Innenstadt abgesperrt, Buslinien unterbrochen, Zehntausende auf der Straße, Autos im Stau und dazu Hubschraubergeknatter - in Berlin heißt sowas heutzutage höchstens noch Berlin-Marathon, in Hamburg dagegen G20-Gipfel. Bei Protesten beim Treffen der Industrie- und Schwellenländer ist die Lage am Donnerstag eskaliert; es gab Ausschreitungen, Menschen wurden verletzt. Polizei und Demonstranten schieben sich nun gegenseitig die Schuld zu, wer angefangen hat mit dem Hauen und Rächen. Wie es in Hamburg weitergeht, das ein ortsansässiges Nachrichtenmagazin zur heimlichen Hauptstadt ausgerufen hatte (wg. Glanz durch Elbphilharmonie und G20 und so), steht auch heute wieder im Tagesspiegel-Newsblog.
Beginnen soll der heutige Tag mit einem Ritual: mit der Meldung, dass sich die BER-Eröffnung wohl weiter verspätet. Wer das aktuelle Datum gerade nicht parat hat, der muss sich nicht grämen. Bislang gibt es keinen fixen Termin, wobei fix natürlich nicht im Sinne von schnell gemeint ist. Zumindest angepeilt war irgendwas mit 2018/2019, nun wird’s wohl gar 2020, wie Tagesspiegel-BER-Experte Thorsten Metzner herausgefunden hat. Die Unternehmensberater von Roland Berger urteilen nach seinen Recherchen ziemlich schlecht in ihrem Gutachten über den Stand der Bauarbeiten, das dem Aufsichtsrat der Flughafengesellschaft heute präsentiert wird. Hauptproblem ist - täglich grüßt das BERmeltier - der Brandschutz.
Ein Gutes hätte 2020: Man könnte in Ruhe das Jubiläum „30 Jahre Großflughafen“ vorbereiten. Kaum zwei Monate nach dem Mauerfall stellten Anfang 1990 die Chefs der DDR-Airline Interflug und der bundesdeutsche Lufthansa ihren Plan für den einen neuen Flughafen „Berlin International“ vor. Geplanter Baubeginn war damals 1995.
Das Geld liegt ja angeblich auf der Straße, in Wahrheit allerdings vor allem auf Berlins Flughafen der Herzen. Bevor jemand schon den TXL-Bus stürmt: wie immer nur im übertragenen Sinn. Die „BZ“ berichtet von einem weiteren Gutachten zur Berliner Fliegerei, wonach Tegel dicke Gewinne macht, derzeit sollen es 35 Prozent sein. Angeblich bliebe sogar noch was übrig, wenn in die runtergerockten Gebäude und in den Schallschutz investiert würde. Brisant wird die Rechnung, weil es bislang offiziell heißt, nur ein Flughafen lasse sich wirtschaftlich betreiben.
Ein Untersuchungsausschuss soll jetzt die Merkwürdigkeiten, nein nicht beim BER, sondern bei den Ermittlungen nach dem Terroranschlag auf den Weihnachtsmarkt am Breitscheidplatz klären. Das hat das Berliner Parlament beschlossen. Das rot-rot-grüne Regierungsbündnis wollte ja erst ohne solch ein Gremium auskommen und setzte stattdessen einen Sonderermittler ein. Doch der deckte alsbald auf, dass Akten beim Landeskriminalamt offenbar aus Löschblättern bestehen: Es wurden Einträge manipuliert, um Versäumnisse im Fall Anis Amri zu vertuschen. Der Ausschussvorsitz geht an den CDU-Mann Burkard Dregger. Spannend dürfte es werden, wenn womöglich sein Parteifreund Frank Henkel, Innensenator bis kurz vor dem Attentat, befragt wird.
Telegramm
Die Videobilder der Gewalttat sind immer noch schockierend: Der 28-jährige Mann, der eine arglose Studentin die Treppe zur U-Bahn hinuntergetreten hat, muss für zwei Jahre und elf Monate ins Gefängnis. „Schuldig der gefährlichen Körperverletzung“ lautete das Urteil. Ein Gutachter hatte dem Familienvater aufgrund einer Hirnschädigung zuvor eine verminderte Steuerungsfähigkeit und einen unterdurchschnittlichen IQ attestiert. Ins Urteil flossen auch zwei Strafen wegen Exhibitionismus ein.
5000 Demonstrationen gibt es jedes Jahr in Berlin (die für heute geplanten stehen übrigens weiter unten). Denkbar ist, dass in absehbarer Zeit die eine oder andere hinzukommt. Der Senat plant ein „Versammlungsfreiheitsgesetz“, das unter anderem spontane Veranstaltungen einfacher machen soll. Laut SPD-Innensenator Andreas Geisel soll das Gesetz das Recht auf freie Meinungsäußerung stärken. Zeit und Ort von Demos sollen eines Tages veröffentlicht werden - bis dahin hilft wohl nur CP lesen.
Bei dem ganzen Rummel um die Pandas müsste einer der beiden eigentlich Plemplem heißen, schrieb neulich ein offensichtlich bärenferner Twitternutzer. Das hätten jene bestimmt anders gesehen, die den Tieren am Premierendonnerstag einen Besuch abstatteten. Dabei kamen dem Zoo doppelt so viele ans Gehege wie an Tagen der der Prä-Panda-Periode. Zeitweilig gab es sogar Schlangen (an den Kassen).
Ebenfalls schwarzweiß, aber nicht ganz so possierlich wie die Bären aus dem Reich der Mitte, waren die Tiere, die einen ICE an der Fahrt von Hamburg nach Berlin hinderten. In der Prignitz hatte sich Donnerstagmorgen eine Rinderherde aufs Gleis verirrt; der Lokführer stoppte rechtzeitig und machte sogar noch ein Foto vom Rinderwahnsinn. Die Bundespolizei rückte an, verscheuchte die Tier, und eine Stunde später hieß es dann: Die Kuh ist vom Gleis.
Immer Ärger mit dem Computer: Bewohner in der City West erhalten ihre Parkvignetten derzeit nicht mit der Post, sondern müssen sie persönlich im Amt abholen, schreibt Cay Dobberke in seinem „Leute“-Newsletter aus, nun ja, Charlottenbug-Wilmersdorf (zum kostenfreien „Leute“-Abo geht’s hier entlang.)
Wer die Wahl hat, braucht auch Helfer. Die Stadt Berlin offenbar wohl nicht (CP von gestern). Auch Leserin Mareen Koch bot sich als Freiwillige für den Sonntagsdienst an der Demokratie an und wollte die Bundestagswahl im September unterstützen. Sie schreibt: „Auf der empfohlenen Internetseite Formular runtergeladen, ausgedruckt, ausgefüllt, in den Briefumschlag eingetütet und abgeschickt. Das war vor etwa einem Monat. Eine Antwort hab‘ ich nicht erhalten.“ Zeit, sich weiter darum zu kümmern, habe sie jedenfalls nicht. Vermutlich komme am Ende ein Einsatzplan kurz vor Ultimo. Ihr lakonischer Kommentar: „Wenn weg, dann Pech.“
Wer die Sommerferien in Berlin verbringt, wird dieses Jahr vermutlich die Brückentage zählen - zumindest die Autofahrer und Nutzer der Rudolf-Wissell-Brücke unter den Daheimgebliebenen. Vom 12. Juli bis 3. September gibt es dort wegen Bauarbeiten nur noch zwei statt drei Spuren je Richtung. Mit Sicherheit wird das die nervigste Baustelle der Saison - aus dem Stand heraus.
Repariert wird auch an höchster Stelle: Seit kurzem ist der Funkturm wegen Wartungsarbeiten gesperrt. Unter anderem wird die Kabine des Aufzugs modernisiert. Solche Arbeiten erledigt man natürlich am besten in den Sommerferien, damit auch nicht ja zu viele Touristen auf dem schönen Wahrzeichen herumtrampeln. Mitte September ist es wieder geöffnet - rechtzeitig zu den ersten Herbststürmen, die einen Besuch auf der offenen Aussichtsplattform erst so richtig zum Rundumerlebnis machen.
Die „BZ“ meldet noch einen Neuzugang bei Hertha BSC: Der frühere SPD-Politiker Klaus Teichert soll den Stadionneubau voranbringen. Eigens dazu hat Hertha eine GmbH gegründet. Der 63-Jährige Teichert war einst Finanzstaatssekretär in Berlin und dann Geschäftsführer beim landeseigenen Bau- und Liegenschaftsmanagement in - Sachsen-Anhalt. Fehlte nur noch, dass Hertha ins Land der Frühaufsteher umzieht.
BER Count Up – Tage seit Nichteröffnung:
Flughafenchef Engelbert Lütke Daldrup hat das Wunder vollbracht: Am 31. Oktober 2020 ist der Flughafen BER offiziell eröffnet worden. 3.073 Tage nach der ersten Nicht-Eröffnung stellen wir damit unseren Count Up ein. Wer nochmal zurück blicken will: Im Tagesspiegel Checkpoint Podcast "Eine Runde Berlin" spricht Lütke Daldrup mit Tagesspiegel Chefredakteur Lorenz Maroldt und Checkpoint Redakteurin Ann-Kathrin Hipp über detailverliebte Kontrollen, politische Befindlichkeiten und aufgestaute Urlaubstage.
Zitat
„Was Berlin im Metropolenvergleich vor allem fehlt, sind rund 100.000 Arbeitsplätze in Industrie und verarbeitendem Gewerbe. Das Areal des Flughafens Tegel bietet eine große Chance für die Ansiedlung solcher Arbeitsplätze.“
Christoph Meyer, damaliger FDP-Fraktionschef im Abgeordnetenhaus, im Jahr 2009 in einem Beitrag für den Tagesspiegel.
Tweet des Tages
„Habe mich nun Leuten aus Berlin angeschlossen, mit denen ich campe, vor allem, weil mich ausschließlich männliche Gruppen echt zu sehr anstrengen.“
Antwort d. Red.: (Teilnehmer an den Anti-G20-Protesten)
Stadtleben
Für das Wochenendprogramm benötigen Sie mindestens ein AB-Tagesticket, denn es geht vom Süden in den Norden und von West nach Ost. Zum Essen allerdings brauchen Sie einen Anschlussfahrschein „C“: Nach dem Vorbild der "Diner en blanc" lädt die GemeindeSchwielowsee anlässlich ihres 700-jährigen Bestehens zum Picknick in weißer Kleidung am Havelufer. Kleiner Tipp: Einen Picknickkorb bestückt Ihnen kurzfristig das Charlottenburger Kien-Du mit asiatischem Essen (Bestellung bis eine Stunde vor Abholung) oder das Café Schmus im Jüdischen Museum mit Bagels und Co (am besten einen Tag vorher bestellen).
Wer keine Lust auf Grasflecken auf der weißen Hose hat, fährt lieber nach Burg im Spreewald. Im 17fuffzig, dem noblen Restaurant der Bleiche (dem Spa-Mekka für gestresste Berliner), hat der Küchenchef gewechselt. Bernd Matthies war schon da, sein Fazit: Was René Klages hier macht „ist Brandenburger Spritze“.