Top-Thema auch heute: Das WM-Aus der deutschen Nationalmannschaft. Neu auf dem Spielplan: Wirtschaftswissenschaftler gegen Wirtschaftswissenschaftler – die einen fürchten einen schlechtlaunigen Konjunkturabstieg (nicht nur die Preise für Fan-Utensilien auf der Fanmeile schmelzen in der Juni-Sonne dahin, auch Sponsoren, Handel und Gastronomie rollen die Fahnen ein), die anderen rechnen die (jetzt gestoppten) Verluste durch Arbeitsniederlegungen bei Nachmittagsspielen dagegen (alleine das Südkorea-Spiel soll die Volkswirtschaft bis zu 200 Mio Euro gekostet haben). Die gute Nachricht: Zur Erholung ist heute spielfrei – und unser WM-Magazin „11Freunde täglich“ erscheint weiter wie geplant bis zum Tag nach dem Finale (15.7.).
Meistdiskutierte Frage: Und für wen sind wir jetzt? Wir wollen es von Ihnen wissen: Bitte mit Begründung an checkpoint@tagesspiegel.de, die offizielle Checkpoint-Weltrangliste erscheint in der Montagsausgabe.
Und wer mit abgeschütteltem Kater und steigender Vorfreude (kann ja nur besser werden) schon ein bisschen planen will: Bei Facebook kursiert bereits eine Einladung zum „Schlittenkorso Finalsieg 18. Dezember 2022“ – die nächste WM in Katar findet ja bekanntlich im Winter statt.
Die eigentliche „Schande von Kasan“ ist übrigens nicht das 0:2 gegen Südkorea, sondern der offene Hass auf Mesut Özil, an dem sich islamophobe AfD-Fans ebenso beteiligen wie Dumpfbacken á la Mario Basler („Körpersprache wie ein toter Frosch“) und Millionen selbsternannter TV-Fußball-Experten. Kleiner Blick auf die Statistik: Basler 30 Länderspiele, 2 Tore, 7 Vorlagen, Özil 92, 23, 40. Im Südkorea-Spiel: Nach Toni Kroos die meisten Pässe gespielt, 62 % gewonnene Zweikämpfe, aus dem Spiel heraus 7 Torchancen kreiert – mehr als jeder andere Spieler bisher bei dieser WM. Und wie immer: ein überragender Zielspielerwert – niemand schleicht sich so oft frei wie Özil. Ich freue mich schon auf seine nächste Saison – in der Premier League mit Arsenal, wo sie mehr von Fußball verstehen und ihn „Magier“ nennen.
Zur Verabschiedung des Mobilitätsgesetzes radelten die Grünen Abgeordneten und Senatoren gestern früh von ihrem Parteihauptquartier in der Kommandantenstraße ins Abgeordnetenhaus. Darauf hinzuweisen, dass der schwierigste Teil der Strecke erst heute beginnt, blieb Ex-Senator Harald Wolf von den Linken vorbehalten: Er sprach von einer „hoch ambitionierten Aufgabe“: Für die notwendigen Umbauten müssten die „planerischen und personellen Kapazitäten“ ausgebaut werden – aber daran scheitert zurzeit ja schon die Schulsanierung.
Die Feuerwehr dagegen scheitert an ihrer Ungeduld – den Fahrzeugmangel hat sie sich zum Teil selbst zuzuschreiben: Weil der notwendige Umbau von Standardwagen eines Automobilherstellers 10 bis 12 Wochen gedauerte hätte, stornierte sie den Auftrag – und jetzt hat sie nicht nur keine Wagen, nein: auch das Budget droht zu verfallen. Und die Mitarbeiter ärgern sich rot.
Bei der Polizei gibt’s dagegen ganz andere Probleme: Da wollte Innensenator Geisel die personellen Lücken in seine neuen mobilen Wachen mit Überstundenschiebern stopfen – doch da macht der Personalrat nicht mit. Checkpoint-Vorschlag zur Güte: Die Polizei überlässt der Feuerwehr mangels Personal die Autos, und die Feuerwehr überlässt der Polizei mangels Autos das Personal – dann passt es wieder.
Umweltsenatorin Regine Günther fand die Farbaktion von Greenpeace am Großen Stern „spektakulär“: Es sei das „berechtigte Interesse“ einer Nichtregierungsorganisation, solche Aktionen durchzuführen, und diese sei dabei auch frei in der Wahl ihrer Mittel. Ok! Hiermit erklärt sich der Checkpoint zur Nichtregierungsorganisation. Wir sind ab sofort frei in der Wahl unserer Mittel und nehmen unser berechtigtes Interesse in Anspruch – was Sie davon haben, werden Sie ja dann schon sehen.
Was Greenpeace von der Aktion hat: Mehrere Anzeigen wegen Sachbeschädigung von Privatpersonen, Ermittlungen wegen gefährlichen Eingriffs in den Straßenverkehr – und eine BSR-Rechnung über 15.000 Euro. Zum Ausdruck kommt dabei das „berechtigte Interesse“ der Öffentlichkeit, die sich bei der Wahl ihrer Mittel am geltenden Recht orientiert.
Neue Rechnungshofpräsidentin ist Karin Klingen – die Wahl der Senatskanzlei-Führungskraft verlief ganz im Sinne ihres Amtes: Sie bekam nur 82 Stimmen, zehn weniger als die Koalition Sitze hat und somit nur eine mehr als die erforderliche absolute Mehrheit. Bei der Blitz-Metamorphose der SPD-Politikerin zur überparteilichen Kontrolleurin wurde also schon mal nichts verschwendet.
Der Checkpoint verleiht der Stadt Kassel in dieser Woche den Titel „13. Berliner Bezirk h.c.“ und begrüßt die Hessisch/Niedersächsische Allgemeine im Kreis der Hauptstadt-Zeitungen: Ab sofort bietet die HNA ihren Lesern jeden Montag eine ganze Seite „Blick nach Berlin“. Im Editorial schreibt Chefredakteurskollege Jan Schlüter: „Berlin wird immer attraktiver: Museen, Opernhäuser, Theater, Kneipen, Sportveranstaltungen, Festivals oder einfach das bunte Leben locken die Besucher an – übers Wochenende oder für einen Urlaub. Das sind für uns viele Gründe, intensiver über Berlin zu berichten.“ In der Premierenausgabe: „Schauspielerin Katharina Wackernagel verrät uns ihr Lieblingsecken in Berlin“, und in der Ecke „Bärliner Schnauze“ klärt die HNA darüber auf, was ein Fatzke ist, nämlich: „Eine aufgeblasene und eitle Person“, versehen mit dem Hinweis: „Der Ausruf ‚Sie oller Fatzke‘ ist nicht als Kompliment zu verstehen.“
Telegramm
Falls Sie nicht Fatzke, sondern Lemke heißen und heute trotzdem komisch angesehen werden – das liegt an folgender Meldung: „Polizei warnt vor falschem BKA-Mitarbeiter“ – der Mann nennt sich Lemke, ruft Leute an, warnt sie vor einem bevorstehenden Einbruch und kündigt den Besuch eines Beamten an, der vorsichtshalber Geld und Wertgegenstände abholt. Bis heute mit Erfolg. Aber da der Trick jetzt im Checkpoint steht, werden morgen wahrscheinlich die Müllers komisch angesehen. Und übermorgen die Schulzes.
An der East-Side-Gallery hat die Polizei einen verliebten Spanier festgenommen – er hatte eine rote Rose für seine Freundin auf die Mauer gesprüht. Immerhin hat er jetzt auch ein amtlich beglaubigtes Echtheitszertifikat: die Anzeige wegen Sachbeschädigung.
Die Zwangsversteigerung der Boris-Becker-Erinnerungsstücke ist gestoppt – auch die angepriesenen Socken des Wimbledon-Stars kommen nicht mehr unter den Hammer. Das ist nicht nur für Bobele gut.
Jetzt hat auch beim rbb der Wecker geklingelt: Seit Wochen ist hier und anderswo zu lesen (z.B. direkt auf der Website „Bürgeramt Online“), dass der Senat das 14-Tage-Ziel bei den Bürgerämtern nicht einhält – gestern meldete dann auch der rbb, und zwar „exklusiv“: „Senat hält 14-Tage-Ziel bei Bürgerämtern nicht ein“ – ist ja ein Ding! Und das Beste an der Mail kommt erst noch: Die heiße Nachricht ist versehen mit einer „SPERRFRIST 29.6., 6 Uhr“ - Sie können also ab jetzt allen sagen, was sowieso schon jeder weiß: Der Senat hält das 14-Tage-Ziel bei Bürgerämtern nicht ein – und das, obwohl heute 100 Mitarbeiter mehr in den Ämtern arbeiten
Immerhin hat sich der Sender die Mühe gemacht, in allen Bezirken die Abwesenheitsquote im Amt zu checken – und die hat’s in sich: In Marzahn-Hellersdorf und Friedrichshain-Kreuzberg waren im Durchschnitt rund ein Drittel der Arbeitsplätze nicht besetzt, in Lichtenberg sogar 48 Prozent. Die wichtigsten Gründe: Urlaub, Elternzeiten, Fortbildungen, Vertretungen, Krankheit…
Ein super Projekt zum BER haben Studierende der FU-Wirtschaftswissenschaften zum BER aufgezogen – im zu Ende gehenden Semester haben sie mit bekannten Flughafenplanern, Politikern, Bauexperten, Ingenieuren (und solchen, die dafür gehalten wurden), Bürgerinitiativen sowie Fluggesellschaften gesprochen, um „den Einfluss von Anspruchsgruppen auf die Entwicklungen am unvollendeten Flughafen“ zu klären. Auch Journalisten wurden einbezogen, u.a. der BER-Experte Michael Fabricius von der „Welt“, und ich hatte ebenfalls die Ehre und das Vergnügen, an einem der Seminare teilzunehmen. Heute gibt’s nun von 10 bis 12 Uhr die Abschluss-Vernissage der Lehrveranstaltungen, mit einer Präsentation der Ergebnisse, einer Ausstellung und zwei Diskussionsrunden – vielleicht sehen wir uns ja da, würde mich freuen (Garystraße 21, Hörsaal 103).
Guter Hinweis von CP-Leserin Andrea Petermann zum Schuljahresende: Seit vergangenem Jahr gibt es in allen Bezirken Jugendberufsagenturen (sie ist selbst Teamleiterin), die ganz unkompliziert unabhängige Expertenberatung und reichlich gute Ausbildungsplätze vermitteln können. Standorte und Öffnungszeiten stehen unter jba-berlin.de.
„Wegen hoher Gleisauslastung erhalten sie heute eine kostenlose Fahrzeitverlängerung von 5 Minuten“ ist auch mal eine originelle Ansage im ICE – gehört von Checkpoint-Leser Markus Schulz.
Aus dem Spamordner: „Sehr geehrter Herr Maroldt, die Digitalisierung ist ein prominentes Thema für die deutsche Industrie.“ Irre – haltet mir die Seite 1 frei.
Leer in Ostfriesland meldet: „Fertig!“ Gemeint ist ein originalgetreuer Mini-BER (Maßstab 1:87), an dem aber immerhin auch sechs Monate rumgebastelt wurde. Hochgerecht auf einen Maßstab von 1:1 kommen wir damit auf eine Bauzeit von 43 Jahren und 5 Monaten. Außerdem fehlt noch die Abnahme vom Landeratsamt Dahme-Spreewald, und auch der Laie erkennt: Mit der Entrauchungsanlage stimmt was nicht…
Ich würde mal sagen: Das ist ein klarer Fall für den neuen BER-Untersuchungsausschuss, den das Abgeordnetenhaus gestern eingesetzt hat.
BER Count Up – Tage seit Nichteröffnung:
Flughafenchef Engelbert Lütke Daldrup hat das Wunder vollbracht: Am 31. Oktober 2020 ist der Flughafen BER offiziell eröffnet worden. 3.073 Tage nach der ersten Nicht-Eröffnung stellen wir damit unseren Count Up ein. Wer nochmal zurück blicken will: Im Tagesspiegel Checkpoint Podcast "Eine Runde Berlin" spricht Lütke Daldrup mit Tagesspiegel Chefredakteur Lorenz Maroldt und Checkpoint Redakteurin Ann-Kathrin Hipp über detailverliebte Kontrollen, politische Befindlichkeiten und aufgestaute Urlaubstage.
Zitat
„Sorry Robbie, but freedom is messy…“
Facebook-Eintrag eines Amerikaners, der seinem sechsjährigen Sohn anhand eines original Mauerstücks in Simi Valley (Kalifornien) erklärt, warum die „saubere“ Seite mit glattem, Graffiti-freiem Beton nicht die Seite der „good guys“ war, wie der Kleine vermutet hatte.
Tweet des Tages
„Jedes Mal wenn jemand einen entkoffeinierten Hafermilch-Latte bestellt, steigt nebenan der Quadratmeterpreis um 50 Cent.“
Stadtleben
Essen im Michelberger Hotel in Friedrichshain geht jetzt im Sommer auch draußen. Immer sonntags (wenn es nicht regnet) kommen Ribeye Steaks und Gemüse auf den Grill (ab 17 Uhr). Aber auch in der Woche lohnt ein Abstecher in den großen Speisesaal in der Warschauer Straße 39-40 (direkt gegenüber vom U-Bhf): Auf dem gerade aktualisierten Lunchkarte (das Menü mit Suppe, Salat, einem Hauptgang und was Süßem kostet 12 Euro) steht frische Sommerküche à la Ceviche, gegrillter Pfirsich mit Ziegenkäse oder Kürbishummus mit geräucherter Paprika (Mo-Fr 12-14.30 Uhr).
Gibt es einen neutraleren Ort zum Public Viewing als einen Irish Pub? Vermutlich. Fakt ist aber auch: Genügend Guinness fördert Völkerfreundschaft. Und da Deutschland und Irland fußballtechnisch derzeit in der gleichen Liga spielen, respektive nicht spielen, sollte das gemeinsame Zuschauen versöhnlich stimmen - zum Beispiel im Celtic Cottage in Steglitz (Markelstraße 13, U-Bhf Walther-Schreiber-Platz).