Es gibt Neuigkeiten im Fall Amri: Ein V-Mann des Landeskriminalamts in NRW soll nach Recherchen von „rbb“ und „Morgenpost“ Anhänger des IS zu Anschlägen mit Lastwagen angestachelt haben, darunter auch den späteren Attentäter vom Breitscheidplatz - dies hätten mehrere Zeugen bestätigt. Angeblich hat „VP-01“ aka „Murat“ u.a. gesagt: „Komm, du hast eh’ keinen Pass, mach hier was, mach einen Anschlag.“
Nach der Vereinigung der Staatsanwälte („Ein funktionierendes Rechtssystem ist in Berlin nicht mehr vorhanden“, CP von gestern) schlagen jetzt auch die Richter Alarm - in einem dramatischen Brief des Landgerichtspräsidiums an die Justizverwaltung heißt es: „Wir wissen nicht, wie wir die Eingänge verteilen sollen“ - 19 von 21 Strafkammern haben demnach Überlastung angezeigt, wegen der Engpässe ist die rechtzeitige Eröffnung von Hauptverhandlungen vier Monate nach der Anklage gefährdet, die Staatsanwaltschaft („Wir sind am Ende, wir können nicht mehr“) befürchtet Freilassungen aus der Untersuchungshaft: „Eine tat- und schuldangemessene Ahndung von Straftaten ist beim Landgericht nicht mehr zu erwarten.“
Justizsenator Dirk Behrendt freut sich unterdessen darüber, dass die Bibliothek der Jugendarrestanstalt Berlin-Brandenburg für den deutschen Lesepreis 2017 nominiert wurde: „Das ist eine schöne Auszeichnung“, ließ er mitteilen. Einzige weitere Pressemitteilung seiner Verwaltung in den vergangenen 48 Stunden war der Terminhinweis auf eine Veranstaltung im Roten Rathaus am 26. Oktober: „Auf nach Casablanca? Lebensrealitäten transgeschlechtlicher Menschen zwischen 1945 und 1980.“ Im Übrigen teilt Behrendts Sprecher Sebastian Brux auf Anfrage mit: „Wir können in den ersten zehn Monaten nicht alles reparieren, was die CDU vier Jahre lang heruntergerockt hat.“
Aus der Serie „So funktioniert Berlin“: Vor zwei Jahren war es nicht möglich, innerhalb der gesetzlich vorgeschrieben Frist (14 Tage) einen neuen Wohnsitz anzumelden - es gab so schnell keine Bürgeramtstermine. Vor einem Jahr beschlossen die neuen Koalitionäre, dass es Bürgeramtstermine für alle innerhalb von zwei Wochen gibt, es wurden dafür 612 zusätzliche Stellen geschaffen. Heute ist es nicht möglich, innerhalb der gesetzlich vorgeschrieben Frist einen neuen Wohnsitz anzumelden. Die Koalition hat deshalb soeben im Abgeordnetenhaus beschlossen, dass es Bürgeramtstermine für alle innerhalb von zwei Wochen gibt. Ebenso gut hätte das Abgeordnetenhaus aber auch beschließen können, dass die Erde eine Scheibe ist, denn die Berliner Verwaltung und die Erde haben eins gemeinsam: Sie halten sich nicht an die Beschlüsse des Abgeordnetenhauses.
Kommen wir zu unserem beliebten Checkpoint-Berlin-Lexikon - heute: „Aufgrabeverbot, das“. Existiert seit dem 1.1.2014. Theorie: Soll Leitungsbuddelarbeiten in neu hergestellten Straßen und Gehwegen vor Ablauf von 5 bzw. 3 Jahren verhindern (§ 12 Straßengesetz, Sondernutzung für Zwecke der öffentlichen Versorgung). Praxis: „Ausnahmegenehmigung, die“. Gilt als stillschweigend erteilt bei ortstypischem Koordinationsversagen.
Das Auf-Zu-Auf-Zu in der Müggelheimer Straße funktioniert allerdings auch ohne § 12 - der Senat teilt mit: „Es besteht kein Aufgrabeverbot“. Begründung für das „Auswechseln von Teilstücken“ durch die Wasserbetriebe kurz nach Abschluss der BVG-Gleisarbeiten: „Das Verschieben der BWB-Baumaßnahme war Ergebnis der zeitlich-räumlichen Koordinierungstätigkeit der Verkehrslenkung Berlin zur Aufrechterhaltung der Flüssigkeit des Verkehrs.“ Na dann Prost. (Q: Anfrage MdA Katrin Vogel).
Kommen wir nun zu einem Beitrag aus unserem Gourmet-Club (Motto: „Baden in Öl“) - Tagessieger im Checkpoint-Wettbewerb „Berlins liebreizendster Gastwirt“ ist heute der Veganerkönig und Bestsellerautor Attila Hildmann („Vegan for fit“, „Vegan for fun“, „Vegan for Starters“, „Vegan for Youth“). Nach dem Genuss der Tagesspiegel Kritik zu seiner Imbissbude („Wer hier einkehrt, meint, eine Fritteuse zu betreten“) kochte ihm zum Nachtisch das Blut - per Facebook droht er der Autorin Susanne Kippenberger: „Ich freue mich, dass ich Sie nicht erkannt habe, sonst hätte ich Ihnen meine Pommes in Ihre Wannabe-Journalistinnen-Visage gestopft.“ Wow, klingt ja wie gedrucktes Hackfleisch! Leider können wir den Härtegrad der Streifenkartoffeln nicht selbst abschmecken, denn Herr Hildmann hat „Hausverbot für den Tagesspiegel“ verhängt. Checkpoint-Urteil: Klarer Fall von Suppenhaft.
Telegramm
Nach seinen resoluten Worten zu Obdachlosen im Tiergarten wird Mittes Bürgermeister Stephan von Dassel womöglich bald politisch heimatlos: Zweidrittel der Grünen-BVV-Mitglieder boykottierten gestern Abend in der BVV eine Aussprache zur Politik ihres Parteifreunds. Checkpoint-Prognose: Darüber wächst so schnell kein Gras.
Die anonymen Schöpfer des traurig-lustigen Air-Berlin-Songs („Dear Mr. CEO“, CP vom 16.10.17) haben unserem Wirtschafts-Ressortleiter Kevin Hoffmann ein schriftliches Interview gegeben - berühmt werden wollen sie nicht, sondern „einfach etwas schaffen, was uns airberlinern ein wenig Gehör verschafft und vielleicht als Abschiedshymne in Erinnerung bleibt“. Was die Idee zum Song auslöste und welche Reaktionen es gab - heute Nachmittag auf tagesspiegel.de.
Die folgende Nachricht dürfte in Berlin eigentlich erst nächste Woche ausgeliefert werden, denn: Ausgerechnet die Post hat den „Deutschen Image Award 2017“ gewonnen (obwohl den doch eigentlich Air Berlin verdient hätte) - aber wir haben die News ja auch schon ein paar Tage liegen lassen, dem derzeitigen Servicezustand des Unternehmens angemessen.
Weise Worte von Innensenator Andreas Geisel gestern im Parlament: „Ich warne uns davor, die Gewalt an den Rändern gegeneinander aufzurechnen, nach dem Motto gute schlechte Gewalt. Es muss heißen: keine Gewalt…“
… oder auch „Schwerter zu Pflugscharen“: Der Kollege Axel Lier („Bild“/„B.Z.“) hat entdeckt, dass der Innensenator offenbar unter Pseudonym einen Zweitjob in der Landwirtschaft hat - jedenfalls war ein Bericht der „Morgenpost“ (Online) zur Sendung „Bauer sucht Frau“ mit dem Bild von Andreas Geisel garniert: Er posierte dort als „Gerald, der attraktive Farmer aus Namibia“.
„Wolfgang Joop unterm Hammer“ ist keine Meldung aus dem Polizeibericht - es geht um die Versteigerung der Kunst- und Designsammlung des Modemachers aus der Potsdamer Villa Wunderkind (gehört jetzt Hasso Plattner).
Als die Berliner Brüder Maxim und Raphael Nitsche sich die Nachhilfe-App „Math24“ ausdachten, waren sie 14 und 15 Jahre alt. Jetzt sind sie Anfang 20 und haben ihre Entwicklung an den US-Bildungsanbieter Chegg verkauft - für 12,5 Millionen Euro (plus 10 Mio in den nächsten drei Jahren). Hat sich offenbar gerechnet.
Nicht vergessen: Der „Welt“-Korrespondent Deniz Yücel ist morgen seit 250 Tagen ohne Anklage Gefangener des türkischen Präsidenten Erdogan („Austausch? So lange ich im Amt bin: niemals!“).
Falls Sie Generalunternehmer sind und zufällig nichts zu tun haben: Für den BER wurde gerade der angekündigte Neubau von Terminal „T1-E“ am Nordpier (6 Mio Passagiere) ausgeschrieben (Nr. S 199-410168): „Die Inbetriebnahme ist für 2020 beabsichtigt“, heißt es - aber Achtung, der Auftrag kann nicht verlängert werden (steht da jedenfalls).
BER Count Up – Tage seit Nichteröffnung:
Flughafenchef Engelbert Lütke Daldrup hat das Wunder vollbracht: Am 31. Oktober 2020 ist der Flughafen BER offiziell eröffnet worden. 3.073 Tage nach der ersten Nicht-Eröffnung stellen wir damit unseren Count Up ein. Wer nochmal zurück blicken will: Im Tagesspiegel Checkpoint Podcast "Eine Runde Berlin" spricht Lütke Daldrup mit Tagesspiegel Chefredakteur Lorenz Maroldt und Checkpoint Redakteurin Ann-Kathrin Hipp über detailverliebte Kontrollen, politische Befindlichkeiten und aufgestaute Urlaubstage.
Zitat
„Lassen Sie sich nicht von den Anforderungsprofilen oder den Fristen abschrecken. Das sind nur Ideale. Einstellungsverfahren dauern beim Land Berlin immer sehr lang.“
Aus dem Vortrag des Senats bei der Jobmesse für Air-Berlin-Angestellte.
Zitat
„Es gibt in Berlin auch eine Mentalität: Man ist sich selbst genug.“
Potsdams Oberbürgermeisters Jann Jakobs (SPD) zu mangelnder Kooperation zwischen Berlin und Brandenburg. (Q: Tagesspiegel)
Tweet des Tages
„Einfach mal ein großes Bild in den Aufwachraum unserer Klinik hängen, welches einen eröffneten Flughafen BER zeigt.“
Stadtleben
Für ihre Kolumne hat Tagesspiegel-Restaurantkritikerin Elisabeth Binder diese Woche das Restaurant im heiß diskutierten Hotel Orania besucht. Ihr Fazit: Die feine Küche unter Leitung von Philipp Vogel macht beliebte Klassiker noch beliebter, indem mit kleinen Überraschungen gearbeitet wird. „Tomate Mozzarella“ etwa kommt gehäutet und mit einem leuchtend grünen Matcha-Couscous-Küchlein (12 Euro), der Petersfisch mit einer köstlichen Ricotta-Amalfi-Zitronensauce (26 Euro) und auf dem Pflaumeneis mit Pflaumen-Mascarponecreme tümmelt sich reichlich Zimtcrumble (7 Euro). Trotz augenscheinlicher Noblesse speist man gemütlich in unmittelbarer Nähe zum Nachbarn - so kommt man gleich noch ins Gespräch. Oranienplatz 17 U-Bhf Moritzplatz) , tgl. ab 18 Uhr, Reservierung empfohlen (030 - 69 53 96 80).
Trinken in Neukölln (via Julian Goldmann) Wer Champions-League-Abende oder Bundesliga-Nachmittage nicht sowieso in einer unangefochtenen Stammkneipe verbringt, sondern seine Fußballaffinität ganz unvoreingenommen an wechselnden Orten auslebt, den könnte es in den Flaschenzug nach Neukölln ziehen. Neben allen Spielen von Werder Bremen, HSV und dem 1. FC Köln laufen hier auch die internationalen Spiele der deutschen Mannschaften. Dazu werden hauseigenes Fassbier und eine große Auswahl an Spirituosen gereicht - vielleicht klappt es dann ja doch noch mit der Stammkneipe. Emser Straße 16 (S/U-Bhf Hermannstraße oder S/U-Bhf Neukölln), tgl. 19 Uhr, an Bundesligasamstagen ab 15 Uhr.