Die Ferien sind zu Ende, die Schule fängt wieder an - und wenn Sie das Gefühl haben, Sie könnten in den vergangenen Wochen was verpasst haben (außer dem vielen Regen): Bernd Matthies wagt, wie in jedem Jahr, einen schnellen Blick zurück auf die 100 Top-Ereignisse des Sommers in Berlin, z.B. Punkt 18: „Es zischt und knallt im Kraftwerk Reuter: Ein Waschbär hat sich in der Tür geirrt und schließt einen Trafo kurz. Er überlebt und haut ab.“ Viel Spaß damit (hier ist das kurzweilige Werk) - Bernd Matthies taucht etwas weiter unten noch mal auf, jetzt aber erst mal weiter…
...die heute (Premiere!) selbstverständlich in Adlershof beginnen, denn hier wurde gestern Abend „Das Duell“ zwischen Angela Merkel und Martin Schulz ausgetragen und zeitgleich in vier Sendern gezeigt (die AfD würde sagen: in vier gleichgeschalteten Sendern). Als Waffen wählten die Kandidaten Wattebäuschchen - Schulz wollte sein Wort vom „Anschlag auf die Demokratie“ in Bezug auf Merkels Wahlkampf nicht wiederholen, überhaupt waren beide recht nett zueinander, unterschieden sich oft nur in Nuancen, und die Kanzlerin bedankte sich am Ende brav beim Publikum. Das wartete vergebens auf viele wichtige Themen (Soziales, Bildung, Digitalisierung), selbst Merkel bedauerte, dass nicht alles zur Sprache gekommen sei, aber ein zweites „Duell“ hatte sie ja abgelehnt. So dominierte am Anfang das Flüchtlingsthema, die Moderatoren waren sehr darum bemüht zu erfahren, wie die Grenzen verrammelt und abgelehnte Asylbewerber abgeschoben werden können, und Schulz wusste beim Schlusswort („Wie viel Zeit habe ich?“ „Eine Minute“) zu sagen, wie viel in 60 Sekunden eine Krankenschwester verdient (weniger als 40 Cent) und wie viel der Manager in einem Großunternehmen (mehr als 30 Euro). Den Umfragen zufolge lag Merkel am Ende vorne, aber Schulz schlug sich deutlich besser als erwartet. Was mehr wert ist im Ringen um die noch vielen Unentschlossenen? Am 24. September, 18 Uhr, werden wir es wissen.
Auf Berliner Ebene geben sich unterdessen die Kandidaten alle Mühe, ihren ortstypischen Beitrag zur Erheiterung des Wahlkampfs zu leisten - beginnen wir mit Frank Steffel, einst von der Agentur Publicis als „Kennedy von der Spree“ vermarktet. Heute würde „Guttenberg von der Panke“ besser passen: Ein Wahlaufruf für den CDU-Abgeordneten im Namen und mit der Unterschrift von Angela Merkel erwies sich als Fälschung (Q: Lars Petersen, „Bild“/„B.Z.“), zusammenkopiert aus Textbausteinen der Bundespartei (Q: „Morgenpost“). Dazu auch der Kommentar von Frank Henkel, CDU-Kandidat in Mitte: „Ich verschicke keine Briefe an Wähler.“ (Q: Interview im Tagesspiegel).
Servicehinweis aus aktuellem Anlass (hier im Bild): Sie bringen immer „Gutenberg" und „Guttenberg“ durcheinander? Ganz einfach: Gutenberg war der Drucker, Guttenberg der Kopierer (Q: „Internet“).
Auch mit einer Wahlpostkarte hat die CDU kein Glück: „Die Aufweichung der Drogenpolitik ist ein gefährlicher Irrweg“, heißt es auf dem Bild, das zeigt, wie vor einer Backsteinwand ein Tütchen mit Grünzeug gegen 120 Euro von Hand zu Hand geht. Aber was ist drin? Nach Cannabis sieht es nicht aus, eher nach getrockneten Bohnen. Oder, wie der Linken-Abgeordnete Niklas Schrader vermutet: Salbei (als Tee genossen gut zur Beruhigung). So oder so, und selbst wenn es Cannabis wäre: 120 Euro sind zu viel. Ergo: Die CDU kann Ihren Werbedealer getrost in der Pfeife rauchen.
Derweil ist bei den Grünen der Häuserkampf ausgebrochen - Anlass ist ein Plakat in SO 36 mit der Aufschrift „Die Häuser denen, die drin wohnen.“ Ein revolutionärer Aufruf zur Enteignung? Die bürgerliche Bundespartei kontert mit einer „Klarstellung: Dies ist ein Plakat der Grünen in Friedrichshain-Kreuzberg. Es ist kein Teil der Bundeskampagne und hängt auch nur lokal. Der Spruch auf dem Plakat ist missverständlich.“ Die Antwort der „lokals": „Nicht missverständlich, nur konsequent.“ Dazu der Kommentar der parteieigenen Immobilienguppies: „BLUBB, Blubb, blub, blu…“.
Übrigens (1): Das Künast-Plakat mit dem Spruch „Wissen, was drin ist“, direkt vor einem Dixie-Klo aufgehängt (Foto hier), ist auch eher ein Griff in selbiges.
Übrigens (2): Ein Plakat der Online-Modemarke „FDP“ mit dem Drei-Tage-Bart-Hemdenmodel Christian L., direkt hinter einer Facebook-Werbung mit dem Spruch „Die ganzen Poser-Fotos gehen mit auf die Nerven“ aufgehängt (Foto hier), ist ein Fashion Fail.
Der Beitrag der Linken zur Wahlkampf-Unterhaltung: Für einen TV-Spot ließen sie ein Hakenkreuz und den Spruch „Ausländer raus!“ an einen Rolladen sprühen (sinniger Weise an der Ecke Adolfstraße/Gerichtsstraße), um beides danach vor laufender Kamera abwischen zu können. Jetzt wird ermittelt wegen des Vorwurfs der Verwendung verfassungsfeindlicher Symbole. Hm, offenbar herrscht ein Mangel an echten Hakenkreuzen in der Stadt, sonst hätte man die ja entfernen können (win-win). Dazu Parteisprecher Hendrik Thalheim: „Das ging nicht wegen des 360-Grad-Blicks.“ Da ist offenbar der Kompass kaputt.
Wegen falscher Stimmenauszählung in NRW zur ihren Lasten feiert die AfD den Einsatz von OSZE-Wahlbeobachtern bei der BTW17 am 24. September - die können dann gleich mal beim Berliner Landesverband vorbeischauen: Die Wahl zum amtierenden Vorstand war gefälscht, das haben inzwischen zwei Parteigerichte festgestellt - aber das wird von den Vorsitzenden Georg Pazderski und Beatrix von Storch seit Monaten ignoriert. Erst jetzt, nach einer Anfrage der „Morgenpost“, sollen die Mitglieder informiert werden - falls da nicht noch jemand beim Schreiben mit der Maus abrutscht.
Doch damit nicht genug: „In Berlin sollen nun auch Verkehrsschilder mit Tieren gendergerecht gestaltet werden!“, echauffiert sich eine AfD-Freundin auf Twitter und verweist auf einen Zeitungsausschnitt - da steht tatsächlich: „So ist geplant, dem springenden Hirsch von Schild 142 (StVO), dem Wildwechsel gewidmet, das Geweih zu kappen. Die Genderbeauftragte der Verkehrsverwaltung wies darauf hin dass „auch Hirschkühe“ Rücksicht verdienten.“ 1. Ergebnis: empörte Reaktion von rechts („Man sollte diese gefährlich kranken Gender-Irren alle aus dem Land jagen!“). 2. Ergebnis: Wir haben einen schönen Anlass, fünf Monate nach der Erstveröffentlichung noch mal auf den herrlichen Aprilscherz von Bernd Matthies im Tagesspiegel hinzuweisen - hier ist er. PS: Die Enthüllung der Hirschkuh-Initiative ist noch das Harmloseste.
„Huch, was ist das denn? Kommt Ihnen das nicht auch irgendwie bekannt vor? Aber - irgendwie anders? Richtig: Das ist die Adaption eines Kunstwerks aus der 3. Ausgabe unseres Magazins „Der Berliner“, das am Sonnabend dem Tagesspiegel beiliegt (64 Seiten). Und da in der kommenden Woche auch die "Art Week“ beginnt (13. bis 17.9), geht es im „Berliner“ diesmal u.a. ziemlich kunstvoll zu. Also: Kennen Sie das Original? Wir verlosen unter allen richtigen Einsendungen eine Ausgabe unseres aktuellen Magazins „Kunst Berlin“ (für 12,80 am Kiosk oder im Tagespiegel-Onlineshop). Und morgen gibt’s hier ein neues Rätsel aus dem „Berliner“. (Foto: se7entyn9ne)
Telegramm
Schüsse vor einem Flüchtlingsheim in Dahlem (Thielallee): Aus einem mit vier Personen besetzen Auto heraus wurde mit zwei Waffen gefeuert - auf der Straße lagen danach Hülsen von Schreckschussmunition.
„Berliner SPD sinkt unter 20 Prozent“, meldet die „Berliner Zeitung (Umfrage: Forsa) - dazu der Kommentar von Michael Müller: „Wir haben die Berliner überfordert“ (Q: „taz“, 2015).
Die aktuelle Meldung „Post prüft eine reduzierte Zustellung“ wirkt irgendwie auch ein paar Jahre verspätet.
51 Tage fehlten durchschnittlich die 1141 Bediensteten der Ordnungsämter wegen attestierter Krankheit - und zwar nicht zusammen, sondern jede/r (im Durchschnitt). (Q: „B.Z.“)
Unser Kollege Marcus Werner wohnt seit Jahren am Oranienplatz, mit Blick auf das lange leerstehende Eckhaus - jetzt hat er eine Nacht im dort gerade eröffneten, umstrittenen, vermeintlichen Luxushotel „Orania“ verbracht. Fazit: Es war kurios - seine Geschichte „Anarchie für Besserverdienende“ finden Sie hier.
Werbemails von Air Berlin, die unfreiwillig selbstironisch mit „Last-Minute“ und „Sale“ locken, landen nicht aus eigentlich angebrachter Pietät im Spam-Ordner, und das „Hotline“-Versprechen „Alle Flüge finden wie gebucht statt“ löscht sich nicht schamvoll im Kerosin der Konkurrenz auf. Aber Vertrauen ist keine Einflugschneise: Eine insolvente Airline, die trotz 150-Mio-Staatsbürgschaft fröhlich weiter Tickets für Flüge verkauft, die sie nur Stunden später routiniert annulliert, macht aus hoffnungsfrohen Passagieren hoffnungslose Gläubiger.
Pünktlich zum Schulanfang heute wird eine neue Idee ventiliert: Achtklässler sollen künftig bei einem „Talente-Check“ einen „Parcours“ durchlaufen und anschließend eine „Potenzialanalyse“ erhalten - das Prädikat „Berlin Schoolreform Surviver“ dürften alle schon mal sicher haben.
Frage von Bernd Schlömer (FDP): „Wie bewertet der Senat die Kritik von anderen Bundesbehörden oder Landesbehörden, die die schleppende Digitalisierung in der Berliner Verwaltung bemängeln?“ Antwort von Staatssekretär Christian Gaebler: „Eine entsprechende Kritik von Bundes- und/oder Landesbehörden ist dem Senat nicht bekannt.“ Checkpoint-Diagnose: Da ist wohl die Rohrpost nicht ganz dicht.
So, schnell noch ein Blick auf die „Hauptstadt Hamburg“, unser leuchtendes Vorbild - was haben wir denn da… hier: Kaum eröffnet, ist die Elbphilharmonie auch schon wieder verschimmelt (jedenfalls der Kleine Saal). Checkpoint-Diagnose hier: Zu nah am Wasser gebaut.
Und auch wir haben eine neue Operette am Start - allerdings wird auch dort das alte Lied gespielt („Immer feste druff“, Walter Kollo): Die Sanierung des Maifelds mit Sportmuseum und Olympiabad wird erheblich teurer und später fertig als geplant (Q: „Morgenpost“). Und warum? Es sickert Wasser ein, von oben und von unten. „Beobachter wundern sich, dass diese Probleme nicht schon bei früheren Planungsphasen aufgefallen waren“, schreibt Joachim Fahrun. Wir geben zu Protokoll: Der Checkpoint wundert sich nicht.
Nachtrag (1) zum CP vom 30.8. („Echte Polizisten als mobile Poller an der Potsdamer Brücke“) - Sport-Staatssekretär Christian Gaebler schreibt: Anders als von einem eingesetzten Beamten behauptet, wurden bereits dutzende ignorante Autofahrer angezeigt - die Darstellung des zitierten Polizisten „ist nicht nachvollziehbar“.
Nachtrag (2) zum CP vom 1.9. („Weihnachtsgebäck im Hochsommer“): Die ersten Lebkuchen kommen nicht erst heute in die Läden - sie sind schon ein paar Tage da (Beweisfotos schickten u.a. Katharina Vetter und Susanne Barnebeck).
Der Monatsspruch, zitiert von Flughafenseelsorger Justus Münster in der neuen Ausgabe von „BER Aktuell“: „Und siehe, es sind Letzte, die werden die Ersten sein, und sind Erste, die werden die Letzten sein.“ Ironie können Sie, da draußen in Schönefeld.
BER Count Up – Tage seit Nichteröffnung:
Flughafenchef Engelbert Lütke Daldrup hat das Wunder vollbracht: Am 31. Oktober 2020 ist der Flughafen BER offiziell eröffnet worden. 3.073 Tage nach der ersten Nicht-Eröffnung stellen wir damit unseren Count Up ein. Wer nochmal zurück blicken will: Im Tagesspiegel Checkpoint Podcast "Eine Runde Berlin" spricht Lütke Daldrup mit Tagesspiegel Chefredakteur Lorenz Maroldt und Checkpoint Redakteurin Ann-Kathrin Hipp über detailverliebte Kontrollen, politische Befindlichkeiten und aufgestaute Urlaubstage.
Zitat
„Was bedeutet in einer Stadt wie Berlin schon ‚zugezogen‘? Praktisch jeder ist hier ‚zugezogen‘. Beim Berlinern kann deswegen jeder mitmachen.“
Sven Regner über eine großartige Szene in seinem neuen Buch „Wiener Straße“, in der ein Kölner Künstler mit dem Namen H. R. Ledigt eine Berliner Kassiererin im Baumarkt besserwisserisch über die korrekte Anwendung des hiesigen Dialekts belehrt. (Q: Interview in der „FAS“)
Zitat
„In der Privatwirtschaft wäre der BER längst fertig.“
Marcus Becker, Präsident der Berlin-Brandenburgischen Bauindustrie. (Q: Interview heute im Tagesspiegel)
Tweet des Tages
„Das Kind steht ‚Super! Bravo!‘ rufend an der Baustelle. Die Bauarbeiter sind hoch motiviert. Als Nächstes fahre ich mit ihm nach Berlin.“
Stadtleben
Frida Café in Kreuzberg Unter den Augen der Namensgeberin, der mexikanischen Malerin Frida Kahlo, serviert Jacqueline Freundorfer in der Graefestraße 75 Kaffee (von Five Elephant) und selbstgemachten Kuchen in sehr gemütlichem Ambiente - kräftige Farben, viele Pflanzen und reichlich Sitzkissen laden zum Verweilen ein. Wenn es kälter wird, wärmt ein "Vitaminbomben-Tee" aus Orange, Ingwer, Apfel, Karotte und Roter Bete, wer es noch ausgefallener mag, bestellt ayurvedisches Chai-Porridge, oder die Goji-Cashew-Granola-Bowl - serviert in einer Cantaloupe-Melone. Am Wochenende gibt's Brunch (4,20-6,50 Euro), u.a. mit frischen Waffeln, Beeren und Ahornsirup. U-Bhf Schönleinstraße, Mo-Fr 9-19 Uhr, Sa-So 10-19 Uhr
Geschenk Es muss individuell sein und sollte bestenfalls sein Dasein nicht als Staubfänger fristen. Kein Ding! Oder eben doch ein Ding: Das Museum der Dinge in Kreuzberg bietet „Dingpflegschaften“ an für 200 Alltagsgegenstände aus der Produkt- und Warenkultur des 20. und 21. Jahrhunderts, die in der Oranienstraße 25 ausgestellt sind (Do-Mo 12-19 Uhr). Eine Patenschaft kostet zwischen 40 und 500 Euro im Jahr, das Museum finanziert so die Reinigung und Instandhaltung des Dings – Staubwischen muss der Beschenkte also definitiv nicht. Bei Interesse schreiben Sie bitte an barth@museumderdinge.de.