnahmezustand. Und der Stoff eben kein Roman, sondern die Geschichte unzähliger geflüchteter Minderjähriger. 50 Prozent aller Geflüchteten in Europa sind minderjährig. Ihre Sicherheit ist allerdings nur vorübergehend, denn Kinder ohne elterliche Begleitung dürfen laut Asylgesetz nicht abgeschoben werden – bis zum achtzehnten Lebensjahr. Was danach folgt, ist ungewiss. Das Science-Fiction-Theaterstück Futureland erzählt die Geschichten einiger 14- bis 18-Jähriger, deren Odyssee nicht etwa an einer Grenze endet, sondern zwischen Jugendamt, Sozialarbeit, Vormündern und anderen Institutionen und Menschen weitergeht. 19 Uhr im Maxim Gorki Theater, Am Festungsgraben 2, U-Bhf Friedrichstraße

Mein Wochenende mit

Durchgecheckt

Thomas Bratzke aka ZASD ist dafür bekannt, die Grenzen des Graffiti über mediale Grenzen hinaus zu verschieben. 

„Ich bin zwar auch sonst nicht der Typ, der besonders viel ausgeht, an diesem Wochenende werde ich aber wirklich kaum etwas anderes tun, als zu arbeiten. Samstag werde ich früh aufstehen und in den Projektraum des Urban Nation Museums zur Probe fahren. Die Performance, die wir am Abend in der Bülowstraße 97 (U-Bhf Nollendorfplatz) zwei Mal aufführen werden (19.30 Uhr ud 20.30 Uhr, der Eintritt ist frei), beruht nicht auf festgelegten Abläufen. In der Probe geht es daher darum, das Zusammenspiel zu üben, ein Gefühl füreinander und den Raum zu bekommen. Essen werden wir wahrscheinlich gegenüber bei Saigon Com Nieu (Bülowstraße 9). Das unauffällige Restaurant hat sich als echte Überraschung erwiesen, vor allem, wenn man mit Speisen wie dem deftigen Tontopf mit Schweinebauch und Wachteleiern etwas anfangen kann, sehr spannend. Oder das Atlantik (Potsdamer Straße 166), ein Fischladen, wie man es sonst nur vom Mittelmeer kennt. Schön auch, dass es Atlantik heißt, mit Osteseebildern dekoriert ist und von einer türkischen Familie betrieben wird. Natürlich ist das alles keine Haute Cuisine, aber wir brauchen bei der Arbeit ja auch eher ordentliche Energielieferanten. Am Sonntag werde ich erstmal ausschlafen – der erste Ausschlafsonntag seit langem. Dann setze ich mich mit einer dicken Jacke an den Mariannenplatz und schaue, was da so los ist. Wer der Beobachtung von Hunden und Haltern Glück abgewinnen kann, ist hier goldrichtig, ganze Hundehaltertrauben kommen zusammen, um dem geneigten Zuschauer ihr Schauspiel darzubieten. Und ein Nachdenken darüber anzuregen, wem und wofür Räume in der Stadt zur Verfügung stehen sollten und was alles fehlen wird, wenn die Verdrängung voranschreitet. Anschließend wieder arbeiten, die ganze Technik der Performance abbauen und einpacken."

Lese­empfehlungen

Und wieder rückt das Mittelalter einen Schritt näher: In Polen weitet sich die institutionalisierte Diskriminierung von LGBTI-Menschen weiter aus. In vielen Gegenden Polens und in der Regierung gelten lesbische, schwule, bisexuelle, transgender und intersexuelle Menschen als ideologisch fehlgeleitet. Deshalb, so die Meinung vieler Polen, müsse sich die Gesellschaft offen gegen die Verbreitung dieser Ideologie stellen, sonst könnten womöglich irgendwann alle Polen vom geheiligten heterosexuellen Weg abkommen. Dem „Atlas des Hasses“ zufolge liegt die nächstgelegene, ausrücklich LGBTI-feindliche Wojewodschaft keine 250 Kilometer vom Askanischen Platz entfernt. Derweil wuchert das Hass-Virus weiter. Was queeres Leben in Polen bedeuten kann, zeigt zum Beispiel diese Reportage von Vice. Natürlich gibt es auch in Polen Widerstand. Der Schriftsteller Szczepan Twardoch beschreibt seine Eindrücke vom Berliner CSD im Vergleich zum, wie er es nennt, „kleinen CSD“ von Bialystok, in der Welt. An ein ganz anderes Polen zu erinnern wird auch Olga Tokarczuk nicht müde, deren Bücher die Landesgeschichte immer wieder so erzählen, dass sie von Vielfalt, Diversität und Pluralität geprägt ist.

Wochen­rätsel

In welchem Bezirk wurden 2019 am meisten (21.632) illegale Müllablagerungen gemeldet?

a) Marzahn-Hellersdorf
b) Mitte
c) Neukölln
 

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Encore

Bevor heute Abend die Filmfestspiele mit der Bären-Gala zu Ende gehen, die Cineasten Berlin verlassen und aus unserem Abspann wieder das Encore wird, hier ein letztes Mal ganz großes Kino aus dem Berlinale-Programmheft: „Die gleiche altbekannte Geschichte wird in einer neuen, synthetischen Welt rezitiert. In den Hauptrollen: Gott, Abraham, Isaak, eine verlorene Hirtin und die Antilopen in der Rolle des Widders. Niemand ist unschuldig“ („It wasn't the right mountain, Mohammad“).

Kommen Sie gut durchs Wochenende! Wir lesen uns hier am Montag wieder.

Lorenz Maroldt