Das war ganz große Oper gestern Abend bei der Wiedereröffnung Unter den Linden: „Hier erleben Sie Sehnsucht, Verzweiflung, Jubel und Triumph“, hatte Bundespräsident Steinmeier angekündigt, und so kam’s dann auch bei den sieben Szenen aus Goethes „Faust“. Am Ende ein grandioses Bühnenbild, volle Chöre, satter Klang, und: die Nebelmaschine funktioniert tadellos (ist wohl auch deshalb ständig im Einsatz). Einzige Checkpoint-Mäkelei: Von den 400 Mio Baukosten hätte ein bisschen was für ein paar mehr Pausenbrezeln abgezwackt werden können. Ansonsten schließen wir uns dem Fazit von Meister Goethe an: „Jauchzet auf! es ist gelungen.“
Monatelang konnte „Spiegel“-Autor Markus Feldenkirchen den SPD-Kandidaten Martin Schulz begleiten, einzige Bedingung: Die Geschichte sollte erst nach der Wahl erscheinen. Es ist als Destillat ein schonungsloses Lehrstück in politischer Verzweiflung geworden - und wohin sie führt. Schulz im März, als die SPD bei 30 Prozent in den Umfragen stand: „Ich bleibe dabei: Nicht konkret werden! Da werden die Schwarzen wahnsinnig drüber, dass ich nicht konkret bin. Ich werd’ nicht konkret. Die können mir den Buckel runterrutschen.“ Schulz im Juni, als die SPD bei 20 Prozent in den Umfragen stand: „Während wir Sozialdemokratinnen und Sozialdemokraten Konzepte vorstellen und Stellung beziehen, wird auf der anderen Seite geschwiegen. Dann nennt man das in Berliner Kreisen vielleicht asymmetrische Demobilisierung. Ich nenne das einen Anschlag auf die Demokratie.“ In der SPD sind sie übrigens fassungslos ob der schonungslosen Offenheit von Schulz. Demnächst in diesem Theater: Eine Stellenausschreibung („Demoralisierte Partei sucht Parteivorsitzende/n“).
AfD-Fraktionschef Gauland ist stolz auf die Leistung der deutschen Soldaten in zwei Weltkriegen mit Überfällen auf Nachbarn und Gräueltaten an Zivilisten - Innensenator Geisel kann stolz sein auf die Leistung der Feuerwerker seiner Polizei bei der Entschärfung von Spätfolgen des deutschen Eroberungswahns: Der Zünder einer 250-Kilo-Weltkriegsbombe, bei Bauarbeiten in Schöneberg entdeckt, wurde kontrolliert gesprengt. Zuvor hatten 10.000 Menschen die Sperrzone rund um den Bahnhof Innsbrucker Platz verlassen müssen. Die Bombe war übrigens eine deutsche Produktion, versehen mit einem russischen Zünder. Bis zu 3000 solcher Blindgänger liegen nach Senatsschätzungen noch irgendwo in der Stadt herum - die Vergangenheit ist in Berlin eben präsenter, als sich das manche wünschen.
Hurra, ein neuer Berliner Rekord: Der Verkehrsverwaltung ist es tatsächlich gelungen, die Statik des Ampelmastes Heiligenseestraße/Konradshöher Straße in Reinickendorf (inzwischen eine Checkpoint-Berühmtheit) innerhalb von nur vier Jahren zu berechnen. Die „Lichtsignalanlage“ (LSA) war bei einem Unfall am 8. Mai 2013 beschädigt worden. Was dann geschah, erklärt uns jetzt Staatssekretär Kirchner (auf Anfrage von CDU-MdA Stefan Schmidt) - und weil es so schön ist, in voller Länge:
„Es gibt für LSA-Maste sowie für Gemeinschaftsmaste, also Maste, an denen sowohl Signalgeber einer LSA als auch eine Beleuchtung montiert werden, keine vorgegebene Norm. Auf Grund neuer EU-weiter Normen zu Lastannahmen (insbesondere Windlast) wurde es jedoch erforderlich, diese Maste neu zu dimensionieren und zu berechnen. Als erstes musste folglich die Berechnungsweise der Statiken geklärt werden. Insgesamt handelt es sich um 17 verschiedene reguläre Masttypen (ohne Sonderkonstruktionen), zu denen jeweils unterschiedliche Anbauten (Anzahl an montierten Signalgebern, Auslegerlänge, Beleuchtungsmittel, Verkehrszeichen, etc.) zu berücksichtigen sind. Über die Statik des einzelnen Mastes hinaus, ist zudem die Gründungsstatik mit teilweise unterschiedlichen Fundamenten zu berechnen. Bereits die erste Berechnung der Maststatiken nach neuer Dimensionierung der Maste hat bei diesem Umfang einen größeren Zeitbedarf erfordert. Die Statiken wurden zweimal von Prüfstatikern überprüft, die zu unterschiedlichen Ergebnissenkamen, wodurch aufwändige Klärungen erforderlich wurden. Da die Verwaltung in diesem Bereich keine eigene Fachkompetenz besitzt, mussten für alle Berechnungen und Prüfungen externe Fachkräfte beauftragt werden, was zusätzlichen Zeitaufwand bedeutete.“ Uff… So gesehen liegt der BER noch echt gut im Rennen.
Der Senat hat nicht nur das eine oder andere Problem im Detail, sondern auch ein ganz grundsätzliches, wie folgende herrliche Geschichte zeigt. Bausenatorin Katrin Lompscher hatte bei einer Immobiliendiskussion laut „taz“ verkündet: „Wir leben bis zum Hals im Kapitalismus. Das ist das Problem.“ Der FDP-MdA Stefan Förster wollte jetzt wissen: „Teilt der Senat diese Auffassung?“ Und hier die Antwort von Staatssekretär Sebastian Scheel (Nachfolger von Andrej Holm): „Die von der Senatorin getroffene Aussage stellt auf die Wirkung von kapitalbasierten spekulativen Investitionsentscheidungen ab und zielt auf ein gesellschaftliches Grundproblem und seine Folgen für die Gesellschaft. Dieses äußert sich in einer vor Jahrhunderten entstandenen und bis heute vorherrschenden Wirtschaftsweise, die auf einen möglichst großen Zugewinn als zentrales Ziel des Wirtschaftens abstellt und dafür eigenes oder fremdes Kapital einsetzt. Der Senat hat sich zu diesem Grundproblem keine abschließende Meinung gebildet.“
Telefonprotokoll des Versuchs, einen Termin beim Bürgeramt zu machen.
Anfang September, Anruf bei der so genannten Service-Nr. 115:
„Ich möchte bitte Anfang November einen Termin im Bürgeramt Pankow für einen neuen Personalausweis haben.“
„Sie rufen viel zu früh an, die Wartezeit für Termine ist vier Wochen. Bitte rufen Sie in einem Monat wieder an.“
Anruf Anfang Oktober:
„Ich möchte bitte Anfang November einen Termin im Bürgeramt Pankow für einen neuen Personalausweis haben.“
„Sie rufen viel zu spät an, die Wartezeit ist acht Wochen. Etwas früher ginge es nur in Buch.“
„Ich bin schwerbehindert und möchte gerne zum Bürgeramt Pankow.“
„Buch in vier Wochen oder Pankow im Dezember?“
Telegramm
Michael Müller steckte dieser Tage in einem politischen Dilemma: Soll er die lange geplante Reise nach Los Angeles antreten (und der Opposition eine Häme-Vorlage schenken) - oder angesichts der Turbulenzen in Berlin lieber nicht (und eine Wirtschaftsdelegation sowie die Gastgeber düpieren)? Das Ergebnis der Abwägung zwischen Schaden und Chancen: „Michael Müller reist heute nach Los Angeles.“
Bei den Feiern zum Tag der Deutschen Einheit in Mainz wurde im Berliner Zelt ein kulinarischer Kohl-Kompott als Kompromiss kredenzt: Döner mit Saumagen (letzteres das Lieblingsmahl des Ex-Kanzlers, mit dem er seine Staatsgäste zu malträtieren pflegte) - dafür gibt’s das Checkpoint-Prädikat „GGGG“ (Gut gemeinte gourmetarische Grenzüberschreitung).
Die verblüffende Idee des Senats, ausgerechnet die Berliner Stadtreinigungsbetriebe (BSR) testweise mit dem Betrieb der Berliner Stadtparkreinigung in ausgewählten Grünanlagen zu beauftragen, war völlig überraschender Weise erfolgreich: Noch vor der abschließenden Auswertung wird das Pilotprojekt um drei Monate verlängert (bis 31.3.2018). (Q: Anfrage MdA Förster, FDP).
Ein Ausläufer der Gravitationswellen, die das Nobelpreis-Komitee gestern mit der Physikentscheidung auslöste, schwappten auch in Potsdam an - das Albert-Einstein-Institut kooperiert mit den geehrten US-Forschern (darunter der in Berlin geborene und mit seiner Familie vor den Nazis geflüchtete Rainer Weiß), die aus der Relativitätstheorie eine Absolutheit machten.
„Winzer erwarten maue Ernte in Berliner Weingärten“ ist auch eine Schlagzeile, die getrost jedes Jahr aus der Schublade gezogen werden kann - na und? Die Stadt ist eben nur was für Feinschmecker: Gestern wurden die ersten sauren Beeren auf dem Kreuzberg gelesen, heute sind die vom Humboldthain dran - hat eben schon seinen Sinn, dass in unserem Stadtwappen „In Vino Berolini Veritas“ steht.
Aus der Reihe „Berlin, aber Schnauze“ (via Moritz Gathmann) - Durchsage der Busfahrerin im M45: „Jetzt mal alle weiter durchrücken. Der Bus is 18 Meta lang und fährt hinten nich woandas hin.“
Gefühlt ist Berlin Deutschlands Rasermetropole Nr. 1 - aber das Gefühl trügt, wie eine Langzeitstudie zeigt: Der Titel geht mit deutlichem Vorsprung an Hamburg, gefolgt von München und Köln. Berlin liegt abgeschlagen auf Platz 4, und das ist mal eine wirklich gute Nachricht.
Vor sieben Jahren war das Sony-Center für 570 Mio Euro an einen koreanischen Pensionsfonds verkauft worden - der reichte es jetzt für fast die doppelte Summe an einen kanadischen Pensionsfonds und eine New Yorker Investmentgesellschaft weiter. Blöd für Berlin: Weil die Sache als „Share Deal“ abgewickelt wird, also nicht die Immobilien verkauft werden, sondern Anteile an der Eigentümergesellschaft, fällt keine Grunderwerbssteuer an- durch den leider ganz legalen Steuertrick entgehen der Stadt 66 Millionen Euro.
Auch andere Weltmetropolen haben so ihre Probleme mit Großbaustellen: In Stuttgart (so eine Art Vorort von Prenzlauer Berg) haben sie jetzt mal testweise das Endlos-Bahnhofs-Projekt S21 zum Hafen umfunktioniert - Anlass war ein bisschen Regen, prompt lief die Grube voll (Bericht und Bilder hier).
BER Count Up – Tage seit Nichteröffnung:
Flughafenchef Engelbert Lütke Daldrup hat das Wunder vollbracht: Am 31. Oktober 2020 ist der Flughafen BER offiziell eröffnet worden. 3.073 Tage nach der ersten Nicht-Eröffnung stellen wir damit unseren Count Up ein. Wer nochmal zurück blicken will: Im Tagesspiegel Checkpoint Podcast "Eine Runde Berlin" spricht Lütke Daldrup mit Tagesspiegel Chefredakteur Lorenz Maroldt und Checkpoint Redakteurin Ann-Kathrin Hipp über detailverliebte Kontrollen, politische Befindlichkeiten und aufgestaute Urlaubstage.
Zitat
„So schön, kaputt, schlapp und wunderbar blödsinnig kann das reale Kreuzberg gar nie gewesen sein.“
Wolfgang Höbel im „Spiegel“ über Sven Regners Roman „Wiener Straße“ (und ja doch, so war es gewesen, jedenfalls so ungefähr).
Tweet des Tages
„Craft Beer“ kommt ursprünglich aus dem Lateinischen und bedeutet „kostet 4 Euro mehr“.
Stadtleben
Essen & Trinken Zwischen Märkischem Museum und Tresor liegt die republik-berlin - ein Biergarten mit wetterfester Bierambulanz. Neben fränkischem Gerstensaft wird Craft Beer aus Berlin ausgeschenkt und derzeit auch Guinness, denn Barker Bites Streetfood übernimmt bis zum 10. Oktober die kulinarische Programm in der Köpenicker Straße 74 (U-Bhf Heinrich-Heine-Straße) - very british mit Black Pudding und Scotch Eggs, sonntags stilecht mit Sunday Roast. Tgl. ab 15 Uhr, ab dem 8. Oktober Mi-Sa ab 19 Uhr, Winterpause von Dez bis Apr.