willkommen an diesem freundlichen Spätsommerwochenende. Auch an diesem Sonnabend gilt es, die Berlinerinnen und Berliner der Woche mit angemessenen Medaillen zu versehen – Gold, Silber, Bronze, Blech.
Armin Laschets Zukunftsteam mit Medaillen zu behängen, läge nahe, aber wäre verfrüht und ließe obendrein den Berlin-Bezug vermissen. Also schweigen wir dazu und vergeben zunächst zwei nachträgliche Sonderpreise: Die Xhainer Bezirksbürgermeisterin Monika Herrmann erhält eine Ehrennadel für den besten Live Act: Wie sie während eines Pressetermins am Hohenstaufenplatz spontan ihre Ausführungen über die allgemeine Missachtung der StVO unterbrach, um einem illegal durchfahrenden Paketboten die Absperrbake aus den Händen zu nehmen und wieder an den korrekten Platz zu stellen, war großes Kino. Und Klaus Lederer erhält einen Publikumspreis: Ein Senator, dem seine Klientel (konkret: 101 Künsterinnen und Künstler) eine Fan-Annonce in die Zeitung setzt, muss seinen Job wirklich gut gemacht haben.
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Für Bronze als Berliner*in der Woche kann man sich durch grundsolide Leistungen qualifizieren, mit denen man die Welt ein wenig verschönert oder vorangebracht hat, ohne gleich etwas vom Kaliber der Kernspaltung oder -fusion zu vollbringen. Entsprechend bunt ist das Bewerberfeld. Da wäre beispielsweise die ältere türkische Berlinerin, die CP-Kollegin Kathrin Maurer diese Woche bei der Physiotherapie damit überraschte, dass es Desinfektionsmittel mit angenehmem Zitronengeruch gibt.
Hausintern qualifiziert hat sich Kollege Boris Buchholz, der für den wöchentlichen Leute-Newsletter aus Steglitz-Zehlendorf bisher 34 Artikel in leichter Sprache verfasst hat, um möglichst viele Menschen übers politische Geschehen zu informieren (Übersicht der Texte hier). Als daran Unbeteiligter halte ich auch den Berlin-O-Maten von Tagesspiegel und Humboldt-Uni für preiswürdig. Aber da wir nicht die eigenen Leute auszeichnen wollen, beschränken wir uns auf die Einladung an Sie, ihn einfach auszuprobieren.
„Mein persönliches Bronze ginge an den Historiker Jens Schöne“, schreibt CP-Kollege Robert Ide. „Durch seine Intervention beim Denkmalstreit befördert er das Nachdenken über alte DDR-Helden wie Ernst Thälmann noch einmal neu. Und damit die Debatte, was Berlin mit seiner Geschichte anfangen will.“ Sehr sympathisch und vielversprechend klingt Joana Mallwitz, die 2023 als erste Chefdirigentin die Leitung des Konzerthauses übernimmt und im Tsp-Interview beispielsweise sagte: „Wir müssen den Menschen die Scheu vor der Klassik nehmen. Ich möchte auch die einladen, die noch nie etwas von Brahms gehört haben … Komm doch vorbei und guck mal, wie fantastisch die ersten fünf Takte sind!“
Viele starke Kandidat*innen also. Aber dann kam der Berliner Süßwarenhändler Ali Lacin, der bei den Paralympics gleich in zwei Disziplinen antritt: Sprint und Weitsprung. Über 200 Meter erkämpfte der 33-Jährige am Freitag mit 24,64 Sekunden den dritten Platz. Team Checkpoint hängt über die Bronzemedaille aus Tokio eine weitere als Berliner der Woche. Herzlichen Glückwunsch!
Bei Silber lichtet sich das Feld. Unser bekanntlich größtes zeitgenössisches Problem, die Gendersprache, hat gestern jemand im Polizeipräsidium beim Verfassen einer Unfallmeldung durch die Formulierung „eine 24-jährige Fahrgästin im Bus“ bemerkenswert lässig behandelt. „Gästin“ ist laut Duden „selten“, aber völlig korrekt. Und allemal besser als „weiblicher Fahrgast“, der (die?) obendrein womöglich gerade nicht Herrin ihrer Sinne war, weshalb im Bus nun eine herrenlose Damenhandtasche liegt. Gendergerechte Sprache muss also nicht wehtun. Jedenfalls nicht doll.
Aber etwas mehr Leistung sollte es doch sein für Silber. So wie bei Enzo vielleicht? Der Seelöwe im Zoo ist dreifach kastriert, aber neuerdings schwimmen seine Kinder Nr. 17 und 18 durchs Becken. „Starker Typ“, konstatiert Tsp-Kollege Bernd Matthies. Jedoch wir überlassen ihn lieber der „B.Z.“, die Enzo mit seinen unaufhaltsamen Genen auch an die Oberfläche geholt hatte.
Beinahe hätten wir den Gast der Raucherkneipe „Zur Quelle“ vergessen, der am vergangenen Wochenende glanzvoll ein Wortgefecht gegen einen Teilnehmer der Schwurbler-Demo gewann – mit Kontern wie: „Vergleich das nicht mit der DDR, damit komm ich nicht klar!“ und „Sterben wir hier wie die Fliegen durch die Impfung?“ und „Schon wenn ich dein T-Shirt sehe. Gates. Was hat denn Gates damit zu tun? Chip im Arm oder wat?“ Da der Dialog von den Schurblern live gestreamt wurde, dürfte er ein Publikum erreicht haben, das nicht mehr viele erreichen, die auch außerhalb des Internets existieren. Unsere Freiheit wird jetzt also nicht mehr am Hindukusch verteidigt, sondern in Alt-Moabit. Wäre wohl von Anfang an besser gewesen. Also – hochverdientes Silber!
Damit zu Gold, das nur für herausragende Verdienste zum Wohle der Stadt verliehen wird. Christian Drosten lag vorn, wurde aber bereits gestern Abend gemeinsam mit seiner Frankfurter Virologie-Kollegin Sandra Ciesek mit der Urania-Medaille geehrt – übrigens ebenso wie die Bremer Meeresbiologin Antje Boetius. Da wollen wir mit der CP-Goldmedaille nicht dazwischenklimpern. Berlinerin der Woche ist deshalb Gaya, die Namensgeberin des Hochs, das nach einem novemberfarbenen August-Finale den Sommer zurück nach Berlin gebracht hat. Selten tat es so gut, die Sonne wiederzusehen, wie in diesem goldenen September.
Und Blech? GDL-Chef Claus Weselsky wäre ein Kandidat, ist aber kein Berliner, wie man hört. Wer dann? Jemand, der großen Schaden für die Allgemeinheit verursacht hat, dreistellige Millionensumme, sagen wir? Nein, nicht Andreas Scheuer, also bitte, der ist ja kein Berliner! Aber die Remmos – jedenfalls die kriminellen von denen, die den Staat betrügen, Banken überfallen, Goldmünzen und Sachsengeschmeide stehlen, solche Dinge. Die Justiz scheint zunehmend erfolgreich auf ihren Fersen zu sein: Die ersten sitzen hinter Gittern, weitere dürften folgen. Fazit: Verbrechen lohnt sich nicht. Jedenfalls nicht mehr ganz so sehr wie früher.
Wochniks Wochenende
Die besten Berlin-Tipps für drinnen, draußen und drumherum.
48h Berlin
Samstagmorgen – Wo war eigentlich der Sommer dieses Jahr? Einen Nachgeschmack dessen, was hätte sein können, sollen die kommenden Tage laut Wetterbericht bei moderaten 20°C nachliefern. Ein passender Ort für die Passage in den Herbst ist das Kiez- und Erntedankfest in den Bornholmer Gärten von 11 bis 18 Uhr. Hier wird nicht nur der Blick zurück geworfen – auf 125 Jahre Geschichte der Anlage nämlich – sondern auch nach vorn: Zum politischen Gipfeltreffen werden alle Spitzenkandidierenden der Parteien zum Talk erwartet. Kinderfeste, Feuerwerk, Führungen, Konzerte und nicht zuletzt der Blick hinter Maschendrahtzaun und Hecke der „offenen Gärten“ runden das Programm nach allen Richtungen ab.
Samstagmittag – Zur Geschichte der Bornholmer Gärten gehört natürlich auch der altehrwürdige TXL-Sound mit seinem besonderen Ambiente. Apropos: Heute und morgen ist die letzte Gelegenheit, den Flughafen als Spielstätte des Sonambiente-Festivals zu erleben. Um 16 Uhr gibt Turner-Preisträgerin und teilnehmende Künstlerin Susan Philipsz einen Talk zu ihrer Arbeit „ambient air“, für die sie mit einer kleinen Propellermaschine den Luftraum über dem Flughafen umkreist hat, Brian Enos „Music for Airports“ summend. Zeitfenstertickets kosten 7 / 3 Euro.
Samstagabend – Auch die Spätsommer-Ausgabe des ctm-Festivals im Vollgutlager (Rollbergstraße 26, Neukölln) bewegt reichlich Luft: Von 12 bis 22 Uhr erklingen hier über ein imposantes Sound-System Arbeiten der Viva-2-Veteranen Mouse on Mars mit Louis Chude-Sokei, des Soundwalk Collective mit Charlotte Gainsbourg, AtomTM, Lyra Pramuk, des Philosophen Paul B. Preciado und Willem Dafoe, Marcin Pietruszewski und Alex Freiheit sowie der Berliner Radiopiratin Jessica Ekomane mit Rully Shabara.
Sonntagmorgen – So ziemlich das Gegenteil von luftigem High-End-Sound bietet das Festival für selbstgebaute Musik von 12 bis 0 Uhr am Holzmarkt: In Workshops können Besucher:innen hier etwa Gitarren aus Konservendosen oder singende Bleistifte bauen, und so kurzerhand alles Alltägliche zu Musik erklären. Dass damit mehr als nur beliebige Geräuscherzeugung möglich ist, demonstriert das gesamte Skulpturenpark gewordene Holzmarktgelände. Wer sich darüber hinaus die Beine vertreten will, findet hier eine topografische Klangkarte, die zahlreiche Bahnhöfe, Straßenlaternen und Kulturorte der Stadt kurzerhand zu selbstgebauter Musik erklärt, die es wert ist, gehört zu werden – in der Regel aber überhört wird.
Sonntagmittag – Statt einer Reise durch das weite Draußen verspricht das Licht- und Klang- und Performancetheater Inside Partita eine in das Innerste des Selbst: Johan Sebastian Bachs Partiten werden hier als musikalische Introspektion zeitgenössisch interpretiert, in Klang-, Bild- und Tanz-Ebenen zerlegt, die zwischen Zuständen der inneren Zerrissenheit und großen Klarheit oszillieren. Damit nichts Äußeres ablenkt, tönt das Stück streckenweise in völliger Dunkelheit. 13 Uhr in der St. Elisabeth-Kirche, Invalidenstraße 3. Tickets 20 / 12 Euro.
Sonntagabend – Wo war denn nun der Sommer dieses Jahr? Sicherlich irgendwo, wo gutes Wetter war. Apropos: Ums Wetter geht es peripher auch beim Climate Care Festival in der Floating University. Von 14 bis 22 Uhr drehen sich diverse Vorträge und künstlerische Beiträge um die „Wiederverwilderung“, auf Englisch: Rewilding der allzu domestizierten Natur, um Vielfalt und Fülle der wildlebenden Tierwelt und die natürliche Widerstandsfähigkeit von Ökosystemen. Noch bis 12. September in der Lilienthalstraße 32.
Mein Wochenende mit
Kevin, unser liebstes Wildschwein in der Rotte, kennt jeden Flecken Land in Berlin und Brandenburg. An dieser Stelle gibt er wöchentlich Ausflugstipps ins Umland.
„Wie Sie sicherlich wissen, legen Chantal, die edle Sau von Nebenan, und ich großen Wert auf gewisse Umgangsformen. So empfinde ich persönlich es zum Beispiel als ausgesprochen unhöflich, wenn mir Zweibeiner, denen man in der freien Wildbahn doch recht häufig begegnet, auf meine freundliche Begrunzung hin plötzlich Unverständliches entgegen schreien und hastig davonrennen, als fiele ihnen gerade ein dringender Termin ein. So viele Termine können die doch gar nicht haben. Überstürztes Handeln ist zudem sowieso keine Tugend, sieht äußerst ungalant aus und führt im schlimmsten Fall gar zum Gesichtsverlust – etwa beim Stolpern auf waldigem Boden, das habe ich schon beobachtet. Zurück bleibt zumeist auch noch all das, was sie in der Eile nicht mitgenommen haben – kurz: Müll. Und Müll schätze ich in von mir gestalteten Wäldern absolut nicht. So denken Chantal und ich darüber nach, ein Exemplar zu domestizieren, damit es seinen Artgenossen etwas Anstand vermitteln könne, scheuen aber noch ein wenig die Verantwortung für so ein kippeliges Wesen. Sollten wir uns dazu durchringen, würden wir es aus Sicherheitsgründen auf Moorboden halten, der ist nämlich recht weich. Zum Beispiel bei Stechlin, nahe des wunderbaren Moorerlebnispfades – einer der letzten noch intakten Moorlandschaften der Mark. Bei einer informativen Führung könnte man ihm auch vermitteln, weshalb es sich gar nicht ziemt, in der Natur Spuren zu hinterlassen. Mit nachdenklichen Grunzen, ich empfehle mich.“
Leseempfehlungen
Der Künstler Harf Zimmermann fotografierte 25 Jahre lang Brandmauern. Was die Bilder über die Stadt erzählen, erzählt er Susanne Kippenberger (Abo).
Adolf Hitler wollte bekanntlich einmal Künstler werden – mehr als ein Kunstliebhaber mit rassistischen Vorlieben wurde er dann doch nicht. Kunst, die er besonders gern mochte, ließ er in Kriegszeiten verstecken – so auch die Pferdeskulpturen von Josef Thorak. Nach einer ziemlich spektakulären Geschichte kommen diese jetzt in die Zitadelle Spandau, André Görke (Abo) hat mit der Burgchefin gesprochen.
Wer Kunersdorf noch nicht auf der inneren Landkarte abgespeichert hat, sollte das schnell ändern. Hella Kaiser (Abo) weiß, warum. Theodor Fontane wusste es übrigens auch.
Wer viel Rad fährt, tut nicht nur seinem Herz-Kreislauf-System Gutes. Radkolumnist Michael Wiedersich (Abo) entdeckt den Gesetzeshüter in sich.
Wochenrätsel
Zur Feier der Wiedereröffnung des Innenbereichs der Kantine im Abgeordnetenhaus gab es...
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Wenn es Superwahljahre gibt, muss es auch Superduperwahltage geben; in drei Wochen ist es soweit: Bund, Land, Bezirk, Volksentscheid. Briefwahl ergibt schon deshalb Sinn, weil man zu Hause in Ruhe das ganze Angebot studieren kann. Wer glaubt, dass das in der Kabine ebenso locker zu schaffen sei, kennt die Stimmzettel noch nicht. CP-Leserin Simone R. hat ihr Überraschungspaket von der Landeswahlleitung bereits erhalten und gleich den Zollstock gezückt: „Spandau meldet eine Länge von 2,19 Meter“, schreibt sie. „Ich bin gespannt, ob das noch überboten wird.“ Einer ist schon mal raus: Chef-Checkpointer Lorenz Maroldt bemerkte gestern anerkennend: „Das ist länger als ich, und das will was heißen.“ Also: Wer bietet mehr? Wo hängt der Stimmzettel von der Decke bis auf den Boden oder reicht gar von der Haustür bis vors Wahllokal? Schicken Sie Ihre Maße an checkpoint@tagesspiegel.de – oder Spandau gewinnt.
Den Medaillenspiegel in diesem CP hat heute früh Cristina Marina poliert. Am Montag begrüßt Sie hier wieder Lorenz Maroldt in voller Länge. Genießen Sie das Wochenende!
