Was die gefledderten Akten des Untersuchungsausschusses zum Breitscheidplatz angeht, fliegen die Fetzen jetzt nicht mehr zwischen Grünen und CDU, sondern zwischen Abgeordnetenhaus und Justizverwaltung, die den Vorwurf erhoben hatte. Laut Parlamentsverwaltung sind „sämtliche Akten und Unterlagen im Original vollständig zurückgegeben worden. Die Behauptung, es fehle etwas, ist daher unzutreffend. Genauso unzutreffend ist die Unterstellung, der Vorsitzende – Abg. Dregger (CDU) – des Ausschusses habe eigenhändig die Akten verändert.“ Die seien allerdings in einem Zustand geliefert worden, dass sie vom Ausschussbüro zunächst geordnet werden mussten. Geordnet wurde nach dieser Mitteilung auch der verbale Rückzug, den die Justizverwaltung jetzt antreten musste.
Dabei hat Justizsenator Dirk Behrendt (Grüne) seinen letzten Platz auf der Beliebtheitsskala (lt. Forsa via „Berliner Zeitung“) gerade wieder für die Bildungskollegin Sandra Scheeres geräumt. Die Tage der offenen Tür in den Berliner Knästen scheinen ihm verziehen. Michael Müller hat – womöglich dank der von ihm angestoßenen Debatte übers solidarische Grundeinkommen – einen Sprung nach vorn gemacht, ohne aber dem chronisch beliebten Kultursenator Klaus Lederer (Linke) gefährlich zu werden. Wenn am Sonntag Abgeordentenhauswahl wäre, bekämen SPD und CDU je 20%, gefolgt von Linken (18) und Grünen (17). Beim Auto-Quartett zu meiner Schulzeit ging es nicht so knapp zu.
Was macht eigentlich die SPD Treptow-Köpenick? Nun, sie wünscht online unter dem oben festgetackerten Grußwort des Bezirksbürgermeisters „Frohe Weihnachten und einen guten Rutsch ins neue Jahr“. Danke, ebenfalls. Und die SPD-Abteilung Neukölln-Mitte? „Neue Artikel im April. Sie sparen 50 Prozent.“ Zeit für mehr Gerechtigkeit? Nein, denn genau genommen handelt es sich um den Online-Shop des Modedesigners Michael Kors (ca. 9000 Beschäftigte, Firmensitz auf den Britischen Jungferninseln), der unter www.spd-neukoelln-mitte.de zu finden ist. Die SPD ist also keineswegs aus der Mode. Der Landesverband konnte die bizarre Verknüpfung auf Nachfrage meines Kollegen Ulrich Zawatka-Gerlach weder erklären noch beheben.
Binnen zwei Stunden will die S-Bahn per Whatsapp gemeldete Dreckecken beseitigen. Also meldete Tsp-Leser Norbert K. den immerwährenden Müllhaufen um die Treppe am Innsbrucker Platz. „Wir kümmern uns um Ihr Anliegen“, hieß die Antwort am 15.3., und: „Möchten Sie über die Beseitigung informiert werden?“ Das wäre perfekt, antwortete Herr K. – und erhielt die Info: „Gerne teilen wir Ihnen mit, dass die Verschmutzung beseitigt wurde.“ Wurde sie aber nicht, wie Herr K. fünf Tage später samt Beweisfoto zurückschrieb. Da konnte das DB-Reinigungsteam „die vorherigen Konversationen nicht einsehen“, bat um erneute Mitteilung und komplettierte das Servicepaket: „Da Sie keine Informationen über die Beseitigung erhalten möchten, schließen wir jetzt die Konversation.“
Vorsichtshalber hat das CP-Reinigungsteam gestern noch mal die aktuelle Lage am Tatort bzw. Untätigkeitsort gecheckt. Insbesondere die jenes Einkaufswagens, der monatelang als Sammelbehältnis für den sonstigen Müll diente, aber nunmehr umgestülpt obendrauf liegt. Kann also niemand behaupten, es hätte sich nichts getan. Außerdem kann man der Bahn zugute halten, dass der Haufen auf dem Bild bei Google Street View von 2009 noch kaum der Rede wert war.
Telegramm
Nach Berlinovo und Maxim-Gorki-Theater will heute der Verein „Haus für die Vereinten Nationen“ ein Konzept fürs Palais am Festungsgraben vorstellen. Falls auch Sie eins haben, sollten Sie sich dringend bei einem Senatsmitglied Ihrer Wahl melden.
Andere wären froh, wenn sie einen Plan hätten, aber kommen zu gar nichts, weil sie keinen Kita-Platz finden. Die Lage ist mittlerweile so, dass sich eine Großdemo verzweifelter und verärgerter Eltern anbahnt: 27. Mai, Brandenburger Tor. Laut der Landeselternsprecherin bekommen inzwischen nicht einmal mehr die Kinder einen Platz, die wegen mangelnder Deutschkenntnisse zum Kitabesuch verpflichtet sind.
Platzmangel herrscht nicht nur da. Falls es Ihnen in Bussen und Bahnen in letzter Zeit etwas eng vorkam: Das lag an den 1064 Millionen anderen Fahrgästen, die die BVG im vergangenen Jahr hatte. Jetzt endlich ist sie fertig mit Zählen und hat die Zahl veröffentlicht.
Durchsichtiges Manöver der Umweltverwaltung: 933.000 sogenannte Glasaale lässt sie in Havel, Spree und Dahme aussetzen, weil sich die hiesigen Aalbestände auf natürlichem Weg nicht regenerieren können. Zum Laichen müssen sie nämlich in die Saragossasee auf der anderen Seite des Atlantiks, von der sie u.a. die Mühlendammschleuse fernhält.
Fall auch Sie sich über das rot-weiße Stillleben gewundert haben, das seit Montag mitten auf der Kreuzung am Tempelhofer Ufer steht und die Autos auf dem Mehringdamm staut: Die drei Absperrbaken umfrieden ein ca. DIN-A3-großes Schlagloch. Gestern, am Tag zwei seiner Existenz, war es bereits verfüllt: mit Regenwasser.
Erwartungsgemäß läuft bzw. steht es auch an der Buckower Chaussee in Marienfelde, wo die Bahnschranken dank neuer Technik jetzt eine Minute länger als bisher unten bleiben. Selbst im ruhigen Ferienverkehr waren mehr als hundert Meter Rückstau drin, hat mein Kollege Klaus Kurpjuweit beobachtet. Die Bahn will die Technik anpassen, damit es wieder schneller geht. Im Dezember.
Die Berliner Wassertarife sollen für mindestens vier Jahre stabil bleiben, hat BWB-Chef Jörg Simon bei der Präsentation der Bilanz verkündet. Wem sie jetzt schon zu teuer sind: Bis 2019 wollen die Wasserbetriebe 100 weitere öffentliche Trinkbrunnen und Spender in der Stadt installieren.
Gemüsecholeriker Attila Hildmann will laut einer Instagram-Mitteilung aufs Land ziehen, weil seine Hunde den Nachbarn in Berlin auf den Senkel gehen. Hoffentlich hat er da eine Bushaltestelle in der Nähe oder einen Hundeschlitten, da die Berliner Führerscheinbehörde nach einem Pöbel-Auftritt mit seinem lederbestuhlten Porsche zurzeit ja Hildmanns charakterliche Eignung zum Autofahren prüft.
Brille? Tierpark! In Friedrichsfelde gibt es wieder Nachwuchs mit großem Flauschfaktor. Gestern hat der Tierpark ein vielversprechendes Foto des noch namenlosen Brillenbärchens veröffentlicht. Die Besucher bekommen den Kleinen aber erst in ein paar Wochen zu sehen.
„In einer Reiseportal-Umfrage landet TXL auf dem dritten Platz der fünf schlechtesten Airports der Welt“, meldet die MoPo. Also quasi auf der Kehrseite der Bronzemedaille. Das Ding kann man offenbar gleich zumachen. Ob der FDP (und der konvertierten CDU) das bewusst war? Ganz unten auf dem Treppchen steht übrigens Casablanca.
Die gelegentlich als Ein-Thema-Partei wahrgenommene FDP hat ihr Portfolio erweitert – um die Reaktivierung von THF: „Wurde der Flughafen Tempelhof als Zielflughafen für die 40 „Rosinenbomber von Anbeginn der Planung für das Jubiläum ‚70 Jahre Luftbrücke‘ ausgeschlossen? Wenn ja, warum?“, hat Fraktionschef Sebastian Czaja den Senat gefragt. Der antwortete kühl, dass THF kein Flughafen mehr sei.
BER Count Up – Tage seit Nichteröffnung:
Flughafenchef Engelbert Lütke Daldrup hat das Wunder vollbracht: Am 31. Oktober 2020 ist der Flughafen BER offiziell eröffnet worden. 3.073 Tage nach der ersten Nicht-Eröffnung stellen wir damit unseren Count Up ein. Wer nochmal zurück blicken will: Im Tagesspiegel Checkpoint Podcast "Eine Runde Berlin" spricht Lütke Daldrup mit Tagesspiegel Chefredakteur Lorenz Maroldt und Checkpoint Redakteurin Ann-Kathrin Hipp über detailverliebte Kontrollen, politische Befindlichkeiten und aufgestaute Urlaubstage.
Zitat
„Wir prüfen, ob zeitbasierte Tarife in größerem Maße als derzeit möglich wären.“
VBB-Chefin Susanne Henckel denkt in der „Berliner Zeitung“ über neue ÖPNV-Tickets nach.
Tweet des Tages
„Bleib' nicht an der Kasse steh'n, komm direkt zu uns.“
Antwort d. Red.: Reaktion der Flughafengesellschaft auf eine Lidl-Kampagne mit dem Slogan: „Worauf wartest du? Auf nen Job beim BER? Lande lieber jetzt bei uns.“ Abgesehen davon dürfte damit ein Verbot von BER-Witzen wieder ein Stück näher gerückt sein.
Stadtleben
Erst im Januar eröffnet und schon jetzt gut gefüllt ist das Montraw in der Straßburger Straße 33 in Prenzlauer Berg (U-Bhf Senefelderplatz). Muss an der israelischen Küche liegen, die hier gekonnt modern interpretiert wird. Chefkoch Ben Berrebi ließ sich dabei von seiner Kindheit in Tel Aviv inspirieren, wie Tina Gerstung von Qiez berichtet. Neben reichlich Fisch stehen auch vegetarische Gerichte wie Auberginen-Bruschetta zur Auswahl, ein Lamm-Kebab mit Tahini und geräucherte Ente dürfen aber auch nicht fehlen (Hauptgerichte kosten 13-20 Euro). Geöffnet Di-So ab 18 Uhr, Reservierung empfohlen, Englischkenntnisse ebenfalls
Neu in der Kantine Kohlmann sind Jonas Stein und Dominik Berberich (ehem. Lugosi). Die Bar zum zugehörigen Restaurant in der Skalitzer Straße 64 (U-Bhf Schlesisches Tor) erhält somit eine badische Doppelspitze, die den Kiez „mit ein wenig südlichem Lebensgefühl und Gastfreundschaft noch ein wenig bunter machen“ will, wie die beiden der Redaktion von Mixology verrieten. Klingt herrlich „neu in Berlin“ (besonders Stein muss erstmal Berliner Luft schnuppern), dennoch lohnt mal wieder ein Abstecher in die mondäne Kreuzberger Trinkhalle. Geöffnet tgl. ab 18 Uhr.