Samstags verhangen, sonntags heiter bis wolkig bei höchstens 12°C

Neue Corona-Regeln in KraftAldi kündigt Mitarbeiter wegen rassistischem VorfallMehr als 100.000 Unterschriften für Berliner Enteignungs-Initiative

Am Roten Rathaus wird gerade die 4. Staffel von „Babylon Berlin“ gedreht, die Nazis bestimmen Leben und Arbeit von Kommissar Gereon Rath auf brutale Weise. Zugleich veröffentlicht der Schauspieler Volker Bruch, der diesen Gereon Rath spielt, ein Video, in dem er sagt: „Ich will wieder mehr Angst haben. Denn ohne Angst habe ich Angst. Deshalb appelliere ich an unsere Regierung: Macht uns mehr Angst.“

Vor dem Verfassungsgericht gehen seit gestern Klagen gegen das neue Infektionsschutzgesetz ein, hinter uns liegt wieder eine Woche erbitterter Diskussionen über die Corona-Maßnahmen. Bei einer Demonstration gegen die Regierung werden Journalisten angegriffen, wie oft in den vergangenen Monaten. Zugleich veröffentlicht der Schauspieler Jan Josef Liefers, vielen vor allem als „Tatort“-Pathologe Karl-Friedrich Boerne bekannt, ein Video, in dem er sagt: „Vielen Dank an alle Medien, die seit einem Jahr unermüdlich, verantwortungsvoll und mit klarer Haltung dafür sorgen, dass der Alarm da bleibt, wo er hingehört, nämlich ganz, ganz oben.“ Und er dankt auch dafür, „dass kein unnötiger, kritischer Disput uns ablenken kann von der Zustimmung zu den sinnvollen und immer angemessenen Maßnahmen unserer Regierung.“

Es muss eine komische, abgeschottete Welt sein, in der Liefers, Bruch und rund 40 weitere Schauspielerinnen und Schauspieler leben. Eine Welt, in der Ben Becker aus einem Wohnwagen schaut und ernsthaft schimpft: „Es kann doch nicht sein, dass ich hier am Set sitze, und darf nicht mehr aus Porzellantellern essen, sondern aus Plastikschüsseln, die mir zugeteilt werden!“

Auch Beckers Schwester Meret war Teil der Aktion „Alles dicht machen“, die angeblich als ironischer Protest gegen die Corona-Maßnahmen geplant war.

Telegramm

Seit Mitternacht sind die neuen Corona-Regeln in Kraft – was sich neben der nächtlichen Ausgangssperre alles ändert, können Sie hier nachlesen.

Eine „Querdenker“-Demo zieht heute von der Friedrichstraße bis zum Platz der Luftbrücke, mit einem kleinen Umweg am Wohnhaus von Michael Müller, vorbei.

Zwischenstand beim Impfen: Berlin ist im Bundesländervergleich Zweiter bei den Zweitgeimpften (8,4%), aber Drittletzter bei den Erstimpfung (21,2%).

Die Zahl der Corona-Fälle unter Schülern hat sich fast verdreifacht – betroffenen sind vor allem die unteren Klassen.

Eine Auslastung von durchschnittlich 73% melden die freien Kita-Träger: „Anstatt einer Notbetreuung herrscht de facto ein Regelbetrieb vor“ – der Verband kündigt Einschränkungen an.

Das Staatsballett hat es noch immer nicht geschafft, den Ausgang des Arbeitsgerichtsverfahrens um die Rassismusvorwürfe von Chloé Lopes Gomes auf seiner Website zu vermelden (16.000 Euro Entschädigung, Weiterbeschäftigung um ein Jahr). Dafür widmete die britische „Times“ der Sache jetzt einen 4-spaltigen Artikel: „Ballerina told to whiten her skin wins € 16.000 an old old job back“.

Wegen eines rassistischen Vorfalls in einer Neuköllner Filiale hat Aldi gestern einem Mitarbeiter gekündigt – zuvor war ein Mann, der sich über eine beleidigende Bezeichnung beschwert hatte, u.a. mit einem Karton beworfen worden.

Überraschung: Der Senat findet sich prima. Das dazugehörige Werbefilmchen finden Sie hier.

Keine Überraschung wird dagegen bei den Landesparteitagen von SPD, Linken und Grünen erwartet – hier eine kleine Übersicht, warum es sich dennoch lohnt, da mal genauer hinzuschauen.

Die nächsten Umfragen werden keine Freude machen“, schreibt Berlins CDU-Generalsekretär Stefan Evers in seinem Newsletter an die Mitglieder – kann ich verstehen: Mir ist das auch immer lästig, wenn Forsa anruft.

Eine Nachricht zum Wiehern: „Der Mietendeckel ist ein totes Pferd“ – sagt jedenfalls der Verfassungsrechtler Ulrich Battis. Eine Initiative auf Bundesebene hält er für aussichtslos (Q: Tagesspiegel).

Die Enteignungs-Initiative reitet dagegen auf dem Deckel-Ärger einem Sieg entgegen: Mehr als 100.000 Unterschriften hat sie bereits gesammelt.

Ausgangssperre jetzt auch für Hühner: Wegen der Geflügelpest lassen Charlottenburg-Wilmersdorf, Friedrichshain-Kreuzberg und Spandau ab sofort das Federvieh einsperren.

Wo bleibt eigentlich das 2019 von Wirtschaftssenatorin Ramona Pop angekündigte Berliner Entwicklungszentrum von Tesla als Teil einer „Perlenkette“ von Unternehmensansiedlungen (DS 18/27249, MdA Sebastian Czaja)? Dazu Staatssekretär Christian Rickerts: „Der Senat hat keinen Einblick in unternehmensinterne Planungs- und Entscheidungsprozesse.“ Mit anderen Worten: keine Ahnung (vielleicht ist es ja versehentlich auf dem Mars gelandet).

Thomas Wochnik

Wochniks Wochenende

Die besten Berlin-Tipps für drinnen, draußen und drumherum.

48h Berlin

Samstagmorgen – Wer die Welt im Vorübergehen wahrnimmt, verschafft sich nicht nur den größeren Überblick, sondern verringert auch das Ansteckungsrisiko. Vorüber geht bekanntlich auch die Zeit, und das zeigt exemplarisch der Weddinger Schillerpark. Nicht nur ist das Wirken Friedrich Schillers schon wirklich lange her, sondern augenscheinlich auch die letzte Pflege der Anlage, auf die der Namensgeber als grünspanverziertes Denkmal blickt. Wer Lust auf einen ausgiebigen Spaziergang durch des Weddings Grün hat, beginnt in der Brienzer Straße und verlässt den Schillerpark am anderen Ende in der Dubliner – eine fantasievolle Überleitung von Schiller zu Joyce denke man sich selbst –, um anschließend eine Runde um den wenige Minuten entfernten Volkspark Rehberge zu drehen. Dort trifft man auf den Rathenaubrunnen und schließt damit den Kreis zurück zu Schiller. Denn: Der außergewöhnliche Brunnen, ein Wurf von Georg Kolbe, wurde 1930 aufgestellt und vier Jahre später von den Nazis wieder demontiert, weil Rathenau Jude war. Die Bronze wurde eingeschmolzen, 1941 in Schillerform gegossen und im Schillerpark aufgestellt, um dem widerständigen Wedding ein Stück Deutschtum ins Herz zu pflanzen. Die Rekonstruktion des Rathenaubrunnens aus den Sechzigern ist somit auch ein wenig Denkmal der Entnazifizierung.

Samstagmittag – Wer im Anschluss an das immer satter grünende Grün ein Stück weit die Müllerstraße hinabgeht, findet im Schaufenster der Galerie Wedding, Müllerstraße 146/147, von 12 bis 19 Uhr eine Ausstellung von Emily Hunt, in deren Mittelpunkt eine psycho-geografische Landkarte Berlins steht, aus deren Mittelpunkt heraus ein imaginäres Jobcenter die Lockdown-Welt regiert. Die Fantasie-Objekte drumherum, mit Referenzen zu Orten Berlins, sollen ebenfalls zum Ambulieren mit fantasievollem Blick animieren.

Samstagabend – Um auch den Geist in Bewegung zu halten, vielleicht ein bisschen zeitgenössische Philosophie? Alberto Toscano ist durch seine Nähe zum Spekulativen Realismus und seine sozialkritische Arbeit längst eine der präsentesten Grübelstimmen und gibt für alle, die des Englischen mächtig sind, um 18 Uhr eine Online-Lecture über das Abstrakte bei Althusser. Wer keine Lust hat, sich von einem einzelnen Mann die Welt erklären zu lassen, schalte um 19 Uhr in den Stream aus dem Heizhaus der Uferstudios. Statt nur einer Stimme, singen dort in einer Performance ganze Chöre des Spekulativen Texte, bei denen acht internationale Autor:innen darüber spekulieren, was die Chöre aus antiken Dramen wohl über die Gegenwart gesungen hätten.

Sonntagmorgen – Von den Älteren zu den Jüngsten: Der Berliner musikalische Nachwuchs von Jugend Musiziert gibt um 11 Uhr ein Preisträger:innen-Konzert am altehrwürdigen Gendarmenmarkt, das allerdings am besten im Live-Stream übers Handy zu hören ist – so ist sie, die Jugend, gar nicht mehr vom Bildschirm wegzukriegen.

Sonntagmittag – Vom Ohr zum Auge: Bekanntlich ist das Wohlgefühl in den eigenen vier Wänden eng mit der Lichtsituation verknüpft. Wer seine offen vor sich hin flimmernden und flackernden LED-Glühbirnen etwas dämpfen möchte, kann beim Falten von Origami-Lampenschirmen zugleich auch Augenmaß und Feinmotorik trainieren. Sie sind nicht nur günstig und können ganz gut aussehen, sondern sind mit entsprechendem Papier und den heute üblichen, kalten LED-Birnen, nicht mehr brandgefährlich. Bastelanleitungen gibt es im Netz en masse, zum Beispiel hier.

Sonntagabend – Wer dem Flimmern und anderen Stör- und Verfallserscheinungen eher zu- als abgeneigt ist, wird im Allgemeinen auch Gefallen an der Arbeit von Musiker und Künstler Carsten Nicolai aka Alva Noto finden. Als Labelchef von Raster-Noton hat er eine der hierzulande wichtigsten Institutionen für experimentelle, gerne aus Stör- und Nebengeräuschen gemachte elektronische Musik geschaffen. Um 20.30 Uhr streamt er zum Wochenendeende das zusammen mit dem Ensemble Modern kürzlich aufgezeichnete Videokonzert Xerrox Vol.4 in heimische Wohnzimmer. Tickets gibt es ab 10 Euro.

Mein Wochenende mit

Durchgecheckt

Kevin, unser liebstes Wildschwein in der Rotte, kennt jeden Flecken Land in Berlin und Brandenburg. In diesen Zeiten bleibt er jedoch lieber im heimischen Bau und kocht, aus Gründen der Selbsterhaltung, feine vegetarische Gerichte.

Wildschwein Kevin – „Die Vorstellung, ein sogenanntes Haustier zu halten, war mir schon immer suspekt, wie Sie sich sicher denken können. Allein, die werte Sau von nebenan, Chantal, bearbeitet mich nun schon seit Wochen, mir doch eines anzuschaffen. Neulich hatte ich die vortreffliche Idee, ihr auf halber Strecke entgegenzukommen, ohne meine Werte preiszugeben und stellte ihr also meinen neuen Mitbewohner vor, den Hallimasch Klaus. Hallimasch Klaus ist ein Pilz von faszinierendem Charakter. Er gehört weder der Flora noch der Fauna an und kann sich von Dingen ernähren, die ich an dieser Stelle gar nicht nennen möchte. Auch sein Gattungsname ist unappetitlich, wenn man die Spekulationen um die Namensherkunft kennt – vor allem wird er Klaus einfach nicht gerecht. Denn Klaus ist nicht nur von edelstem Gemüt und verfügt über ein höchst soziales Wesen, nein, als Halimaschkomplex kann Klaus als Vertreter des größten Lebewesens auf dem Planeten Erde gelten. Wenn man Lebewesen entsprechend definiert. Wie dem auch sei, Chantal war leider nicht begeistert. Was sie von Pilzen hält, zeigte sie mir mit einem vorzüglichen Maronen-Champignon-Ragouthier das Rezept, das wir gemeinsam verspeisten. Natürlich bei Chantal und nicht vor den feinsporigen Augen von Klaus. Aber gut, so ist wenigstens auch das Haustier-Thema vom Tisch. Mit freundlichen Grunzen!“

Lese­empfehlungen

Prekäres Leben und später Ruhm – das ist eines der hartnäckigsten und am weitesten von der Realität entfernten Klischees der Kunstwelt. Die übliche Wirklicheit geht so: Prekäres Leben, kein Ruhm. Susanne Kippenberger hat gleich drei Ausnahmen porträtiert (Abo).

Bürokrat:innen stehen nicht erst seit Kafka unter dem Generalverdacht, gefühlskalte Kalkulatoren zu sein. Zu Unrecht, wie eine geradezu romantische Klausel des Infektionsschutzgesetzes beweist: Um 22 Uhr müssen alle nach Hause, mit einer Ausnahme: Einsame Läufer:innen. Wer alleine joggt, hat zwei extra-Stunden mit sich selbst und dem Mondenschatten. Ariane Bemmers Läufer-Typologie kommt auch ohne Zitate aus Schuberts Winterreise ans Ziel (Abo).

Wer braucht eigentlich Städteutopien, wenn er Berlin hat? Jedenfalls nicht Hans Stimmann. Reinhart Bünger sprach mit dem konservativen Stadtplaner über dessen Vorstellung der „Stadt von Morgen“.

Wochen­rätsel

Was hat der Berliner Senat nach dem Mietendeckel-Aus eingerichtet?

a) einen Wir-Haben-Es-Verbockt-Fond
b) eine Sicher-Wohnen-Hilfe
c) einen Gut-Und-Gerne-Wohnen-Support

Schicken Sie uns die richtige Lösung und gewinnen Sie einen Checkpott.

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Encore

Mit einer „etwas merkwürdig klingenden Frage“ wandte sich die Lehrerin Miriam jetzt über das Portal „nebenan.de“ an ihre Nachbarn im Charlottenburger Leibnizkiez:

Hallo ihr Lieben, für meine Unterrichtsprobe in Chemie möchte ich das Thema Nierensteine thematisieren. Um den Schüler*innen diese möglichst anschaulich zeigen zu können, würde ich ihnen gern echte Nierensteine mitbringen. Hat jemand von euch zufällig eine Idee, wo ich Nierensteine herbekommen könnte? Oder hat zufällig jemand Nierensteine, die ich mir ausleihen könnte? Danke für eure Hilfe!“

Antwort von Nachbarin Esther: „Müssen es unbedingt Nierensteine sein? Diese sind häufig sehr klein oder werden zertrümmert, damit sie von selbst abgehen. Bei Gallensteinen ist die Chance, dass die jemand zu Hause hat, größer. Nur so als Tipp.“

Antwort von Miriam: „Ja, es sollten Nierensteine sein, da ich auf die Reaktion von Oxalat-Ionen mit Calcium-Ionen eingehen möchte.“

Na, da helfen wir doch gerne: Falls Sie also ein paar Nierensteine zu Hause haben, melden Sie sich doch bitte unter checkpoint@tagesspiegel.de – unter den Einsendern der besten Exemplare verlosen wir eine schöne Glasmurmel.

Einen Stein im Brett haben bei uns heute Thomas Lippold (Recherche) und Kathrin Maurer (Produktion). Wir sehen uns hier am Montag wieder – bis dahin,

Lorenz Maroldt