Bewölkter, windiger Samstag bei 16°C, Sonntag etwas sonniger bei 18°C

So halten es die Bezirke mit Pop-up-StraßenlokalenAmtsärzte widersprechen Gesundheitssenatorin Kalayci: Welche Teststrategie ist die richtige?Interview mit Foodbloggerin Mary Scherpe

für uns Gäste ist es nur ein kleiner Schritt über die Türschwelle, vielen Gastronomen könnte es die Existenz retten: Seit gestern dürfen Cafés und Restaurants ihre Speisen wieder am Tisch verkaufen. Unseren Espresso können wir wieder auf der Terrasse schlürfen, die Pasta im Lieblingslokal aufgabeln, das freundliche Pils wieder am Tresen trinken. Berlin macht Lockerungsübungen, wir dehnen den Magen – allerdings nur bis 22 Uhr. Es soll nicht zu fröhlich werden, nicht zu gesellig, zu rauflustig oder intim. Das Maß dieser Zeit sind 1,5 Meter Abstand zueinander. Vielen Berlinern kommt die Öffnung der Restaurants deshalb zu früh. Das Ergebnis unserer Umfrage von gestern: 24 Prozent der Checkpointleser können ihren ersten Restaurantbesuch kaum erwarten, 68 Prozent wollen lieber noch abwarten. Liefern lassen, war ja auch gar nicht schlecht – viele haben sich sogar daran gewöhnt, den Boten ein faires Trinkgeld zu zahlen. Gerichte zum Mitnehmen sind vom verpönten Fast-Fastfood zum solidarischen Beitrag für Gastrobranche und Gaumen geworden. Bleibt das so? Weiter unten im Durchgecheckt-Interview sagt Foodbloggerin Mary Scherpe („Stil in Berlin“): „Ich weiß gar nicht, ob es diesen einen Tag geben wird, an dem alles wieder wie vorher ist.“ Warum sie nicht aus dem Häuschen ist, dass die Restaurants wieder öffnen und welche Vorschläge Scherpe für ein kulinarisches „new normal“ hat, lesen Abonnenten der Langstrecke exklusiv.

Wenn das eh schon volle Berlin sich jetzt wieder zur Draußenstadt wandelt, werden die Abstandsregeln noch schwerer einzuhalten (diese Gastro-Regeln gelten außerdem).

Telegramm

Heute in einer anderen Welt hätte der Eurovision Song Contest 2020 in Rotterdam stattgefunden. Mit viel Konfetti, großen Gefühlen und wie immer högschd politisch – zumindest was das Abstimmungsverhalten der Zuschauer angeht. Kein Grund, das bunte ESC-Outfit dies Jahr im Schrank vergammeln zu lassen: SSDSGPS-Organisator, Waddehaddedudeda-Sänger und Entertainment-Emeritus Stefan Raab hat für heute Abend den „Free ESC“ organisiert. 14 von 15 Teilnehmern für die ProSieben-Show stehen fest, für Deutschland hat Raab außerdem eine „echte Legende“ angekündigt. Bei der ARD fragt man sich derweil, „was Stefan Raab geraucht hat“ und wir zitieren einem alten Raab-Hit: „Wir kiffen!“

Heute in dieser Welt geht die Bundesliga wieder los. Nein? Doch! Ohh! Hertha spielt später auswärts gegen Hoffenheim (15.30 Uhr) und am Sonntag läuft Union gegen Bayern auf (18.00 Uhr). Ich fühle gar nichts.

Wir bleiben auf dem Platz und flanken eine Korrektur rein: Hertha BSC hatte es im Laufe der Woche doch noch geschafft, sich an die Dauerkartenbesitzer zu wenden (CP von gestern). Viele im Vereinsumfeld sind trotzdem sauer, dass dafür Wochen verstreichen mussten – viele Fitnessbuden waren schneller. Die Fanpflege der alten Dame lahmt. Eine Aufgabe für Neu-Aufsichtsrat Jens Lehmann?

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Zurück aufs politische Parkett: Nicht immer gleicht das Berliner Parlament einem hohen Haus, manchmal regieren niedere Instinkte. Nachdem der FDP-Fraktionsvorsitzende Sebastian Czaja die Grünen-Abgeordnete Anja Kofbinger am Donnerstag während der Plenarsitzung gefragt hatte, ob sie sich vor ihrer Rede „desinfiziert“ habe, zeigte die ihm den ausgestreckten Mittelfinger. Schuldirektor, äh, Abgeordnetenhauspräsident Ralf Wieland rügte – nach Videobeweis – beide. Wie früher in der großen Pause.

Das kam überraschend: Der AfD-Mitgliedschaft von Andreas Kalbitz wurde am Freitag für nichtig erklärt. Der Brandenburger Landeschef mit besten Beziehungen in die rechtsextremistische Szene wurde von Fraktionschefin Alice Weidel und Partei-Vize Tino Chrupalla unterstützt, letztlich siegte aber die Angst der anderen Funktionäre vor dem Verfassungsschutz. Kalbitz will Rechtsmittel einlegen.

Aus der Kategorie: Was macht eigentlich? Sabine Christiansen, 62. Laut Berliner Amtsblatt hat die ehemalige Moderatorin gerade ihre Sabine-Christiansen-Kinderstiftung aufgehoben. Ansonsten soll sie laut „Gala“ zwischen Berlin, Hamburg und Paris pendeln. Nicht schlecht.

Wenn in jemanden sprichwörtlich „ein Loch gerissen“ wird, steht es meist schlecht um ihn. So ergeht es nun dem Berliner Landeshaushalt, dem bis Mitte der kommenden Wahlperiode fast 8,4 Milliarden Euro fehlen. Ein schwarzes Loch. In diesem Jahr werden durch die Corona-Pandemie allein 3,05 Milliarden Euro Steuereinnahmen wegbrechen, im nächsten Jahr 1,65 Milliarden Euro. 2022/2023 sollen es noch einmal 2,66 Milliarden Euro werden, das geht aus der bundesweiten Steuerschätzung hervor. Mein Kollege Ulrich Zawatka-Gerlach hat aufgeschrieben, warum Rot-Rot-Grün trotzdem munter Geld ausgeben will.

Aus der Zahlenwelt in die Halbwelt: Haben Sie das auch gespürt? Laut einiger Verschwörungsmystiker soll seit Freitag die NWO (Neue Weltordnung) gelten. Getrieben von Bill Gates, Windows 98 und Attila Hildmanns veganem Superfood sollen uns Chips implantiert (Bill, wenn Du mitliest: Pringles!) und die Demokratie abgeschafft werden, auch die „Deutschland GmbH“ wechselt jetzt sicher die Eigentümerin. Ab wann? „Das tritt nach meiner Kenntnis … ist das sofort, unverzüglich.“ Bloß mein Schreibtisch hat von Neuer Ordnung noch nichts mitbekommen. Aber die Pringles unter der Haut tun gut.

Nicht ganz so aufregend dafür wahr: Jahrelang gammelte sie auf einem Flughafen in Brasilien vor sich hin, jetzt liegt sie in Kleinteile zerlegt in irgendeinem deutschen Flughangar: die „Landshut“. 1977 wurde die Lufthansamaschine von palästinensischen Terroristen entführt, jetzt soll der Flieger im militärhistorischen Museum in Gatow ausgestellt werden, fordern die einen. Ex-Außenminister Sigmar Gabriel will den Flieger lieber schön zentral in Tempelhof sehen. Die Frage: Gilt ein historisches Flugzeugwrack schon als Randbebauung? Wird per Volksbegehren abgestimmt? Die Maschine bleibt jedenfalls ein Politikum.

Wir bleiben auf dem Rollfeld: Jetzt, wo die Eröffnung des BER am 31. Oktober (oder früher) stattfindet, prügeln sich die Gesellschafter um das Ende von Tegel. Flughafenchef Engelbert Lütke Daldrup will unbedingt zum 2. Juni schließen, der Bund den Oldie gern länger offenhalten. Angeblich soll man die Einrichtung des neuen Regierungsterminals in Schönefeld mit Mobiliar und Sicherheitstechnik vergurkt haben – obwohl es seit Oktober 2018 fertig ist. Mit der BER-Eröffnung konnte nun wirklich niemand rechnen...

Kurz und bitter. Das Anti-Gewalt-Projekt „Maneo“ hat in Berlin so viele Angriffe auf Schwule, Lesben und Transsexuelle gezählt wie nie zuvor. 559 Fälle wurden 2019 erfasst, 32 Prozent mehr als im Vorjahr. Es tobt der Hass da…

Diese Pandemie hat uns verändert – sie ändert die Art, wie wir zusammenleben. Im Großen wie im Kleinen. Einiges wird bleiben, anderes wieder verschwinden. Am Sonntag lesen Sie im Tagesspiegel ganz persönliche #100Dinge, die sich durch das Coronavirus verändert haben, die uns und Ihnen aufgefallen sind. Vorab gibt's hier einen Einblick:

3) Einfach aneinander vorbeilaufen? Auf dem Bürgersteig geht es jetzt vor – zurück – zurück – lächeln – vor – vorbei.

14) Wenn das Kleinkind strahlend auf andere Kinder zuläuft und man es zurückhalten muss – das tut weh.

40) 30 Sekunden, auch zwischen den Fingern – und Daumen nicht vergessen: Unsere Hände waschen wir jetzt wie Chirurgen.

68) Wenn die Straßen leer sind, schaut man öfter nach oben und, tatsächlich, der Fernsehturm ist wirklich von fast überall zu sehen.

79) Keiner hustet, keiner raschelt mit Popcorn? Auch das kann man vermissen.

97) Endlich alles weglesen, was sich auf dem Nachttisch aufgestaut hat – ein Genuss. Und wenn der Alltag pausiert, bleibt sogar genug Muße, den ganzen Tagesspiegel und den Checkpoint in Ruhe zu lesen.

...bis hierhin hat’s jedenfalls geklappt! :-) Zu unserem E-Paper geht’s übrigens hier entlang.

Letzte Meldung: Wer das Coronavirus für einen Regierungskomplott hält (Stichwort: NWO), nimmt es mit Maske und Abstand oft nicht so genaut. Ein Schaffner der Deutschen Bahn im ICE 373 hält mit seiner eigenen Theorie dagegen: „Und zum Schluss noch ein Hinweis an alle Verschwörungstheoretiker bei uns an Bord: Denken Sie bitte daran, dass die Bundesregierung heimlich Ihre Speichelproben sammelt!“

Durch­gecheckt

Durchgecheckt

Mary Scherpe, Mode- & Foodbloggerin auf Stil in Berlin, Gründerin des „Feminist Food Club“ (Foto: privat)

Frau Scherpe, seit dem 22. März durften Berliner Restaurants und Cafés nur noch Außer-Haus-Verkauf anbieten. Schwierige Zeiten für eine, für die Essengehen auch Beruf ist?

Für mich war schon lange bevor die Restaurants ihren Tisch-Service beenden mussten klar, dass ich jetzt erstmal nicht mehr hunderte Instagram-Stories vom tollen Essen in Restaurants posten kann. Das wäre unverantwortlich gewesen. Ich übe mich gerade in Geduld – wie so viele. Ich bin Freiberuflerin und verkaufe ja auch Gastro-Guides für Berlin, über die besten Orte zum Brunchen zum Beispiel. Die wollte natürlich auch niemand mehr kaufen, weil kaum jemand zum Frühstücken ausgegangen ist. Auf meiner Website „Stil in Berlin“ gab es viel weniger Klicks. Wer sucht jetzt nach Restaurant-Tipps? 

Ihr Foodbloggerinnenherz muss doch jetzt wieder kräftig pochen: Seit gestern können wir in Berlin wieder am Restauranttisch essen. Kehrt ein Stück Normalität zurück?
 
Ich bin da zwiegespalten und finde auch den Begriff der „Wiedereröffnung“ falsch. Im Gegensatz zu ganz vielen Läden, zu Clubs, Frisören oder Fitnessstudios zum Beispiel, waren ja Restaurants und Cafés nie ganz geschlossen – es war immer erlaubt, abzuholen und liefern zu lassen. Für mich war das am Freitag kein Tag, an dem ich gerufen habe, „Hurra, die Tore gehen wieder auf“. Das ist das eine – und andererseits sind die Hygieneregeln gerade für viele kleinere Läden überhaupt nicht umsetzbar.
 
Wie meinen Sie das?
 
Die Diskussion um die Wiedereröffnungen wurde ganz stark von Läden bestimmt, die eine relativ große Grundfläche haben und Außenflächen. Das braucht man einfach, um zum Beispiel den 1,5-Meter-Abstand zwischen den Gästen zu organisieren. Für ganz viele kleine Läden macht das gar keinen Sinn, jetzt wieder zu öffnen. Sie dürfen nur ein, zwei Tische besetzen, aber müssen ja trotzdem das gesamte Personal vor Ort haben. Die können so gar kein Geld verdienen. Viele werden deshalb auch erstmal keinen Tisch-Service mehr anbieten.
  
Stattdessen kommt das Essen weiter bis vor die Haustür? Man hatte fast das Gefühl, das verpönte Bestellen von Essen wurde in den vergangenen Wochen zu einem solidarischen Akt.

Diese Krise hat ganz viele gezwungen, ihr Verständnis von Gastronomie zu verändern: Gäste und Gastronomen. Wer überleben will, muss viel über Marketing, Cash-Flow und Branding nachdenken und das anbieten, was die Kunden wollen. Ich hoffe, dass die Berliner Food-Szene dadurch noch diverser und kreativer wird. 

Sie haben auf Ihrem Instagram-Kanal in den vergangenen Wochen viele praktische Tipps gegeben, wie Gastronomen besser durch die Krise kommen. Also: Wie kann das gehen? 

Gastronomen müssen sich überlegen, okay, was wollen meine Gäste wirklich essen, was sind meine Bestseller und wie kann ich die so neudenken, dass sie in diese Zeit passen? Berlin war in der Vorher-Zeit oft eher rückständig: Man konnte kaum gutes Essen bestellen. Das war katastrophal. Lieferung wurde von den Food-Snobs immer belächelt und mitnehmen war auch schwierig. Das Aufregende ist jetzt, dass viele Läden kreativ geworden sind. Aus den ganzen Notlösungen können und müssen nachhaltige Businessmodelle werden. Das ist auch eine Chance.
 
Klingt optimistisch. Der Hotel- und Gaststättenverband warnt, dass viele Berliner Gastronomen pleite gehen, wenn es zu einer zweiten Infektionswelle kommt.
 
Ich würde mich freuen, wenn man die Situation jetzt zum Anlass nimmt, um mal zu hinterfragen, ob die Geschäftsmodelle, die in der Gastronomie gefahren werden, alle so richtig sind. In der Essensproduktion schaut endlich auch der Mainstream auf die Probleme: Es ist einfach nicht richtig, dass bis zu 80.000 Saisonarbeiter aus Rumänien und Bulgarien bei uns Spargel unter den schlimmsten Bedingungen ernten und nicht vor Infektionen geschützt werden. Das gleiche gilt für die fleischverarbeitende Industrie. Wir müssen uns in Zukunft stärker fragen, wie sehr wir die Arbeiter schätzen, die unser Essen produzieren.

Worauf freuen Sie sich am meisten, wenn alles wieder normal ist?
 
Ich weiß gar nicht, ob es diesen einen Tag geben wird, an dem alles wieder wie vorher ist. Wahrscheinlich eher nicht. Was ich am meisten vermisse, sind diese Abende, an denen ich mit vielen Leuten in einem chinesischen Restaurant sitze und wir die Karte hoch und runter bestellen. Wir teilen alles, probieren alles gemeinsam. Essen als soziales Ereignis. Einfach eine Schüssel Hummus in die Tischmitte stellen und jeder tunkt da mal sein Brot rein; das geht natürlich jetzt nicht. Ich habe leider das Gefühl, solche Abende sind noch in richtig weiter Ferne.

Thomas Wochnik

Wochniks Wochenende

Die besten Berlin-Tipps für drinnen, draußen und drumherum.

48h Berlin

Samstagmorgen – Der Wochenendeinkauf ist besonders lästig, wenn man schon vor dem Betreten der Geschäfte Schlange stehen muss. Etwas Entzerrung des Andrangs, den Vorteil zusätzlichen Raums zum Abstandhalten und Delikatessen, die man nicht überall bekommt, bietet in Lichtenberg die Stadtfarm (Allee der Kosmonauten 16), bei der überwiegend regionale Erzeuger ihre Spezialitäten feilbieten. Heute gibt es einen Schwerpunkt auf regionalen Fisch, der besonderen, nämlich „aquaponischen“ Zuchtbedingungen entstammt. Was das bedeutet und mehr erfahren Sie hier.

Samstagmittag – Barbetreiber kennen dieses Herdenphänomen noch aus der Prä-Lockdown-Ära: Solange der Laden leer ist, wollen keine Gäste Platz nehmen. Ist er aber einmal voll, hört der Andrang gar nicht mehr auf. Irgendwo dazwischen muss ein flüchtiger Augenblick liegen, den noch niemand zureichend beschrieben hat. Kleine Kunstgalerien kennen das in der Regel nicht, sich drängende Besucher gibt es allenfalls bei Vernissagen. Beste Bedingungen also für Inspiration mit Abstand in der Auszeit. Von 15 bis 19 Uhr beleuchten Libia Castro und Ólafur Ólafsson, bekannt unter anderem von der Venedig Biennale 2011, auf der sie Island vertraten, Frauenrechte in der griechischen Antike mit einer auf ausgiebigen Recherchen beruhenden Klangskulptur. Danziger Straße 162A, U-Bhf Eberswalder Straße

Samstagabend – Mit dem Ende der Pandemie wird höchstwahrscheinlich auch die Zeit der Streams enden. Schon jetzt zeigen sich nicht nur Ermüdungserscheinungen seitens der Veranstalter und des Publikums, sondern auch alternative Ideen: Das Theaterkollektiv She She Pop verlagert sich aufs Telefon, das sei im Gegensatz zum Internet immerhin verlässlich, persönlich, bi-direktional und außerdem ein vertrautes Medium des Erzählens. Ab 20 Uhr lassen sich Mitglieder des Kollektivs anrufen, um Anekdoten aus dem Theaterleben zu teilen. Das Ganze versteht sich übrigens nicht als Kunst, sondern als Serviceleistung für alle, die schon zu lange keine Gespräche mehr mit Fremden geführt haben. Anweisungen, Telefonnummern und mehr finden Sie hier.

Sonntagmorgen – Anlässlich des 43. Internationalen Museumstags hat das Deutsche Historische Museum eine Handvoll neuer, inklusiver und online-basierter Formate zur Ausstellung Hannah Arendt und das 20. Jahrhundert entwickelt. Auch bei den telefonischen Führungen für Blinde und Sehbehinderte steht der Fernsprechapparat im Vordergrund. Die „Führungsreferentin“ beschreibt detailliert die Museumsräume und verschiedene Objekte, angereichert mit Zitaten aus Texten und Briefen Hannah Arendts. Und, da das Ganze nicht vom Band läuft, sind natürlich Zwischenfragen möglich (Anmeldung unter fuehrung@dhm.de). Um 11 Uhr gibt es zudem eine Einführung zu Hannah Arendt im Livestream, mehr hier.

Sonntagmittag – Mit der Kunstform Soundwalk hat Janet Cardiff ein elegantes Mittel geschaffen, mit geringem technischen Aufwand, erhebliche Eingriffe in die Wahrnehmung des Alltäglichen zu bewirken. Heute um 12 Uhr bietet der Stadtpark Lichtenberg Gelegenheit, damit aus dem Corona-Alltag auszubrechen. Und so funktioniert es: Hier finden Sie ab Samstagmorgen eine Karte der Route sowie den Link zu einer Audiodatei, die sie herunterladen oder in der kostenlosen Soundcloud-App speichern können. Die Datei hören Sie dann über Kopfhörer (ohne Noise-Cancelling Funktion) im Park und lassen sie mit dem, was um sie geschieht, wechselwirken.

Sonntagabend – Wer sich noch zum Wochenendeende mit schlechten Erinnerungen, unerledigten Aufgaben oder Altlasten plagt, dem sei Oliver Zahns Online-Performance „Lob des Vergessens, Teil 2“ ans Herz gelegt. Anders als ein bloßer Stream, der irgendwas von der Bühne eins zu eins auf den Bildschirm bringen soll und somit immer kompromissbehaftet bleibt, will sich diese Performance formal und inhaltlich mit ihrem Medium auseinandersetzen und seine Möglichkeiten, etwa in punkto Interaktion, weiter ausloten. Ob sie wider die um sich greifende Stream-Verdrossenheit ankommt, erfahren Sie ab 20 Uhr. Die Teilnehmerzahl ist begrenzt, die Anmeldung über E-Mail erforderlich und kostenlos.

Mein Wochenende mit

Durchgecheckt

Phillip Sollmann ist DJ und Musikproduzent. Unter seinem Pseudonym Efdemin ist er eine internationale Größe der Techno-Szene. Sein neues Album ist eine Reise in die Welt der utopischen Musik. Foto: Lendita Kashtanjewa

„Passend zur großen Pause habe ich am Freitag mein neues Album „Monophonie“ unter meinem bürgerlichen Namen herausgebracht, eine Musik weit weg von Club und Nachtleben. Wenn das Wetter es zulässt, werde ich an diesem Wochenende mit der Familie auf der Veranda unseres kleinen Bungalows am See in der Märkischen Schweiz sitzen und bei einem Glas Weisswein auf das Erscheinen dieser lang ersehnten Veröffentlichung anstoßen. Hier wohnen wir seit über zwei Monaten und sehen mehr Hasen, Rehe, Biber und Igel als Menschen. Auf meinen Runden um den See treffe ich hin und wieder auf einen angelnden Wutbürger mit Aufklebern wie „offizieller deutscher Steuerknecht“ auf dem illegal abgestellten Auto im Naturschutzgebiet. Ansonsten haben wir die Corona-Welle bisher eher aus der Distanz wahrgenommen in einer Welt ohne Masken und dauerndem Händewaschen. Es blieb viel Zeit zum Musizieren. In unserem Garten steht eine Leiter, an die ich für unsere Tochter Tontöpfe verschiedener Größen gehängt habe, auf der sie ihre Version von „Monophonie“ spielt. Ich habe ihr versprochen, dem Instrument noch ein Balaphon aus den Holzresten des kürzlichen Schuppenumbaus an die Seite zu stellen, in dem sich jetzt mein temporäres Studio befindet. Wenn das Wetter allerdings sehr gut ist, werden wir einfach einen Picknickkorb packen und einen Gang um den See machen. Dann komme ich ums Sägen und Bohren herum. Fingers crossed.“

Lese­empfehlungen

In fiktionalen Thrillern und Horrorfilmen ertragen wir mit einem angenehmen Schauer selbst die grausamsten Gräueltaten. Aber stellen Sie sich mal vor, sie säßen einem echten Sereinmörder gegenüber, 1,90 Meter groß, Schuhgröße 47, der Plasikbecher in seiner Hand verschwindend wie ein Fingerhut. Sieben Morde hat Thomas Rung begangen, meine Kollegin Katja Füchsel hat ihn im Gefängnis besucht.

Die vielleicht beste Wunschmetapher für unsere (Aus-)Zeit lieferte die Berliner Tänzerin und Pantomimin Valeska Gert (1892-1978) schon vor geraumer Zeit: Sie tanzte die Pause. Was hier vielleicht nach autosuggestiver Aufheiterungstaktik klingt, könnte jedoch kaum weiter davon entfernt sein. Ihre Pause reiht sich nahtlos in die historische Avantgarde neben Robert Rauschenbergs weiße Leinwände und John Cages nur aus Pausen bestehende Partitur 4'33''. Ihre lange vergriffene 1968er Autobiografie „Ich bin eine Hexe – Kaleidoskop meines Lebens“ (288 Seiten, 19,90 Euro, Alexander Verlag) ist erst letztes Jahr wieder aufgelegt worden und erzählt eine bewegte Geschichte durch Kunst, Gesellschaft und das Who-is-Who der Avantgarden des 20. Jahrhunderts von Werner Herzog, Bertolt Brecht, Tennessee Williams, Judith Malina, Ernst Lubitsch, Klaus Kinski, Federico Fellini, Volker Schlöndorff, Rainer Werner Fassbinder und anderen. Wäre das alles nur hohles Namedropping, hätte sich Kurt Tucholsky kaum als ihr Fan geoutet.

Wochen­rätsel

Der DRK-Blutspendedienst registriert seit dem gelockerten Lockdown wieder deutlich mehr Bedarf an Blutkonserven, kann aber viele der gewohnten Zapfstellen – Schulen, Kitas, Sportstätten – weiterhin nicht nutzen, ebenso wenig den beengten Blutspendebus. Für den 22. Mai ruft das DRK daher auf zur Blutspende im

a) Hofbräu Wirtshaus Mitte
b) Roten Rathaus
c) Kino International

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Encore

Apropos Stream-Verdruss: Auch Helge Schneider kann sich damit nicht anfreunden und erklärt in einem Video, dass er nicht auftreten wolle vor Autos, vor Menschen, die anderthalb Meter auseinander sitzen und Mund- und Nasenschutz tragen müssen und schon gar nicht in einem „Streaming-Dingsda-Bumsda“, er wisse auch gar nicht wie man da rein komme und wolle sich damit auch nicht anfreunden. Außerdem erwäge er, da er demnächst 65 werde, den Ruhestand – er habe schon 1969 in die Rentenkasse einzuzahlen begonnen. Es gehe ihm also ansonsten gut, man soll sich wohl keine Sorgen machen, er könne auch kochen. Zum Beispiel „Hefeklöße, Pizza, Kartoffelbrei mit Blumenkohl und so“. Seine Ansprache scheint durchaus ernst gemeint und höchstens unfreiwillig komisch – was nicht nur für die übrige deutsche Comedy, sondern das ganze Land Normalzustand ist, wie Daniel Gerhardt in der Zeit anmerkt. Wir wünschen Durchhaltevermögen…

…und das mit Abstand beste Wochenende.

Ihr Julius Betschka