Glyphosat ist doch extrem schädlich. Man kann damit nicht nur Insekten vergiften, sondern auch bevorstehende Koalitionsverhandlungen. Der Bundeslandwirtschaftsminister (Schulz oder Schmidt oder so, von der CSU) hat das gestern in Brüssel eindrucksvoll demonstriert. In der SPD sind sie offenbar ernsthaft sauer, aber die nächste GroKo wird daran kaum scheitern - zumal sich die SPD Neuwahlen („Projekt 18“) kaum leisten könnte, wie ihr Schatzmeister meinem Kollegen Hans Monath für unser heutiges Tsp-Politikjournal „Agenda“ erzählt hat.
Der Innenausschuss befasste sich gestern mit der Frage, warum der tschetschenische Serienräuber Ilyas A. nicht abgeschoben wurde, bevor er im Tiergarten die Kunsthistorikerin Susanne Fontaine ermordete. Das Fazit ist ein bedrückender Mix aus gut gemeinten Bedenken und theoretisch klaren Regeln, die sich praktisch nicht umsetzen ließen, weil es z.B. gerade keine Abschiebehaftplätze gab. Immerhin war Innensenator Andreas Geisel (SPD) wie gewohnt klar, während der Linke Hakan Taş den Anlass für passend hielt, „jede Abschiebung ist eine zu viel“ zu sagen, und CDU-Mann Burkard Dregger fragte, „ob man den (Täter) überhaupt als Mensch bezeichnen kann“. Passiert zum Glück nicht oft, dass Verbrechensopfer im Parlament gleich aus zwei Richtungen verhöhnt werden.
Dass weitere Ermittlungspannen zum Massenmörder vom Breitscheidplatz bekannt wurden, wäre fast keine Nachricht mehr, wenn nicht gestern der Weihnachtsmarkt eröffnet worden wäre. Sieht aus wie 2016, fühlt sich aber anders an. Die größeren Märkte sind verpollert - auch der am Schloss Charlottenburg, dem das Bezirksamt kurz vor Eröffnung weitere Barrieren verordnete. Dann muss es sie auch bezahlen, entschied das Verwaltungsgericht zunächst ad hoc. Sollte der verbindliche Gerichtsbeschluss heute ebenso ausfallen, dürften auch andere Marktbetreiber klagen. Regiermeister Michael Müller hat bei einer Tour über den Breitscheidplatz am Montag schon mal 100.000 Euro für den Schaustellerverband in Aussicht gestellt. So richtig besinnlich will es bisher nicht werden.
Mutmaßlich authentische gute Laune lag im Roten Rathaus in der Luft, wo das R2G-Spitzenpersonal sich fürs erste Regierungsjahr lobte und feststellte, dass wichtige Dinge zumindest angeschoben worden seien. Wann sie die Bürger erreichen, ist eine andere Frage, die sicher noch viele Jahre aktuell bleibt. Fürs Erste lohnt ein Blick auf die Noten der Wirtschaftsverbände: Die IHK-Chefin lobt Industriepolitik und Investitionsoffensive, warnt aber vor Staatswirtschaft in der Energiepolitik und wartet sorgenvoll auf Verwaltungsmodernisierung (Senat vs. Bezirke) sowie -digitalisierung und mehr Wohnungsbau. Auch die Unternehmensverbände sehen wichtige Dinge angegangen, vermissen aber „Zählbares“.
Weil die alten U-Bahnzüge zunehmend gleisbettlägerig werden, hat die BVG jüngst 80 Neuwagen bei Stadler bestellt - der Eile wegen ohne Ausschreibung, obwohl der 112-Mio-Auftrag die EU-weite Peanuts-Grenze um Faktor 267 übertrifft. Dagegen geht Konkurrent Siemens (der nebenbei gemeinsam mit Stadler neue S-Bahnen baut) nun juristisch vor. Das passende Gutachten gibt’s schon - dummerweise von der BVG vorab selbst bestellt, aber dann mutig ignoriert. Jahrelanges Verschlafen sei jedenfalls kein gerichtsfester Grund, sich die Ausschreibung zu sparen, schreiben die Juristen (lt. „Berliner Zeitung“). CP-Prognose: Die Einfahrt der Züge verzögert sich um ca. 1-3 Jahre.
Manche vermuten schon länger, dass es die omnipräsente Neuköllner Bezirksbürgermeisterin Franziska Giffey (SPD) mehrfach gibt. Aktuellstes Indiz ist, dass sie sich die stadtweite Koordinierungsstelle für die Schulneubau-Offensive aufgehalst hat (und das wenige Tage nachdem ihr Schulstadtrat mit 1,44 Promille am Steuer havariert ist, CP von gestern). Die Aufgabe reize sie, denn: „Wann hatten wir das schon mal, dass 5,5 Milliarden Euro für die Stadt ausgegeben werden können?“ Das Personal im Neuköllner Hochbauamt wurde bereits auf 56 Leute verdoppelt. Vielleicht jammern deswegen alle anderen Verwaltungen, der Arbeitsmarkt sei leergefegt.
Angesichts von gut 34.000 geklauten Fahrrädern pro Jahr in Berlin fragt man sich ja, ob wirklich niemand was merkt, wenn z.B. kesseldruckimprägnierte 130-Euro-Schlösser aus gehärtetem Mondstein aufgebohrt werden. Mein Kollege Christoph Stollowsky hat so einen Fall erlebt - tagsüber, vor Karstadt in Steglitz. Alle haben’s gemerkt, aber keinen hat’s interessiert. Bis auf einen, der den Bohrfix ansprach und zu hören bekam, das Rad gehöre dessen Frau; sie habe den Schlüssel verloren. Der Passant verlangte, die Frau anzurufen und nach der Farbe des Rades zu fragen. Es meldete sich eine Frau - und nannte die falsche Farbe, woraufhin der Dieb türmte. Zu Fuß.
Telegramm
Am Ku’damm wird heute Abend die Weihnachtsbeleuchtung eingeschaltet. Unter den Linden, wo der Sponsor wegen der Großbaustellen das Weite bzw. Dunkle gesucht hatte, sollen die Lichter nächste Woche folgen. Der Sender „105,5 Spreeradio“ hatte nach der Absage seine Hörer zu Spenden aufgerufen und knapp 100.000 Euro zusammen bekommen. Wer in letzter Zeit mal Unter den Linden war, könnte allerdings auch der Finsternis einiges abgewinnen.
Falls auch Sie regelmäßig zwischen Marzahn und Hellersdorf pendeln: Am Freitag geht die von der abgeblühten IGA übrig gebliebene Seilbahn wieder in Betrieb. Für 26 Euro gibt’s ein Monatsticket, Die Einzelfahrt kostet 4 Euro (mit Rückfahrt 6,50), außerdem gibt es Ermäßigungen sowie Spezialtarife für Schulklassen. Wer noch ein abgefahrenes Weihnachtsgeschenk sucht: Auch Kombitickets mit der Naturbobbahn am Kienberg (9 Euro) sind im Angebot.
Wo wir gerade in der Schwebe sind: ThyssenKrupp will im noch zu errichtenden „East Side Tower“ neben der Mercedes-Arena „das erste kabellose, vertikal und horizontal befördernde Aufzugssystem der Welt“ einbauen. Klingt nach Rohrpost, soll aber eher elektromagnetisch funktionieren. Was bei Stromausfall passiert, wird sicher rechtzeitig geklärt. Perspektivisch könnte mit dieser Technik doch auch die Seibahn auf Wireless umgerüstet werden.
Nachtrag zu den geklauten Dokumenten, die allesamt an einem Nachmittag neu bestellt werden konnten (CP von gestern): Inzwischen hat ein Finder (oder Diebeshelfer, wer weiß) das Portemonnaie mit allem außer dem Bargeld zurückgebracht. Der bereits neu beantragte Führerschein ließ sich noch stoppen, aber Perso, EC-Karte, BVG-Jahresticket und Versichertenkarte sind schon unterwegs. Wenn die Berliner Behörden doch bloß nicht so schnell wären…
Und dann sind sie auch noch so nett, wie CP-Leserin Patricia R. aus F’hain-Kreuzberg schwärmt: Versehentlich zu spät zur Vaterschaftsanerkennung gekommen, trotzdem herzlich empfangen und bestens beraten worden - wie zuvor schon bei allen Fragen zur Elternzeit. Solange man den richtigen Weg nicht verlässt, kann man sich im Berliner Behördendschungel durchaus wohlfühlen.
Post von CP-Leser P., der Montagfrüh 6:50 Uhr von TXL nach Köln geflogen ist - mit Lufthansa, aber diesmal ohne den um diese Zeit als Grundrecht unveräußerlichen Kaffee. „Machen wir nicht mehr bei Flugzeiten unter einer Stunde“, habe die Stewardess erklärt. Monopolistenbande!, schäumt Herr P., dessen kompletter Name nicht genannt werden soll. Offenbar hat er Angst, dass er beim nächsten Mal einen Stehplatz bekommt.
Der Brandenburger Landesrechnungshof hat seinen Jahresbericht vorgelegt. Der enthält einigen Mist von märkischem Kleinvieh, aber diesmal nichts zum BER. Sich den wieder vorzuknöpfen, war der Behörde offenbar zu billig.
BER Count Up – Tage seit Nichteröffnung:
Flughafenchef Engelbert Lütke Daldrup hat das Wunder vollbracht: Am 31. Oktober 2020 ist der Flughafen BER offiziell eröffnet worden. 3.073 Tage nach der ersten Nicht-Eröffnung stellen wir damit unseren Count Up ein. Wer nochmal zurück blicken will: Im Tagesspiegel Checkpoint Podcast "Eine Runde Berlin" spricht Lütke Daldrup mit Tagesspiegel Chefredakteur Lorenz Maroldt und Checkpoint Redakteurin Ann-Kathrin Hipp über detailverliebte Kontrollen, politische Befindlichkeiten und aufgestaute Urlaubstage.
Zitat
"Oft fehlt den Menschen einfach die Info, dass Plastik böse ist."
Milena Glimbovski, Gründerin des Ladens „Original Unverpackt“ und Buchautorin mit Weltrettungsambition, im Tagesspiegel-Interview. Gibt’s auch papierlos als E-Paper.
Tweet des Tages
"Leider muss es dieses Jahr einen 13. Monat geben, weil ich meinen Urlaub nicht untergekriegt hab. Der neue Monat heißt Verplember."
Stadtleben
Neu in Kreuzberg ist der erste Berliner Imbiss, in dem sich alles nur ums Ei dreht: die Egg Kneipe. Seit Anfang November landen am Kottbusser Damm 1 vor allem Spiegel-, Rühr- oder pochierte Eier (in Bio-Qualität) auf den Tellern, die in Amsterdam handgefertigt wurden (eieiei), täglich wechselnd stehen auch mal Auberginen-Lachs-Quiche oder Tomatensuppe (mit Ei) auf dem Speiseplan. Besonders lecker: das Rührei mit selbstgebeiztem Lachs. Und trotz der phonetischen Ähnlichkeit besteht keine Verwechslungsgefahr mit der Altberliner Eckkneipe, zu hip und monochrom eingerichtet ist der kleine Laden. U-Bhf Schönleinstraße, Mo-Sa 11-20 Uhr.
Trinken An der Ecke gegenüber, auf der anderen Seite des Landwehrkanals, schenkt dafür der Rote Rabe kräftig aus. In gepflegter Wohnzimmer-Atmosphäre (hier mal wirklich gelungen) landet nicht nur Bier im Glas, sondern auch der ein oder andere Cocktail. Der obligatorische Gin&Tonic darf natürlich nicht fehlen, aber am besten starten Sie hier mit einem Aperitif. Sollten Sie mal verloren an dieser Ecke stehen: Der Rote Rabe hilft sicher bei der Entscheidung, welcher Weg der richtige ist. Kottbusser Straße 13 (U-Bhf Kottbusser Tor), tgl. ab 17 Uhr.