Na das war ja mal ein Klingelstreich: Weil in Wien ein Mieter seinen Namen nicht mehr neben der Tür sehen wollte, drehte aus Angst vor der europaweiten DSGVO erst der Datenschutzbeauftragte durch und dann die Wohnungsgesellschaft – sie beschloss, alle Schilder ihrer 220.000 Wohnungen durch Nummern zu ersetzen. Das wiederum alarmierte in Berlin den Eigentümerverband „Haus und Grund“, der seine 900.000 Mitglieder zur Nachahmung aufforderte. Dann fiel jemanden auf, dass Klingelschilder ja gar keinen Internetanschluss haben: Sie funktionieren analog - und haben mit der Datenschutzgrundverordnung nichts zu tun. Also Entwarnung: Sie können mit dem Durchzählen wieder aufhören.
Ehrenrunde von „#unteilbar“ im Abgeordnetenhaus – Innensenator Geisel nannte die Demonstration „außerordentlich friedlich“, bedauerte, dass „kaum Deutschlandfahnen“ zu sehen waren und erklärte: „Wenn ich als Demokrat gefordert bin, gehe ich auf die Straße und demonstriere. Und ich lasse mich nicht davon abhalten, dass auch einige wenige Extremisten mitlaufen.“ Ein Satz von zentraler Bedeutung. Und das definitive Statement aus der gesellschaftlichen Mitte gegen diejenigen, die mit Extremisten nicht als Demokraten auf die Straße gehen, sondern als Xenophobiker.
Nachdem hier gestern die pferdpolitischen Sprecher der Fraktionen von CDU, SPD und FDP zu Wort gekommen sind (u.a. Andrea Nahles), haben wir heute zum Ausgleich was für die Hippophobiker im Bundestag – wir schauen in eine Mail der SPD-Abgeordneten, Justizministerin und EU-Spitzenkandidatin Katarina Barley, versendet am Donnerstag um 13.16 Uhr:
„Betreff: Gründungssitzung ‚das närrische Parlament‘
Sehr geehrte Kolleginnen und Kollegen,
trotz namentlicher Abstimmung findet die Gründungssitzung zum ‚närrischen Parlament‘ heute statt.
Wir treffen uns direkt nach der namentlichen Abstimmung ab 18 Uhr im Raum PLH 4.101.
Mit besten Grüßen, Helau und Alaaf“
So, zurück zum Ernst des Lebens… Abgesehen von Rotrasern sind für Fußgänger in Berlin vor allem kurzatmige Ampelphasen lebensgefährlich – und Slalomläufe um anfahrende Autos, die sich verbotenerweise auf Kreuzungen stauen. Ein Prototyp ist die Schulwegkreuzung Bundesallee / Trautenaustraße – sogar der ADAC hatte hier ein Sicherheitsproblem gesehen. Doch die Verkehrslenkung schaltete erst mal auf stur – und reagierte dann mit einem Ausweichmanöver:
„Eine Umstellung der LSA-Schaltungen – auch lediglich 5 Sekunden Verlängerung für die querenden Fußgänger – würden den Straßenverkehr für den MIV (Motorisierter Individualverkehr) erheblich beeinträchtigen. Die daraus folgende Staubildung führte zu weiteren Schadstoffbelastungen zum Nachteil von Mensch und Umwelt.“
Mit anderen Worten: Abgase eines wartenden Autos hält die Verwaltung für gefährlicher als den Kühlergrill eines fahrenden Autos. Aber damit nicht genug – natürlich folgte auch noch ein bisschen fatalistische Folklore (wir sind ja hier in Berlin): „Auch eine Verlängerung der Grünphase führte nicht per se zu größerer Akzeptanz der StVO.“ Tja, wenn der Automobilist nicht spurt, kannste nix machen. Mein Kollege Markus Hesselmann, der die Situation seit Jahren kennt (und fotografiert), sprach gerade direkt dort einen Polizisten auf das verkehrswidrige Verhalten an, vergeblich – daher sein Fazit (via Facebook): „Der blockierende Blechwall scheint in Berlin eine Art Naturereignis zu sein.“ So sieht das auch Bezirksbürgermeister Reinhard Naumann: Gestern verlas er den FB-Post von Hesselmann in der BVV.
Und hier ein Blick auf die Zahl der Rotlichtverstöße von Autofahrern allein an den 17 stationären Geräten im ersten Halbjahr 2018: Es waren 22.090. An der Spitze liegt mit 4000 Blitzen die Kreuzung Osloer Straße / Koloniestraße, gefolgt vom Reichpietschufer Höhe Tunneleingang (2411) und dem Ernst-Reuter-Platz (2234). Die weiteren Zahlen im Vergleich zu 2017 finden Sie hier.
So, dann lösen wir mal die „organisatorischen Probleme“ auf, die Schuld daran waren, dass die feierliche Eröffnung des ersten „Parklets“ in der Schönhauser Allee kurzfristig verschoben wurde (CP v. gestern): Die Verkehrsverwaltung hatte sich leider vermessen – der sperrige Holzkasten (10 x 2,5 Meter), der vor allem für Fahrradfahrer da sein soll, ist zu breit und ragt ausgerechnet in: den Radweg. Jetzt werden erst mal 50 Zentimeter abgesägt, und pünktlich zum ersten Schneefall steht das Ding.
Erste Ergebnisse unserer Langzeitrecherche „Wem gehört Berlin“ (gemeinsam mit „Correctiv“): Eingegangen sind schon nach den ersten Tagen hunderte Berichte über offensichtliche Versuche, Altmieter zu vertreiben, viele detaillierte Daten über Eigentumsumwandlung, aber ebenso Hinweise auf ansprechbare und verständige Vermieter. Auch Forschungsprojekte und Investoren beteiligen sich inzwischen. Sie können ebenfalls dabei helfen, mehr Transparenz in den Wohnungsmarkt zu bringen - wie das geht, steht hier.
Und hier ein paar aktuelle Artikel zum Thema:
„Immobilienbesitz und Mietpreise – die Auftaktveranstaltung.“
„Wie schafft Berlin schneller neuen Wohnraum?“
„Woher das Geld kommt – und wie es zu Beton wird.“
„Berlin muss sich wappnen.“
„Warum Transparenz wichtig ist.“
„Welche Preissteigerung Berlins Chefgutachter erwartet.“
Berliner Schnuppen
Telegramm
Kleiner Blick in die nähere Zukunft, sagen wir heute 12 Uhr: Es beginnen die Herbstferien (Pi mal Daumen) – und die Potsdamer AfD schaltet ihr Lehrer-Denunziationsportal frei (offiziell: „Gegen einseitige Indoktrination“). Dazu auch ein bisschen unnützes Wissen (das Sie nie mehr vergessen werden): Der bildungspolitische Sprecher der AfD-Fraktion war mal „Mister Brandenburg“ (hier, falls Sie sich ein Bild machen möchten) und Landesmeister im Windsurfen – wegen der Meldeaktion könnte ihm aber demnächst ordentlich Wind um die Ohren wehen.
Nachtrag zum CP von gestern – da haben wir doch gestern bei der Liste der Vergehen von Polizeischülern glatt ein Delikt vergessen: notorisches Falschparken. Immer wieder forderten die Ausbilder ihre angehenden Ordnungshüter auf, Autos vor der Akademie ordentlich abzustellen, vergeblich. Gestern schickte Schulleiterin Tanja Knapp deshalb einen Trupp ihrer Schüler zur praktischen Arbeit nach draußen: Sie mussten ihren Kollegen Knöllchen verpassen – ein Wagen wurde sogar abgeschleppt.
Aber was sollen sie auch machen, die Armen – sie müssen jeden Tag raus nach Spandau! Und in den Bussen und Bahnen ist ja auch kaum noch Platz: BVG-Chefin Nikutta erwartet in diesem Jahr mehr als 1,080 Milliarden Fahrgäste – das wäre ein neuer Rekord. (Q: Peter Neumann in der „Berliner Zeitung“). Merke: Berlin genießt die Verkehrswende in vollen Zügen.
Pünktlich zur Cannabis-Freigabe auf der anderen Seite des Atlantiks fragt die Flughafengesellschaft auf ihrer Website: „Wie wäre es mit Urlaub in Kanada?“. Da fragen wir doch mal nüchtern zurück: Wie wäre es mit einem Flughafen in Berlin? Also mit einem funkionierenden…
Aus der Rubrik „Was wurde eigentlich aus…“: Am 13.6.18 suchte der Schulleiter des Diesterweg-Gymnasiums am Gesundbrunnen im Checkpoint „für unsere Schulbibliothek eine ehrenamtliche Kraft, die erfahren ist im Umgang mit Bücherwürmern und Eselsohren.“ Jetzt meldete sich Checkpoint-Leserin Monika Rogge-Meißner bei uns: „Ich habe mich gleich angesprochen gefühlt. Seit Ende August bin ich einmal die Woche ehrenamtlich und helfe u.a. bei der Digitalisierung der Bibliothek. Allein die Arbeit und der Aufenthalt in der Fachbibliothek Deutsch mit Klassensätzen von Werken von z.B. Brecht, Böll, Frisch usw. machen mir richtig Freude. Ich bin gespannt, was sich daraus noch entwickeln kann!“
Apropos Gesundbrunnen: Wenn Sie mal Berlins traurigsten Spielplatz sehen wollen – Checkpoint-Leser Jürgen Ritter hat ihn hier fotografiert.
Und Gesundbrunnen zum Dritten: Der Polizeiabschnitt 36 rappt mal wieder – nach dem harten „Cop Thirty-Six“ (2013) vollziehen die Beamten diesmal auf ihrem offiziellen Youtube-Kanal die musikalische Verbrüderung mit dem Kiez: „Wir machen Fußballturniere mit den Jugendlichen, so können wir alle Probleme im Guten schlichten, wir sind alle gleich, keiner ist fremd, kein Hass, hier wird nur Liebe verschenkt...“ (zum Video geht’s hier). Kann man sich leicht drüber lustig machen. Steckt aber ein ernsthaftes Projekt dahinter – und das läuft auch schon ein paar Jahre, auf schwierigem Terrain. Die Polizei schreibt dazu: „Nur wenn es uns gelingt, Distanz und Vorurteile, aber auch Ängste abzubauen, können gegenseitiges Verständnis und Respekt wachsen.“ Ich finde, dieser Einsatz verdient Respekt.
Das Betriebsstörungsbingo kommt heute als Gastbeitrag aus dem ICE-Sprinter Frankfurt-Berlin – die Startverspätung von 12 Minuten wurde mit fehlenden Fahrplanunterlagen begründet. Fun Fact: In Berlin kam der Zug dann 2 Minuten zu früh an.Und da wir gerade bei der DB sind, hier gleich noch die offizielle Erklärung des Regionalbüros Berlin dafür, warum sich auf der Baustelle am S-Bahnhof Karlshorst seit Wochen nichts mehr tut: „Unterschiedliche Herausforderungen, wie Probleme mit dem Altbestand und beim Material, erfordern eine Anpassung an die Planung“. Aha. Checkpoint-Tipp: Ausschneiden und aufheben, für alle Fälle – mit dieser universell verwendbaren Begründung ließe sich sogar eine Flughafeneröffnung verschieben.
BER Count Up – Tage seit Nichteröffnung:
Flughafenchef Engelbert Lütke Daldrup hat das Wunder vollbracht: Am 31. Oktober 2020 ist der Flughafen BER offiziell eröffnet worden. 3.073 Tage nach der ersten Nicht-Eröffnung stellen wir damit unseren Count Up ein. Wer nochmal zurück blicken will: Im Tagesspiegel Checkpoint Podcast "Eine Runde Berlin" spricht Lütke Daldrup mit Tagesspiegel Chefredakteur Lorenz Maroldt und Checkpoint Redakteurin Ann-Kathrin Hipp über detailverliebte Kontrollen, politische Befindlichkeiten und aufgestaute Urlaubstage.
Zitat
„Patienten, die ihre Diagnose bereits über Google bezogen haben, werden gebeten, eine zweite Meinung nicht bei uns, sondern bei Yahoo einzuholen!“
Schild in einer Arztpraxis in Prenzlauer Berg, gesehen und vertwittert von Nicole Diekmann.
Tweet des Tages
„Lustig gemeintes Schild aus Arztpraxis getwittert. Aufgebrachte Reaktionen. Marktlücke: Blutdruckmessen in der Mittagspause.
Stadtleben
Russisch essen und natürlich trinken kann man im Matreshka in der Boxhagener Straße 60 (S-Bhf Ostkreuz) ziemlich gut und bodenständig. Auf die Frage, was die landestypischsten Speisen sind, bekommt Foodblogger Georg Weber von satt&froh Borschtsch (klar!), Oliviersalat, ein – auch im restlichen osteuropäischen Raum – als Neujahrssalat bekannter, deftiger Mischmasch aus Mayonnaise, Kartoffeln, Ei, Schinken und Erbsen, und Pelmeni. Dazu gibt’s Birkensaft, was insgesamt 13,30 Euro macht. Bestellt man eine Hauptspeise, bekommt man alle Vorspeisen für 2,90 Euro. Und davon hat die umfangreiche Karte einige zu bieten! Passend zum Preis ist die schlichte, tendenziell kahle Einrichtung, die an eine Kantine erinnert - aber an eine sympathische: Denn es kann passieren, dass der Kellner aus einer großen, tiefgekühlten Flasche Wodka aufs Haus einschenkt – aber psst! Tägl. 16-23 Uhr