Sportsenator Andreas Geisel (SPD) hat eine Niederlage erlitten: Wegen fragwürdiger Wildtierhaltung hatte er dem Zirkus „Voyage“ für die Weihnachtszeit dessen traditionellen Standplatz am Olympiastadion nicht genehmigt, scheiterte aber am Verwaltungsgericht. Wie artgerecht die Stadt-, Land- und Flusspferde in dem Zirkus tatsächlich gehalten werden, ist übrigens unklar, da bei früheren Kontrollversuchen der zuständige Wachhund den Amtstierarzt und einen Polizisten gebissen haben soll.
Innensenator Andreas Geisel (SPD) hat gestern einen Erfolg erzielt: Mit der frühmorgendlichen Razzia in der Rigaer Straße und anderswo hat er zum zweiten Mal seit Frank Henkels vermurkstem Räumungsversuch das Zeichen gesetzt, dass die Polizei sich von den Kiezterroristen nicht alles gefallen lässt. Ein Einsatz mit 560 teils bis an die Zähne bewaffneten Beamten nach einem Überfall auf einen Späti erscheint zwar sehr großzügig dimensioniert, aber auch plausibel in dieser Gegend, in der jeder possierliche Streifenwagen mit Steinen beworfen wird und nach der Verhaftung eines Gewalttäters ein Trupp linksradikaler Drohkulissenbauer beim mutmaßlich zuständigen Justizbeamten eingeritten war.
Dass die Sache nicht erledigt ist, zeigt die interne Sicherheitswarnung, die die Polizei nach den Durchsuchungen herausgegeben hat. Angesichts von Drohungen u.a. via Twitter (sind das nicht auch Kapitalistenschweine?) wird mit „dezentralen Aktionen“ gerechnet, also dem leidlich bekannten Repertoire von Brandstiftungen über Schmierereien bis zu Attacken auf Polizeidienststellen. Ein Beamter schließt aus der Warnung, dass der martialische Einsatz in der linksextremen Szene als Provokation aufgefasst werden dürfte und übertrieben gewesen sei. Aber hinterher ist man immer schlauer, während man vorher nie weiß, was in der Rigaer als nächstes vom Dach geworfen wird.
Die Bildungsverwaltung will die Preise fürs Schulessen „mindestens bis 2020“ bei den 3,25 Euro pro Portion halten, die 2012 kalkuliert worden waren. Nur gibt es für diesen Tarif angesichts steigender Mindestlöhne und teurer gewordener Lebensmittel bald nur noch Quatsch ohne Soße oder Nudeln mit Analogkäse, was der Digitalhauptstadt Berlin nicht gut anstünde. Caterer und die Gewerkschaft NGG haben bereits versucht, die Preise hochzuhandeln, aber auf Granit gebissen. Nun bleibt ihnen nur der lapidare Hinweis, dass an den Löhnen nicht mehr gespart werden könne, sodass die Qualität als einzige Stellschraube bleibt. Mahlzeit!
Die „Berliner Zeitung“ versucht heute zu (er)klären, warum seit Wochen auf praktisch allen Ausfallstraßen von Pankow über Marzahn bis Köpenick gleichzeitig gebaut wird, sodass mit dem Auto niemand mehr halbwegs berechenbar morgens in die City kommt und abends wieder raus. Richtig klar wird nicht, warum das so sein muss; die übliche Mélange aus VLB, BVG, BWB und jwd halt. Absehbar ist nur, dass es nächstes Jahr vor allem Richtung Norden noch schlimmer wird: Die B2 wird für dreieinhalb Jahre zur Einbahnstraße. Die Schönerlinder Straße wird ab Jahresende gleich komplett gesperrt, so dass als Umfahrung nur die A114 bleibt, die wegen Bauarbeiten einspurig ist.
Also lieber gleich in Brandenburg bleiben? Dann muss man aber damit leben, dass die kurz und klein gesparte Polizei künftig private Sicherheitsleute schickt, wenn gerade wieder kein Beamter verfügbar ist. Die Hilfssheriffs sollen nicht nur Veranstaltungen sichern, sondern auch bei Fahndungen helfen (Q: „Berliner Zeitung“). Eine „Qualitätsüberprüfung“ der Sicherheitsdienste soll sicherstellen, dass keine Böcke zu Gärtnern werden. Trotzdem kann man die Vereinbarung, die der Brandenburger Polizeipräsident mit dem Landeschef des Sicherheitsgewerbes geschlossen hat, als Kapitulationserklärung auffassen. Dazu CP-Gastautor Frank-Walter Steinmeier aus Chemnitz: „Es muss klar sein, dass das Gewaltmonopol beim Staat liegt.“
Eine der Firmen wirbt online damit, dass sie auch Objekte der Bundeswehr schütze (Wer sonst sollte die Armee bewachen?) und dabei auch „moderne Kommunikationstechnik“ einsetze. Sofern es sich dabei um Handys handelt, sind Funkmasten bitte mitzubringen. Als der Potsdamer Landtag gestern darüber debattierte, wie die Löcher im märkischen Mobilfunknetz zu stopfen seien, überraschte Wirtschaftsminister Jörg Steinbach (SPD) mit dem Hinweis auf Studien, wonach elektromagnetische Wellen Flora und Fauna schadeten. „Bitte verbreiten Sie so etwas nicht weiter“, erwiderte der Grüne Axel Vogel. Vor so viel grüner Vernunft kann man nur den Aluhut ziehen.
Berliner Schnuppen
Telegramm
Klar und transparent soll bei den Bäderbetrieben künftig nicht nur das Wasser sein, sondern auch die Öffnungszeit. Das Abgeordnetenhaus hat das Bäderkonzept entsprechend geändert. Bisher haben die Bäderbetriebe ihre Stammkundschaft über Schließungen per Mail manchmal kurzfristig und manchmal rückwirkend informiert.
„Bis zu 100.000“ neue Abstellplätze für Fahrräder will die Bahn mit Unterstützung durchs Bundesumweltministerium bis 2022 schaffen. Gestern wurde die Bike&Ride-Offensive am Hauptbahnhof gestartet. Routiniers werden bei der Formulierung „bis zu“ aufhorchen. Und erprobte Biker & Rider sind gespannt, ob das Ziel auch durch Neubau oder allein durch die Entsorgung angeketteter Fahrradleichen erreicht wird.
Der Text unter der Überschrift „Bahn plant größte Einstellungsoffensive der Geschichte“ handelt übrigens nicht von der Strecken-, sondern von der Personalplanung des Unternehmens.
Ein Antrag der SPD Mitte zur Legalisierung von Cannabis wurde für den Landesparteitag am Wochenende auf die Konsensliste gesetzt. Hanf im Glück, aber wieder ein Thema, bei dem die SPD als Dritte durchs Ziel geht. Warum die Lage auch des Berliner Landesverbandes nicht berauschend ist, erklärt mein Kollege Ulrich Zawatka-Gerlach heute ausführlich im Tsp.
Flughafenchef Engelbert Lütke Daldrup verhandelt mit dem Potsdamer Infrastrukturministerium diskret darüber, ob sich die Prüfkriterien für die anstehenden TÜV-Abnahmen des BER nicht vielleicht ein kleines bisschen oder wenigstens einen Economy-Sitzabstand weit lockern ließen, wie der RBB erfahren hat. Am Eröffnungsziel Oktober 2020 will ELD aber nicht herumschrauben. Bleiben Sie also bitte noch so lange angeschnallt sitzen, bis wir unseren endgültigen Eröffnungstermin erreicht haben.
BER Count Up – Tage seit Nichteröffnung:
Flughafenchef Engelbert Lütke Daldrup hat das Wunder vollbracht: Am 31. Oktober 2020 ist der Flughafen BER offiziell eröffnet worden. 3.073 Tage nach der ersten Nicht-Eröffnung stellen wir damit unseren Count Up ein. Wer nochmal zurück blicken will: Im Tagesspiegel Checkpoint Podcast "Eine Runde Berlin" spricht Lütke Daldrup mit Tagesspiegel Chefredakteur Lorenz Maroldt und Checkpoint Redakteurin Ann-Kathrin Hipp über detailverliebte Kontrollen, politische Befindlichkeiten und aufgestaute Urlaubstage.
Zitat
"Hallo, allright super, bis gleich, ciao, ciao. Ich muss mal kurz zum Vorstand. Ihr könnt hier abhängen. Nehmt Euch ein Bier, spielt ein bisschen Playstation, wenn Ihr Lust habt. FIFA und Egoshooter hab' ich. Ihr wisst ja, wie das funktioniert."
BILD-Chefredakteur Julian Reichelt in seinem Büro beim Interview mit der Schülerzeitung des Gymnasiums Othmarschen (Hamburg), an dem er im Jahr 2000 Abitur gemacht hat. Das Interview mit atmosphärischen Einschüben wie diesem ist lang, aber es lohnt sich.
Tweet des Tages
"Die Radarwarnungen im Radio von heute mal schnell auf Google Maps gecheckt. 1 x vor einem Tunnel, 4 x vor Schulen oder an klaren Schulwegkreuzungen, 2 x vor Kitas, 1 x vor einer Universität. Es wird höchste Zeit, diese Warnerei im Rundfunkstaatsvertrag zu unterbinden."
Stadtleben
Essen & Trinken im Feinkostladen La Käserie in Prenzlauer Berg: Hier werden Emmentaler, Gruyère und Beaufort nicht nur in der Auslage zum Kauf angeboten. Die Besitzer Bastien und Romain verarbeiten ihre saisonalen Käsesorten, die sie direkt aus Frankreich beziehen, vor Ort in der Lychener Straße 6 auch zu flüssig-heißem Fondue mit Brot (12,50 pro Person). Dafür muss man, genauso wie beim Raclette, einen Tag vorher bestellen. Packt einen spontan der Käsehunger bekommt man aber auch ausgiebige Käse- und Schinkenplatten (6-17 Euro) mit Weinbegleitung serviert. U-Bhf Eberswalder Straße, Di-Do 11-21 Uhr, Fr 11-22 Uhr, Sa 10-22 Uhr, Essen vor Ort ab 18 Uhr
Wieder hingehen ins Café Sibylle. Das alteingesessene Kulturcafé im originalgetreuen DDR-Chic in der Karl-Marx-Allee 72 eröffnet am Samstagabend wieder! Nachdem der frühere Träger Ende März dieses Jahres Insolvenz angemeldet hatte, war unklar, ob die ehemalige "Milchtrinkhalle" sich halten würde. Die Antwort ist dank des Engagements der BVV "Ja" - sowohl für das Traditionscafé, als auch für die Dauerausstellung zur Geschichte der früheren Stalinallee. U-Bhf Strausberger Platz