beginnen wir diesen bewölkten Samstag mit einem kurzen Überblick über die stimmungsmäßig ähnlich verhangenen Berlin-Nachrichten:
+++ Appell ans Verfassungsgericht: Berlins Landeswahlleiter warnt vor zu hohen Anforderungen bei Wahlwiederholung. Jeder muss in Präsenz abstimmen können, sagt das Verfassungsgericht. Laut Landeswahlleiter Bröchler würde es dafür aber nicht genug Wahlhelfer und Wahllokale geben.
+++ „Wäre fatal, wenn Menschen die Wohnung verlieren“: Senatorinnen bitten Berlins Gerichte, auf Zwangsräumungen zu verzichten. Die Linkspolitikerinnen Katja Kipping und Lena Kreck appellieren in der aktuellen Kosten-Krise an die Justiz. Ihr Schreiben ist jedoch bewusst vorsichtig formuliert.
+++ Feierabend fürs Berghain? Gerüchte um Schließung des legendären Berliner Clubs. Insider berichten, die Betreiber hätten „kein Lust“ mehr. Die Berghain-Booking Agentur und das zum Club gehörige Label „Ostgut Ton“ haben bereits offiziell aufgegeben.
Auf tagesspiegel.de informieren wir Sie gewohnt zuverlässig über alle Entwicklungen in und rund um Berlin.
„Skandal!“ riefen nicht wenige bei der Uraufführung von Arnold Schönbergs „Pierrot Lunaire“ im Choralion-Saal am Potsdamer Platz am 16. Oktober 1912 – diesen Sonntag vor 110 Jahren. So alt ist die Neue Musik nun schon. Diesen Sonntag vor 13 Jahren, nämlich 2009, eröffnete Angela Merkel das Neue Museum, welches unter anderem die ägyptische Sammlung samt Nofretete-Büste zeigt. So jung ist die Vergangenheit. Noch jünger ist der heutige Tag, also frisch ans Werk, wie Mephistopheles Faust aufforderte.
Apropos frisch: Was essen Sie am Wochenende? In der neuen Podcastfolge „Berliner & Pfannkuchen“ setzen sich die Kolleg:innen Ann-Kathrin Hipp und Lorenz Maroldt mit Berlins Kulinarik auseinander. Was isst Berlin? Isst Berlin anders? Und: Ist Berlin vielleicht sogar Vorreiter in Sachen Ernährungswende? All das wird geklärt. Wissenschaftliches Lob für den Senat inklusive. Jetzt auf tagesspiegel.de und überall, wo es Podcasts gibt.
Samstagmorgen – Wundern Sie sich nicht, wenn heute besonders viele in Frack und Zylinder gekleidete Mitmenschen unterwegs sein sollten: Die Komödie am Kurfürstendamm zieht (sich) aus – dafür ziehen wir uns an. Vor dem Auszug werden nämlich überschüssige Kostüme aus der Requisite ab 12 Uhr feilgeboten. Beste Gelegenheit auch für verhaltenstherapeutische Höchstleistungen: Seien Sie heute einfach mal jemand ganz anderes, kommen Sie mal aus sich heraus.
Samstagmittag – Und wenn Sie schon mit Frack und Zylinder unterwegs sind, dann doch bitte auf einem passenden Untersatz. Ein Pferdegespann inklusive Chauffeur können Sie hier mieten. Eine Nummer weniger Pomp bietet der Drahtesel – zumal wenn es sich um ein schwereres, sanft rollendes, älteres Exemplar der Gattung Hollandrad handelt. Die – und andere Fahrräder – finden Sie heute beim Berliner Fahrradmarkt im Haus der Statistik. Und da es um Gebrauchtware geht: Vor Ort anwesende Fahrradmechaniker:innen kümmern sich bei Bedarf um die Stimmigmachung eventueller Unstimmigkeiten. Der Berliner Fahrradmarkt hat von 14 bis 18 Uhr geöffnet.
Samstagabend – Wer nach dermaßen viel körperlicher Bewegung etwas für den hungrigen Geist tun möchte, begibt sich um 19 Uhr in die Buchhandlung im Aufbauhaus (Moritzplatz). Dort liest Robert Menasse aus seinem Roman „Die Erweiterung“. Das Buch erzählt die Geschichte zweier Blutsbrüder, von denen einer polnischer Ministerpräsident wird, der andere EU-Abgeordneter. Auf der politischen Bühne stellen beide fest, dass ihre Ziele vollkommen unvereinbar geworden sind, aus ihrer Wahlbrüderschaft wird erbitterte Feindschaft. Eintritt 9/7 Euro.
Sonntagmorgen – Intellektuelle Probleme verarbeitet man bekanntlich am besten beim Lustwandeln. Und Lustwandeln geht bekanntlich am besten in Grünanlagen wie dem Volkspark Potsdam, dem kleinen, beschaulichen Nachbarn von Sanssouci. Beide Anlagen sind übrigens durch den kleinen Wiesenpark miteinander verbunden, sodass man zwar die ein oder andere Straße überqueren muss, aber nie ganz aus dem Grün raus muss, um von hüben nach drüben zu gelangen. Wer hier schon ganz früh morgens seine Runde dreht, sollte dies auch in Ruhe tun können. Spätestens um zwölf wird es allerdings laut: Dann zerstreut hier ein tosendes Herbstfest mit Kürbisschnitzerei, Lagerfeuer, Stockbrotbacken und Ponyreiten den Fokus, wirbelt eine Herbstrallye Laub auf und erinnern tragikomische Clowns unabsichtlich an so manchen Gruselroman. Wie gesagt, geht sich der Weg nach Sanssouci leicht – wer dagegen Ablenkung für sich und seinen Nachwuchs sucht, ist hier richtig. Eintritt 5/2,50 Euro, Kinder bis 4 Jahre frei.
Sonntagmittag – Schon um 1950 hat Theodor Adorno den Riss zwischen Arbeit und Freizeit bemängelt, den er durch die deutsche Gesellschaft klaffen sah: her die lästige Lohnarbeit, dort die nur noch auf hohle Unterhaltung zielende Freizeit. Die Konsequenz: Nach Feierabend kein Denken mehr (weil das ja Arbeit wäre). Ablenkungsprogramm trifft auf Fachidiotie. Dass es nicht ganz so schlimm um die Welt stehen kann, beweist vielleicht ein wenig die anhaltende Begeisterung für Werner Herzog, nicht nur als Schauspieler, sondern vor allem auch als Filmemacher. Er fordere sein Publikum, traue ihm etwas zu, liest man über ihn: Eine Haltung also, die bei den meisten Filmproduzenten Alarmglocken läuten lassen müsste. Und doch ehrt die Deutsche Kinemathek sein Schaffen mit einer siebenmonatigen Ausstellung nebst reichlich Rahmenprogramm.
Sonntagabend – Und weil Enden, auch die von Wochenenden, wehtun, gibt es zum Schluss Mozarts Requiem. Es soll ja Leute geben, denen die Musik aus seiner Feder im Allgemeinen zu beschwingt tönt. Um es kurz zu machen: Hier tut sie es nicht. Unzählige Schlüsselszenen aus der gesamten Filmgeschichte haben Teile wie das ungewöhnlich vom „Dies Irae“ abgetrennte „Lacrimosa“ dermaßen tief ins kollektive Trauergedächtnis eingeschrieben, dass auch denen, die es nicht beim Namen kennen, die Bestürzung anzusehen sein wird. Und das mit Recht, schließlich wird es im Anschluss vorbei sein, das Wochenende. Karten ab 37,25 Euro gibt es hier.
Mein Wochenende mit
Kevin, unser liebstes Wildschwein in der Rotte, kennt jeden Flecken Land in Berlin und Brandenburg. An dieser Stelle gibt er wöchentlich Ausflugstipps ins Umland.
„Puh, das ist nochmal gutgegangen. Dabei hatte alles so harmlos angefangen! Ich dachte mir, ein Spaziergang täte gut, bringe den Kreislauf in Schwung, inspiriere das unterstimulierte Gemüt und erhöhe den Spin meiner Quanten in entgegengesetzter Richtung zur Drehung meiner Fettsäuren, sodass am Ende alles ein wenig zur Ruhe kommen möge. Nichts da! Erst bin ich von einem gigantischen Glühwurm, der sich im Nachhinein als Laterne herausstellte, erschreckt worden, woraufhin ich das Gleichgewicht verlor und empört grunzend in den Kanal purzelte, wo wiederum ich einer Gruppe Floßwandernden einen Schrecken versetzte, die unversehens davonrannte. Ich ihnen natürlich hinterher, um mich zu erklären: So einen ersten Eindruck wollte ich nicht hinterlassen! Ich folgte ihnen in eine Burg und, ich würde es ja selbst nicht glauben, wenn ich nicht dabei gewesen wäre: Der ganze Bau war aus aufgeblasenem Gummi! Eine Hüpfburg, sapperlot! Wir begegneten einander also im Flug, kopfüber und in anderen Lagen – der Begriff Spin gewann deutlich an Bedeutungshorizont. Falls Sie sich erinnern: Ich habe ja schon einmal den Rathenower Optikpark erwähnt. Diesmal ist er aber ein ganz anderer, denn am Sonntag endet hier die Draußensaison, und ebendies wird mit einem umfassenden Herbstfest (Sa und So 13 bis 17 Uhr) gefeiert. Ich empfehle mich, mit freundlichen Grunzen.“
Leseempfehlungen
Hutträger – Pilze sind faszinierende Lebewesen, gehören weder der Flora noch der Fauna an, legen scheinbar Wert aufs Äußere und fressen sogar Gestein. Welche Sie unbesorgt essen können und welche nicht und was es sonst noch so in der Brandenburger Pilzschaft zu beachten gilt, haben Annette Kögel, Silvia Passow und Henri Kramer (T+) aufgeschrieben.
Abflug – Der Flughafen BER ist ein Underperformer, sagt der Berlin-Tourismus. Nach Easyjet streicht hier nun auch Ryanair Linienflüge, Thorsten Metzner (T+) berichtet.
Ware Mensch – der Komponist Marc Sinan hat die App Human Commodity entwickelt, mit der die Geschichte von Berliner Zwangsarbeiter:innen nacherlebbar wird. Fanny Heimerl (T+) hat ihn gesprochen.
Zielscheibe Mensch – Wie es sich anfühlt, queerfeindlich angegriffen zu werden, und mehr von der Belgrader Europride-Parade erzählt Nadine Lange (T+).
Wochenrätsel
Gewonnen! Laut Senatsverwaltung ist „eine abstrakte Bewertung der Rechtslage im Hinblick auf eine rechtssichere Einordnung von…
a) …Stadttauben
b) …Sparfüchsen
c) …Eisbären
…nicht möglich, ohne dass konkretisiert wird, in welchem Rechtsgebiet und zu welcher konkreten Rechtsfrage eine Einordnung stattfinden soll“.
Tipp: Auch ohne den Sinn dieser Satzkonstruktion gänzlich zu durchdringen, kann richtig antworten, wer den Checkpoint letzte Woche aufmerksam gelesen hat.
Schicken Sie uns die richtige Lösung und gewinnen Sie einen Checkpott.
Jetzt mitmachenDiesen Wochenend-Checkpoint hat Ihnen Kathrin Maurer (Frühproduktion) auf den Bildschirm gezaubert, am Montag lesen Sie an dieser Stelle von Lorenz Maroldt. Haben Sie ein schönes Wochenende!