Was haben der Regierende Bürgermeister und das letzte Air-Berlin-Flugzeug aus Miami gemeinsam? Sie drehen Ehrenrunden. Während die Maschine sicher in Düsseldorf gelandet ist, muss Michael Müller (SPD) aber weiter kreisen. Denn bislang konnte er keinen Schlichter nach Berlin lotsen, damit der im Streit um den Flughafen Tegel vermittelt. Eigentlich hatte er das nach der Niederlage im Volksbegehren um den Flughafen der Herzen zugesagt. Erst am Montag, dann am Dienstag sollte die Personalie geklärt sein, nun ist bereits Mittwoch. Mal sehen, welcher Slot sich noch so auftut.
Wenn Du nicht mehr weiter weißt, bilde einen Arbeitskreis. Dem ewiggültigen Rat für Politik und Verwaltung ist jetzt auch mal Katrin Lompscher gefolgt, Senatorin für Stadtentwicklung. Anlass ist die drückende Wohnungsnot in Berlin. Bei der Linkspolitikerin heißt das Gremium allerdings Begleitkreis (wobei hier nicht in Frage gestellt werden soll, dass ein Begleitkreis auch arbeiten kann). Er soll jedenfalls beim Update für den Stadtentwicklungsplan helfen, wo am Ende 15.000 zusätzliche Wohnungen herauskommen müssen. Bis zum Jahr 2030 braucht die wachsende Stadt insgesamt 194.000 davon - wenn es mit dem derzeitigen Bautempo so weitergeht, dann dürfte diese Zahl wohl eine Jahrhundertaufgabe werden.
Naja, und für große Aufgaben, da holt man sich eben gern große Unterstützung. Um Lompscher kreiseln 29 Begleiter - darunter Stadtsoziologe Andrej Holm, Bezirks- und Senatsvertreter, Baugenossenschaften, Wohlfahrtsverbände, linke politische Initiativen und Architekten, aber nur ein Vertreter einer städtischen Wohnungsgesellschaft und eine Vorständlerin des Verbands der Wohnungsunternehmen. Private Unternehmer fehlen gar. Dabei könnte der eine oder andere vielleicht aus dem Baukästchen plaudern, warum es mit den Wohnungen nicht vorangeht.
Ein Fall für einen Arbeits-, Begleit- oder Sonstwiekreis ist auch das Berliner Bildungswesen. Vor wenigen Tagen hat ein Vergleich zwischen den deutschen Bundesländern gezeigt, dass Berlins Viertklässler zu den schlechtesten in Lesen, Schreiben, Rechnen gehören. Kein Wunder, möchte man da sagen, denn schließlich fällt dauernd Unterricht aus - im Extremfall fast zehn Prozent der Stunden wie an der Spandauer Morgenstern-Grundschule. Das geht aus Zahlen der Schulverwaltung hervor, die der RBB analysiert hat. Hinzu kommt, dass es teilweise viele Stunden Vertretungsunterricht gibt. An der Kreuzberger Lemgo-Grundschule waren es 41,6 Prozent, der höchste Wert in Berlin. Immerhin fielen nur drei Prozent ganz aus.
Den einen oder anderen Ausfall müssen auch die Schüler gehabt haben, die am Donnerstag zwei Großeinsätze von Feuerwehr und Polizei verursacht haben. Erst versprühten drei Jugendliche Reizgas an einer Wilmersdorfer Sekundarschule (24 Verletzte), dann versetzen eine 13-Jährige und ihre ein Jahr ältere Freundin zwei Einkaufscenter in Steglitz in Angst und Schrecken. Als Mutprobe hatte die Ältere mit einer Bombenexplosion gedroht. Folge: Die Center wurden geräumt, Eingänge zur U-Bahn gesperrt, Busse umgeleitet. Gegen die 14-Jährige ermittelt nun die Kripo (die sicherlich auch Besseres zu tun hat).
Im Fall des Berliner Weihnachtsmarktattentäters Anis Amri hat es offenbar eine weitere Ermittlungspanne gegeben. Ein syrischer Flüchtling soll die Behörden zweimal vor dem späteren Attentäter gewarnt haben. Das berichtet das ZDF-Magazin "Frontal 21". Der Mann soll im Herbst 2015 und dann noch einmal im Juni 2016 Amri als radikalen und gefährlichen Islamisten mit Kontakten zum IS bezeichnet haben. Der Zeuge wurde natürlich vernommen - Wochen nach dem Anschlag am 19. Dezember 2016. Noch bis zum 23. Oktober ist übrigens der Entwurf für das Mahnmal im Roten Rathaus ausgestellt, das an die Opfer des Anschlags erinnern soll.
Über das „Was wäre, wenn“ bei Amri denkt man wohl besser nicht nach, genau so wenig wie bei dem jungen Tschetschenen, der am 5. September die 60-Jährige Susanne Fontaine getötet haben soll. Denn der 18-jährige Flüchtling Ilyas M. ist der Polizei und Justiz seit langem bekannt, berichtet „Bild“. Mit 15 klaut er ein Fahrrad, fällt kurz danach als Taschendieb auf. 2015 überfällt er drei Rentnerinnen, wird gefasst und zu 18 Monaten verurteilt. Er soll weg aus Deutschland, es folgt Behörden-Hickhack. Nach Verbüßung der Strafe wird er offenbar nicht ausgewiesen, weil er noch minderjährig ist. Und als er am 10. August 18 wird, dreieinhalb Wochen vor dem Mord im Tiergarten, haben ihn die Behörden nicht mehr auf dem Schirm - bis wenige Stunden vor der Tat. Da geht er laut „B.Z.“ auf die Ausländerbehörde, um sich Papiere zu besorgen. Und ausgerechnet mit denen hätte er wohl auch abgeschoben werden können.
Telegramm
Berlin hat mal wieder in einem der wöchentlich gefühlt 28.000 Rankings toll abgeschnitten: Platz Zwei in der Top 100 der weltweit besten Städte für Wochenendreisen. Zugegeben hat der Hauptstädter nicht direkt etwas von der Platzierung - er dürfte ja eher selten einen Wochenendtrip nach Berlin machen. Aber es ist doch nett zu wissen, dass nur noch London besser abgeschnitten hat. Für die Letzten der Liste - Sofia und Casablanca - hat das Reiseportal „WeekenGO“ allerdings einen etwas doppeldeutig klingenden Trost parat: „Auch Städte am unteren Ende des Rankings haben für einen unvergesslichen Wochenendurlaub viel zu bieten.“
Zehn Jahre Haft drohen Peter Steudtner in der Türkei. Dem Menschenrechtler aus Prenzlauer Berg soll ab dem 25. Oktober der Prozess gemacht werden. Seit mehr als 100 Tagen sitzt der 46-Jährige dort im Gefängnis, der Journalist Deniz Yücel seit genau 247.
Den Grünen wirft mancher ja vor, eine sauertöpfische Verbotspartei zu sein. Im Partybezirk Mitte wollen sie eine Vorschrift, nun ja, entrümpeln, die Wirten vorschreibt, nichts anderes als Tische und Stühle vor Lokalen aufzustellen. Hierunter seien nicht „Sitzpodeste, Hollywoodschaukeln, Sofas oder andere Sitzgelegenheiten zu subsumieren“, heißt es nämlich bislang. Diese Einschränkung soll nach dem Willen der Grünen entfallen. Begründung: „Die Verwaltung muss neutral entscheiden, ob Sitzgelegenheiten vor Geschäften erlaubt werden, jedoch nicht, welches Modell verwendet werden soll.“ Eine Masseninvasion von Hollywoodschaukeln ist wohl nicht zu befürchten. Dafür ist Mitte ein zu teures Pflaster.
Eine Diskussion um Pflaster hat auch eine Twitter-Nutzerin losgetreten. Sie veröffentlichte ein Foto von einem Zettel, auf dem sie unterschreiben sollte, dass ihrem Kind „bei einer Schürfwunde ein Pflaster aufgeklebt wird“. Kommentar der Mutter: „Dachte, ich hätte mit knapp 20 Jahren Kita-/Schule-Erfahrung schon alle absurden Zettel gesehen.“
Friedrichshain-Kreuzberg ist gerade in der Zwickmühle - wegen widerstreitender Interessen von Veganern und Homosexuellen. Eigentlich sollte es nach dem erfolgreichen Veggie-Bürgerbegehren an zwei Schulen alsbald vegane Menüs geben (statt der vegetarischen). Doch das Projekt verzögert sich tierisch, weil die Mitarbeiterin, die sich ums Schulessen kümmert, abkommandiert wurde. Bis Ende Januar hilft sie laut „Berliner Woche“ im Standesamt aus, wo sie den Andrang wegen der Ehe für alle portioniert.
Während in den anderen Berliner Bezirken vorzugsweise Frauen auf Straßenschildern geehrt werden sollen - die Männer sind deutlich in der Überzahl - macht Spandau eine Ausnahme. Dort soll Wladimir Gall aufs Schild, früherer Soldat der Roten Armee. Er war 1945 als Unterhändler daran beteiligt, dass die Deutschen die Zitadelle kampflos übergaben. Auf der Festung befanden sich zum Kriegsende Hunderte Alte, Frauen und Kinder. Mehr Geschichten aus den Berliner Bezirken stehen übrigens in den täglichen „Leute“-Newslettern, kostenfreies Abo unter dieser Adresse.
Die neuen Züge für die S-Bahn, die derzeit bei Stadler in Pankow montiert werden, fahren natürlich noch nicht, sollen aber dafür schon einen Spitznamen haben: iPad (wegen der platten Front). Ist immer noch besser als das kittelschürzige „Icke“ der neuen U-Bahnen.
Mancher soll sich von der Berliner Polizei ja gemobbt fühlen, nicht zuletzt die städtischen Bösewichte. Doch intern ist Schikane offenbar kein Thema - glaubt man der Antwort des Senats auf eine parlamentarische Anfrage des Linkspolitikers Hakan Taş. Seit 2012 ist demnach in der Behörde (immerhin 24.000 Beschäftigte) kein Fall vom Mobbing dokumentiert worden. Da scheint das Konzept der Partypolizei doch prima zur Teambildung beizutragen.
Horch, was kommt von draußen rein: Berlin will die polizeiliche Überwachung der Telekommunikation ab 2019 gemeinsam mit Brandenburg, Sachsen, Sachsen-Anhalt und Thüringen stemmen. Offizieller Name der Schnüffelfirma: „Gemeinsames Kompetenz- und Dienstleistungszentrum“. Ihren Sitz hat sie in Leipzig und Dresden.
Eigentlich sollte jeder seit dem ZDF-„Traumschiff“ wissen, dass Jobs auf solchen Spaß-Tankern nicht gerade vergnügungssteuerpflichtig sind (ohne Gäste sähe das vermutlich anders aus). Trotzdem hat es Hunderte Berliner Landratten zu einer Messe gezogen, auf der es um Arbeit in der Kreuzfahrbranche ging. Mit dabei: die einzige auf Meerarbeit spezialisierte Jobagentur - aus Suhl im Thüringer Wald.
Vielleicht könnte man ja den BER zum Kreuzfahrtterminal umwidmen, wenn alle Taue reißen. Allerdings dürfte das noch länger dauern, als für Ruhe bei den Anwohnern zu sorgen. Denn bei rund der Hälfte der 19.000 bewilligten Anträge wurde der Lärmschutz noch nicht umgesetzt (Quelle: Anfrage des FDP-Politikers Sebastian Czaja). Insgesamt rechnen die Verantwortlichen mit 26.000 Haushalten, die Anspruch auch Krachminderung haben. Kosten (Prognose): 730 Millionen Euro.
BER Count Up – Tage seit Nichteröffnung:
Flughafenchef Engelbert Lütke Daldrup hat das Wunder vollbracht: Am 31. Oktober 2020 ist der Flughafen BER offiziell eröffnet worden. 3.073 Tage nach der ersten Nicht-Eröffnung stellen wir damit unseren Count Up ein. Wer nochmal zurück blicken will: Im Tagesspiegel Checkpoint Podcast "Eine Runde Berlin" spricht Lütke Daldrup mit Tagesspiegel Chefredakteur Lorenz Maroldt und Checkpoint Redakteurin Ann-Kathrin Hipp über detailverliebte Kontrollen, politische Befindlichkeiten und aufgestaute Urlaubstage.
Zitat
"Wann erlöst uns das Bezirksamt vom Wettbewerb des schlechten Geschmacks auf dem Alexanderplatz?"
Große Anfrage der Linkspartei in der Bezirksverordnetenversammlung Mitte zu Veranstaltungen auf dem Areal.
Tweet des Tages
"Am S-Bahnhof Warschauer Straße reitet eine Frau auf einem Steckenpferd durch die Menge und macht dabei Schnalzgeräusche. Alles wie immer."
Stadtleben
Neu in Mitte Nachdem To Beef or not to Beef in Schöneberg gut ankam, hat Giacomo Mannucci die Fleischeslust vor einem Monat in die Torstraße 96 (U-Bhf Rosenthaler Platz) exportiert: Im To the Bone wird Fleisch von italienischen Spezialitätenherstellern serviert, darunter Cuts des toskanischen Metzgerlegende Dario Cecchini. Zwischen den spiegelnden Oberflächen, die überall im Restaurant zu finden sind, kommen die hausgereiften Steaks und der am Knochen gereifte Rehrücken besonders zur Geltung - ein klares Zeichen für Carnivore (Vegetarier sind trotzdem willkommen und werden u.a. mit Zucchiniblüten und Butternusskürbispüree versorgt). Ob mit oder ohne Fleischmahl: An der Bar lässt sich stilecht der ein oder andere Negroni wegschlürfen. Mo-Sa ab 18 Uhr
Berlinbesuch Der Botanische Garten ist besonders um diese Jahreszeit ein Blickfang, denn viele Bäume und Planzen hängen jetzt voller Früchte, nicht selten farbenfroh wie die ersten Blüten im Frühling. Das Besondere: Da nicht nur heimische Pflanzenarten zu bewundern sind, lässt sich hier der Herbst in mehreren Regionen der Welt gleichzeitig erleben - vom Indian Summer bis zum japanischen Kuchenbaum. Königin-Luise-Straße 6-8 (S-Bhf Botanischer Garten), im Oktober geöffnet tgl. 9-20 Uhr, Gewächshäuser bis 19 Uhr, Eintritt: 6 Euro.