Wichtigste Erkenntnis der vergangenen Nacht: Friederike fliegt nicht auf Berlin - der stärkste Orkan über Deutschland seit Kyrill 2007 zog am südlichen Stadtrand vorbei, außer Regen und ein bisschen Wind war nichts gewesen. Nachrichtenflaute herrscht in Berlin aber deshalb nicht.
Friederike wütete in weiten Teilen des Landes derart, dass die Bahn den Fernverkehr einstellte - auch in Berlin. Gefällte Bäume und umgestürzte Laster blockierten viele Straßen, in Brandenburg starb ein Lkw-Fahrer. Die Berliner Flughäfen blieben weitgehend von Ausfällen verschont, nur am BER ging nichts (mehr dazu weiter unten).
Auch am Freitag ist noch mit Verkehrsproblemen zu rechnen, die SPD entschied sich deshalb am Abend, zu ihrer Fraktionsklausur in Hamburg nicht mit der Bahn, sondern im Bus anzureisen (Abfahrt: 8 Uhr; mehr zu HH unter „Encore“). Wichtigste Flüsterparole der Genossen für die Tour: Bloß mit keinem Journalisten über den Führungskrach Müller/Saleh sprechen, „um den Fraktionsfrieden nicht zu gefährden“. Es kommentiert Willy Brandt: „Friede ist nicht nur Abwesenheit von Krieg. Friede verlangt auch Freisein von Unterdrückung und Unwissenheit.“
Gefährdet ist bei der SPD-Klausur allerdings auch der Koalitionsfriede: Der Resolutionsentwurf zur Wohnungs- und Mietenpolitik liest sich eher wie ein Revolutionsentwurf - wird er nicht noch entschärft, ist das eine Kampfansage an Bausenatorin Lompscher. Das Papier könnte zur Abrissbirne werden. Wohin sie ausschlägt, ist aber noch offen.
In Turbulenzen geriet Rot-Rot-Grün diese Woche schon beim Koalitionsausschuss zum BER (Teilnehmer: Partei- und Fraktionschefs, Regierender Bürgermeister, Finanzsenator, Flughafen-GF Lütke Daldrup, FBB-Finanzchefin Fölster). Die Grünen quälten die Runde mit einem knallharten Katalog von zwei Dutzend Fragen im Stil einer bissigen Oppositionspartei: Ursache der Mehrkosten, Liquiditätsplanung, Notifizierungsverfahren, Schallschutzausgaben, Tegelkosten, Alternativplanung… es klang wie ein Misstrauensvotum gegenüber den BER-Piloten und dem Wunsch nach einem Rettungsfallschirm. Auch zwischen Lütke Daldrup und Fölster war dicke Luft: Mehrfach unterbrach, widersprach und korrigierte die Finanzgeschäftsführerin den Vortrag ihres Vorstandschefs. Klare Sicht gab’s nicht: Ohne Beschlüsse ging die Runde auseinander, Wiedervorlage des finanziellen Blindflugs: Ende Februar.
Und was macht die CDU? Hat Ärger mit der BVG. Die selbsternannte oberste Rechtsstaatspartei illustrierte die Werbekampagne für mehr Videoüberwachung in ihrer Fraktions-Zeitschrift „Info+“ mit dem alten Fahndungsfoto des längst verurteilten „U-Bahn-Treters“ - ein klarer Doppelfehler: 1) dürfen solche Bilder nur zur Ermittlung veröffentlicht werden, und 2) ist das ein glatter Verstoß gegen das Urheberrecht. Kleinlaut löschte die CDU das geklaute Foto von ihrer Onlineseite, als pdf und auf Papier ist das Beweisstück allerdings weiter verfügbar.
Der Wellenlängenschieber ist reif für das Lexikon der Berliner Kriminalgeschichte. Ach, Sie wissen nicht, was das ist? Also: Als Wellenlängenschieber bezeichnet man fluoreszierende Materialien, die höherfrequente Photonen absorbieren und niedrigfrequente Photonen emittieren. Mit anderen Worten: Ein W. kann u.U. feststellen, ob der Goldstaub, den die Polizei im Auto eines Verdächtigen aufgesammelt hat, von der geklauten 100-Kilo-Münze aus dem Bodemuseum stammt - oder vielleicht doch nur vom Brautschmuck einer Großfamilienhochzeit. Ein solcher W. steht in der Bundesanstalt für Materialforschung (Unter den Eichen 57), „eine monströse Apparatur“, wie Mitarbeiter ehrfürchtig sagen. Und dorthin schickte die Berliner Polizei den verdächtigen Goldstaub, aber dann - geschah nichts. Denn der W. im BAM stellte Anfang November klammheimlich seine Ermittlungen ein - technischer Defekt, Anlage kaputt. Nach dem Shut down schiebt der BAM-Apparat zwar seit ein paar Tagen wieder seine Wellen, aber der Goldstaub wird jetzt anderswo analysiert - weit weg von Berlin.
Der Insolvenzverwalter von Air Berlin will die Markenrechte am Namen der abgestürzten Fluggesellschaft verkaufen - ich hoffe mal, dass er viel Geld dafür bekommt, denn mir hat er auch geschrieben (und das gleich zweimal): Nach seinen „Ermittlungen“ (ja, wird viel ermittelt hier heute) gehöre ich „zum Gläubigerkreis“, Gruppengröße: „ca. 1 Million“. Demnach betragen meine möglichen Hauptforderungen wegen ausgefallener Flüge einmal 89,36 Euro (plus 2,58 Euro Zinsen) und einmal 250 Euro (ohne Zinsen).
Telegramm
Dusel für Diesel? Mit einem 10-Punkte-Plan will der Regierende Bürgermeister Fahrverbote vermeiden: „Berlin hat eigene Lösungen, zu denen der Bund bisher nichts anzubieten hat.“
Inside-News vom Stau vor der Ausgabestelle für den Unterhaltsvorschuss in Tempelhof-Schöneberg: Bei den „normalen“ Anträgen (ca. 1000) sind sie dort jetzt bis zum Juli 2017 vorgerückt, Ende März soll alles durch sein. Schlechter sieht’s aus bei den Anträgen von Alleinerziehenden, die Leistungen vom Jobcenter beziehen (ca. 4500): „Das wird in diesem Jahr nichts mehr“, heißt es. Zur Erinnerung: Wir haben heute den 19. Januar.
An den Amtsleuten liegt’s jedenfalls nicht, die arbeiten z.T. in 10-h-Schichten und haben „immensen Druck“, wie zu hören ist. Vor kurzem waren sie hier nur zu viert, Anfang Januar kamen sechs Quereinsteiger dazu, die noch eingearbeitet werden - und am 1.3. sollen noch mal zehn Neue anfangen (und, wie gehabt, erstmal eingearbeitet werden). Mit Blick aufs Gesamtangebot der Bürgerdienste (z.B. Kfz-Zulassungsstelle, Online-Terminbuchung wegen des großen Erfolgs geschlossen) kommentiert unser Gastautor Max Weber: „Der Einfall ersetzt nicht die Arbeit.“ Merke: Eine Decke wird nicht dadurch länger, dass man sie woanders hin zieht (oder sich selbst über den Kopf).
„Was besseres als Berlin ist schwer zu finden“, sagt Hertha-Mittelfeldspieler Mitchell Weiser vor dem Spiel heute Abend gegen Dortmund (20.30, Olympiastadion) - und das will was heißen: Weiser kommt aus Köln, „der schönsten Stadt Deutschlands“, wie sie dort sagen. Werch ein Illtum.
Falls Sie ein Herz übrig haben für Komplettabstinenzler und ein WG-Zimmer (und außerdem Anzeigenklingonisch entziffern können) - hier wäre ein Abnehmer:
„WG-taug. Radio1-Hörer sucht abgeleg. Ruhig. Zi. M. Balk o Terrasse im westl. BLN m guter Anbind. S-U-RE für langfrist i sauberer Whg./WG bis ca 400Euro WM+NK. Bin 52J. 3Zentner-Mann in TWG-Krbrg, Frührentner mit erfüllendem Hobby als Plastikdeckelbildermacher, NR+NT ohne Rad/Auto/Handy/TV/Intern o. sonstige Abhängigkeiten.“
Je länger die Flughafenabstimmung her ist, desto mehr Stimmen bekommen die Tegel-Befürworter (56,4 %): Auf 76.577 zunächst nicht berücksichtigten Wahlzetteln war bei 48.743 davon „Ja“ angekreuzt - macht einen Zuwachs von 0,3 %. Warum daraus trotzdem nichts wird, steht hier.
Auf der aktuellen Ausgabe von „BER aktuell“ liegt leider kein Segen - wo ist denn das gewohnte Grußwort von Flughafenpfarrer Justus Münster abgestürzt? Der Gute wird doch wohl nicht vom Glauben abgekommen sein…
BER Count Up – Tage seit Nichteröffnung:
Flughafenchef Engelbert Lütke Daldrup hat das Wunder vollbracht: Am 31. Oktober 2020 ist der Flughafen BER offiziell eröffnet worden. 3.073 Tage nach der ersten Nicht-Eröffnung stellen wir damit unseren Count Up ein. Wer nochmal zurück blicken will: Im Tagesspiegel Checkpoint Podcast "Eine Runde Berlin" spricht Lütke Daldrup mit Tagesspiegel Chefredakteur Lorenz Maroldt und Checkpoint Redakteurin Ann-Kathrin Hipp über detailverliebte Kontrollen, politische Befindlichkeiten und aufgestaute Urlaubstage.
Zitat
„Die SPD gibt ein Spiel verloren, ohne wirklich bis zur 90. Minute gekämpft zu haben. Das ist elender als eine Niederlage.“
Franz Müntefering warnt in einem Beitrag für den Tagesspiegel (Freitagsausgabe) die Delegierten des SPD-Sonderparteitags am Sonntag vor einem Nein zur Aufnahme von Koalitionsverhandlungen mit der Union. Geschrieben wurde das zweiseitige Manuskript auf einer alten, leicht buchstabenverzogenen Schreibmaschine - und zwar mit Wucht, wie sich an den Anschlägen, der handschriftlichen Signatur sowie den wenigen Korrekturen ablesen lässt.
Tweet des Tages
„Fast alle Gefangenen werden wieder entlassen. Deshalb ist Resozialisierung wichtig. Dazu gehört Vertrauen in unsere Mitarbeitenden bei Lockerungs-Entscheidungen. So schaffen wir mehr Sicherheit für die Berlinerinnen & Berliner. Nur in Ausnahmefällen kommt es zu Rückschlägen.“
Antwort d. Red.: Der Justizsenator wirbt für den offenen Vollzug, nachdem die „B.Z.“ darüber berichtete, dass ein 18jähriger Intensivtäter seinen Freigang zur Flucht genutzt hatte.
Stadtleben
Neu in Mitte ist das Slate. Wo die lässige Weinbar Schwein im letzten Jahr urplötzlich auszog, wird jetzt deutlich mehr gezirkelt und geschnörkelt, ganz so, wie Küchenchef Lukas Bachl es als Sous-Chef im Lorenz Adlon gelernt hat. Die roh gebeizte Makrele bringt er sehr adrett mit Gemüsewürfeln, Senf-Zitronen-Gel, gepopptem Knusper und Korianderöl (15 Euro) auf den Tisch - und das ist nur eine Vorspeise. Was Restaurantkritiker Bernd Matthies zu den Hauptspeisen sagt, steht hier. Di-Sa ab 18.30 Uhr
Essen am Griebnitzsee Wo früher die Granzsoldaten zu Mittag aßen, serviert Susann Labogas seit letztem Sommer feine Küche für ein sehr gemischtes Publikum, denn am S-Bahnhof Griebnitzsee kommen alle zusammen: Einheimische, Touristen, Geschäftsleute, Ausflügler. Derzeit sieht man zwar noch keine Stand-Up-Paddler in Badehose vorbeiziehen, aber in den denkmalgeschützten Räumen des Zweihunderteins ist schon ein wenig Frühling auf den Tischen. Mi-Sa 18-23 Uhr, So 10-23 Uhr
Trinken in Kreuzberg - großes Thema, weil riesige Auswahl. Peter Eichhorn hat für Mixology im Bezirk mit der vermutlich höchsten Kneipendichte eine echte Flüsterkneipe entdeckt. Eine, die nur freitags und samstags geöffnet hat. Eine, die man finden muss. Die ein Krokodil beherbergt und ein Drinklabor. Kupfer spielt eine zentrale Rolle und echte Gastfreundschaft. Wer jetzt neugierig ist, darf den Weg zum Görli nicht scheuen.