Falls Sie diese Checkpoint-Ausgabe tatsächlich erhalten haben, möchten wir Ihnen (und uns) herzlich gratulieren – wir haben es dann nämlich doch noch geschafft, die Manuskripte mit den neuesten Nachrichten aus unserem Funkloch heraus - und in Ihre Mailbox hineinzuschmuggeln. Keine Selbstverständlichkeit, denn was müssen wir hier lesen? Das: „Lieber Vodafone Kunde, aufgrund dringender technischer Änderungen mussten wir unseren Standort Askanischer Platz zeitweilig außer Betrieb nehmen.“
Na dann schauen wir doch mal, was anderswo so lief (mehr Funklöcher gibt’s weiter unten):
Ex-Bausenator Thomas Flierl ist wieder da – er hat einen schönen Beratervertrag vom Bezirksamt Mitte bekommen: Für 70 Euro netto die Stunde soll er das Projekt „Themenbahnhöfe“ vorbereiten und entwickeln, Steuerungsrunden organisieren, Konzepte harmonisieren, die Denkmalverträglichkeit überprüfen und einen Bewerbungsvorschlag bei der Kultusministerkonferenz erarbeiten. Ausgeschrieben wurde die Stelle nicht, Stadtrat Ephraim Gothe begründet das so: „Die Eignungsprüfung ergab, dass aus fachlich-stadtplanerischer Sicht für die Leistung nur Herr Flierl in Frage kommt.“ Logisch. Bei dieser anspruchsvollen Aufgabenbeschreibung kommt natürlich nur Herr Flierl in Frage. Niemand sonst. So einen wie ihn hat Berlin nämlich nicht zweimal. Entschieden hat über den freihändigen Zuschlag für den Ex-Politiker der Linken im guten Einvernehmen mit Stadtentwicklungssenatorin Lompscher (Linke) und Kultursenator Lederer (Linke) der Fachbereich Stadtplanung, der praktischerweise auch gleich die Leistung überprüft (oder eben auch nicht).
In der Angelegenheit „Themenbahnhöfe“ hat auch der Grünen-Verordnete Taylan Kurt ein wenig nachgebohrt – er wollte u.a. wissen, warum das BA vor der Beauftragung darauf verzichtet hat, Anwohnerinitiativen einzubeziehen. Die Antwort des Stadtrats: „Eine Einbeziehung von Anwohnerinitiativen war fachlich nicht begründbar.“ Und wie sieht die künftige „Zusammenarbeit“ mit den Initiativen aus? „Es erfolgt die regelmäßige Mitteilung und Information über das Internet, die Gebietszeitung und die Sprechstunden.“ Na da sind wir aber dankbar. Die Recherche für die Beantwortung der sechs Fragen von Kurt zum Komplex hat übrigens den gehobenen Dienst fünf Stunden beschäftigt und den Höheren Dienst zwei, die Kosten dafür: 456,56 Euro. Dazu auch der Blick in den Koalitionsvertrag: „Die Koalition misst der politischen Partizipation der Bürger*innen große Bedeutung zu.“ (S. 174). Wann es soweit ist, steht dort nicht.
Zum Gefühl „Die BVG kommt mal wieder nicht“ gibt’s jetzt auch etwas Zählbares zu erzählen: 75.000 Ausfallkilometer sammelten die U-Bahnen, 84.000 die Straßenbahnen – und satte 200.000 Ausfallkilometer die Busse, und das in nur einem einzigen Monat (konkret: November 2018, aber in den anderen sah’s auch nicht viel besser aus). Mit anderen Worten: Trotz Monatsticket kamen Sie neunmal nicht um die Erde, auch wenn Sie nur von Kreuzberg nach Neukölln wollten.
Hier eine neue Folge der beliebten Serie „Wildschweine im Speckgürtel“ (CP v. 7.1.19) – was bisher geschah: Eine Horde rennt am helllichten Tag im Schweinsgalopp ohne Rücksicht auf die Regel „rechts vor links“ Richtung Zentrum durch Kleinmachnow, die Bewohner verschanzen sich in ihren Häusern. Ein mutiger Teilnehmer der Abenteuer-Safari „Monströse Mittelmark“ filmt die Stampede von seinem Fahrzeug aus. Heute: Die Bande rastet an einer Bordsteintränke, da entdeckt der Chef gleich um die Ecke einen saftigen Vorgarten, und… aber sehen Sie selbst.
Und gleich noch so eine saumäßige Meldung: Der Senat fordert mehr Platz für Schweine (jedenfalls im Stall) und reicht Klage vor dem Verfassungsgericht ein. „Die Art und Weise der Schweinehaltung ist eine Schweinerei“, sagt Senator Dirk Behrendt für die „Verbraucherstadt Berlin“. Es kommentiert Bernhard Krüsken, Generalsekretär des Deutschen Bauernverbandes: „Berlin – mit der Kernkompetenz in Sachen Schweinehaltung – geht die ureigenen Probleme der Stadt an.“ Laut Senat werden hier 1000 Schweine gehalten (die anderen 5000 sind wild, siehe oben).
Monatelang auf die Geburtsurkunde warten (CP v. gestern)? Es geht auch anders, und zwar in Tempelhof-Schöneberg – eine Checkpoint-Leserin schreibt: Wir haben nicht mal 24 Stunden nach Anmeldung im Krankenhaus St. Joseph morgens gegen 8 Uhr die Mail einer sehr fleißigen Standesbeamtin erhalten, dass unsere Geburtsurkunde zur Abholung bereitliegt. Vier Wochen nach der Geburt liegt uns fast alles vor: Steuer-ID, Kindergeldbescheid, Elterngeld, es fehlt nur die Gesundheitskarte. Und der Termin zur Erstellung des Kinderreisepasses ist jetzt am Freitag. Wenn nur das Kind nachts schlafen würde...“ CP-Analyse: Klarer Fall von Amt, aber glücklich.
Berliner Schnuppen
Telegramm
Das Bode-Museum nahm es mit der Sicherheit vor dem Goldmünzenraub nicht so genau: Die Alarmsicherung am Einstiegsfenster funktionierte schon seit 2013 nicht mehr, und nach einem ersten Einbruchsversuch nur ein paar Tage vor dem Diebstahl verzichtete man großzügig auf eine Anzeige – sicher nur der überlasteten Polizei zuliebe.
„Polizei und Justiz haben in Berlin keine abschreckende Wirkung mehr“, sagt Mirko Prinz, Leiter der Personalvertretung „Unabhängige in der Polizei“, die den Vorsitz des Gesamtpersonalrats stellt – er kritisiert den Eingriff von Innensenator Geisel in die Ermittlungen bei einem Trickbetrug bei einer Nachbarin (CP von gestern), fordert 7000 zusätzliche Polizisten und gibt der SPD die Schuld für den schlechten Zustand der Behörde. (Q: „Welt“).
Und auch noch das: Ein Bankräuber brach in Steglitz seinen bewaffneten Überfall ab – die Angestellten reagierten auf seine Forderungen zu langsam (also im besten Sinne berlinerisch).
Ein paar Zahlen zu unserem beliebten Betriebsstörungsbingo: Bei bis zu 216.000 Ausfallkilometern pro Monat (!) hat die S-Bahn im Jahr 2018 jede Menge originelle Begründungen gebraucht. Aber: Nur jeder fünfte Störfall hatte externe Ursachen (z.B. Polizeieinsätze) – der ganze Rest ist hausgemacht. (Q: Verkehrsverwaltung auf Anfrage MdA Henner Schmidt).
Ähnlich dürfte es beim Mutterunternehmen aussehen, wie auch der heutige BsB-Beitrag von CP-Leser Thomas Eisenreich aus dem ICE 721 zeigt – Durchsage kurz vor Nürnberg: „Wir halten hier, weil wir zu früh sind. Jetzt haben wir 5 Minuten Verspätung.“ Logo.
Gestern Nachmittag,16.30 Uhr: Acht Polizisten räumen das Lager von ein paar Obdachlosen unter der Brücke Alt-Moabit, die BSR kehrt gleich hinterher – alle Habseligkeiten landen auf einem Müllwagen, auch das Zelt einer Frau, die hier seit ein paar Wochen lebte, niemanden störte. (Beobachtet von einem CP-Leser, Fotos hier – sein Kommentar: „Den Sinn der heutigen Aktion verstehe ich nicht. U-Bahnhöfe gesperrt, nicht genügend Kälteplätze, und man nimmt einer Obdachlosen die letzten wärmenden Dinge. Das ist herzlos.“
Gestern Abend, 22.30 Uhr: Ein älterer, obdachloser Mann will sich im Bus ein Ticket kaufen, um der Nachtkälte zu entfliehen. Da sagt der Fahrer: „Komm lass! Setz Dich hinten rein, kannst bis Schichtende mitfahren. Gute Nacht!“ (via Twitter von Matthias Oomen, dazu sein Kommentar: „Wir sollten alle mal öfter die Regeln brechen.“).
Last Call after Christmas: Morgen ist Einsendeschluss für die Lösung des Tagespiegel-Weihnachtsrätsels (das vom Checkpoint ist ja längst durch): Gesucht werden aus verschiedenen Epochen zehn Architektinnen und Architekten, deren Stil unverwechselbar ist.
Heute beginnt die Handball-WM mit dem Spiel Deutschland gegen Korea in Berlin (18.15 Uhr, Arena am Ostbahnhof, live im ZDF). Und ein paar Tipps fürs Public Viewing haben wir mit Ihrer Hilfe auch noch gefunden: FC Magnet Bar (Veteranenstraße 26), Robbengatter (Grunewaldstraße 55), Café Meta (Am Falkplatz 1), Cumulus Kneipe (Joachim-Friedrich-Straße 18 – hier gibt‘s zum Ball gratis Brotzeitteller).
Beim Berliner „Reporter Slam“ hatte Checkpointerin Anke Myrrhe auf der Bühne des Heimathafens Neukölln alles abgeräumt – jetzt kommt sie zum nationalen Finale zurück: Beim „Slam der Slampions“ wetteifern sechs Autorinnen und Autoren darum, wer am lustigsten von der eigenen Arbeit erzählen kann – das Publikum entscheidet per Applaus. Eigentlich ist die Veranstaltung am Sonnabend (Beginn 20 Uhr) längst ausverkauft, aber natürlich hat der Checkpoint 2 Plätze auf der Gästeliste zum Verlosen reserviert – Bewerbungen bitte an checkpoint@tagesspiegel.de.
Korrektur I zu „Demonstration“ (CP v. 9.1.19) – Also, wir fassen noch mal zusammen: Es gibt in Berlin Streiks, Warnstreiks und Warnstreiks an Flughäfen (die wegen des normalen Chaos fast niemand bemerkt, wie Naomi Fearn hier gestern feststellte). In allen Kategorien kommen auch Wahnstreiks vor (z.B. wahnsinnig originell, wahnsinnig überflüssig, wahnsinnig eingebildet). Die Beschäftigten der Medical-Park-Klinik waren allerdings ganz bei Sinnen, als sie gestern während ihres Warnstreiks für einen Tarifvertrag demonstrierten. Liebe Beschäftigte, sorry – tut uns wahnsinnig leid!
Korrektur II zu „Verfassungsgericht“ (CP v. 9.1.19) – Was fehlt heute? Richtig: Eine Meldung über die Verhandlung zum Antrag der AfD, dem Regierenden Bürgermeister zu untersagen, „für Demokratie und Freiheit, gegen Rassismus und menschenfeindliche Hetze“ zu twittern. Beides (Verhandlung und Meldung) findet erst in der kommenden Woche statt. Sie haben also noch mindestens eine Woche länger Zeit, den Tweet zu verbreiten.
Der Abgeordnete Georg P. Kössler will heute mal nachschauen, „ob der BER noch zu retten ist“ – gemeinsam mit seiner Kollegin June Tomiak besucht er die Baustelle, per Instagram gibt’s Liveberichte.
BER Count Up – Tage seit Nichteröffnung:
Flughafenchef Engelbert Lütke Daldrup hat das Wunder vollbracht: Am 31. Oktober 2020 ist der Flughafen BER offiziell eröffnet worden. 3.073 Tage nach der ersten Nicht-Eröffnung stellen wir damit unseren Count Up ein. Wer nochmal zurück blicken will: Im Tagesspiegel Checkpoint Podcast "Eine Runde Berlin" spricht Lütke Daldrup mit Tagesspiegel Chefredakteur Lorenz Maroldt und Checkpoint Redakteurin Ann-Kathrin Hipp über detailverliebte Kontrollen, politische Befindlichkeiten und aufgestaute Urlaubstage.
Zitat
„Manchmal müssen wir unsere Mitarbeiter nach Hause schicken, weil in unserem Büro in Berlin Mitte das Internet nicht richtig geht. Da wundern sich unsere Kollegen aus New York und London dann schon.“
Pia Frey von Opinary spricht beim „Get Started Gründerfrühstück“ mit dem Regierenden über Hindernisse für Startups in Berlin.
Tweet des Tages
„International besetzter Thriller, der in Berlin spielt ("Unknown"). Bereits in den ersten Minuten werden die Zuschauer mit den lokalen Gepflogenheiten konfrontiert, z.B. Funkloch 500 Meter vom Brandenburger Tor entfernt.“
Stadtleben
Der Name des Restaurants ist übrigens nicht Programm, denn das Ungeheuer an der Emser Straße 23 ist optisch ein kunstvoller Hingucker. Im schicken Retro-Look und mit viel Kerzenlicht gibt’s hier täglich Frühstück und zusätzlich von Dienstag bis Samstag Speisen à la carte. Special: Jeden Donnerstag wird zum „Dinnerstag“ geladen: Chefkoch Marco Lusetti bietet ein Überraschungsmenü aus sechs Gängen für schlappe 39 Euro pro Person. Darunter Gerichte und Weine von seiner aktuellen Karte und ein Vorgeschmack feiner Ingredienzien aus den kommenden Menüs. Heute sind noch einige Plätze frei. Geöffnet Mo/ So 10-14.30 Uhr, Di-Sa 18-1 Uhr, Special-Dinner nur mit Reservierung (vegetarischen Menüwunsch bitte bei der Reservierung nennen), U-Bhf Hermannstraße.
Geschenk Sicher haben viele von Ihnen über die Festtage Familie und Freunde besucht, da blieb kaum Zeit für Besinnlichkeit in den eigenen vier Wänden. Darum möchte der heutige Tag der Zimmerpflanze die Menschen daran erinnern, sich nach den Feiertagen wieder mehr um ihre botanischen Freunde zu kümmern (sprich, mehr Zuhause zu sein). Nach dem Motto: Vertrockneter Weihnachtsbaum raus, lebende Grünpflanze rein, findet, wer es etwas verschnörkelter mag, in Charlottenburg bei Florale Welten (Nürnberger Straße 50-55) neben viel Blumen-Klimbim auch hübsche Dekoartikel. U-Bhf Wittenbergplatz, Mo-Fr 14-19 Uhr, Sa 11-18 Uhr.