heute beginnen wir mal mit einer guten Nachricht: „Söder hatte nichts mit Seehofers Baby zu tun“, meldet die „Bild“, und um die ganze Tragweite dieser Nachricht zu erfassen, müssen wir nur mal kurz einen Moment… nein, vielleicht lieber doch nicht.
Gute Nachrichten gibt es auch für alle, die an die Macht von Zahlen glauben (und sie für stärker halten als Viren): Die 7-Tage-Inzidenz in Berlin sinkt, 10 Bezirke melden unter 100 Neuinfektionen pro 100.000 EW (Friedrichshain-Kreuzberg liegt mit 68 auf dem letzten, also besten Platz).
Schlechte Nachrichten sind das allerdings für diejenigen, die Erleichterung, Öffnungseuphorie und Corona-Mutationen addieren können (also z.B. alle AbonnentInnen des Kurses „Mathe mit dem Checkpoint“), denn: Die größte Gefahr geht nicht vom Virus selbst aus, sondern von der vorschnellen Einbildung, es besiegt zu haben (in Portugal z.B. ist die Lage dramatisch).
Doch die Schleusen sind kaum dicht zu halten – die Frage ist nur: Welcher Damm bricht zuerst? Hier einige Schwachstellen, bei der Lektüre der Wochenend-Interviews entdeckt:
+ Sachsen-Anhalt-MP Reiner Haseloff sagt: Friseure first („Ich habe erst heute wieder die Schere selbst angelegt“, Q: Tagesspiegel).
+ Kulturstaatsministerin Monika Grütters sagt: Museen first („Bilder können viele verstörte Menschen ins Leben zurückholen“, Q: Funke).
+ Bundesfamilienministerin Franziska Giffey sagt: Kitas first („Wir arbeiten bereits an Strategien für ein mögliches Szenario“, Q: B.Z).
Die von Giffey vorgeschlagene Kita-Ampel will sich Bildungssenatorin Sandra Scheeres mal „näher anschauen“ – die Idee dahinter: Jede Einrichtung soll abhängig vom konkreten Infektionsgeschehen im jeweiligen Haus ganz öffnen, teilweise öffnen oder bis auf eine „Notbetreuung“ gar nicht öffnen (wobei in manchen Kitas die Notbetreuung bereitsvon mehr als der Hälfte der Eltern in Anspruch genommen wird). Unklar ist, wer die Kriterien (stufenweise Quarantänen und Infektionen) feststellt und die Ampeln umschaltet. Klar ist, dass ein unkalkulierbarer Tag-zu-Tag-Kitaplan alle unmittelbar Beteiligten (Leitung, ErzieherInnen, Eltern, ErsatzbetreuerInnen, Kinder) in den Wahnsinn treiben wird (und das jeden Morgen neu).
„Noch sind wir nicht so weit, Kitas und Schulen wieder öffnen zu können“, sagte Angela Merkel am Sonnabend in ihrem Video-Podcast. In Potsdam sehen sie das anders – da gehen die Kitas heute wieder in den „eingeschränkten Regelbetrieb“. Warum Oberbürgermeister Mike Schubert sein Konzept für bundesweit vorbildlich hält, beschreiben unsere PNN-Kollegen Henri Kramer und Christoph Kluge sowie Chefredakteurin Sabine Schicketanz in ihrem Newsletter „Potsdam heute“ (kostenlose Anmeldung hier).
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"Das System hat sich in der Pandemie bewährt – doch wir brauchen Reformen"
Ausgesetzte Krebsbehandlungen, verschobene Operationen. Unter der Pandemie leiden auch viele Patienten, die gar nicht an Corona erkrankt sind. Mit dem Ende des Schreckens rückt auch ein Wiederaufleben der Debatte um Reformen im Gesundheitswesen näher. Mehr…
Gesundheitssenatorin Kalayci hat nach dem Regierenden Bürgermeister jetzt auch ihre eigene Pressestelle verwirrt – oder ist es genau anders herum? Jedenfalls verbreitete der Twitteraccount der Verwaltung (mehr als 10.000 Follower) am Samstagabend die Stimme eines Kalayci-Kritikers, der auf die peinliche Impfproduktions-Panne (CP v. 29. u. 30.1.) anspielend eine „B.Z.“-Meldung („Kalayci: Berlin bekommt neuen Impfstoff“) so kommentierte: „Ist sie sich da sicher? Ich meine bei Impfstoff aus Berlin lag sie ja auch daneben…“. Hm, was ist da los? Subversion? Rebellion? Oder einfach nur mausgerutscht? Am Sonntag war der Retweet jedenfalls kommentarlos verschwunden, stattdessen wurde nun die Meldung der „B.Z.“ verbreitet.
Zum heutigen „Impfgipfel“ drei Meldungen (und eine Frage):
+ Michael Müller fordert als MPK-Vorsitzender von der Bundeskanzlerin einen „nationalen Impfplan“, um keine weitere Zeit zu verlieren: „Es ist in der aktuellen Situation von entscheidender Bedeutung, dass wir alle verfügbaren Kapazitäten am Hochtechnologiestandort Deutschland und in der Europäischen Union mobilisieren, um die Impfstoffproduktion zu unterstützen.“
+ Raul Krauthausen von den „Sozialhelden“ fordert gemeinsam mit dutzenden Unterzeichnern eine andere Impf-Priorisierung von Menschen mit Behinderungen in Berlin – „insbesondere derer, die mit persönlicher Assistenz bzw. ambulanter Pflege in der eigenen Häuslichkeit leben oder deren Pflege durch Angehörige übernommen wird.“
+ Dilek Kalayci erregte nach den Vorkommnissen vom Donnerstag in der Berliner Politik (Koalitionskreise und eigene Partei inklusive) leicht bittere Heiterkeit: Die Meldung „Berliner Gesundheitssenatorin mahnt verlässliche Impfstoff-Lieferungen an“ (Q: RBB) wirkt mit Betonung auf „verlässlich“ tatsächlich etwas komisch.
Und damit zur Frage: Ist es wirklich wahr, dass am Tag vor dem Impfgipfel nicht klar ist, welche Unternehmen einen bereits entwickelten Impfstoff produzieren könnten, wie Wirtschaftsminister Peter Altmaier gestern bei „Anne Will“ sagte? Und kann es dann vielleicht sein, dass Dilek Kalayci mit ihrer ungesicherten Produktionsmeldung vorgeprescht ist in der (falschen) Hoffnung, dass „Berlin Chemie“ dann nicht mehr Nein sagen kann und auch andere Unternehmen nachziehen? Der Markt regelt es jedenfalls offenbar allein nicht ganz zufriedenstellend.
Die Reinickendorfer CDU ist in Berlin die Idealbesetzung für eine politfolkloristische Intrigantenstadl-Serie mit dem Titel „Reihenhouse of Cards“ (Checkpoint von 2014 bis 2021) – hier die neueste Folge…
Richard Gamp ist zwar gerade erst dieser Tage 18 Jahre alt geworden, aber der Reinickendorfer Jungpolitiker genießt schon länger die volle Unterstützung der Berliner Parteispitze: Im November posierte Kulturstaatsministerin Monika Grütters als Bundestagskandidatin strahlend neben Gamp auf der Bühne, im Dezember dankte CDU-Landesvorsitzender und Spitzenkandidat Kai Wegner dem Nachwuchspolitiker öffentlichkeitswirksam per Twitter für seine Arbeit, und im Januar präsentierte Generalsekretär Stefan Evers den Kurzzeit-Landesschülersprecher in seinem Clubhouse-Talk als Bildungsexperten.
Die Begeisterung für Gamp wird allerdings nicht von allen in der CDU geteilt – es kursieren allerlei Vorwürfe. So forderte die „Schüler Union“ von der CDU-Organisation „Junge Union“, Ordnungsmaßnahmen und ein Amtsenthebungsverfahren gegen den Reinickendorfer SU-Vorsitzenden einzuleiten – der Vorwurf: regelmäßige und teils schwerwiegende Satzungs- und Rechtsverstöße. Der interne Untersuchungsbericht der JU (insg. 13 Seiten, liegt dem CP vor) bestätigt die Vorwürfe im Wesentlichen. U.a. wurden bei der Mitgliederwerbung in etlichen Fällen nachträglich die Geburtsdaten gefälscht, um bereits 11-Jährige aufnehmen zu können (Mindestalter ist 12) – nach CP-Informationen reichte Gamp auch den Antrag seiner damals 11-jährigen Schwester ein.
Die Junge Union spricht in ihrem Bericht von vorsätzlichem Handeln und einer verbandsschädigenden Einstellung: „Dies erweckt einen zutiefst unseriösen Eindruck.“
Gamp, der auf Platz 24 der CDU-Bezirksliste im Herbst für einen BVV-Sitz kandidiert, sagte dem Checkpoint: „Ich habe persönlich nie einen gefälschten Antrag gesehen.“ Als damaliger Vorsitzender trage er aber für die Vorgänge politisch die Verantwortung, einiges sei heute klarer geregelt. Seinen Gegnern wirft er „Rufmord“ vor, er hat einen Rechtsanwalt beauftragt: „Leute in Parteien haben immer Angst um ihre Posten, wenn andere schnell steigen.“ Der Fall selbst sei längst erledigt.
Kai Wegner ließ dem Checkpoint über seinen Landesgeschäftsführer Dirk Reitze ausrichten: „Ich darf Ihnen mitteilen, dass uns diese Debatte bekannt ist. Wir schätzen die Eigenständigkeit der Jungen Union, zu der auch die Schüler Union gehört. Deshalb bitten wir Sie um Verständnis, dass wir der dortigen Sach- und Rechtsaufklärung nicht vorweggreifen können und wollen.“
Der JU-Landesvorsitzende Christopher Lawniczak (der im Profil als seine größte Schwäche „kurz und knapp antworten“ angibt), antwortete kurz und knapp: „Richard Gamp ist im Sommer 2019 von seinen Ämtern in der Schüler Union und in der Jungen Union zurückgetreten.“
Checkpoint-Tipp: Merken Sie sich den Namen Richard Gamp. Nach aller Parteilogik werden wir noch viel von ihm hören (auch außerhalb von Reinickendorf).
Berliner Schnuppen
Telegramm
Igor Levit, Micky Beisenherz und viele andere hatten einer Schule am Gesundbrunnen ihre Spendenhilfe angeboten, um die 242 geklauten Ipads (CP v. 30.1.) zu ersetzten – jetzt kündigte auch Bildungssenatorin Sandra Scheeres an: „Wir werden uns zügig um die Beschaffung neuer Geräte kümmern.“
Seit Oktober müssen die Berliner Abgeordneten ihre Nebengehälter offenlegen – Julius Betschka legt hier (T+) die erste Auswertung vor. Spoiler: Die kleinste Fraktion hat prozentual den größten Anteil, absolut liegen CDU und SPD gleichauf.
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Bis zu 20 Euro pro Maske haben die Berliner Behörden ausgegeben – zwanzigmal mehr, als meine gerade gekostet haben. Was da passiert ist, hat hier Annika Leister für T-Online aufgeschrieben.
Die Lizenz zum Gelddrucken (vulgo: Notarzulassung) ist in Berlin nicht mehr ganz so beliebt: Auf die zuletzt ausgeschriebenen 157 Stellen sind nur 41 Bewerbungen eingegangen. Hm, liegt‘s etwa daran, dass Vaterschaftsanerkennungen kostenlos gemacht werden müssen? Aufklärung gibt’s hier.
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Klaus Hübner hatte Anfang der Achtziger Jahre als Polizeipräsident im Häuserkampf einen schweren Stand: Auf der anderen Seite der Barrikaden kämpfte sein eigener Sohn mit. 1987 trat der Sozialdemokrat ab, mit dem CDU-Hardliner Wilhelm Kewenig kam er nicht klar. Jetzt ist Hübner im Alter von 96 Jahren gestorben.
Kaschierter Klimawandel: Das „langjährige Mittel“ der Temperaturen bezieht sich ab sofort nicht mehr auf die Jahre 1961 bis 1990, sondern auf den Zeitraum von 1991 bis 2020. „Zu heiß“ ist also jetzt „normal“ – und das ist eigentlich ganz schön verrückt.
Deutsche Geschichte per Kleinanzeige in der „Berliner Zeitung“: Der schwedische Galerist Mikael Amnell bietet aus einer Privatsammlung ein Gemälde von Lotte Laserstein aus dem Jahr 1936 an. Die Künstlerin wurde 1937 aus Deutschland vertrieben, ihre Mutter blieb zurück – und wurde am 16.1.1943 in Ravensbrück ermordet. Der Stolperstein zum Gedenken an Meta Laserstein liegt vor dem Haus Immenweg 7 in Steglitz, von wo aus sie die Nazis am 29.7.1942 verschleppten.
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Tagesspiegel-Podcast „Gyncast“, Folge 20: Myome – warum habe ich so starke Blutungen?
Jede dritte Mitteleuropäer*in hat sie, mehr als die Hälfte der Betroffenen lebt beschwerdefrei: In der neuen Folge geht es um die gutartigen Muskelknoten an der Gebärmutter. Wann müssen sie doch raus? Operieren, Medikamentieren oder Erhitzen? Und verhindern sie eine Schwangerschaft? Jetzt hören auf Spotify, Apple Podcasts und Tagesspiegel.de
Heute erscheint „Wut“, der neue Roman von Harald Martenstein (der ihn ab 18:27 Uhr auch im RBB-TV-Magazin „zibb“ vorstellt). Der Checkpoint verlost drei persönlich signierte Exemplare – Teilnahme bitte per Mail an checkpoint@tagesspiegel.de mit Ihren Wunschangaben („Betreff: Wut“).
Neu in Berlin: Jede Menge Schneemänner. Könnte sein, dass der beste am Viktoria-Luise-Platz auf einer Bank sitzt (hier zu sehen) – oder was meinen Sie?
Mit dem Checkpoint-Abo können Sie heute bei „Tagesspiegel plus“ u.a. folgende Artikel lesen:
+ Heulkrampf, Neustart, Dankbarkeit: Wie Berlinerinnen und Berliner lernten mit der Pandemie zu leben. Vom Erzieher über die Ärztin bis zum Quarantäne-Profi - wir haben 15 BerlinerInnen durch die Krise begleitet. Was haben sie gelernt? Eine Langzeitbeobachtung.
+ Die Wahrheit hinter der Prüfnummer CE 2163: In der EU müssen FFP2-Masken zertifiziert sein. Doch ein türkischer Zertifizierer delegiert Herstellerprüfungen an Subunternehmen. Kritiker fürchten: Das geht zu Lasten der Sicherheit. Eine Recherche von Ingo Bach.
+ „Wir werden ignoriert und vergessen“: Christine Weiler-Kokott wird an ALS sterben, ein Corona-Infekt wäre sofort tödlich. Ihre Familie fragt: Wer entscheidet denn jetzt über eine Impfausnahme? Armin Lehmann hat die Familie begleitet.
Zitat
„Ich stecke den Kopf nicht in den Sand.“
Florian Schmidt, Baustadtrat in Friedrichhain-Kreuzberg, erklärt Alexander Fröhlich im Tagesspiegel-Interview seine Taktik in Sachen Rigaer Straße.
Tweet des Tages
Balkonschnee – Badewanne – Balkonschnee. Das Wellnesshotel des kleinen Mannes.
Stadtleben
Menü sichern – Fein dinieren gegen Lagertrübsinn: Nach geschwinder Winterruhe schließt das Nobelhart & Schmutzig ab morgen seine Küche wieder auf – und schickt Pakete voller Haute Cuisine auf die Lockdown-Tafeln der Republik. Neben frisch gepresstem Öl und vier abenteuerlichen Gemüseplatten (Petersilien-Grünkohl, anyone?) blitzen Hungrigen Obstdesserts entgegen, optional gibt’s auch einen Fleischgang dazu. Nur der Herd muss noch selbstständig angeworfen werden, um Gang für Gang zum Brodeln zu bringen – für die stilechte Restaurant-Ambiance legt das Lokal einen Zoom-Link bei, über den mit anderen Gästen gespeist werden darf. Auch Playlist, Blumenstrauß und Markenkondome (!) purzeln aus den Diner-Paketen, die ab satten 75 Euro vorbestellt werden wollen: auf einen heiteren Abend.
Apropos Spitzencuisine: Ein Rezept für edle Miesmuscheln à la Nadine Redzepi finden Sie in unserer Genussredaktion – samt Chorizo, Wermut und ordentlich Knoblauch.
Geschenk – Wer trotz eisiger Kälte noch nicht genug bibbert, freut sich über ein Gefrierfach-Präsent: Seit wenigen Wochen klicken sich Eisfanatiker in den frisch eröffneten Onlineshop der Szenediele Hokey Pokey – ganz ohne blocklange Warteschlange. Um die 140 Tage bis zum Sommeranfang wenigstens gefühlt verkürzen, locken altbekannte und stilgemäß hipsterig-krude Sorten in der stattlichen Halbliterpackung (ca. acht Euro). Viel zu frostig? Weitergeklickt! Liebhaber der Raumtemperatur schnabulieren derweil klebrige Karamellpralinen – oder knuspern Bananenschokolade (je ca. sechs Euro). Versandt wird zweimal in der Woche, zur Bestellung bitte hier entlang.
Einschalten – Eine Woche voller Monologe: Weil der Lockdown dem Theater die Planbarkeit raubt, denkt das Jugendensemble des Deutschen Theaters nur noch stundenweise nach vorn – wortwörtlich. Heute Abend feiert das Projekt „VIPs am Abgrund“ seine Instagram-Premiere, dessen Inhalt erst am selben Tag entsteht: Morgens um zehn beginnt die Schreibwerkstatt eines Monologs, ab zwölf die Arbeit der Dramaturgie und ab 14 Uhr die erste Probe. Nachts um 22 Uhr tritt ein Spieler vor die Live-Kamera und streamt die fertige Szene hinaus ins Netz, am nächsten Tag beginnt der Zyklus erneut. Insgesamt sollen so sieben Schnipsel entstehen, die die seelischen Abgründe von Promis behandeln – wer vorbeischauen mag: hier geklickt.
Lauschen – Wenn es draußen friert, flanieren Stadtschwärmer virtuell – quer über die Karl-Marx-Allee. Entlang kolossaler Blöcke und Türme, die aus der Zeit zu fallen scheinen, spaziert das Team der „Passante Écoutante“: Per Stadtrundgangs-Podcast führen Architekt Georg Wasmuth und Kulturwissenschaftler Thomas Flierl vorbei am Kino International, dem Standort des einst berüchtigten Hotels Berolina und der ehemaligen Mokka-Milch-Eisbar. Sie verraten, wo früher Tribünen die Straße säumten, DDR-Paraden entlangmarschierten und Stadtplaner um Häuser stritten – neben diesem ersten Spaziergang sind zwei weitere Teile geplant, die ab Mitte Februar gehört werden dürfen. Kopfhörer auf: zur Geschichtsstunde vor der eigenen Haustür hier entlang.
Grübelstoff – Mit wild-wirrem Jazz trotzt der Charlottenburger Quasimodo-Club der Krise – selbst, wenn den Jam-Sessions ihr Publikum fehlt. Grund, Blockflöte und Xylophon aus dem Kellerregal zu graben: Wie würde es klingen, wenn Sie Ihre Lockdown-Zeit vertonten?
Das Pandemie-Ding
Zeiten ändern sich und Corona ändert die Zeiten. In den kommenden Wochen wollen wir an dieser Stelle Dinge zeigen, die während der Pandemie an Bedeutung gewonnen haben. Heute: Elke Rosztok und Lockdown-Look.
„Diesen Cartoon hat mein Mann für unseren Kalender gezeichnet. Ich hatte angemahnt, dass wir uns nicht so gehen lassen und uns auch für Zuhause ab und an ‚schick‘ machen“
Was ist Ihr Pandemie-Ding? Wir freuen uns über Fotos (möglichst im Querformat) inklusive einer kurzen Begründung an checkpoint@tagesspiegel.de.
Berlin heute
Verkehr – Gneisenaustraße (Kreuzberg): Auf Höhe Mittenwalder Straße ist in Richtung Südstern nur eine Spur verfügbar (9-14 Uhr).
Königin-Elisabeth-Straße (Westend): Zwischen Kaiserdamm und Fredericiastraße ist in Richtung Spandauer Damm nur eine Fahrbahn frei (bis Mitte Februar).
Westend: Aufgrund eines Autokorsos kann es rund um die Masurenallee zu Verkehrsbeeinträchtigungen kommen (19-19.30 Uhr).
S-Bahn: Bis Freitagabend sind die Linien S8 und S46 zwischen Königs Wusterhausen und Grünau bzw. Zeuthen und Grünau unterbrochen, es fährt ein Ersatzverkehr.
Regionalverkehr: Bis zum 13. Februar entfallen die Züge des FEX (Flughafen-Express BER) zwischen Berlin-Hauptbahnhof und Berlin-Ostkreuz, der RE6 verkehrt nicht zwischen Hennigsdorf (b Berlin) und Berlin-Gesundbrunnen. Bitte steigen Sie auf die S-Bahn oder den Ersatzverkehr mit Bussen um.
Demonstration – Unter dem Motto „2021. Aufhebung der epidemischen Lage von nationaler Tragweite“ rollt ein Autokorso durch die City-West, angemeldet sind 140 Teilnehmende (19-19.30 Uhr). Auf dem Alexanderplatz kommen zehn Demonstrierende der „Parents for Future“ zu einer „Mahnwache zum Thema Verkehrswende und Dannenröder Forst“ zusammen (14-17 Uhr).
Gericht – Wegen eines Raubüberfalls wird einem 35-Jährigen der Prozess gemacht. Er soll mit einem Komplizen einen Mann in einem Toilettenraum eines Lokals geschlagen, mit einem Messer bedroht und Geld gefordert haben (9.30 Uhr, Kriminalgericht Moabit, Saal 618).
Universität – Noch fix geklickt, wer forschen mag: Am 11. Februar startet der nächste Durchgang des FU-Seminars „NATürlich“, das Frauen in die Naturwissenschaft zu holen sucht. Im virtuellen Bio-Kurs treffen Schülerinnen auf Forscherinnen, lauschen Referaten und räumen Vorurteile aus dem Weg – Kits zum Selbst-Experimentieren flattern den Teilnehmerinnen per Post ins heimische Labor. Die Anmeldung zum Seminar ist ab der zehnten Klasse möglich, zum Kursprogramm gelangen Sie hier.
Berliner Gesellschaft
Geburtstag – „Lieber Bamm, alles Gute zum Geburtstag von Deinen Elos“ / Paula Beer (26), Schauspielerin / Jakob Mattner (75), Maler und Bildhauer / Hans Werner Olm (66), Kabarettist, Schauspieler, Sänger und Synchronsprecher / Christine Schorn (77), Schauspielerin / Birger Sellin (48), Schriftsteller / Detlef Wendt (75), „Alles Liebe, Deine Daggi“
Sie möchten jemandem zum Geburtstag gratulieren? Schicken Sie einfach eine Mail an checkpoint@tagesspiegel.de.
Gestorben – Günther Appel, * 15. Januar 1936 / Fritz Conrad, verstorben 2021 / Manfred Gorski, * 6. November 1932 / Mechthild Irmscher, * 10. Februar 1959 / Ruth Recknagel, * 26. April 1930, ehem. Richterin am Kammergericht, Direktorin der Wiedergutmachungsämter von Berlin und Gründungsstudentin der Freien Universität
Stolperstein – Bertha Walk wurde am 15. Mai 1876 in Wilna / Vilnius geboren – später wohnte sie in der in der Jagowstraße 8 in Moabit. Anfang Oktober 1942 wurde sie nach Theresienstadt deportiert, wo sie heute vor 76 Jahren ermordet wurde.
Encore
Was zum Teufel ist ein Kryooptischer Doppelmesstisch mit zwei integrierten Closed-Cycle Kryostaten, geeignet für die konfokale Mikroskopie und Spektroskopie von Quantenemittern (Quantenpunkten, NV-Zentren in Diamant, o.ä.) bei kryogegen Temperaturen? Das hatten wir hier am Sonnabend gefragt (und für eine verständliche Dekryption einen Checkpott ausgelobt) – die TU sucht per Ausschreibung so ein Ding. Hier ein Erklärungsversuch, der uns sehr plausibel erscheint:
„Liebe Checkpoint-Redaktion, an dieser Stelle bin ich gern behilflich... Die Angelegenheit ist ein kleinwenig peinlich: hier handelt es sich um einen Tippfehler der TU Berlin!
Ausgeschrieben ist tatsächlich ein ‚kryooptischer Doppel-Esstisch‘. Wer sich noch an die Zeiten erinnert, in denen mit wildfremden und ungetesteten Menschen maskenlos in geschlossenen Räumen über mehrere Stunden hinweg gemeinsam gegessen wurde, weiß natürlich um die Notwendigkeit des kryooptischen Esstisches: Seit avancierte Küchenbrigaden der Molekularküche Seeteufel in Möhrenform und -konsistenz zaubern und mittels Punktbrenner und Pacojet verschiedene Temperaturzonen innerhalb eines einzigen Rehfiletwürfels realisieren konnten, ist die Spektroskopie vom Fine-dining-Esstisch nicht mehr wegdenkbar und wird Kryostase schlichtweg benötigt, um dem Teller die Form und Frische zu bewahren, während die Weinbegleitung erläutert wird.
Ferran Adriàs Ausruf ‚Was für ein Quantenemitter!‘ bei der Verkostung eines heißgefrorenen viereckigen Eies ist legendär. Und schließlich empfahl sich erfahrenen Gourmets schon immer die Zuhilfenahme eines Taschenmikroskops, da die wachsende Anzahl von Menüschritten Auswirkungen auf den Umfang der einzelnen Gänge hatte. Tatsächlich neu in der Konzeption der TU Berlin ist jedoch die Pandemie-gerechte Realisierung eines Doppel-Esstisches mit zwei getrennten Kryostat-Kreisläufen. Dies ist aus epidemiologischer Sicht sehr zu begrüßen, wenngleich es auch mit einem erhöhten Energieverbrauch einher gehen wird.
Glauben Sie keinen Einsendungen, die anderes behaupten, dies sind dann bestimmt alternative Fakten. Mit lächelnden Grüßen und anhaltendem Dank an alle Beteiligten für den durchhaltenden Checkpoint, Jan-Gunnar Franke.“
Wäre das also auch geklärt. Ganz cool servierte Ihnen heute mal wieder Lotte Buschenhagen das Stadtleben, und Florian Schwabe sorgte für die reibungslose Produktion. Wir sehen uns hier gleich morgen früh wieder. Bis dahin,