Wenn Ihnen Berlin manchmal etwas krank vorkommt, dann könnte es daran liegen, dass es in den Gesundheitsämtern viel zu wenig Personal gibt. Stadtweit fehlen 560 Mitarbeiter, darunter zahlreiche Ärzte, die sich um so wichtige Dinge wie öffentliche Hygiene, medizinische Untersuchungen in Flüchtlingsheimen, Kitas und Schulen kümmern. Wobei: Ganz so wichtig scheint die Arbeit auch wieder nicht zu sein, denn die Bezahlung ist schlechter als in Kliniken. Das liegt zwar am Gehaltssystem im öffentlichen Dienst, doch Berlins ewige Rivalin Hamburg weiß dafür eine Medizin: Die Stadt verabreicht ihren Ärzten einfach eine Gehaltsspritze. Berlin scheint hingegen eher auf spontane Selbstheilung zu setzen.
Um eine Art Schuldentilgung bemüht sich derzeit der Regierende Bürgermeister. Allerdings könnte es sein, dass sich Michael Müller dabei verrechnet hat. Denn er hatte nach dem Tegel-Volksentscheid versprochen, einen Schlichter einzusetzen, der im Streit um die Offenhaltung des Flughafens der Herzen vermitteln sollte. Nun wird es allenfalls ein Richter, und der soll auch nur als Gutachter im extra eingerichteten Büro im Roten Rathaus einchecken. Die Opposition aus CDU, FDP und AfD, wie andere Tegel-Befürworter schlichtweg auf Schlichter gepolt, sieht Müller pfeifen (auf Volkes Wille), schlagen (ins Gesicht der Bevölkerung) und spielen (auf Zeit). Immerhin kennt sich der Neue im Roten Rathaus aus mit den Berliner Flughäfen. Denn der 74-jährige Stefan Paetow hat bis zur Pensionierung als Richter am Bundesverwaltungsgericht gearbeitet, wo unter seiner Leitung der Bau des BER genehmigt wurde. Der anerkannte Spitzenjurist soll laut Senat als „unabhängiger und neutraler Gutachter“ arbeiten und „dabei die Argumente verschiedener Akteure einbeziehen“.
Vor gut zehn Jahren war Paetow schon einmal für eine Aufgabe in Berlin im Gespräch: 2007 wünschte ihn sich die SPD als Berliner Verfassungsrichter, sprach mit ihm darüber aber nicht. Als der Jurist über Dritte davon erfuhr, schrieb er pikiert an den damaligen Präsidenten des Abgeordnetenhauses Walter Momper: „Vielleicht können Sie verstehen,“, so zitierte die „Welt“ damals aus seinem Brief, „dass ich eine solche Verfahrensweise nicht nur als Missachtung des in Rede stehenden öffentlichen Amtes, sondern auch meiner Person und meiner beruflichen Stellung als Vorsitzender Richter an einem obersten Bundesgericht empfinde.“
Von einem obersten Gericht zu einem obersten Verfassungsorgan: Im Bundestag sitzen seit gestern ja auch 12 Frauen und 16 Männer aus Berlin. Kleine Statistik gefällig? Die Linke hat mit Gregor Gysi (69) das älteste Berliner Parlamentsmitglied in ihren Reihen, die FDP mit Daniela Klucker (36) das jüngste, wobei Gysi mit 22 Jahren Parlamentserfahrung auch der Dienstälteste ist. 26 von 28 Berliner Abgeordneten haben Abi, die Juristen stellen die größte Gruppe (11), gefolgt von Politik- (4) und Wirtschaftswissenschaftlern (4). Gysi taucht auch wieder in einer anderen Spitzengruppe auf: die der kinderreichsten. Er hat drei Sprösslinge, so wie Hartmut Ebbing (FDP) und Fritz Felgentreu (SPD). Getoppt werden die Drei aber von einem Mann der CDU: Thomas Heilmann ist vierfacher Vater. Da kann die Namenswahl schon schwierig werden, es sei denn, man bringt so viele wie die AfD-Politikerin Beatrix Amelie Ehrengard Eilika von Storch mit – Rekord unter den Berliner Parlamentariern.
Justitia ist nicht nur die Göttin der Gerechtigkeit, sondern hat auch eine Mitgliedskarte im Autoclub. Das steht seit der Entscheidung des Verwaltungsgerichts fest, eine gesperrte Straße wieder zu öffnen, auf der Schüler des Pankower Luxemburg-Gymnasiums gefahrlos zwischen zwei Gebäudeteilen wechseln konnten (CP von gestern). So dürfte es wohl eher schlecht um den Hilferuf von Eltern und Lehrern der Friedrichshainer Modersohn-Grundschule bestellt sein, die vor dem Gebäude Verkehrsberuhigung plus Zebrastreifen fordern – außerdem rufen sie dort schon seit zwei Jahren.
Vielleicht könnte man ja die Beamten dort zur Schulwegsicherung vorbeischicken, die regelmäßig bei einem schrottreifen Opel Corsa im Tegeler Forst in Reinickendorf nach dem Rechten schauen. Seit Anfang September steht das Auto dort – mitten im Wasserschutzgebiet. Abgeschleppt wird es aber nicht. Erst wollen die Behörden dieüblichen Fristen abwarten, damit der Besitzer seine Karre aus dem Dreck zieht. Nur: von dem fehlt jede Spur. „Es ist Wahnsinn, dass dieses Auto am Ende insgesamt über zehn Wochen stehen soll“, empört sich Felix Schönebeck vom Verein „I love Tegel“. Laut „B.Z.“ kommt täglich jemand vom Ordnungsamt zum Autocheck, falls Öl oder Benzin ausläuft. Mehr über das Tegeler Car-to-stay-System steht im „Leute“-Bezirksnewsletter, heute unter anderem aus Reinickendorf. Gratis-Abo unter dieser Adresse.
Telegramm
Kommt jetzt die Suppenhaft für Veganer-Koch Attila Hildmann? Jedenfalls muss er zur Polizei. Anlass ist nach eigenen Angaben eine Strafanzeige wegen seiner Facebook-Posts. In einem posierte er mit einer Pumpgun, in einem anderen wurde er gegen die Tagesspiegel-Rezensentin mehr als ausfällig, die seinen fleischlosen Imbissladen nicht besonders geschmackvoll fand.
Das reinste Vergnügen soll hingegen die Gegend um die Mehrzweckhalle aka Mercedes-Benz-Arena formerly known as O2-World an der East Side Gallery werden. So wollen es zumindest die Investoren, die beim Richtfest gar von einem Berliner Las Vegas tönen. Eines muss man denen aber lassen: Eine bunte Fantasie haben sie, so angesichts der öden Fifty-Shades-of-Grey-Architektur.
Der kleine Cem sucht immer noch sein giftgrünes Dreirad (oder so). Zweckdienliche Hinweise nehmen die „Aktenzeichen-XY“-Studios in München, Zürich, Wien oder alle Polizeidienststellen entgegen.
In der Türkei beginnt heute der Prozess gegen Peter Steudtner, den Menschrechtsaktivisten aus Prenzlauer Berg. Für das Verfahren wird der 45-Jährige aus dem Gefängnis Silivri, in dem er seit rund 100 Tagen festgehalten wird, ins 80 Kilometer entfernte Istanbul gebracht. Sein Anwalt hofft, dass er aus der Untersuchungshaft entlassen wird. Seit 254 Tagen sitzt nunmehr der Journalist Deniz Yücel im Gefängnis; seine Ehefrau Dilek Mayatürk-Yücel hat sich am Dienstag mit Angela Merkel getroffen.
Mitarbeiter von Berliner Sicherheitsfirmen vermitteln Flüchtlinge angeblich in die Prostitution. Das meldet das ZDF-Magazin „Frontal 21“ und beruft sich auf Schilderungen von Sozialarbeitern, Insidern bei Sicherheitsfirmen und Flüchtlingen. Demnach soll es ein Zuhälternetzwerk in den Heimen geben. Den zuständigen Behörden liegen nach eigenem Bekunden bisher keine konkreten Hinweise vor.
Am Alexanderplatz, Schwerpunkt für Gewalt, ist gewaltige Aktion zu beobachten. Auf der Fläche der künftigen Polizeiwache, die den Kriminalitätsschwerpunkt befrieden soll, wurde jetzt tatsächlich ein Mini-Bagger abgestellt! Und das schon sieben Wochen nach Spatenstich. Nun wird’s nun wohl ernst mit den Bauarbeiten. Hoffentlich klaut jetzt keiner das Baugerät.
Kameras würden ja bei der Beobachtung solch neuralgischer Punkte helfen. Doch bislang hat es Rot-Rot-Grün nicht mal geschafft, den rechtlichen Rahmen für den Einsatz so genannter Bodycams bei der Polizei zu schaffen. Vor gut einem Jahr hatten sich SPD, Linke und Grüne bei den Koalitionsverhandlungen auf den Einsatz der Körperkameras geeinigt. Die Geräte erhöhen vor allem die Sicherheit der Beamten, wirken abschreckend auf Straftäter. Geld im Doppelhaushalt 2018/19 ist nicht vorgesehen. Die Mittel würden „gegebenenfalls im Rahmen der Haushaltswirtschaft beschafft“ (Quelle: Anfrage des CDU-Parlamentariers Burkard Dregger).
Derweil wurde bei der Polizei schon wieder eingebrochen. Vom Kfz-Sicherstellungsgelände in Biesdorf verschwanden in der vorigen Woche je ein beschlagnahmter BMW und Audi. Kameras gibt’s auch hier nicht. Nächsten Sonntag lädt die Polizei, so merkt die „Berliner Zeitung“ süffisant an, zum „Tag des Einbruchschutzes“ ins Präsidium am Platz der Luftbrücke ein.
So schnell kann’s gehen: TV-Moderator Markus Kavka (früher Viva, heute RTL Nitro) ist via Facebook einfach mal für tot erklärt worden. Unter ein Foto, das eine Frau vor einem Grabstein zeigt, schrieb jemand „RIP – bester Sportmoderator“. Problem nur: Der Stein steht in Prag auf dem jüdischen Friedhof und ist - Franz Kafka gewidmet. „Ich bin nicht tot“, twitterte der Quicklebendige zur Sicherheit. Ob die Verwechslung ein böser Scherz ist oder nur eine böse Bildungslücke, bleibt unklar. Auf jeden Fall aber eine kavkaeske Geschichte.
Ab und zu ist ja vom Primat der Politik die Rede, vom Primaten der Politik wird künftig wohl in Lichtenberg gesprochen werden müssen. Denn die Rathausfraktion der Linken hat die Patenschaft über einen, na klar, Rotbauchmaki im Tierpark Friedrichsfelde übernommen. Ursprüngliche Heimat des Äffchens ist Madagaskar. Gerüchteweise soll es in anderen Fraktionen Pläne geben, einen Braunbären zu adoptieren.
Und nun noch ein bisschen Eigenlob: Die Tagesspiegel-Kolumne „Heteros fragen – Homos antworten“, die bis vor kurzem im „Mehr Berlin“-Magazin erschien, ist für den Respektpreis des Bündnisses gegen Homophobie (111 Mitglieder aus Wirtschaft, Soziales, Sport, Kultur und Tourismus) nominiert worden. Mit im Rennen: Angelika Schöttler (SPD-Bürgermeisterin von Tempelhof-Schöneberg), Dagmar Wegener (Pastorin der Gemeinde „baptisten.schöneberg“ und Youtuber Florian Mundt alias LeFloid.
BER Count Up – Tage seit Nichteröffnung:
Flughafenchef Engelbert Lütke Daldrup hat das Wunder vollbracht: Am 31. Oktober 2020 ist der Flughafen BER offiziell eröffnet worden. 3.073 Tage nach der ersten Nicht-Eröffnung stellen wir damit unseren Count Up ein. Wer nochmal zurück blicken will: Im Tagesspiegel Checkpoint Podcast "Eine Runde Berlin" spricht Lütke Daldrup mit Tagesspiegel Chefredakteur Lorenz Maroldt und Checkpoint Redakteurin Ann-Kathrin Hipp über detailverliebte Kontrollen, politische Befindlichkeiten und aufgestaute Urlaubstage.
Zitat
„Städte sind die Herzkammern der Integration.“
Der Berliner CDU-Bundestagsabgeordnete Kai Wegner in einem Beitrag für den Tagesspiegel.
Tweet des Tages
„Anfrage an das Standesamt Spandau gestellt um 16.25 Uhr. Antwort mit vollständigen Daten um 16.59 Uhr. Ich glaube doch wieder an das Gute.“
Stadtleben
Kjopolu, Lukanka und Kashkaval. Noch nie gehört? Nicht nur in Sachen Tourismus ist Bulgarien für seine wahren Vorzüge noch wenig bekannt. Im schlicht und modern eingerichteten PriMaria in der Gärtnerstraße 12 in Friedrichshain kann sich das bei den Klassikern der Küche, wie Zelentschuzi im Tontopf, also Mariniertes Gemüse aus Auberginen, Paprika, Zucchini, Tomaten Kartoffeln, Zwiebeln und Knoblauch in Tomatensauce, dazu Oliven und Brot (9,5 Euro), und Schopska Salata (7 Euro) schnell ändern. Ein besonderer Hauch Bulgarien sind die Palatschinki mit Rosenkonfitüre. Und wo Sie schon dabei sind, in die Kultur einzutauchen: probieren Sie ein Glas Mavrud oder Melnik, bekannte bulgarische Weine, oder gleich traditionelle Rakia, angenehm-würzigen Traubenbrand. Mo-Do 16-24 Uhr, Fr 13-24 Uhr, Sa-So 10-24 Uhr, U-Bhf Samariterstraße.