Wenn wir heute früh aus dem Fenster schauen, sollten wir uns nicht täuschen: Wir meinen die Sonne zu sehen, doch wir blicken in einen Abgrund. Was wie ein sanfter Wind in den Bäumen klingt, ist in Wahrheit ein näherkommendes Toben. Wir spüren nicht die Wärme des Frühlings, sondern das steigende Fieber der Kranken. Es ist wie vor einem Tsunami: Das Wasser zieht sich zurück, die Menschen kommen und staunen. Sie glauben, nur Beobachter eines seltenen Spektakels zu sein. Zu spät merken sie, dass sie selbst ein Teil davon sind – und das Spektakel plötzlich zur Katastrophe mutiert.
„Wie groß ist Ihre Sorge, sich mit dem Coronavirus zu infizieren?“, wollten wir wissen. Fast eine halbe Million Leserinnen und Leser haben sich bis heute früh an unserer Opinary-Umfrage beteiligt, 34 Prozent sagten: „Niedrig, ich fühle mich davon nicht bedroht“ - nur 48 Prozent sind in ernster Sorge. Auch wenn manche ihre Haltung jetzt ändern: Zu viele haben die Gefahr viel zu spät erkannt– und sind so selbst zur Gefahr geworden.
Die Dimension ist gewaltig: Das Wasser kommt rasend schnell und verheerend zurück - überall und ganz nah. Freunde rufen an, sie teilen mit: getestet,positiv. Ein Kollege von uns liegt auf der Intensivstation. Politiker und Prominente erkranken. Italien meldet 1000 Tote an nur einem Tag, die USA melden 100.000 Infizierte. New York baut provisorische Leichenhallen auf, Bürgermeister de Blasio erklärt: „Die Welt, wie wir sie kennen, ist verloren.“
Corona ist eine Prüfung, ein Überfall auf die Welt. Aber anders als andere Generationen zuvor müssten die Menschen heute nicht einmal kämpfen, um den Angreifer abzuwehren. Sie müssten ihm nur aus dem Weg gehen, ihm ausweichen, anstrengungslos. Der beste Platz dafür ist das Sofa. Es ist so leicht, so absurd – aber vielleicht gerade deshalb so schwer zu verstehen.
Bis mindestens zum 20. April werden die derzeitigen Einschränkungen nicht gelockert – im Interview mit dem Tagesspiegel sagt Kanzleramtschef Helge Braun: „Bis dahin bleiben alle Maßnahmen bestehen. Läden, Restaurants, Schulen und die Universitäten sind geschlossen.“ Doch das ist nicht einmal der brisanteste Punkt der Botschaft aus der Kommandozentale der Bundesregierung – Braun bereitet einen Teil der Gesellschaft darauf vor, noch monatelang abgeschottetzu bleiben:
„Eins ist allen Modellen gemein, egal, wie wir uns entscheiden: dass die älteren und vorerkrankten Menschen in unserer Gesellschaft wirksam vor einer Infektion geschützt werden müssen, bis es einen Impfstoff gibt.“ Bis es einen Impfstoff gibt? Für alle Risikogruppen verfügbar? Das kann noch dauern. Der Kanzleramtschef zur Konsequenz:
„Die Älteren und Kranken werden ihre Kontakte deutlich länger reduzieren müssen.“
Berlins Gesundheitssenatorin Dilek Kalayci hatte die Notwendigkeit längerer Kontaktreduzierung für Ältere und Vorerkrankte bereits Anfang der Woche angedeutet und „Selbstquarantäne“ empfohlen – der Regierende Bürgermeister wies sie dafür zurecht: Das sei nicht die verabredete Maßnahme des Senats. Und in einem Brief an die Senatorin protestieren einige Sozialdemokratinnen (darunter Bürgermeisterin a.D. Monika Wissel, die frühere Richterin Renate Citron-Piorkowski und die Ex-Bundestagsabgeordnete Siegrun Klemmer) gegen„Schutzhaft“, „Absonderung“ und „Altersdiskriminierung“. Im Checkpoint-Interview erklärt Dilek Kalayci jetzt ihre unveränderte Haltung so:
„Es geht um das höchste Gut, das wir haben: die Gesundheit. Ich finde, dass dies auch ein Schutzgut ist, für das die Politik und unsere Gesellschaft eine besondere Verantwortung tragen. Ich mache mir ernsthafte Sorgen um unsere älteren Menschen. Es geht nicht darum, sie einzusperren, sondern sie zu schützen vor einer tödlichen Krankheit. Übrigens leben heute schon viele alte Menschen in der sozialen Isolation. Vielleicht ist diese schlimme Krise ein Anlass, sich mehr um sie zu kümmern.“
Ob die bisherigen Maßnahmen des Senats reichen, wie die Berliner Krankenhäuser vorbereitet sind, wann neue Schutzkleidung geliefert wird und was sie selbst aus der Krise gelernt hat, verrät Dilek Kalayci weiter unten in der Rubrik „Durchgecheckt“. Aber jetzt sind wir erstmal gespannt auf Ihre Meinung zur Debatte über den richtigen und angemessenen Umgang mit Älteren und Vorerkrankten – bitte schön, hier sind Sie gefragt:

Jens Spahn warnt davor, zu glauben, in Deutschland sei das Schlimmste bereits überstanden - der Gesundheitsminister sagt, wir erleben gerade „die Ruhe vor dem Sturm“.
Die Vertreibung aus dem Paradies droht den Berlinern nicht, wohl aber die Vertreibung aus Brandenburg: Der Landkreis Ostprignitz-Ruppin erklärt die Hauptstädter zu unerwünschten Personen – selbst wer hier ein Wochenendhäuschen hat, muss raus (und kommt auch vorerst nicht wieder rein). Hoffentlich verhängt der Senat nicht im Gegenzug ein Einreiseverbot für Brandenburger am Reformationstag – das müsste schon mit dem Teufel zugehen…
Milch wird zur Mangelware – und da ist der Firma Conrad Elektronik wohl die Sicherung durchgebrannt: Sie liefert den Liter „Edeka Bio“ zum Wucherpreis von 2 Euro. Das ist mehr als doppelt so teuer wie bei Edeka selbst – und gilt nur bei einer Mindestbestellmenge von 24 Packungen zu 47,98 Euro. Möge die Milch dort solange versauern, bis den Elektronikern ein Licht aufgeht.
Chaos-Start bei der IBB: Wer sich hier am Freitag auf einen Hilfszuschuss verließ, war wirklich verlassen. Der Server brach zusammen, die Leute mussten stundenlang und dann auch noch vergeblich warten - selbst beim Bürgeramt läuft‘s besser. Tiefpunkt des Online-Durcheinanders: Manche Antragsteller hatten plötzlich die Daten von anderen Corona-Opfern auf dem Rechner– dafür waren dann ihre eigenen verschwunden. Übrigens: In Baden-Württemberg (z.B.) lief‘s ziemlich reibungslos.
Die Premiere des neuen James Bond ist längst verschoben, das hängen gebliebene haushohe Großplakat an der Lietzenburger Straße ist eine bittere Reminiszenz: Keine Zeit zu sterben.
Was wünschen wir dem aggressiven Smartfahrer, der im Stau auf der Krausenstraße durchs offene Fenster einen Radfahrer anhustet? Zu anderen Zeiten würden wir sagen: die Pest an den Hals.
In Krisenzeiten wird durchregiert – umso wichtiger, dass die Kontrolle durch Parlament, Opposition und Medien gewährleistet bleibt (und nicht auch noch aus dem Hinterhalt diskreditiert wird). Im Tagesspiegel werfen wird deshalb morgen mal einen genaueren Blick auf die Arbeit der Opposition unter erschwerten Bedingungen.
CDU-Fraktionschef Burkhard Dregger hatte in der Parlamentssitzung diese Woche dem Regierenden Bürgermeister Unterstützung zugesagt: „Die Menschen erwarten von uns, dass wir zusammenstehen. Wir wollen, dass von dieser Plenarsitzung heute ein klares Signal in die Stadt ausgeht: Berlin steht zusammen, und wir lassen niemanden zurück.“
In einem Dringlichkeitsantrag hatte die CDU u.a. einen „24/7“-Krisenstab in der Senatskanzlei gefordert – na, wenn das mal reicht. Weitere Punkte: Reduktion der Flugbewegungen auf ein absolutes Mindestmaß, beschleunigte Anerkennung ausländischer Berufsabschlüssen von 2500 in Berlin ansässigen Ärzten und Pflegekräften, Erstellung von Muster-Pandemieplänen für Supermärkte – und die Einberufung eines „Runden Tisches“ der Gewerbeimmobilien-Eigentümer zur Unterstützung der Mieter. Wäre gut, wenn die Letztgenannten sich näherkommen, ohne sich zu nahe zu kommen.
Der parlamentarischen Corona-Kürzung (beschleunigtes Verfahren ohne Ausschusssitzung) drohen auch Änderungswünsche des BUND am Vergabegesetz zum Opfer zu fallen: Die Verwaltung könne so weiterhin „Stromfresser und umweltschädliches Frischfaserpapier“ erwerben, schreibt BUND-Geschäftsführer Tilman Heuser – die Koalition will Öko-Standards erst ab einem Einkauf in Höhe von 10.000 Euro verpflichtend berücksichtigt wissen. Zur Einordnung: Für 9.999 Euro gibt’s 23.807 Rollen Klopapier(wenn’s denn mal wieder welche gibt).
Auch „Die Ärzte“ wollen helfen – und zwar ohne Mundschutz. Textauszug ihres isolierten Corona-Songs: „Ich sitze zu Hause und langweile mich, Klopapier und Nudeln sammle ich nicht.“
Und noch der Hinweis auf unsere Aktion „Kiezhelfer“: Kleine Läden, Kulturstätten, Restaurants und Cafés kämpfen ums Überleben. Hier können Sie jetzt einen Gutschein für Ihren Lieblingsort erwerben – und so mit dazu beitragen, Berlins Kiezkultur durch die Corona-Krise zu bringen. Wie das geht, und wie sich Kiezläden für die Aktion anmelden können, steht hier.
„Berlins heimliche HeldInnen“, die wir Ihnen hier in den vergangenen Tagen vorgestellt haben, treten jetzt auch nochmal gemeinsam auf - und zwar am Sonntag im Tagesspiegel. (Zur Anmeldung für den kostenlosen E-Paper-Probemonat geht’s hier).
Auch die Empfehlung des Tages kommt heute von Gesundheitssenatorin Dilek Kalayci – ganz im Sinne der solidarischen Stadt Berlin: Halten Sie zusammen, indem Sie auf Abstand gehen.
Telegramm
Aus der Reihe „Wahrnehmungsstörungen“: AfD-Chef Meuthen hält seine Tarntruppe (AfD: „Auffanglager für Deutschnationale“) für „die Grundgesetz-Partei“ – im TV-Studio des Kabarett-Senders „Russia Today“ würde an dieser Stelle ein als Björn Höcke verkleideter Faschist ein Schild mit der Aufschrift „Lachen!“ hochhalten.
Aus der Reihe „Unser Dorf soll schöner werden“: Seit gestern weiden 58 Schafe auf Tempelhofer Feld – es dürfte die derzeitig einzige zugelassene Berliner Großversammlung sein.
Die Verkehrsverwaltung teilt mit: Die Arbeiten auf der Schloßstraße zur Verbesserung der Radinfrastruktur beginnen am 1. April – also Humor haben sie ja da offensichtlich (aber wir fallen natürlich nicht darauf rein).
Kein Scherz: Der VBB erhöht zum 1. April die Preise (u.a. Regeltarif Einzelfahrt plus 10 Cent).
Marzahn-Hellersdorf ist Berlins Hundehauptbezirk– in Steglitz- Zehlendorf hat sich die Anzahl der Bellos dagegen seit 2017 halbiert. Checkpoint-Analyse: Der Südwesten hat keinen Biss mehr. (Q: Anfrage MdA Danny Freymark)
Heute startet die erste digitale Golfmeisterschaft – auf zehn verschiedenen Plätzen. Wie das geht, steht hier. Und wie die Golflehrer in Berlin und Brandenburg mit der Krise umgehen, hat Arne Bensiek auf unserer Tagesspiegel-Golf-Seite eingeputtet.
Wenn heute um 20.30 im Roten Rathaus (und nicht nur da) die letzten Lichter ausgehen, ist nicht etwa Feierabend in der Senatskanzlei, sondern „Earth-Hour“– zur Erinnerung daran, dass es da ja auch noch eine andere Krise gab (Sie erinnern sich? Weltuntergang).
Den heutigen „Respect-your-cat-day“ boykottiere ich übrigens: Sollen andere den Thron ihrer Majestät enthaaren und unterwürfig mitschnurren – ich gehe derweil eine Runde niesen.
Die Meldung „Babyboom möglich: Berlins Zootiere langweilen sich ohne Besucher“ kommt auf Dauerwiedervorlage – die kürzeste Schwangerschaft haben Goldhamster (16 Tage), Elefantinnen die längste (722 Tage).
Durchgecheckt
Dilek Kalayci ist Senatorin für Gesundheit, Pflege und Gleichstellung des Landes Berlin. Foto: John MacDougall/AFP
Kanzleramtschef Helge Braun sagt, dass ältere Menschen noch weit länger als Jüngere mit Kontakteinschränkungen rechnen müssen. Stehen wir vor einer Art zwei-Klassen-Gesellschaft mit unterschiedlichen Rechten?
Die Menschen sind unterschiedlich. Noch wissen wir nicht alles von diesem Virus. Aber eine Beobachtung ist gewiss: Ältere Menschen haben schwerere Krankheitsverläufe und sterben an diesem Virus häufiger. Übrigens sind auch Kinder, Jugendliche und Erwachsene mit Vorerkrankungen gefährdet. Es geht um das höchste Gut, das wir haben: die Gesundheit. Ich finde, dass dies auch ein Schutzgut ist, für das die Politik und unsere Gesellschaft eine besondere Verantwortung tragen.
Welche Maßnahmen können zu einem besseren Schutz von älteren Menschen noch eingeleitet werden?
Ich mache mir ernsthafte Sorgen um unsere älteren Menschen. Jedes Mal, wenn ich eine Nachricht bekomme, dass jemand über 80 Jahren an Corona verstorben ist, tut es mir in der Seele weh. Ohne die Corona-Infektion würden sie noch leben. Wir wissen, dass diese Infektion über Tröpfchen passiert. Es geht nicht nur um Niesen und Husten in der Nähe. Auch beim Sprechen können kleinste Tröpfchen übertragen werden. Deshalb: Immer 1,5 Meter Abstand halten. Ich sage immer, soziale Kontakte sind auch mit dieser Entfernung möglich. Es geht nicht darum, sie einzusperren, sondern sie zu schützen vor einer tödlichen Krankheit. Wir müssen vermeiden, dass sie unnötig die Wohnung verlassen. Wir müssen Rezepte vom Arzt für sie abholen und für sie einkaufen. In Berlin gibt es viel ehrenamtliches Engagement und viele Hilfsorganisationen. Darauf müssen wir mehr setzten. Auch die medizinische Versorgung muss mehr in der Häuslichkeit passieren. Übrigens leben heute schon viele alte Menschen in der sozialen Isolation. Vielleicht ist diese schlimme Krise ein Anlass, sich mehr um sie zu kümmern.
Sie haben im Senat auf frühere und weitreichendere Einschränkungen gedrängt. War das übertrieben oder wurde hier Zeit verschenkt?
In der Gesundheitsverwaltung haben wir einen Krisenstab, in dem Experten gut vernetzt bis hin zum RKI arbeiten. Wir haben das neuartige Coronavirus von Anfang an sehr ernst genommen. Als Gesundheitssenatorin sehe ich mich in der Pflicht, das Maximale für die Gesundheit der Berlinerinnen und Berliner zu fordern. Ich bin mit den Entscheidungen zufrieden. Am Ende sind es Abwägungsentscheidungen. So ist es in der Politik.
Wie lange kann eine Kontaktsperre aufrecht erhalten bleiben?
Das kann Ihnen heute niemand beantworten. Diese Frage stellt sich übrigens bundesweit, weil die Einschränkungen, was Kontakte und Aufhalten außerhalb der Wohnung betrifft, bundeseinheitlich abgestimmt sind. Es wird abhängig von der Entwicklung entschieden.
Wann rechnen Sie damit, dass Schwersterkrankte auch in Berlin nicht mehr angemessen versorgt werden können?
Auch diesen Zeitpunkt kann niemand verlässlich beantworten. Die Berliner Krankenhäuser haben sich qualitativ und quantitativ sehr gut vorbereitet. Es gibt das SAVE Berlin Covid19-Konzept mit drei Stufen und einem Zentrum in der Charité. Die Zusammenarbeit der Krankenhäuser ist sehr gut.
Wird Berlin beim schnellen Aufbau der Intensivtherapiestationen ausreichend unterstützt?
Die Krankenhauslandschaft in Berlin ist sehr aktiv im Aufbau von Intensivkapazitäten und Beschaffung von Beatmungsgeräten. Auch wenn der Markt sehr eng ist, sind sie gut dabei. Wir haben sehr frühzeitig die Krankenhäuser verpflichtet, planbare Operationen zu verschieben, um jetzt schon Kapazitäten für mögliche Corona-Patienten aufzubauen. Wir haben gestern im Bundesrat die Finanzierung von leeren Betten mit 560 Euro und die Finanzierung für den Aufbau von Intensivbetten von 50.000 Euro unterstützt. Das Land Berlin stellt 28 Mio. für die Finanzierung der Beatmungsgeräte bereit.
Warum ist die Ausstattung von Praxen und Krankenhäusern mit Schutzkleidung in Berlin so schlecht?
In Berlin? In ganz Deutschland. Nicht alle Bereiche haben für eine eventuelle Pandemie Vorräte gehalten. Die Krankenhäuser: für einige Wochen bis einige Monate. Im Bereich der niedergelassenen Ärzte: gar keine Bevorratung. Für die Gesundheitsämter gibt es Vorrat. Nun sind alle kalt erwischt. Der Markt ist leergefegt und höchst schwierig, weil Schutzkleidung international Mangelware ist und die Lieferketten nicht funktionieren. Es gibt sowohl auf der Bundesebene, als auch auf der Landesebene zentrale Beschaffung. In den nächsten Tagen und Wochen hoffe ich auf Lieferungen. Die Not ist groß.
Wann werden die Lieferengpässe überwunden sein?
Wenn mehr produziert wird. Am Besten im Inland. Der Bedarf ist international weit größer als es die Produktionskapazitäten hergeben.
Wie geht Berlin aus Ihrer Sicht mit der Krise um - hält die Solidargemeinschaft?
Diese Krise hat alles verändert. Unsere Sicht auf Gesundheit. Das Miteinander. Was wirklich wichtig ist im Leben. Aber auch sicher Ängste hervorgerufen: Wie geht es weiter mit meiner Arbeit. Es gibt ein Riesenschub in der Digitalisierung. Davon wird einiges bleiben, auch wenn die Krise vorbei ist.
Was haben Sie persönlich in der Krise gelernt?
Den Blick auf das, was wirklich wichtig ist im Leben. Die Gesundheit von allen, aber auch von Menschen, die einem sehr wichtig sind. Und vor allem, dass die Berlinerinnen und Berliner zusammenhalten, in dem sie Abstand halten.
Das Interview führte Lorenz Maroldt
Wochniks Wochenende
Die besten Berlin-Tipps für drinnen, draußen und drumherum.
48h Berlin
Samstagmorgen – Das Wetter soll heute fantastisch sein, wie es überhaupt fantastisch ist, seit wir weniger davon haben. Wer ein entsprechendes Fenster oder einen Balkon hat, kann sich ein wenig davon zurückholen und seinen Kaffee in der Sonne trinken. Vielleicht sogar schon zum Sonnenaufgang, denn aus Homeoffice-Perspektive macht es kaum einen Unterschied, wann man schlafen geht und aufsteht. Uhrzeiten, die in der Welt da draußen gelten, verlieren ab einem gewissen Grad des Social Distancing jede Verbindlichkeit – so lernt man seine innere Uhr vielleicht etwas besser kennen. Gerade, wer mit anderen zusammenwohnt, kann durch einen asynchronen Rhythmus etwas Alleinseinzeit gewinnen. Allerdings sollte man auch ein Auge darauf haben, was die Drift in die Asynchronizität so mit dem Gemüt macht – gerade, wenn man mit anderen zusammenwohnt.
Samstagmittag – Zum Glück haben wir Internet. Will man sich nämlich doch mit der Außenwelt synchronisieren, kann man sich an Sendeterminen von Livestreams aus der eigenen Zeitzone orientieren. Für Berlin gibt es seit einigen Tagen das Portal berlinalive.de, welches die dichteste Zusammenstellung berlinischer Streaming-Angebote sein dürfte. Erfasst werden hier neben der Daheim-Ausgehkultur auch etwa Kinderprogramme, das Abgeordnetenhaus und kleine, nischige Übertragungen mit virtueller Kieznote. Für heute Mittag gibt es u.a. unvorhersehbare Quarantänekunst (ab 11 Uhr), einen Ballettkurs (um 12) und eine Live-Führung durch das Künstleratelier und die Arbeit des aktuellen GlogauAIR Gastkünstlers Valdrin Thaqi (12 Uhr).
Samstagabend – Wie schön, von einer Theaterpremiere schreiben zu können! Das HAU bietet schon seit Tagen ein umfangreiches Online-Programm und heute Abend, 19 Uhr, wird mit NewfrontEars & Oozing Gloop eine Performance und Installation über und mit „KI-Content, Urheberrechtsfreiheit, Live-Drag, Teig und Meditation“ uraufgeführt. Installationen als reiner Stream – auch das dürfte in der Medienkunstgeschichte eine Premiere sein. Apropos „Live-Drag“: Um 20.30 Uhr streamt das BKA Ades Zabel & Company, die wilden Weiber von Neukölln, in die Schlafzimmer der Welt.
Sonntagmorgen – Bewegung an der frischen Luft ist nicht nur erlaubt, sondern zur mentalen und körperlichen Fitness ausdrücklich empfohlen – besonders, wenn man mit anderen zusammenwohnt. Am frühen Sonntagmorgen begegnet man dabei noch nicht allzu vielen Menschen – auch das (endlich!) schlechtere Wetter sollte seinen Teil dazu beitragen. Wer also eine letzte Dosis Winter mitnehmen möchte, gehe jetzt laufen, spazieren oder radfahren. Wer Öffis meiden will, aber von den Wegen vor der Haustür gelangweilt ist, hat gute Chancen, über Komoot und die dazugehörige App reichlich neuen Wegstoff zu entdecken. Der Account mitsamt einem Kartenpaket ist kostenlos.
Sonntagmittag – Für den ein oder anderen Blick über den Tellerrand in ganz andere Lebens-, Arbeits- und Denkweisen bieten sich Ted-Talks an. Expertinnen und Koryphäen erzählen darin kurz, bündig und in allgemeinverständlichem Jargon von interessanten Phänomenen bis Kuriositäten aus ihren Fachbereichen, die nicht selten zur eigenen Weiterrecherche anregen.
Sonntagabend – Es stimmt, zum Glück haben wir Internet. Es empfiehlt sich aber auch, öfter mal über den Bildschirmrand und in ein Buch zu schauen. Das Problem: Laut Buchreport 2019, der größten Studie zum Büchermarkt, wollen weit mehr Menschen Bücher lesen, als sie es tatsächlich tun – und der Grund ist nicht nur die Zeitknappheit. Zum Beispiel wird das Binge-Watching oft vorgezogen, weil es weniger Anstrengung und inneren Widerstand bedeutet. Wer also auch jetzt eher Schuldgefühle als Freude beim Anblick seiner Hausbibliothek empfindet, verabrede sich doch einfach zum gegenseitigen Vorlesen. Wer Kinder hat, tut es sowieso, aber auch Lebenspartner oder Mitbewohner freuen sich sicherlich drüber. Per Telefon oder Netz – ja, da ist es wieder – können sich auch Singles verknüpfen und so das Wochenendenende versüßen.
Mein Wochenende mit
Alex Müller ist freischaffende Künstlerin, zurzeit Corona-Chronistin und Teilzeit-Kunstlehrerin an der Potsdamer Alfred-Nobel-Gesamtschule. Foto: Hanna Brandes
„Samstag werde ich Linsensuppe kochen, anschließend hinterm Schuppen das Gras mähen – einen Dreiviertelhektar habe ich schon geschafft, musste dann pausieren, weil die letzten Nächte zu frostig und feucht waren. Zwischendurch arbeite ich gerade an meinem Corona-Tagebuch, in dem es mir darum geht, zu verarbeiten, was die Situation mit einem macht. Jeden Tag mache ich eine Zeichnung, Format A3, mit schwarzem Fineliner – zwischendurch war der verbraucht, da gab es eine blaue Phase. Der Auslöser für diese Serie, neben Corona, ist die kürzliche Krebsdiagnose meines Vaters, den ich jetzt wegen des Virus nicht besuchen kann. Statt bei ihm, in NRW, bin ich im Brandenburgischen Mellenau am Rasenmähen. Vormittags springe ich noch für meinen Sohn in die Lehrerrolle. Und wenn es sich ergibt, unternehmen wir lange Spaziergänge. Wir sind hier im Naturschutzgebiet, haben fußläufig zwei Seen. Letztendlich würde ich sagen, alles sei eigentlich super, wenn ich nicht aus den Medien über die Lage informiert würde – oder im Gespräch mit dem Pankreas-Spezialisten über meinen sterbenskranken Vater. Hier draußen spricht man darüber, dass der Dinkel alle ist – wie zu Großmutters Zeiten. Diese ganze Absurdität zu kommentieren und auch mit Ironie einzufangen, das will ich mit diesen Bildern. Kann sein, dass ich dieses Wochenende außerdem zum ersten Mal in meinem Leben ein Huhn schlachte. Ich habe da so eine Wette mit meinem Nachbarn laufen...“
Leseempfehlungen
Endlich Zeit, Proust zu lesen, eine neue Sprache zu lernen oder für Sport und Selbstoptimierung – und trotzdem passiert nichts? Es ist schon richtig, dass wir uns im Lockdown keinen allzu hohen Druck machen sollten, die Zeit daheim möglichst ergiebig zu nutzen, sonst kommt der Frust. Und Leidtragende sind dabei oft (auch) andere: Die Zahlen registrierter häuslicher Gewalt sind in der letzten Woche deutlich gestiegen. Karl Grünberg hat sich für den Tagesspiegel mit der Situation von Kindern und der Krisenintervention der Jugendämter auseinandergesetzt. Für Der Freitag hat Elsa Koester darüber nachgedacht, ob vor dem Virus wirklich alle Menschen gleich sind, denn wer mit vielen auf geringem Raum lebt, hat es dieser Tage deutlich schwerer.
Früher war ja bekanntlich alles besser. Davon, wie gut es gewesen sein könnte, berichten zuhauf historische Romane und mit Hilary Mantels „Spiegel und Licht“ liegt ein auch sprachlich großartiges Beispiel dafür vor. Der 1100 Seiten lange Roman verfolgt die letzten Lebensjahre des berühmt-berüchtigten Thomas Cromwell, der für das Gesetz verantwortlich war, mit dem König Henry VIII. 1533 die Homosexualität unter Todesstrafe stellte. Am Ende wurde Cromwell selbst unter demselben König wegen Hochverrats und Ketzerei öffentlich enthauptet, sein aufgespießter Kopf soll noch eine Zeitlang die London Bridge geziert haben. Hardcover, 32 Euro
Encore
Dass die Sache mit der Haarmode seit der flächendeckenden Schließung von Friseurbetrieben noch interessant werden würde, war ja absehbar. Dass sich in Sachen zukünftigen Stadtbilds aber bereits hinter den Kulissen einiges zusammenbraut, ist am erhöhten Aufkommen von Suchanfragen wie „Haare selber schneiden“ (Statista) und „Haareschneiden“ (Google) zu erkennen. Wir leben also auch modisch in aufregenden Zeiten – höchste Zeit für Vorher-Nachher-Fotos. Witzig ist das natürlich nur, wenn man nicht selbst zur haarschneidenden Zunft gehört. Die Bedeutung von Friseuren kommentiert in seinem Tagebuch Leo Tolstoi: „Habe mir gestern die Haare schneiden lassen, und schon das kommt mir wie ein Zeichen meiner Wiedergeburt vor.“
Haben Sie ein schönes, nicht allzu haariges Wochenende.
