es wird weitere Einschränkungen des öffentlichen Lebens in Berlin geben: Als nächstes sollen Restaurants gar nicht mehr öffnen dürfen, und die zulässige Größe von Versammlungen wird voraussichtlich auf zehn Personen reduziert (bisher: 50). Doch dabei bleibt es voraussichtlich nicht: Nachdem Bayern Ausgangsbeschränkungen beschlossen hat, wächst der Druck auf die anderen Länder. Am Sonntagmittag berät die Bundeskanzlerin mit den Ministerpräsidenten über das weitere Vorgehen, das Ziel: ein einheitliches Vorgehen.
Linke und Grüne in Berlin lehnen Ausgangsbeschränkung allerdings bisher rigoros ab, im Gegensatz zu Gesundheitssenatorin Dilek Kalayci - im Senat kam es am Donnerstag deshalb fast zum Eklat. Kultursenator und Bürgermeister Klaus Lederer fragte Kalayci erregt, ob sie überhaupt noch für den Senat sprechen könne. Nur SPD-Fraktionschef Raed Saleh verteidigte die Senatorin - „wie ein Löwe“, hieß es später, die etwas feinere Beschreibung von „brüllend“.
Auch Wirtschaftssenatorin Ramona Pop, wie Lederer Bürgermeisterin, stellte den Nutzen von Ausgangssperren in Frage und hielt den möglichen Schaden dagegen: Wenn Familien wochenlang nicht herauskönnen, kommen noch ganz andere Probleme auf die Stadt zu – und wie lange soll das gehen? Zudem sei ja nicht sicher, ob es in Berlin wirklich so viele schwere Krankheitsverläufe geben werde wie anderswo.
Justizsenator Dirk Behrendt warf ein, ob sich Berlin nicht eher an Taiwan oder Südkorea orientierte sollte – dort wird viel intensiver getestet. Andererseits: Läuft nicht Berlin jetzt die Zeit davon? Im Hintergrund hustete dazu immer mal wieder wie ein Menetekel Steffen Zillich, der parlamentarische Geschäftsführer der Linken. Er war nicht der einzige, den es im Hals etwas kratzte.
Bei einer Telefonkonferenz am späten Freitagnachmittag ging es dann friedlicher zu, die Last der Entscheidung, vielleicht aber auch die Distanz, ließ alle wieder ein wenig zusammenrücken. Am Abend verkündete Michael Müller dann in der Abendschau:
„Wir haben keine Angst vor irgendwelchen Entscheidungen. Aber Dinge müssen durchsetzbar und durchhaltbar sein. Eine Ausgangssperre wird dramatische soziale Folgen haben. Ich will so etwas so weit wie möglich vermeiden“.
Müller sagt aber auch: Die bisherigen Maßnahmen haben noch nicht gereicht. Und ob die nächsten Maßnahmen zu Restaurants und Gruppengrößen reichen werden, weiß niemand. Wie weit ist „so weit wie möglich“ entfernt? Zu lange warten, kann tödlich sein. Müller will keine Ausgangssperren, aber er schließt sie nicht aus. Müller will ein einheitliches Vorgehen aller Länder und des Bundes. Wenn die aber am Sonntag den Ausgang beschränken, setzt Müller das dann auchdurch?
Rechtlich ist die Sache heikel – gesellschaftlich sowieso. Bisher sprechen alle über das Infektionsschutzgesetz. Aber in den Notstandgesetzen heißt es. „Bei länderübergreifenden Katastrophen kann die Bundesregierung den Ländern Weisungen erteilen.“ Seuchen zählen dazu. Nicht, dass die Generation der politisierten 68er am Ende noch von jenen Gesetzen gerettet wird, gegen die sie am heftigsten kämpfte.
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Drei kurze Fragen, auf die es noch keine vernünftige Antwort zu hören gab:
1) Warum bekommen in Supermärkten nicht alle Kassenbereiche einen Plexiglasschutz?
2) Wer ist auf die irre Idee gekommen, dass Friseure zur systemrelevanten Versorgung gehören?
3) Warum stürzt die Bildungsverwaltung die AbiturientInnen ins Chaos?
Zu 3: „Ich habe so die Schnauze voll“, sagte gestern einer der Schulleiter, der selbst entscheiden sollte, wann die Prüfungen stattfinden – und damit zu verantworten hat, schon bald größere Gruppen von Schülerinnen und Schülern zusammenzubringen, auf dem Höhepunkt der Infektionswelle. Das ist absurd. Absurd gefährlich. Und unhaltbar.
Zwischendurch mal eine Nachricht aus dem Vatikan: „Die katholische Kirche will allen mit dem Coronavirus infizierten Gläubigen die Sünden erlassen“ - sie müssen dazu nur an einem online übertragenen Gottesdienst teilnehmen oder in der Bibel lesen, das allerdings „mindestens eine halbe Stunde“. Das sollte zu schaffen sein.
Bildungssenatorin Sandra Scheeres hat die Notbetreuung neu geregelt – bisher werden nur ca. 6 % der Kinder von Eltern mit „systemrelevanten Berufen“ beaufsichtigt, bis zu 15 % wären möglich. Anspruch auf eine Notbetreuung besteht in den Kitas und Schulen der Grundstufe 1 bis 6. Bisher konnten das jedoch nur solche Familien nutzen, in denen beide Elternteile in entsprechenden Berufsgruppen arbeiteten.
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Der Senat von Berlin hat beschlossen, dass ab Montag auch Familien Anspruch auf eine Notbetreuung haben, wenn nur ein Elternteil in einem systemrelevanten Beruf arbeitet. #Danke – Dies dürfte auch viele unserer Kolleg. entlasten.
Jetzt hat der Senat an dieser Stelle nachgebessert. Wie die Bildungsverwaltung am Sonnabend mitteilte, "wird die strikte Regelung, dass beide Elternteile in den festgelegten Berufsgruppen arbeiten müssen, für einige dieser definierten Berufsgruppen aufgehoben" - dann reicht es, wenn ein Elternteil einen entsprechenden Beruf hat.
Für diese Berufsgruppen gilt die "Ein-Elternregelung" künftig: Pflege, Polizei, Feuerwehr, Justizvollzug, Behindertenhilfe, Einzelhandel (Lebensmittel- und Drogeriemärkte) sowie den Gesundheitsbereich (ärztliches Personal, Pflegepersonal und medizinische Fachangestellte, Reinigungspersonal, sonstiges Personal in Krankenhäusern, Arztpraxen, Laboren, Beschaffung und Apotheken).
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Damit machte sich der Senat in einer telefonischen Konferenz eine von Scheeres eingereichte Vorlage zu eigen. "Die Situation ist derzeit für viele Eltern zweifellos sehr schwierig", teilte Bildungssenatorin Sandra Scheeres (SPD) mit. "Mit der veränderten Notbetreuungs-Regelung für Eltern wollen wir gezielt jene derzeit lebenswichtigen Bereiche im Gesundheitssektor und anderswo unterstützen, die aktuell einen besonders großen Personalbedarf haben." Eine entsprechende Änderungsverordnung zum Erlass werde für die nächste Senatssitzung vorbereitet, hieß es aus der Bildungsverwaltung.
Die Bundesregierung wird am Montag über Sofortmaßnahmen zur Unterstützung von Solo-Selbständigen, Kleinstgewerbetreibenden und Kulturschaffenden beraten – dabei geht es um Zuschüsse, einen erleichterten Bezug von Arbeitslosengeld und ein Kündigungsmoratorium. Hinter der Initiative steht u.a. die Berliner SPD-Bundestagsabgeordnete Cansel Kiziltepe. Die Bundeshilfen sollen den Betroffenen zusätzlich zu den bereits in Berlin beschlossenen Maßnahmen zugutekommen, um ihre Existenz zu sichern.
Zu den Besäufnisanstalten, die sich am vergangenen Sonnabend nicht an die Schließungsverfügung des Senats hielten, gehört das „TiER“ in der Neuköllner Weserstraße. Mein Kollege Sebastian Leber war für seine Reportage gegen 21.45 Uhr hier, gesehen und gehört hat er das:
„In der Raucherkneipe „Tier“ wird dagegen gefeiert. Der Laden ist voll, die Gäste sitzen und stehen eng beieinander. „Morgen leider nicht mehr“, erklärt die Bedienung. „Eigentlich hätten wir heute schon nicht mehr aufmachen dürfen.“ Sie hätten irgendwie zu spät von der Senatsentscheidung erfahren. „Jetzt nehmen wir mit, was geht.“
Das hat dem Betreiber des Ladens nicht gefallen, wahrscheinlich war er beleidigt, dass wir sein Etablissement als „Raucherkneipe“ tituliert haben, jedenfalls schreibt er uns unter der Überschrift „Gegendarstellung“ u.a.:
„Unwahr ist, dass in der Rauchkneipe TiER gefeiert wurde. Wahr ist, dass an diesem Abend in der Cocktailbar TiER nicht gefeiert wurde, es wurden lediglich Cocktails und andere Getränke getrunken.“ Außerdem sei die Bar „kaum gefüllt“ gewesen.
Und jetzt fragen wir uns: Lässt sich mit Cocktails und anderen Getränken in Neukölln nicht feiern? Warum erfahren wir das erst jetzt? Und wie kann eine Bar kaum gefüllt sein, wenn sie voll ist wie die feiernden Gäste? Wir werden der Sache im Dienst der Aufklärung auf den Grund gehen wie einem leckeren Cocktail im Glas, Rerum Cognoscere Causas. Und dazu schauen wir uns das kleine Video von dem Abend im TiER nochmal an, ich will da auch gar nicht zuviel von dieser Party erzählen, das ist im Berliner Nachtleben ja eher verpönt. Don't drink and tell, aber so viel kann ich verraten: Es ist voll beindruckend – oder heißt es: beeindruckend voll?
Raketenschnell zog gestern die Firma „Rocket Internet“ die Kündigung von Räumen in der Urbanstraße zurück - nachdem Julius Betschka von Team Checkpoint dort nachgefragt hatte, wie sich das denn mit der Ankündigung des Unternehmens verträgt, den Mietern sozialverträgliche Lösungen anzubieten. Die Antwort aus dem Haus der Samwer-Brüder:
„Die Kündigungen wurden bereits Mitte Februar angestoßen, bedingt durch Krankheitsfälle bei der externen Hausverwaltung jedoch erst jetzt zugestellt. Die gesamtwirtschaftliche Situation ist nun eine andere wie Mitte Februar und wir werden daher die zwei Kündigungen zurücknehmen.“
Unterschrieben wurden die Kündigungen den Unterlagen zufolge allerdings erst am 17. März - an dem Tag lautete die Schlagzeile im Tagesspiegel: „Deutschland macht dicht“.
Die Gerichtsvollzieher sollen wegen der Corona-Krise übrigens „soweit wie möglich von Zwangsvollstreckungen im Wohnraum Abstand nehmen“ – darum hat Staatssekretärin Daniela Brückner nach Checkpoint-Informationen den Präsidenten des Kammergerichts Bernd Pickel und die Amtsgerichtspräsidenten gebeten.
Außerdem: Bei Zahlungsrückständen soll es keine Sperrung von Strom- und Gasversorgung geben – haben die Unternehmen angekündigt.
In Kreuzberg sind überall Kreidezeichnungen aufgetaucht (hier zu sehen) – sie markieren den Abstandsradius von 1,5 Meter. Dahinter steckt eine engagierte WG, in der Nachricht an den Checkpoint grüßt „herzlich distanziert“ Jenny. Wir grüßen herzlich distanziert mit Dank zurück.

Vivantes stellt dem Klinikpersonal Personal nach CP-Informationen jetzt einen „personalisierten, textilen Mund-Nasen-Schutz“ zur Verfügung – 10.000 Stück werden bis Anfang nächste Woche verteilt, weitere 50.000 Stück sollen in wenigen Tagen folgen. In einer Handreichung heißt es: „Für die Wäsche der Mehrweg-MNS ist jeder Mitarbeiter und jede Mitarbeiterin selbst verantwortlich“. Die gute Nachricht kommt zum Schluss: „Bügeln erlaubt“.
p.s.: Bitte basteln Sie sich keine Masken selbst – sie schützen meist nicht.
Und hier noch ein Warnhinweis: Falls Ihnen irgendwo die wirren Corona-Thesen des Lungenarztes und Ex-SPD-Abgeordneten Wolfgang Wodarg begegnen: Hier steht, warum Sie dazu auf größtmögliche coronale Distanz gehen sollten (es sei denn, Sie halten auch den Klimawandel für eine Erfindung der geheimen Untergrundarmee von Angela Merkel – aber dann wären Sie hier sowieso im falschen Film).
Eine Mitteilung aus Neukölln: „Das Ablecken von Türklingen, U-Bahn-Haltegriffen und Tischplatten sollte nach Möglichkeit auf das absolut erforderliche Maß reduziert werden.“ Wer wollte da widersprechen?
Frank Zander hat offenbar Checkpoint gelesen und unsere Empfehlung zum Umdichten seiner Hertha-Hymne aufgegriffen (CP vom 17.3.) – voilá: „Nur nach draußen geh’n wir nicht“ (sowieso, ohoho, ohoho). Das kurze Video finden sie hier.
Udo Lindenberg, u.a. Musikdienstleister für die Checkpoint-Band, kommentierte die Lage gestern übrigens so:
„Die Welt ist voll am Arsch, aber unser Kumpel Hoffnung is‘ ja auch noch da.“
Sagen wir’s mal so: Die Welt wird eine andere sein, wenn Corona durchgezogen ist. Am Arsch? Mal sehen. Hoffen wir, dass nicht so viele Menschen sterben müssen. Und dann schauen wir, was wir daraus machen, mit allen neuen Einschränkungen (die es längerfristig geben wird, freiwillige und erzwungene) und Erkenntnissen, auch über uns selbst und das, was uns wirklich wichtig ist.
Telegramm
Endlich eine gute Nachricht für Berlin: Die BVG kann ihre 1500 neuen U-Bahnwagen wie geplant bei Stadler bestellen – das Kammergericht wies die Klage des Konkurrenten Alstom ab.
Heute ist der „World Wood Day“ – passend für diejenigen, bei denen es nur für einen Abschluss auf der Baumschule gereicht hat und die mit einem Brett vorm Kopf die nächste Corona-Party besuchen.
Heute ist auch der „World Poetry Day“ – passend für diejenigen, deren Urlaubspläne unter Quarantäne gestellt wurden und die sich mit Bertolt Brechts „Ballade von der Unzulänglichkeit menschlichen Planens“ trösten wollen.
Schon wieder Post vom Prinzen – Georg Friedrich von Preußen ist diesmal nicht ganz zufrieden mit der Berichterstattung im Tagesspiegel über eine Experten-Anhörung im Bundestag über die Ansprüche der Hohenzollern. Er fordert Unterlassung, das ist immer noch besser als eine Aufforderung zum Duell im Morgengrauen – da habe ich ja blöderweise nie Zeit.
Die Berliner Stadtwerke lassen darüber abstimmen, ob ihr
Neues „E-Infomobil“ a) Maria (nach der Erfinderin des ersten Hauses mit Solarheizung) oder b) Edmond (nach dem Entwickler der ersten Solarzelle) heißen soll. Wie wär’s mit Solarplexus?
Der Deutsche Brauerverband meldet: Die Getränkeversorgung ist gesichert. Na dann Prost. Und falls Ihnen die Bierdeckel ausgehen: Versuchen Sie’s mal mit Klopapier (So mancher dürfte ja noch ein paar hundert Rollen übrighaben).
Engpässe gibt‘s dagegen angeblich bei der Flatterulme – sagt jedenfalls das BA Charlottenburg-Wilmersdorf zur Begründung, warum der Baum des Jahres 2019 immer noch nicht gepflanzt wurde (Anfrage: Alexander Sempf, SPD). Na, der hilft der Checkpoint doch gerne – das Grünpflanzenhaus „Feldmaus“ teilte uns gestern mit: Das Bäumchen wird nach Zahlungseingang innerhalb von 24 h verschickt – allerdings mit DHL. Da braucht der Bürgermeister wohl erstmal einen größeren Briefkasten.
Durchgecheckt
Verena Pausder, 41, ist Digital-Unternehmerin und Mitglied im Innovation Council der Digitalstaatsministerin Dorothee Bär. Ihr Ziel: Kindern einen chancengleichen Zugang zu digitaler Bildung ermöglichen. (Foto: Kim Keibel)
In Berlin findet für mehr als 400.000 SchülerInnen in den kommenden Wochen kein Unterricht statt. Bisher sind wenige Schulen auf digitalen Unterricht vorbereitet – überrascht sie das?
Nein, das überrascht mich natürlich nicht. Ich bin in den letzten fünf Jahren in meiner Funktion als Gründerin der HABA Digitalwerkstätten und Vorständin des Digitale Bildung für Alle e.V. an Schulen unterwegs und habe gesehen, was da alles noch fehlt, um digitalen Unterricht zu gewährleisten – nicht nur in Berlin. Bisher ist die Infrastruktur so schlecht, dass, selbst wenn willige Lehrkräfte vorhanden sind, es gar keine Flächenbewegung werden konnte.
Während Eltern und Kinder über WhatsApp-Gruppen vernetzt sind, mangelt es in vielen Schulen an digitaler Infrastruktur, auch und gerade für schulinterne Kommunikation. Woran scheitert der Digitalpakt in der Praxis?
Es stimmt, von den 3,5 Milliarden Euro, die für den Digitalpakt vor einem Jahr bereitgestellt wurden, ist erst ein Bruchteil abgerufen worden. Das Problem ist aber nicht Verweigerung, sondern Überbelastung und ein personeller Mangel – an Schulleitern und an Lehrern, die überhaupt ein Medienkonzept schreiben könnten, weil viele Fragen total unklar sind: Welche Geräte braucht man? Welches WLAN? Welche Cloud? Dazu kommt, dass Schulen wahnsinnig viel leisten müssen: Ganztagsbetreuung, individuelle Förderung, Integration, Inklusion – das Thema digitale Bildung bleibt in der Praxis leider immer noch viel zu häufig auf der Strecke.
Entspricht der „Lernraum Berlin“, mit dem der Unterrichtsausfall kompensiert werden soll, Ihrer Vorstellung eines digitalen Klassenzimmers?
Nein, der Lernraum ist bisher eher eine Hülle, die noch nicht lebt. Die Schülerinnen und Schüler finden dort in erster Linie eine Themensammlung mit Aufgaben, die die Lehrer hochgeladen haben. Aber das könnten sie auch per E-Mail schicken. Was wir brauchen, ist ein interaktiver Austausch zwischen Lehrern und Schülern. Also eine Kommunikationsplattform, die es ermöglicht, mit dem Lehrer zu sprechen, Fragen zu stellen, sich über die Aufgaben mit Klassenkameraden auszutauschen – das würde die Eltern in der jetzigen Situation wirklich entlasten, denn viele arbeiten derzeit von zu Hause und sollen gleichzeitig ihre Kinder beschulen.
Wie könnte es denn laufen?
Unter einem digitalen Klassenzimmer verstehe ich einen geschützten Raum, zu dem jedes Kind mit einem Passwort Zutritt hat. Der Unterricht beginnt, sobald der Lehrer sich einloggt, ein grünes Häkchen markiert die Anwesenheit, ein rotes Kreuz informiert über kranke oder entschuldigte Kinder. Aufgaben werden direkt auf den Bildschirm gezogen und erklärt, der Lehrer kann festlegen, ob und wann er angesprochen werden kann. In den Pausen bleibt der Bildschirm schwarz oder gibt eine Bewegungsidee. Die Eltern wären dann primär dafür zuständig, die soziale und emotionale Intelligenz am Laufen zu halten, und könnten sich ihrer Arbeit widmen, während nebenan der Unterricht über den Laptop läuft.
Was sollte Ihrer Meinung nach zur digitalen Grundausstattung jeder Schule gehören?
Die Grundvorraussetzungen sind schnelles Internet, die entsprechenden Geräte, aber mindestens ebenso wichtig, wenn nicht ausschlaggebend, ist die Aus- und Weiterbildung der Lehrer, denn was nützt es, wenn haufenweise Tablets im Schrank verstauben? Das sollte zuerst passieren, dafür müssen überhaupt erst Möglichkeiten zur Weiterbildung geschaffen werden – und zwar systematisch. Bisher gibt es die nur in Ansätzen oder auf freiwilliger Basis, etwa wenn engagierten Pädagogen ihre Ideen und Materialien für digitalen Unterricht ins Internet stellen. Unabdingbar sind auch Systemadministratoren, die die Systeme und Geräte warten. Wegen des Fachkräftemangels wird es besonders schwierig werden, da eine Grundkapazität sicherzustellen.
Warum ist digitales Lernen in Schulen so wichtig – hängen die Kinder nicht eh schon zu viel vor mobilen Endgeräten?
Es geht nicht darum, die analoge Interaktion im Klassenraum abzuschaffen, im Gegenteil. Digitales Lernen ermöglicht kreativen, anschaulichen Unterricht, etwa wenn in Sachkunde ein Stop-Motion-Film zum Thema Ozeane erstellt wird. Dafür braucht man eine Storyline, Bilder, vielleicht Musik oder selbstverfasste Audiofiles – das ist das Gegenteil von Daddeln. Digitales Lernen bedeutet auch, Medienkompetenz zu erlangen und zu einem mündigen Bürger der digitalen Welt ausgebildet zu werden. Internetrecherche zählt schon heute zu den Kernkompetenzen in vielen Berufen, die sollten Kinder schon in der Schule lernen. Davon mal abgesehen, dass das digitale Klassenzimmer auch genutzt werden könnte, um Unterrichtsausfall zu kompensieren, wenn nämlich Lehrer per Livestream parallel in drei Klassen unterrichten können.
Macht digitaler Unterricht schon in der Grundschule Sinn?
Absolut, und zwar am besten ab Klasse 1, denn da sind noch alle zusammen. Die soziale Differenzierung ist noch nicht so stark, so dass Kinder aus allen Bevölkerungsschichten digitale Kompetenz erlernen können. Meine Erfahrung in den Digitalwerkstätten von HABA, die Kinder und Jugendliche ans Programmieren heranführen sollen, zeigt, dass gerade 12-jährige Mädchen, die am Girl´s Day zum ersten Mal bei uns sind, sich nicht mehr so leicht fürs Technik und digitale Bildung begeistern lassen wie Grundschülerinnen, die den Jungs in Sachen Experimentierfreudigkeit in nichts nachstehen, wenn nicht überlegen sind. Mit 12 fehlt den Mädchen schon die Peergroup dafür.
Sie sind berufstätige Mutter dreier Kinder, zwei davon schulpflichtig – was empfehlen Sie Eltern, die in den kommenden Wochen Homeoffice und Homeschooling unter einen Hut bekommen müssen?
Erstens: Eine ganz klare Tagesstruktur, die nicht jeden Tag neu verhandelt und am besten für alle sichtbar an den Kühlschrank gepinnt wird. So ist für alle klar, wann Lernzeit, wann Pause und wann Freizeit ist. Zweitens: Sich nicht unnötig unter Druck setzen. Wenn am Nachmittag eine Telefonkonferenz ansteht, dann darf es vielleicht auch mal Netflix oder das Smartphone sein. Deswegen muss man sich nicht streiten. Drittens: Gemeinsam digital kreativ sein. Wo schon alle aufeinanderhocken, warum nicht mal zusammen was in Minecraft bauen? Eltern können dabei jede Menge von ihren Kindern lernen.
Welche Apps oder digitales Spielzeug können Sie besonders empfehlen?
Für die ganzen Kleinen (bis 6 Jahre) kann ich „Bee-Bot" empfehlen, ein Bienenroboter, den man durch die Wohnung flitzen lassen kann. Die App „Lazuli“ ist auch gut, fördert logisches Denken. Für die Größeren hält „Scratch“ unendliche Möglichkeiten bereit für das Programmieren von eigenen Spielen und Anwendungen. Fortgeschrittene können versuchen, den „Spike Prime Roboter“ von Lego zu bauen, der kann sogar breakdancen. Und falls die Ausmalbilder knapp werden: Mit der „Kunststudio“-App lassen sich digital eigene Kunstwerke schaffen und bearbeiten, so eine Art Photoshop für Kinder.
Das Interview führte Stefanie Golla.
Wochniks Wochenende
Die besten Berlin-Tipps für drinnen, draußen und drumherum.
48h Berlin
Samstagmorgen – Social Distancing ist auch Gelegenheit, sich manchen lang gehegten Wunsch zu erfüllen. Sie wollten schon immer mal Trompete, E-Bass oder Schlagzeug lernen – wieso länger warten? Gerade am frühen Samstagmorgen lernen Sie so (schräg) spielend auch Ihre Nachbarn endlich besser kennen, die wahrscheinlich ebenfalls zu Hause sind. Die Idee des Distancing wäre damit allerdings hinfällig. Ein alternativer Weg führt, wie so oft zurzeit, ins Netz. Zum Beispiel ins Chrome Music Lab, wo eine Reihe einfacher Applikationen das Komponieren einfacher Melodien, Akkordfolgen und Beats erlaubt. Wer sich weitreichende Eingriffsmöglichkeiten in die Klanggestaltung wünscht, findet hier, hier, hier und hier Online-Emulationen ganzer Musikstudios, während sich mit dieser und jener Notationssoftware Partituren schreiben lassen.
Samstagmittag – Die meisten Entschuldigungen, das Haus wider besseren Wissens öfter als nötig zu verlassen, hinken gewaltig. Eine ganz gute besteht darin, anderen zu helfen. In vielen Treppenhäusern tauchen derzeit Zettel auf, mit denen Jüngere älteren Nachbarn Einkaufshilfe anbieten. Generell bietet es sich an, sich gut organisierten Freiwilligendiensten und Nachbarschaftshilfen anzuschließen, die Hilfen gezielt koordinieren. Auch der auf Standby gestellte Kulturbetrieb braucht Hilfe. Neben Geldspenden werden gerade Kamera-, Licht- und Tonmenschen sowie Programmierer gebraucht, welche die Live-Streams mitsamt umsetzbarer Bezahlmodelle aufbauen können, denn der Sektor verbraucht gerade nur Reserven. Das mag nach etwas viel klingen für einen Samstagnachmittag, aber irgendwo fängt jede Initiative einmal an. Zum Beispiel damit, darüber nachzudenken, welche Fähigkeiten man hat und wo man sie sinnvoll einbringen kann.
Samstagabend und allein im Singlehaushalt? Schaum in der Badewanne, entspannendes Licht, ein Hörbuch und ein Glas Wein zur Hand vielleicht. Anschließend sollte das Einschlafen, auch ohne ausgegangen zu sein, sanft vonstattengehen. Dating-deprivierte Singles werden es in der kommenden Zeit nicht leicht haben und die Verlockung, irgendeine geheime Party aufzusuchen, ist groß, wenn alle Tage exklusive Einladungen ins Postfach flattern. Der kalendarische Frühling hat am 1. März begonnen, der astronomische am 20. März. Mit einem verspäteten sozialen Frühling, vielleicht erst im Herbst, ist zu rechnen. Bis dahin gilt es, seine Kräfte zu schonen und trotzdem zu Hause zu bleiben.
Sonntagmorgen – Morgendliches Streiflicht schreit schon immer danach, gemalt zu werden. Und wenn jeder Mensch ein Künstler ist, wie Beuys festgestellt hat, ist jetzt die beste Gelegenheit, den eigenen zu entfesseln. Die Kunstgeschichte, wäre eine ganz andere ohne die eremitische Abgeschiedenheit ihrer Protagonisten. Einfach drauflos ist sicher der beste Weg, um zunächst sich selbst kennenzulernen. Will man Anleitung zu seinem Duktus, stellt zum Beispiel der BR aktuell den Klassiker „The Joy of Painting“ mit Bob Ross bereit und jeden Tag kommen Folgen dazu. Ja, der Bob Ross, der indirekt für so gut wie alle in Berghütten-Hotels verstaubenden Landschaftsbilder verantwortlich zeichnet.
Sonntagmittag – Nur weil Unis gerade vorlesungsfrei sind, müssen wir es nicht auch sein. Allein mit sich, mit einem nur auf sich selbst gerichteten Telos, zur Erlangung von Ataraxie und Apathie, galt in der antiken Stoa als Ideal. Notgedrungen könnte die alte Philosophenschule heute eine Renaissance erleben, zumal mithilfe der philosophischen Audiothek der Uni Wien, die schon seit geraumer Zeit Mitschnitte semesterlanger Vorlesungsreihen frei zugänglich macht. Von Aristoteles bis Deleuze, Ästhetik bis Erkenntnislehre – erkenntnisleer dürfte niemand aus diesem Bildungstrip zurückkehren.
Sonntagabend – Zu den Vorteilen der kollektiven Vereinsamung zählt auch, dass Beziehungen zu Mitmenschen plötzlich besonders kostbar werden. Zu den zahlreichen Wegen der Freundschaftspflege, von denen die meisten übers Netz führen, gehört auch das gute alte Briefeschreiben. Die Post wird nach wie vor zugestellt und dem Berühren genau desselben Stückes Papier, das zuvor jemand anderer von Hand gestaltet und in einen Umschlag gefaltet hat, kann in Sachen Sinnlichkeit keine digitale Nachricht das Wasser reichen. Gerade Sonntagabende zählten schon im neunzehnten Jahrhundert zu den besten Rahmenbedingungen einer blühenden Briefkultur – Zeit für ein Reenactment.
Mein Wochenende mit
Hannes Gruber ist Co-Betreiber der Kreuzberger Bar Mysliwska, bildender Künstler und einer, der gerne Dinge anschiebt, wie er sagt. Aktuell einen Stream für prekäre Künstler Berlins.
„Am Samstag habe ich ein Planungstreffen mit Freddi Gralle und Anna Beros. Die beiden veranstalten normalerweise jeden Donnerstag einen Standup-Comedy-Abend im Mysliwska, aber wegen Corona ist die Bar natürlich geschlossen. Mit der Schließung von Bars sind vielen Menschen die Einkünfte weggebrochen. Viele von denen, die in der Stadt das Nachtleben bereichern, sind gar nicht als Künstler registriert und können auch nicht auf staatliche Zuschüsse hoffen, wie sie möglicherweise in der nächsten Zeit kommen werden – man denke nur an Straßenmusiker. Deshalb planen wir, mit Start 28. März, eine Live-Streaming-Serie im Mysliwska zu produzieren, mit der wir verschiedenen Künstlern zum einen eine Sendemöglichkeit bieten, zum anderen einen Zuverdienst. Das können Comedians sein, wie Freddi und Anna, Musikerinnen, Performer – wir sammeln gerade. Einer unserer Mitarbeiter, Tom Neubauer, veranstaltet Dia-Shows, denen jetzt das Publikum fehlt. Immer mittwochnachts will er sich in der nächsten Zeit allein in die Bar setzen und seine 2-stündigen Diashows trotzdem weiterführen, also eine Publikumsveranstaltung in leerem Raum, ohne Publikum. Möglicherweise werden wir auch etwas davon streamen. Näheres dazu werden wir in der nächsten Zeit auf der Website der Bar veröffentlichen. Ansonsten möchte ich dieses Wochenende versuchen, einen Kuchen zu backen – wahrscheinlich eine Linzer Torte. Vielleicht kann ich davon ja irgendwann auch das ein oder andere Stück streamen.“
Leseempfehlungen
Den Zahn der Zeit trifft der Diogenes Verlag so genau, dass es schon langweilig ist, so sicher ist diese Nummer: Noch vor zwei Wochen hätte sich wohl kaum jemand um den Titel „Morgen räum ich auf“ geschert. Angesichts der aktuellen Hochkonjunktur des Eremitentums dürfte die Sammlung literarischer Beiträge von Lucia Berlin, Martin Suter, Wladimir Kaminer, Margareta Magnusson, Karen Kingston und anderen sowie einer „exklusiven Geschichte von Doris Dörrie“ zum Thema Aufräumen weggehen wie Toilettenpapier (240 Seiten zu 10 Euro).
Überhaupt nichts mit der gegenwärtigen Lage und ebenfalls bei Diogenes erschienen ist Thomas Strittmatters Raabe Baikal. Das Buch ist weder neu noch anschlussfähig an das aktuelle Weltgeschehen. Stattdessen ist es eine wunderbar komische und intelligente Erzählung, ein Bildungsroman mit fast beiläufig eingestreuten surrealen Fantasieelementen – ein Schelmenroman, der im Jahr 2000 ausgerechnet an einem ersten April erschien, allein das sollte als Anregung reichen (296 Seiten, 12 Euro).
Wochenrätsel
Wirtschaftlich ist die Corona-Pandemie schon jetzt eine Katastrophe. Was allerdings rasant steigt, ist der Absatz von…
1. ... Raumspray
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Jetzt mitmachenEncore
Der astronomische Frühlingsanfang ist auch das sogenannte Primär-Äquinoktium: Erstmals in diesem Jahr sind Tag und Nacht gleichlang. Das war, wie Stefan Jakobs schon im gestrigen Checkpoint bemerkte, am 20. März der Fall. Erstmals sind also ab heute die Tage länger als die Nächte, und das bis zum Sekundär-Äquinoktium am 22. September. Schönes Wetter haben wir außerdem. Sehen wir's positiv: Über solches Wissen stolpert man auch nur, wenn man zu Hause sitzt und liest. Wäre man draußen, entginge einem das doch glatt und man würde diesen Frühling intellektuell gar nicht in vollen Zügen auskosten können.
Haben Sie ein anregendes Wochenende, am Montag begrüßt Sie hier Stefan Jacobs,