Seit gestern ist Herbst, in drei Monaten ist Heiligabend, und ich bin sicher nicht allein, wenn ich sage: Ich vermisse ihn schon jetzt, den Sommer (jedenfalls nach so einem Sonntag wie gestern).
So grau wie das Wetter waren auch die Gesichter der Koalitionäre, als sie am Abend eine neue Fassung ihres Erfolgsstücks „Wir haben verstanden (wir wissen nur nicht was)“ auf die Bühne brachten. Nebendarsteller Hans-Georg Maaßen, in der vorherigen Aufführung beim Schwarzfahren erwischt und mit kostenloser Jahreskarte belohnt (plus VIP-Platz als Staatssekretär), steigt jetzt als Abteilungsleiter um und darf sich künftig „Sonderberater im Innenministerium für europäische und internationale Aufgaben“nennen, Spezialgebiet: Rückführung abgelehnter Asylbewerber. Als solcher steht er allerdings Merkels außenpolitischem Chefberater und Flüchtlingsexperten Jan Hecker auf den Füßen. Vielleicht bekommt das Duo wenigstens Rabatt bei Doppelreisen mit der Flugbereitschaft.
Aber, aber, keine Koalitionsshow ohne Zugabe: Oktoberfestminister Seehofer erklärte anschließend, diese Lösung (inkl. dem Verbleib von Baustaatssekretär Adler, der am Wochenende vom Verband deutscher Architekten- und Ingenieurvereine als Zeichen des Protests gegen seine Absetzung als Ehrenmitglied aufgenommen wurde) hätte die SPD bereits in der vergangenen Woche haben können, aber nicht gewollt. SPD-Chefin Nahles ließ dementieren, Fortsetzung folgt. Was würde Ex-Verfassungsschutzchef Maaßen wohl zu den ausgestrahlten Aufnahmen der Aufführung sagen, z.B. zum großartig geführten Interview von Marietta Slomka mit Olaf Scholz (hier zu sehen)? Vermutlich sowas wie „Nach meiner vorsichtigen Bewertung sprechen gute Gründe dafür, dass es sich um eine gezielte Falschinformation handelt, um möglicherweise die Öffentlichkeit von dem Chaos in Berlin abzulenken.“
Chaos gibt’s in Berlin auch wegen des Besuchs von Türkei-Präsident Erdogan (27.9.-29.9): Um einen „nicht rückgängig zu machenden Schaden der diplomatischen Beziehungen“ abzuwehren, gibt es drei große Sperrgebiete, denn Medien- und Meinungsunterdrücker Erdogan hat „als Gast des Bundespräsidenten Einwirkungen, die darauf abzielen sowie dazu geeignet und bestimmt sind, seinen Besuch sowie die dazu gehörenden Programmpunkte zu vereiteln oder jedenfalls zu stören, nicht hinzunehmen.“ Na prima, da kann er sich ja hier ganz wie zuhause fühlen.
Voller Zuversicht schreibt das Land Brandenburg eine Werbekampagne „im Zuge der für den Herbst 2020 geplanten BER-Eröffnung“ aus: „Ziel der Kampagne ist es, die Sichtbarkeit der Airport Region Berlin Brandenburg im In- und Ausland zu erhöhen, ihre Stärken und Vorteile bekannt zu machen und so (wieder) ein positives Image für die gesamte Flughafenregion aufzubauen.“ Wie wichtig das ist und warum sich auch ein paar Plakate in Makasar auf Sulawesi lohnen könnten, zeigt heute der Blick aufs Encore etwas weiter unten.
Kein Tag ohne Spott und Häme von Flugkapitänen wegen der Dienstleistungsmisere in Tegel – auch gestern Abend im verspäteten Eurowings-Flug 8465 aus Heathrow hieß es mal wieder: Wir warten auf die Einweiser, wir warten auf die Fluggasttreppe, wir warten darauf, dass die Flughafengesellschaft genug davon hat, dass von ihr lizensierte Firmen wie Wisag und Aeroground den Ruf des Unternehmens ruinieren (wenn das überhaupt noch geht). Der Kommentar aus dem Cockpit: „Tegel macht einfach keinen Spaß.“ Ein anderer EW-Pilot rief seinen Passageren beim Abflug sogar zu: „Good morning, this is your captain speaking. Ich kann Ihnen schon mal versichern, dass es die richtige Entscheidung war, heute Berlin zu verlassen.“
Die Berliner Berufsschulen leben in der digitalen Steinzeit - die Computer laufen so schlecht, dass nicht mal der Prüfungsstoff der IHK geladen werden kann. Aber die Datenautobahn ist nicht „Aufgrund von Lavaströmen gesperrt“ (Fred Feuerstein), sondern weil das Netzwerk den Berlin-Virus hat, die Folge: organisierte Unzuständigkeit. Die Innenverwaltung verweist auf die Bildungsverwaltung, die Bildungsverwaltung verweist auf die Innenverwaltung und das dort angesiedelte ITDZ, das ITDZ verweist wieder auf die Bildungsverwaltung, von der es keinen Auftrag zur Verbesserung gibt, und Bildungs-Staatssekretär Mark Rackles erklärt: „Aufgrund von Kapazitätsengpässen bei den vorgesehenen IT-Infrastrukturmaßnahmen verzögert sich derzeit die Planung und Umsetzung.“ (Q: „Morgenpost“). Hinweis für Neuberliner: „Derzeit“ beschreibt den Zeitraum zwischen Schulbeginn und Renteneintritt.
Berliner Schnuppen
Telegramm
Berlins 13. Bezirk (Potsdam) muss nochmal wählen: SPD-Oberbürgermeisterkandidat Mike Schubert lag zwar mit 32,2 % klar vorne, verpasste aber die absolute Mehrheit und tritt am 14.10. gegen die Zweitplatzierte Martina Trauth von den Linken an (19,1 %). Checkpoint-Prognose: Potsdam wird rot regiert (wer wettet dagegen?).
Der Berliner SPD-Abgeordnete Frank Zimmermann mag keine kritischen Berichte mehr sehen: Per SMS an Abendschau-Kollegen versuchte er als RBB-Rundfunkrat Einfluss zu nehmen auf künftige Beiträge in der Causa Koppers. Dazu M100-Preisträger Deniz Yüzel: „Journalismus, der nicht kritisch ist, ist kein Journalismus.“ Wäre auch ein schönes Motto für die nächste Sitzung des Gremiums.
820.000 Wildschweine haben Jäger im vergangenen Jahr bundesweit erlegt (plus 40 %) – ein paar Überlebende habe gerade den gut gepflegten Karolingerplatz (Charlottenburg) zerwühlt.
295.000 Euro kostete im April 2016 eine 81-qm-Erdgeschosswohnung in der Neuköllner Weserstraße 139 (3642 Euro pro qm) - dann kaufte ein Investor das ganze Haus. Jetzt steht die Whg wieder zum Verkauf, neuer Preis: 420.000 Euro (5185 Euro pro qm). Macht eine Steigerung von 42,4 % innerhalb von knapp 30 Monaten.
Der wiehernde Immobilienwahnsinn macht aber nicht nur Wohnungssuchenden zu schaffen, sondern auch Künstlern – die „Allianz bedrohter Berliner Atelierhäuser“ (AbBA) vergibt deshalb zur Art Week (26.9. – 30.9.) erstmal den „Weak Art Award“ für „herausragende Leistungen zur Schwächung der Kunst in Berlin“ (Mittwoch, 13 Uhr in der Bar Babette). Auf der Shortlist: Investoren, die sich „in das Gebäude verliebt“ haben.
Was tun, wenn der Radweg mal wieder zugeparkt ist? In Stuttgart haben sie da eine Idee (hier zu sehen).
Schlimmster Vorwurf nach der Absage von „Dau“: „Berlin will vernünftig werden“ (Ex-Kulturstaatssekretär Tim Renner). Warum das nicht stimmt, steht hier.
CDU-MdB Michael Brand, Präsident des 1.FC Köln-Fanclubs im Deutschen Bundestag („Koalition Rut-Wieß“), vermittelt Anzüge mit Geißbock-Logo: Am Donnerstag nimmt die vom FC lizensierte Schneiderfamilie Schmitz aus Brühl auf Einladung des Abgeordneten Maß im Jakob-Kaiser-Haus (Raum E.205, 12-14 Uhr). Vorteil eines solchen Outfits laut Mail von FC-Fan Brand: „Anhängern z.B. von Vereinen am Niederrhein kann man im Plenarsaal mit dem kurzen Blick ins Innenfutter schön mal die Nas´ lang machen.“
Apropos Niederrhein: Nach dem 4:2 gegen Gladbach war Hertha am Sonnabend drei Stunden lang Tabellenführer – der 1. FC Köln ist es noch immer (allerdings nur in der 2. Liga).
Die S-Bahn verliert beim Betriebsstörungsbingo 22 Millionen Euro – diese Summe behält der Senat als Strafe für schlechte Leistung ein.
Hurra, es gibt wieder neue Lizenzen zum Gelddrucken: Die Justizverwaltung hat 93 Notarstellen ausgeschrieben. Aber sehen Sie zu, dass ihr Antrag auch durchkommt – der Ablehnungsbescheid kostet 1400 Euro.
Blamage für Berlin bei der Busfahrer-EM: Unser Team kurvte auf dem Parcour in Weißensee nur auf Platz 5 (Gold für Stuttgart). Ein Erklärungsversuch von BVG-Bruchpilot Ronny Hölzel: „Ich habe ein bis zwei Hüte mitgenommen.“ Falls also demnächst ein M41 ohne zu halten an Ihnen vorbeirauscht, nehmen Sie‘s nicht persönlich: Der Fahrer trainiert nur.
Matthias Oloew, Kommunikationschef der Bäder-Betriebe, signiert seit einiger Zeit seine Mails als „Dr. des“ (Prüfung bestanden, Arbeit noch nicht veröffentlicht). Der Checkpoint veröffentlicht aber hier schon mal den Titel: „Schwimmbäder – 200 Jahre Architekturgeschichte der Daseinsvorsorge in Deutschland.“ Ein kleiner Schritt für die Menschheit, ein großer Sprung ins Becken.
BER Count Up – Tage seit Nichteröffnung:
Flughafenchef Engelbert Lütke Daldrup hat das Wunder vollbracht: Am 31. Oktober 2020 ist der Flughafen BER offiziell eröffnet worden. 3.073 Tage nach der ersten Nicht-Eröffnung stellen wir damit unseren Count Up ein. Wer nochmal zurück blicken will: Im Tagesspiegel Checkpoint Podcast "Eine Runde Berlin" spricht Lütke Daldrup mit Tagesspiegel Chefredakteur Lorenz Maroldt und Checkpoint Redakteurin Ann-Kathrin Hipp über detailverliebte Kontrollen, politische Befindlichkeiten und aufgestaute Urlaubstage.
Zitat
„Bis Sie in Berlin einen Termin beim Standesamt bekommen, sind Sie woanders schon wieder geschieden.“
Der CDU-Fraktionsvorsitzende Burkhard Dregger zum Tempo der Berliner Verwaltung (Q: Gespräch mit der Tagesspiegel-Redaktion)
Tweet des Tages
„Kennt ihr die Leute, die beim fünften Mal Titanic gucken immer noch hoffen, dass das Schiff nicht den Eisberg rammt? #Maaßen #Groko“
Stadtleben
Kantonesisch essen geht im Good Friends in Charlottenburg ausgezeichnet, das ist mittlerweile stadtbekannt. Der Grund: Promikoch Tim Raue macht keinen Hehl daraus, dass ihm die traditionellen Gerichte aus der chinesischen Provinz Kanton regelmäßige Besuche in der Kantstraße 30 wert sind. Besonders das Kräuterhuhn und der Seiden-Tofu haben es ihm angetan. Die Karte reicht aber weit darüber hinaus, von kantonischer Hausmannskost, wie gebratenem Reis mit salzigem Fisch und Hühnchen oder Wan-Tan-Nudelsuppe mit Shrimps, bis hin zu Süß-Sauer-Variationen mit Fisch und Fleisch. Die bekommt man in einer einfachen, nicht gerade schicken, aber sympathischen Atmosphäre serviert. Von Starallüren also keine Spur. Reservierung empfohlen, S-Bhf Savignyplatz, Mo-So 12-1 Uhr
Neu in Neukölln ist das DocG – und das steht für Qualität. Das ist nämlich die Abkürzung für das höchste Qualitätssiegel für Wein in Italien, wie Kellner und Betreiber Zali unseren Qiez-Kollegen erzählt hat. Zusammen mit seinem italienischen Freund Luca hat er die Weinbar in der Emser Straße 120, die nun das Café Fellfisch ablöst, eröffnet. Dort möchten die beiden mit zertifiziertem Irpinia Campi Tarausini (5 Euro für 0,2l), italienischen Barsnacks wie Bruschetta mit Thunfisch, Sardellen und Anchovis (6 Euro) und gelegentlichen DJ-Gigs das Neuköllner Publikum begeistern. S/ U-Bhf Hermannstraße, Mo & Mi-Sa 18-24 Uhr, So 12-16 Uhr