Wir beginnen heute mal mit einem Plagiat: Dieser Checkpoint wurde „nach bestem Wissen und Gewissen“ verfasst. Kommt Ihnen bekannt vor? Ok, hier ein paar Quellen (mit Link) für das Zitat:
„Ich habe die Arbeit in den neunziger Jahren nach bestem Wissen und Gewissen geschrieben.“ Frank Steffel (Doktortitel aberkannt).
„Ich habe meine Arbeit nach bestem Wissen und Gewissen erstellt.“ Annette Schavan (Doktortitel aberkannt).
„Ich habe die Arbeit nach bestem Wissen und Gewissen angefertigt.“ Karl-Theodor zu Guttenberg (Doktortitel aberkannt).
„Ich habe nach bestem Wissen und Gewissen gehandelt.“ Jorgo Chatzimarkakis (Doktortitel aberkannt).
„Ich habe diese Arbeit nach bestem Wissen und Gewissen verfasst.“ Franziska Giffey (Dissertation wird gerade überprüft).
Ob die frühere Neuköllner Bürgermeisterin und heutige Familienministerin auch morgen noch SPD-Hoffnungsträgerin ist, liegt jetzt erstmal in den Händen der FU – und die war bisher sehr streng bei Verstößen gegen wissenschaftliche Standards. Der bei „VroniPlag“ aktive Berliner Jura-Professor Gerhard Dannemann attestiert Giffey jedenfalls „die gefährlichste Art des Plagiats“: Die Ministerin habe „Sekundärquellen verwendet, aber Primärquellen angegeben“ (fehlerhafte Aussagen werden ungeprüft übernommen) – aber an 36 Stellen auch das nur als „Bauernopfer“ (Quellenangabe nach dem ersten Absatz, obwohl weiter abgeschrieben wird). Weitere 36 Stellen sollen „Verschleierungen oder Komplettplagiate“ sein, insgesamt sind von den Vorwürfen 49 der 205 Seiten betroffen (Titel der Arbeit: „Europas Weg zum Bürger“, 2009).
Pech für Giffey: Andere Hochschulen sind weniger streng als die FU. So konnten Ex-Bundestagpräsident Norbert Lammert („Ich habe meine Doktorarbeit nach bestem Wissen und Gewissen angefertigt“), und der niedersächsische Ex-Bildungsminister Bernd Althusmann („Ich habe meine Arbeit nach bestem Wissen angefertigt“) ihre Titel behalten – ihnen wurden nur „vermeidbare Schwächen in den Zitationen“ und „Schlampereien“ attestiert.
So steht der Familienministerin, die im Roten Rathaus wegen ihrer Beliebtheit als „Müller-Schreck“ gilt, u.U. eine Karriere als „Dr. No“ bevor – da kommt es dann auch nicht mehr darauf an, ob das Glas halb voll ist oder halb leer, wie ihr berühmter Vorgänger (den nicht VroniPlag zur Strecke brachte, sondern James Bond) weise ahnte: „Es kommt darauf an, ob man sich vor oder hinter dem Glas befindet.“ Und so oder so: Ob man den Durchblick behält.
In der ARD kursiert ein internes Strategiepapier, und als Gebührenzahler (in meinem Fall: gerne) betrifft uns das ja - also schauen wir doch gleich mal rein: „Framing-Manual“ lautet der Titel der 89-Seiten-Arbeit des „Berkeley International Framing Institute“ für die ARD, das Führungskräfte untereinander zur Lektüre empfehlen. Auszüge: „Wenn Sie Ihre Mitbürger dazu bringen wollen, den Mehrwert der ARD zu begreifen (…), muss Ihre Kommunikation immer in Form von moralischen Argumenten stattfinden.“
Und damit das auch funktioniert, „bietet das vorliegende Manual dafür konkrete Hinweise in Form von Narrativen, Schlagwörtern und Slogans“. Und weiter: „Hier können Sie sich einlesen in (…) gängige Tipps und Tricks (…)“, um das „für die ARD erarbeitete Framing optimal umzusetzen“. Benannt wird auch der „Gegner“, der eingerahmt (oder besser: ausgerahmt) werden soll: „Politische Kräfte“, „Kommerzmedien“ und alle, die sich „nicht gemäß der demokratischen Vereinbarung am gemeinsamen Rundfunk ARD beteiligen“ - denn die sind „wortbrüchig“, „illoyal“, „liegen anderen auf der Tasche“, „täuschen und betrügen.“ Der Ton ist gesetzt – von dem Papier werden wir wohl noch einiges hören.
Auch bei den Grünen kursiert ein internes Papier, verfasst von Neu-Verkehrsstaatssekretär Ingmar Streese, weitergeleitet vom Landesvorsitzenden Werner Graf an den „Partei-Verteiler“ - es geht um den Checkpoint-Bericht über den Unfalltod eines Radfahrers in Dahlem (CP vom 4.2.). Die Verkehrslenkung hatte den einhelligen Wunsch der BVV nach einem Umbau der Unfallstelle abgelehnt, Streese begründet das so: Die Autofahrerin verhielt sich „grob verkehrswidrig“, in den drei Jahren zuvor gab es nur „drei kleinere Sachschäden, keine Personenschäden“, und: „Der Bezirk hat nach unserem Hinweis die Haltelinie erneuert.“ Super Sache. Der Kirchner-Nachfolger beklagt sich bei den Empfängern seiner Mail übrigens auch über „unreflektierte Weiterleitungen von Pressemeldungen und -kommentaren an einen größeren, semi-öffentlichen Verteiler“. Da ist unterm Pflaster wohl noch ordentlich Strand.
Für die nächste Meldung bitte eine Schere bereithalten: Der Senat veröffentlicht im Amtsblatt eine „Verwaltungsvorschrift zur Einführung eines gesamtstädtischen Monitorings und Steuerungsverfahrens für die Ämter für Bürgerdienste“ – Präambel: „Bei der Erbringung von Bürgerdienstleitungen ist ein einheitlich hohes Qualitätsniveau zu gewährleisten.“ Und zwar sofort, unverzüglich! Übrigens: „Das Zeitfenster für einen Termin beträgt 12 Minuten.“ (Mehr dazu auch gleich in der Kurzstrecke unter „Amt, aber glücklich“).
Berliner Schnuppen
Telegramm
Die Schlagzeilen von heute:
„Giffey: Wie gefährliche ist das für sie?“ (Tagesspiegel)
„Historisches Zentrum Berlin: Reisebusse sollen verbannt werden“ (Morgenpost)
„Enteignung spaltet die Stadt“ (Berliner Zeitung)
„Union-Fan auf Supermarkt-Parkplatz erstochen“ (B.Z.)
„Gewalt, Helden, dunkle Gestalten: Abenteuer der Nacht“ (Kurier)
Kaum ist der BND in Berlin angekommen (Freitag war Eröffnung), testet der Geheimdienst seine Kunst der Desinformation gleich mal an den neuen Nachbarn. Der Bezirk hatte hier gerade eine Parkzone eingerichtet und Automaten aufgestellt, der BND ließ gleich mal ein paar Haltverbotsschilder dazustellen. Was gilt jetzt? Das Ordnungsamt verteilte erstmal Knöllchen (Foto hier), obwohl die Schilder lt. StVo nicht für ausgewiesene Parkplätze, sondern für die Straße gelten. Dazu Bürgermeister Stefan von Dassel (per Twitter):
„Verkehrslenkung hat auf die Behördenbeteiligung bei der Einrichtung der neuen Parkzonen nicht reagiert. BND hat erst kurz vor Eröffnung ein Halteverbot durch die Polizei prüfen lassen. Polizei befürwortet, VLB ordnet an, Bezirk muss umsetzen. Blöd gelaufen, aber auch kein Chaos.“
Nein, kein Chaos, ganz normal blöd gelaufen. Wir zählen rasch mal durch: BND, Polizei, VLB, Bezirk – macht vier beteiligte Behörden. Das Bezirksamt selbst wiederum erhöhte auf fünf Behörden (4 plus Landeskriminalamt) und teilte mit: „Wir verstehen die Verwirrung. Derzeit prüfen wir, ob ein Parkscheinautomat entfernt werden soll. Dazu sind wir in Abstimmung mit BND, LKA, Polizei und Verkehrslenkung Berlin (Senatsverwaltung für Umwelt, Verkehr und Klimaschutz).“ Fehlt nur noch ein Gutachten der Senatskanzlei und ein Urteil des Europäischen Gerichtshofs für Menschenrechte.
Zeit für eine neue Rubrik – sie heißt „Berlin, aber freundlich“, die erste Folge wurde am Sonnabend um 14.25 von CP-Leserin Sigrid Tschepe in der S 25 aufgezeichnet: „Guten Tag, meine lieben Fahrgaste, ich grüße Sie hier aus der ersten Reihe der S-Bahn, ich bin ihr Fahrer und wünsche Ihnen einen schönen Tag und eine angenehme Fahrt nach Teltow-Stadt.“ Na geht doch.
Super flott hat es der 8. März als Feiertag ins Amtsblatt geschafft – der Planung des verlängerten Wochenendes (ist zufällig ein Freitag) steht nichts mehr im Weg.
Die „Neuköllner Maientage“ in der Hasenheide werden ausgeschrieben – der private Veranstalter soll allerlei steigern: „Marke“, „überregionale Bekanntheit“, „Image“, „Besucherzahlen“, „Qualität“ – und das Fest steht „jährlich unter einem neuen Motto“, das sich „wie ein roter Faden durch sämtliche Festareale“ zieht und „auch die Angebote der Händler und Gastronomen“ betrifft. Klingt nach Currywurst mit Ketchup.
Gute Nachricht für Kinder in Pankow (sowie deren Eltern): Der Bezirk sucht eine/n „Spielplatzkontrolleurin / Spielplatzkontrolleur“. Ein Job, bei dem es in Berlin garantiert nicht langweilig wird.
Die „Neue Züricher Zeitung“ meldet: „Berliner Stadtluft trübt den Sinn für Realitäten“ – der Autor (Wolfgang Bok) kommt allerdings aus Heilbronn (und bekommt für die „Realitäten“ hoffentlich verbale Haue von Wolf Schneider).
Stolz meldet die Polizei Berlin: „Schritt für Schritt verbessern wir die Ausbildungssituation an unserer Akademie“ – und kündigt zum 1.3.19 die „Wiedereinführung des Fachs Berufsethik“ an. Wer die Berufsethik abgeschafft hat und warum, teilte die Behörde nicht mit.
Irgendwo ist diese Ehre jedenfalls verlorengegangen, und womöglich fehlte sie am 29.1.2018 auch in der Grunerstraße – es ist jedenfalls schwer vorstellbar, dass nach dem tödlichen Crash kein Kollege bemerkte, dass der „Suff-Cop“ Peter G. (B.Z.) am Steuer des Streifenwagens 1,1 Promille Alkohol im Blut hatte (oder das ihn niemand davon abhielt, sich zwischen Unfall und der Charité-Aufnahme volllaufen zu lassen – aber das glaubt ja sowieso niemand ernsthaft).
„Amt, aber glücklich“ ist CP-Leser Wolf-Dieter Hasenclever - er musste für die kurzfristige Ausweisverlängerung zwar von Mitte nach Karow fahren, aber lernte „sehr freundliche, sympathische SachberarbeiterInnen“ kennen, Fazit: „Super pünktlich – 5 Sterne!“.
Jahrelang stritten die BVG und das Landesdenkmalamt über drei Betonblumenkübel, die einem Aufzug am U-Bahnhof Ernst-Reuter-Platz im Weg standen. Ergebnis: Die Kübel haben gewonnen, der Aufzug weicht in die Hardenbergstraße aus. (Q: „Leute“-Newsletter von Cay Dobberke).
Neues von den dauerzugeparkten Radstreifen (für Fahrradfahrer benutzungspflichtig) in der Tamara-Danz-Straße (Friedrichshain): Der SPD-Kreisvorsitzende Harald Georgii hält es für verhältnismäßig, dass die Polizei dort nicht regelmäßig Autos abschleppen lässt, die kuriose Begründung: Dort „fährt sehr, sehr selten ein Fahrrad“ – tja, warum wohl?
Unser Berlinale-Checker Robert Ide deckt heute in seiner Tagesspiegel-Kolumne auf, wer im Bärenkostüm steckt (auf jedem Plakat der Stadt zu sehen). So viel sei verraten: Sie war mal Kartenabreißerin – natürlich bei der Berlinale.
Andere bauen ab, wir bauen auf – und da wir in diesem Jahr beim Tagesspiegel auch technisch viel vorhaben, suchen wir für unser Team noch PHP Backend-EntwicklerInnen. Weitere Infos gibt’s hier.
Und im Team Checkpoint sowie bei unseren „Leute“-Bezirksnewslettern sind wieder Praktikumsplätze frei (bezahlt natürlich). Voraussetzung: Leidenschaft für unseren Berlin-Journalismus, landes- und bezirkspolitisches Interesse, Neugier und (überwiegend) gute Laune. Bewerbungen mit kurzer Textprobe bitte per Mail an checkpoint@tagesspiegel.de.
BER Count Up – Tage seit Nichteröffnung:
Flughafenchef Engelbert Lütke Daldrup hat das Wunder vollbracht: Am 31. Oktober 2020 ist der Flughafen BER offiziell eröffnet worden. 3.073 Tage nach der ersten Nicht-Eröffnung stellen wir damit unseren Count Up ein. Wer nochmal zurück blicken will: Im Tagesspiegel Checkpoint Podcast "Eine Runde Berlin" spricht Lütke Daldrup mit Tagesspiegel Chefredakteur Lorenz Maroldt und Checkpoint Redakteurin Ann-Kathrin Hipp über detailverliebte Kontrollen, politische Befindlichkeiten und aufgestaute Urlaubstage.
Zitat
„Ich hätte nicht gedacht, dass so etwas an einem deutschen Flughafen möglich ist.“
Pilot des Lufthansa-Flugs LH044 aus Frankfurt nach der Landung in Tegel – es stand kein Bodenpersonal für den Ausstieg der Passagiere zur Verfügung. Erlebt von Checkpoint-Leser Martin Gutheil.
Zitat
„Bitte erzählen Sie es weiter, sonst ändert sich das hier nie.“
Pilot eines Lufthansa-Flugs aus München nach der Landung in Tegel – die Passagiere mussten eine Stunde auf die Fluggastbrücke warten. Erlebt von Checkpoint-Leser Ulrich Pape.
Tweet des Tages
„Manche Lebensabschnitte sollten einen Checkpoint haben.“
Stadtleben
„Denn Spargel, Schinken, Koteletts sind doch mitunter auch was Nettes“, lässt Wilhelm Busch die fromme Helene in seiner Zeichnung sagen. Wer weiß, vielleicht war die Helene ein Stück weit Inspiration für das Speisehaus Berlin, das neben der kulinarisch-internationalen Vielfalt lieber Klassiker der Deutschen Küche in der Hauptstadt serviert. Die flexible Kartoffel darf hier bei vielen Gerichten nicht auf dem Teller fehlen. Mal kommt sie aus dem Ofen, mal salzig oder als Püree daher. Zu Rinderroulade, Wildgulasch oder einem Berliner Eisbein gehört sie halt dazu. Und weil die Kartoffel so anpassungsfähig ist, wird sie zum leckeren Schweine- oder Kalbsschnitzel entweder nach „Berliner Art“ mit Mayonnaise (13,20 Euro) oder nach „Süddeutscher Art“ mit Essig und Öl (13,20 Euro) aufgetragen. Wühlischstrasse 30, Mo 16-24 Uhr, Di-So 12-24 Uhr, U-Bhf Samariterstraße.
Das Ausstellungshaus C/O Berlin kann nicht nur Kunst und Fotografie, im Café gleich nebendran gibt es auch eine kleine feine Auswahl an Getränken. Wem es nach gutem Kaffee gelüstet, sollte hier haltmachen. Gleich aus der Nachbarschaft, einer Charlottenburger Rösterei wird die frische Kaffeemischung geliefert und mundet in Kombination mit dem Buttercroissant und hausgemachter Marmelade einfach gut. Mit einem Gläschen Mutmacha-Wein unterstützt man ganz nebenbei auch noch ein kulturlandschaftliches Weinprojekt, das zum Erhalt der Mosel-Steillagen beiträgt. Tipp: Als Knabberei passt dazu die Holzofen-Stulle mit Ziegenfrischkäse und Feigen-Rosinen-Chutney (4,50 Euro). Täglich 10-20 Uhr, Hardenbergstr. 22-24, S-Bhf Zoologischer Garten.
Warum nicht als „Location Scout“ durch die Stadt ziehen und architektonische „Wow-Orte“ entdecken, die eher selten in einem Berlin-Guide zu finden sind. Die Hauptstadt ist voll von großen wie kleinen architektonischen Meisterstücken. Klingt ungewöhnlich, aber die Berliner Börse ist so ein Ort. Das Kant-Atrium in der Fasanenstraße 85 – genauer – die große, offene Halle mit Aufzügen, erinnert an ein spacig-futuristisches Filmset. Nicht ganz so versteckt, aber dennoch einen Anblick wert ist das größte freistehende Aquarium der Welt im DomAquarée in der Karl-Liebknecht-Straße 5. Den Blick auf die knapp 1500 exotischen Wasserbewohner bekommt man von innen wie von außen, denn mit einem Aufzug kann man mitten durch das Aquarium fahren.
„Sie können uns alle auf Italienisch ansprechen“ steht in der Beschreibung über die fünf Frauen, die sich auch „Dantedamen“ nennen. Diese Damen haben es sich in der Buchhandlung Dante Connection zur Aufgabe gemacht, durch die Flut an Neuerscheinungen zu schmökern, um persönliche Buchempfehlungen, die „Danteperlen“ für Sie herauszupicken. Auf Literatur aus Italien legt man hier besonderen Wert, aber auch Bücher aus anderen Kulturen und jede, die man nicht unbedingt auf dem Schirm hat, finden sich in dem Laden mit der unübersehbaren, blaugrünen Kachelfassade in der Oranienstraße 165a. Mille Grazie. Mo-Sa 10-19 Uhr, U-Bhf Moritzplatz.