Die Passagiere von Air Berlin hängen weiter in der Luft, sagte gestern das Frühstücksradio. Tags zuvor wären sie froh gewesen, überhaupt dorthin zu gelangen. Offenbar haben die Appelle an die plötzlich massenhaft erkrankten Piloten, es nicht noch schlimmer zu machen, zumindest bei einigen gewirkt. Laut dem österreichischen „Kurier“ wollen Niki Lauda und Condor gemeinsam für 38 Maschinen von Air Berlin bieten. Morgen endet die Frist. Schmerzhaft für die Stadt und die Fluglinie wird es nach allem, was man hört, wohl in jedem Fall.
Die Bundestagswahl muss nach jetzigem Stand unter Ausschluss der Öffentlichkeit stattfinden: Wegen des gleichzeitig stattfindenden Marathons gibt es rund um den Reichstag keine Parkmöglichkeiten für Ü-Wagen. Das Bezirksamt Mitte sagte den Sendern pauschal ab und schickte sie nach guter Berliner Behördensitte woanders hin, nämlich zur Bundestagsverwaltung (CP von Dienstag). Zwar hat das BA die anschließende Alarmmail aus dem Bundestag inzwischen gelesen und Bezirksstadträtin Sabine Weißler verkündete auf Tsp-Anfrage sinngemäß: Wird schon werden. Allerdings werden die Leute beim Bund von Tag zu Tag nervöser, zumal Weißler in einem Telefonat am Dienstag geklagt haben soll, sie kenne noch nicht einmal die Marathonstrecke.
Als gewohnt konstruktiver Begleiter hilft der CP mit folgendem Service: Unter www.google.de öffnet sich ein Suchfeld, das nach Eingabe der Begriffe „Berlin Marathon Strecke“ und Drücken der Taste „Enter“ zur entsprechenden Grafik führt. Sollte kein internetfähiger Computer verfügbar sein, können Anwohner auf Nachfrage (Klingeln) mit der Streckenkarte aushelfen, die sie bereits im Briefkasten hatten. Die Ü-Wagen wiederum sollten während der Dienstzeit des Ordnungsamtes (Knöllchengefahr!) halbwegs legal parken, d.h. Sonntag zwischen 11:48 und 20 Uhr (im Ernst, hat mit den Dienstzeiten zu tun). Außerhalb dieser Phase ist es egal, weil die Polizei Wichtigeres zu tun hat als sich um Falschparker zu kümmern (siehe z.B. „Zitat“ weiter unten).
Zum Betriebsstörungsbingo der S-Bahn gibt es hier exklusiv ein CP-Übersetzungstool: Bei der „Bauzeitüberschreitung“ (Anzeigen am Bahnsteig) bzw. den „verspätet beendeten Bauarbeiten“ (S-Bahn-Tweet und Pressestelle zu dpa) auf der S3 samt Riesenchaos am Montag voriger Woche handelte es sich in Wahrheit um einen Beinahe-Unfall. Die Bundespolizei bestätigte mir gestern auf Nachfrage (nach Hinweis eines Tsp-Lesers), dass ein Fahrer seinen mit Fahrgästen besetzten Zug aus Erkner vor Rahnsdorf plötzlich stoppen musste, weil auf seinem Gleis ein Baufahrzeug stand. Gerade noch mal gutgegangen auf der kurvigen Strecke. Oder, positiv gesehen: Die Bremsen haben funktioniert.
Auf den Straßen von Reinickendorf herrschen dank AfD-Stadtrat Sebastian Maack (der, der das Zweikomponentengeklebe von FDP und Ryanair untersagt hat) geordnete Verhältnisse: Die R2G-Fraktionen wollten am Kurt-Schumacher-Platz mit einem Infostand von 3x3 Metern für die Schließung von TXL werben. Das wurde ihnen erst untersagt, weil sich schon diverse Kampagneros von anderen Parteien und von NGOs mit Jahresgenehmigungen tummeln und sonst die Fußgänger nicht mehr durchkämen. Zwecks Chancengleichheit hat Maack R2G dann doch einen Stand genehmigt - mit den Maßen, die auch für die Konkurrenz gelten, nämlich 1x1 Meter. Da müssen die rot-rot-grünen Werber also ziemlich dünn sein. Oder dicke Freunde.
Am Sonntag jährt sich der erste islamistische Anschlag in Berlin zum 25. Mal - das Mykonos-Attentat. Vier iranische Oppositionelle starben 1992 im Kugelhagel religiöser Fanatiker - eine Auftragstat der Mullahs in Teheran. Der Verein iranischer Flüchtlinge in Berlin lädt für Sonnabend, 19 Uhr zu einer Gedenkveranstaltung in die Werkstatt der Kulturen (Wissmannstr. 32), ein. Dort wird auch Bruno Jost auftreten, der als Staatsanwalt die Ermittlungen leitete. Mein Kollege Hannes Heine hat nicht nur mit Jost über das Attentat in Wilmersdorf gesprochen, das die Welt(politik) veränderte, sondern auch mit einem Überlebenden, Parviz Dastmalchi.
Telegramm
Die Polizei stellt heute „in einem Situationstraining durch die Luftfahrzeugfernführer“ auf ihrem Gelände in der Charlottenburger Chaussee das UAS-Pol vor. Das Kürzel steht für „Unmanned Aircraft System-Police“. Pläne, die Drohnen einfach Drohnen zu nennen, wurden aus genderpolitischen Erwägungen und aus Rücksicht auf die Gefühle der Honigbieneriche verworfen.
Die Betreiber der Galopprennbahn Hoppegarten teilen mit, dass das Lollapalooza-Festival große Klasse gewesen sei und sie für das Chaos bei der Abreise am ersten Abend beim „mit Abstand besucherstärksten Event in der 149-jährigen Geschichte der Rennbahn“ nichts konnten. Sie werfen der Veranstalterfirma vor, sie erzähle den Leuten was vom Pferd. Die will, wie berichtet, 2018 lieber im Olympiapark einreiten.
Erst hatte die Chefin des Ausflugslokals „Neu Helgoland“ an der Müggelspree kein Glück, jetzt kommt womöglich noch Pech dazu: Weil es beim Brand des Restaurants im Juli Probleme mit dem Löschwassernachschub gab, prüft die Bauaufsicht, ob wegen der nicht funktionierenden Saugstelle auf dem Grundstück ein Bußgeld fällig wird (Anfrage MdA Stefan Förster). Abgebrannt - und nun auch noch verkohlt.
Die Post kommt zwar nicht mehr so oft, aber heute bringt sie was Schönes: mehr als 30.000 vom ADAC gespendete Sicherheitswesten für Berliner Grundschulen. Verkehrsstaatssekretär Jens-Holger Kirchner ist bei der Übergabe an Ersties der Wilhelm-Hauff-Grundschule in Wedding dabei. Dazu August Heinrich Hoffmann von Fallersleben: „Blüh im Glanze dieses Stückes!“ Und der Verkehrssicherheitsrat: Runter vom Gas!
Die Verkehrsverwaltung hat ein Problem weniger: Der omnipräsente Behördenschreck Heinrich Strößenreuther, Initiator des Fahrrad-Volksentscheids, verlässt die Bühne und geht zurück in seine „Agentur für Clevere Städte“. Manchen ging er mächtig auf die Ketten, aber das Ziel - ein Radverkehrsgesetz - haben er und seine Verbündeten erreicht. Zumindest auf dem Papier. Bei Um- und Durchsetzung gilt dann bekanntlich das Gesetz der Straße.
Der Senat hat zwei weitere Gutachten vorgelegt, die das rot-rot-grüne Nein zum Weiterbetrieb von TXL (Wie war noch mal die Meinung der CDU dazu?) untermauern. Vorige Woche hatte bereits die Justizverwaltung ein ähnliches Werk präsentiert. Das stammt vom Fachanwalt Rainer Geulen, der die Sache schon 2013 für den damaligen Senat geprüft hatte - mit demselben, über weite Strecken sogar wortgleichen Ergebnis, wie eine Plagiatsforscherin herausfand. (Q: „B.Z.“). Immerhin hat der Gutachter nur bei sich selbst abgeschrieben.
BER Count Up – Tage seit Nichteröffnung:
Flughafenchef Engelbert Lütke Daldrup hat das Wunder vollbracht: Am 31. Oktober 2020 ist der Flughafen BER offiziell eröffnet worden. 3.073 Tage nach der ersten Nicht-Eröffnung stellen wir damit unseren Count Up ein. Wer nochmal zurück blicken will: Im Tagesspiegel Checkpoint Podcast "Eine Runde Berlin" spricht Lütke Daldrup mit Tagesspiegel Chefredakteur Lorenz Maroldt und Checkpoint Redakteurin Ann-Kathrin Hipp über detailverliebte Kontrollen, politische Befindlichkeiten und aufgestaute Urlaubstage.
Zitat
"WAT JIBT’S’N DA NICHT ZU VERSTEHEN?!"
Polizeiruf in Richtung eines Mercedes-Fahrers (Kennzeichen B-IG….), der gestern Nachmittag illegal über die gesperrte Potsdamer Brücke fahren wollte. Die Polizeibewachung der Baustellenbusspur (Kosten: >10.000 Euro/Woche) wurde um weitere zwei Wochen verlängert.
Tweet des Tages
"Die Airline: insolvent. Die Bahnen: überfüllt. Die Busse: im Stau. Die Fahrräder: in den Bahnen. Berlin, Stadt der Mobilität der Zukunft."
Stadtleben
Schon jetzt ist das Ernst die Neueröffnung des Jahres und das Restaurant, bei dem man am längsten auf eine Reservierung warten muss. Das liegt zum einen daran, dass es nur zwölf Plätze hat, zum anderen an dem zumindest in Deutschland einzigartigem Konzept, das man mit der japanischen Kaiseki-Hochküche vergleichen kann: Ebenda hat Mastermind Dylon Watson gelernt, ein Produkt höchster Qualität so in Szene zu setzen, dass seine Einzigartigkeit zur Geltung kommt. Eine Möhre bleibt eine Möhre, sie wird in ihrem eigenen Saft karamellisiert. Ein Aal in seinem eigenen hochkonzentrierten Fond zu einer köstlichen Umami-Bombe verdichtet. Handwerk vom Feinsten mit vielen Erklärungen, oder wie Genuss-Experte Kai Röger es formuliert: „eine transkulinarische Achtsamkeitsmeditation in bis zu 33 Gängen“. Anstrengend für konventionelle Esser, ein unvergleichliches Erlebnis für jeden, der bereit ist, über den Tellerrand eines klassischen Menüs hinaus zu blicken. Reservierung unter ernstberlin.de (nächster freier Tisch: 4. Oktober, 135 Euro p.P.), zu finden in der Gerichtstraße 54 (S-Bhf Wedding), Mi-So ab 19.30 Uhr
Künstler Ryan Mendoza verschiffte das Haus von Rosa Parks im April von Detroit in den Wedding, um es vor dem Abriss zu retten. Vom Kunstprojekt inspiriert, versetzt seit Anfang August das Rosa Parks Café in der nahegelegenen Soldiner Straße 32 seine Besucher zurück in das Amerika der 50er und 60er Jahre. Zwischen kräftigen Wandfarben, Büchern und Schwarz-Weiß-Fotos servieren die Betreiberinnen Maxi und Lizzy selbstgemachte Kuchen, Blaubeer-Pancakes, Eisbecher, Flammkuchen und hausgemachte Limonade – auch Veranstaltungen zu Bürgerrechten sind als Hommage an die Namensgeberin geplant. Geöffnet Di-So 11-21 Uhr