Die neue Polizeipräsidentin Barbara Slowik ist eine echte Berliner Berlinerin: Vater Berliner, sie selbst geboren in Zehlendorf, Klinik Waldfriede. Als die Familie nach Baden-Württemberg zog, hielt sie es dort nicht lange aus, schon mit 16 wollte sie zurück. Aber als sie nach dem 1. Staatsexamen hier ein Referendariat machen wollte, landete sie auf der Warteliste erst mal ganz hinten – als „Nichtberlinerin“. Später startete sie dann in der Innenverwaltung, wechselte ins BMI, war beim BKA und beim Verfassungsschutz (aus der Zeit wird eher ein Geheimnis gemacht) – und ist jetzt also wieder zurück. Erste echte Bewährungsprobe: Am Mittwoch in drei Wochen, bei der Pressekonferenz am Morgen nach dem 1. Mai.
Die Schlagzeilen zur Ernennung: „Sie schickt uns jetzt die Knöllchen“ (Kurier), „Eine Frau führt die Berliner Polizei“ (Morgenpost), „Berlins erste Polizeipräsidentin“ (Tagesspiegel), „Berlins neue Sheriffin“ (B.Z.), „Juristin ohne Uniform und Parteibuch“ (taz), „Erstmals eine Frau an der Spitze“ (ND). Ach, und wenn Sie sehen wollen, wie die Polizei ihre neue Chefin auf Twitter begrüßt – bitte hier entlang.
Am Abend gab’s dann gleich noch eine zwiespältige Nachricht für die neue Polizeichefin: Die Staatsanwaltschaft stellt die Ermittlungen gegen LKA-Mitarbeiter im Fall Amri ein - Innensenator Geisel hatte die Beamten wegen Urkundenfälschung angezeigt. Unmittelbare Folge: Die eben noch Beschuldigten können jetzt als Zeugen vor dem Untersuchungsausschuss angehört werden – ein Recht zur Aussageverweigerung haben sich nicht mehr.
Doch noch eine Antwort aus dem Verkehrsministerium zur Frage, welches Szenario zur Befürchtung von Andreas Scheuer führte, Berlin könnte in 18 Monaten gar keinen funktionierenden Flughafen mehr haben (CP von gestern): Die Pressestelle weist darauf hin, dass für TXL Ende 2019 ein neuer Lärmschutzbereich berechnet und festgesetzt werden muss. Ok, bekannt. Aber war da nicht noch was zwischen Tegel und BER? Dieser alte DDR-Flughafen? FXS oder XSF oder SFX oder so? Also: Irgendwo werden wir schon noch landen können, aber die eigentliche Botschaft des neuen Ministers (und Gesellschaftervertreters) ist: Bei Tegel lässt er nicht locker – er will TXL offenhalten, und zwar als Flughafen.
Der Senat sieht das bekanntlich anders, und zu den bisherigen Ideen der Nachnutzung (Wohnungen, Hochschulstandort, Startup-Zentrum) gibt’s jetzt auch noch eine neue, die so richtig Bumms hat: Ende Mai will die Wirtschaftsverwaltung mit der Tegel Projekt GmbH und der Clubkommission bei einem „Vor-Ort-Termin“ in TXL prüfen, „ob es nach der Schließung des Flughafens Potential für eine temporäre oder dauerhafte Nutzung für die Clubszene in Bestandsgebäuden des Flughafens geben könnte“ (Q: Staatssekretär Christian Rickerts auf schriftliche Anfrage von MdA Katalin Gennburg, Drs. 18/13753). Damit steht fest: Tegel braucht in jedem Fall ein neues Lärmschutzprogramm.
Wochenlang waren die einzigen Menschen, die das Büro der „Beauftragten für Menschen mit Behinderung“ erreichen konnten, Menschen ohne Behinderung – der Aufzug zum Hochparterre im Dienstgebäude Oranienstraße 106 war mal wieder dauerkaputt, nach zuletzt schon einmal zwei Monaten, das reicht jetzt für den Berliner Ehrentitel „Stehzug“ (nicht zu verwechseln mit der „Stehtreppe“). Gestern früh dann das Wunder: Er fährt wieder! Offenbar hat doch noch jemand in den Regierungsvertrag geschaut, denn da heißt es: „Die Koalition wird ein Sofortprogramm zur Erhöhung der Barrierefreiheit ins Leben rufen“ (unterzeichnet am 16.12.16). Vielleicht kommt aber auch noch jemand auf die gewagte Idee, ausgerechnet der Beauftragten für Menschen mit Behinderung ein ebenerdiges Büro mit garantiert barrierefreiem Zugang zu verschaffen (ja, ich weiß: bisschen naiv gedacht).
Aus der Antwort der BVG an einen Kunden, der auf massiv gestiegenen Drogenhandel in den Tempelhofer Bahnhöfen hingewiesen hatte und nicht versteht, warum dagegen nichts unternommen wird:
„Sie schildern uns die Drogenproblematik auf der Linie U6. Sie sprechen damit ein gesellschaftliches Problem an, dessen Behebung nicht in der Macht eines Nahverkehrsunternehmens liegt. Dennoch ist es unser Anliegen, (…) das subjektive Sicherheitsgefühl für unsere Fahrgäste zu steigern, daher werden wir gemeinsam mit der Polizei und dem Land Berlin weitere Aktivitäten abstimmen. Allerdings ist eine generelle Veränderung der benannten Situation in Frage gestellt, da die Bahnhöfe nicht rund um die Uhr bewacht werden können und betreffende Personen sich immer wieder einfinden. Wir können Ihnen aber versichern, dass wir im Rahmen der Möglichkeiten eines Nahverkehrsbetriebs tätig sind, um Drogendealer und Konsumenten zu vergrämen.“ Ob sich wohl BVG-Chefin Sigrid Nikutta grämt, wenn sie einen solchen Offenbarungseid aus ihrem Haus liest?
Im Abgeordnetenhaus bahnt sich eine peinliche Verspätung an: Bis zum 25.5. muss das Berliner Datenschutzrecht an die neue „Datenschutzgrundverordnung“ angepasst sein (es gilt die VÖ im Amtsblatt), aber das ist kaum noch zu schaffen - im Ausschuss wurde das Thema erstmal wieder abgesetzt, weil die Grünen noch „erheblichen Beratungsbedarf“ reklamierten. Die Materie sei eben „nicht ganz einfach“, sagt der Abgeordnete Stefan Ziller, und „für alle neu“, aber: „Wir tun unser Bestes.“ Zuvor hatte bereits der Senat wegen der drohenden Fristüberschreitung auf das reguläre Mitzeichnungsverfahren verzichtet.
AfD-Mann Hugh Bronson, der auf seinem Twitter-Account hilfsbedürftige Menschen gerne mal als „Maden“ bezeichnet, wähnte Luftbrücken-Legende Gail Halvorsen bereits unter der Erde – im Ausschuss Euro-Bund-Medien zog der Abgeordnete vor kurzem überraschend den Antrag 18/0764 seiner Fraktion auf Anerkennung der Ehrenbürgerschaft für den amerikanischen Piloten zurück, die Begründung laut Protokoll 18/20: Der 97-Jährige sei am Morgen verstorben. Das war allerding etwas übertrieben, denn der „Berlin Candy Bomber“ tourt gerade durch Utah, wie auf Facebook zu verfolgen ist. Am heutigen Mittwoch trifft der Berlin-Blockade-Held übrigens junge Studierende, morgen hält er an der State University eine Rede, berichtet die Lokalzeitung „Statesman“. Auch dem voreiligen Herrn Bronson hätte er gewiss einiges zu sagen.
Telegramm
Der tägliche Blick auf die Event-Zone „Tempo 30 in der Leipziger Straße“ (CP von gestern), heute durch die Windschutzscheibe von „Taxi-Andy“: „Eben mein Selbstversuch 30 km/h Leipziger: 3x hin- und hergefahren. 5x angehupt worden, 2x Faust gezeigt bekommen. Jede zweite Ampel rot. Es wird gebrettert wie immer, vor allem freie Kollegen, die mich überholt haben, obwohl meine Fackel an ist. Kein Blitzer zu sehen.“ Auch heute wieder durchgehend geöffnet, zu empfehlen sind die Tribünen-Plätze an der Ecke Wilhelmstraße.
Kaum ist der Regierende Kontrollmeister nicht im Hause (sondern in Jordanien), stellt die Uhr im Rathausturm wieder ihre Arbeit ein: Punkt 12 Uhr 01 war Schluss. Merke: In Berlin wird’s langsam mal Zeit – es weiß nur niemand wann.
Besuch aus New York – Zeitungsdesigner Mario García drehte nach der Landung erst mal eine Jogging-Runde und notierte danach auf Facebook: „It was 5 years ago that I last run thru the Tiergarten, and, sorry to say that perhaps they are not taking such good care of it these days, or maybe there was a lot of partying the last few nights, but there was trash, empty bottles, beer cans, debris all over the place.“ Welcome to Berlin.
Neues von der Nachtigall: Das Naturkunde-Museum lädt ein zum „Bürgerforschungsprojekt“: „Naturbegeisterte Nachschwärmer“ sollen per App die Balzrufe der „kleinen, wanderfreudigen Sänger“ aufnehmen, später werden die Daten wissenschaftlich ausgewertet. Und zum Auftakt am 14. Mai gibt‘s erstmal eine „NachtiGala im Dinosauriersaal“. Irgendwie zum Piepen.
Tierisch geht’s gleich weiter: Wegen der unterirdischen Leistungen von Union Berlin schlagen jetzt sogar die Kröten aus der Wuhlheide Alarm – sie sind zu einer Protestwanderung an der Alten Försterei aufgebrochen und scheuen vor nichts zurück. Das Bezirksamt teilt mit: „Verbunden mit der Gefahr getötet zu werden, queren sie die Sport- und Parkplätze und kommen auch in den Stadionbereich“ – wahrscheinlich zum Quaken.
Die „Berliner Zeitung“ hat sich ein neues Design verpasst – als täglicher Leser muss ich mich erstmal dran gewöhnen, aber der erste Eindruck ist: passt. Auf Seite 3 ein Gespräch von Cornelia Geißler mit Monika Maron, die als „Kassandra von Berlin“ vorgestellt wird. Ob sie sich selbst so fühlt? „Nein.“
Es bleibt turbulent am Himmel über Berlin: Erst die Air-Berlin-Pleite, dann die Easyjet-Offensive, jetzt macht Condor den Abflug – gestern landete die letzte reguläre Maschine in Schönefeld, 130 Jobs sind gefährdet.
Zu unserer Sammlung „BER-Devotionalien Vol. 2012“, heute: Die Pfefferminzdose, Aufschrift: „Ganz frisch. Der Flughafen Berlin Brandenburg“ (hier zu sehen). Falls Sie mit eigenen Exponaten zur digitalen Checkpoint-Ausstellung beitragen wollen, bitte per Foto an checkpoint@tagesspiegel.de.
BER Count Up – Tage seit Nichteröffnung:
Flughafenchef Engelbert Lütke Daldrup hat das Wunder vollbracht: Am 31. Oktober 2020 ist der Flughafen BER offiziell eröffnet worden. 3.073 Tage nach der ersten Nicht-Eröffnung stellen wir damit unseren Count Up ein. Wer nochmal zurück blicken will: Im Tagesspiegel Checkpoint Podcast "Eine Runde Berlin" spricht Lütke Daldrup mit Tagesspiegel Chefredakteur Lorenz Maroldt und Checkpoint Redakteurin Ann-Kathrin Hipp über detailverliebte Kontrollen, politische Befindlichkeiten und aufgestaute Urlaubstage.
Zitat
"Wenn warten Freude macht - Berlin"
Kommentar des Kollegen Marius Mestermann zum Zustand des Öffentlichen Personennahverkehrs.
Zitat
"Okay, alle, die eventuell in irgendwelchen Agenturen professionell nach einem Nachfolgeslogan für „Be Berlin“ oder auch „Weil wir dich lieben“ gesucht haben, können sich wieder hinlegen. Der hier hat alles."
Kommentar des Kollegen Johannes Schneider zum Kommentar von Marius Mestermann.
Tweet des Tages
"Könntet ihr bitte woanders weiterquatschen? Ihr stört mich." Sagt eine Mitarbeiterin eines Cafés. Zu 2 Gästen. Die am Tresen stehen. Wer das charmant (aka „Berliner Schnauze“) findet, hält Bud Spencer für einen Dandy.
Stadtleben
Das Rossi in der Lehrter Straße 66 in Mitte (am Hauptbahnhof), sieht nicht nur einladend luftig aus, es hat auch einen inklusiven Anspruch (wie das dazugehörige Hotel). Menschen mit und ohne Behinderung arbeiten hier, was den Service nicht immer perfekt macht, dem Genuss aber ganz und gar keinen Abbruch tut. In der verglasten Showküche werden regionale und saisonale Produkte (u.a. aus einer SOS-Dorfgemeinschaft) zu Schwarzwurzelsalat mit grünen Bohnen, Minze und süßlich eingelegtem Chicoree (8 Euro) verarbeitet. Kräftig, aber gekonnt gewürzt kommt das zarte Zanderfilet mit krossem Kartoffelstroh und betenrot gefärbten Blumenkohlröschen auf den Tisch (16 Euro). Da die Portionen üppig sind, können Sättigungsbeilagen wie Süßkartoffelpommes optional dazu bestellt werden, durchdacht ist auch die Kinderkarte, die nicht nur die obligaten Nudeln mit Tomatensauce bereithält. Etwas schade ist, dass sich dieses herzliche Lokal noch nicht recht rumgesprochen hat (also: probieren Sie es aus und erzählen Sie es weiter), denn auch Restaurantkritikerin Elisabeth Binder bekennt: „Ich habe schon perfekter gegessen, aber dieser Abend hat mich wieder eindrücklich daran erinnert, dass es nicht nur auf Perfektion ankommt.“ Tgl. 11.30-22 Uhr, barrierefrei
Kaffeetrinken in Dahlem Wenn in der nächsten Woche die Uni wieder losgeht, wird es auch in Dahlem wieder bunter. In den Cafés rund um den U-Bahnhof Dahlem-Dorf mischt sich, was in den Semesterferien auseinandergeht: Uni-Anwohner und Uni-Gänger (von denen der Ortsteil doppelt so viele hat wie Bewohner). Leute-Autor Boris Buchholz empfiehlt einen Cappuccino im Café Kornfeld (oder noch besser auf der Sonnenterrasse davor), um miteinander ins Gespräch zu kommen – fast wie in Mitte (Königin-Luise-Straße 38, tgl. 6-19 Uhr). Neuigkeiten aus Steglitz-Zehlendorf gibt es morgen wieder im kostenlosen Leute-Newsletter.