Heute vor 57 Jahren wurde die Mauer gebaut. Inzwischen ist sie länger weg, als sie stand – eine gefühlte Ewigkeit schon. Aber viele der Toten, derer heute gedacht wird, würden noch leben, wenn es die Mauer nicht gegeben hätte. Eine gefühlte Ewigkeit ist eben keine echte. Im Tagesspiegel erzählt Andreas Conrad heute die Geschichte von Bernd Lünser, der 1961 mit 22 Jahren beim Fluchtversuch starb.
Mit diesem Blick zurück beginnt die letzte Sommerferienwoche im schon wieder überhitzten, aber noch nicht wieder überfüllten Berlin. Die noch nicht wieder da sind und im Urlaub nicht vor dem Fernseher saßen, haben ein Sommermärchen verpasst, gegen das die diesjährige Fußball-WM im Nachhinein wie ein ferner Zombie-Alarm erscheint: Die Leichtathletik-EM mit ihren sympathischen Teilnehmern und grandiosen Leistungen hat selbst Sollen-die-sich-doch-abrackern!-Sportverächter begeistert. Daran ändern auch das Ballonkopfteddy-Maskottchen und das Durcheinander im leider doch seehr großen Olympiastadion nichts.
Die gelegentlichen Gespräche mit dem Meteorologen Jörg Riemann gehören zu den interessantesten in meinem Redakteursdasein. Riemann ist meteorologischer Leiter der in Tempelhof ansässigen „Wettermanufaktur“ (deren Name täuscht, denn die können das Wetter auch nicht ändern). Für den heutigen Tagesspiegel habe ich mir von ihm erklären lassen, warum die Dürre einfach nicht enden will. Die weiteren Aussichten sind heiter, aber überhaupt nicht lustig.
Seit vielen Monaten schon ist das Wettergefüge auf der gesamten Nordhalbkugel aus dem Takt. Konstant geblieben ist dagegen die Erkenntnislage der AfD, wonach der Klimawandel nichts mit den rund 40.000.000.000.000 Kilo CO2 zu tun hat, die die Menschheit jedes Jahr in die Luft bläst. Alexander Gauland hat das im ZDF-Sommerinterview gestern noch mal bestätigt. Zu den anderen Großthemen (Rente/Wohnen/Digitalisierung) wusste er nichts zu sagen.
Was den Wassernachschub betrifft, ist Berlin durch die Dürre zum Geberland geworden: Wir lassen deutlich mehr Wasser Richtung Potsdam abfließen, als von Havel, Spree und Dahme in der Stadt ankommt. Die schlechte Nachricht: Der Überschuss stammt im Wesentlichen aus den Klärwerken. Alles schon mal dagewesen, sozusagen.
Womit wir bei der Spree wären, die laut Urberliner Halbwissen in trockenheißen Sommern ja angeblich rückwärts fließt. Sie tut das nicht etwa, weil sich Berlin bei Wärme blähen oder wie eine Sonnenblume nach Süden neigen würde, sondern weil die Wasserbetriebe im Verein mit Petrus und Helios (Verdunstung!) am Müggelsee zurzeit mehr entnehmen, als von Osten her nachströmt. Das Defizit gleichen die erwähnten Klärwerksableiter aus sowie die Dahme, die in der Köpenicker Altstadt in die Spree mündet. Von da sind es etwa 3 km „bergauf“ bis zum Müggelsee.
An dessen Südufer befindet sich die höchste natürliche Erhebung Berlins. Die höchste unnatürliche türmt sich nach Recherchen meines Kollegen Klaus Kurpjuweit zurzeit in Tegel: Es ist, man ahnt es wohl, der Kofferberg, der wegen der plötzlich hereingebrochenen Sommerferien allen Beteiligten und Unbeteiligten am Flughafen TXL über den Kopf gewachsen ist. Vereinzelt musste schon die Bundespolizei einschreiten, nachdem wütende Passagiere allzu heftig losgekoffert hatten und zu allem Überfluss (bzw. Mangel) auch noch das Klopapier zur Neige ging. Dass aus Schönefeld bisher nichts Vergleichbares berichtet wurde, ist wahrscheinlich dem Streik der Ryanair-Leute zu verdanken.
„Vermehrt falsche Polizisten am Telefon“, schreibt die Polizei. Das ist kein Arbeitsauftrag für irgendein Biotech-Startup, sondern eine Warnung vor Kriminellen, die massenhaft Leute abtelefonieren und vor angeblich bevorstehenden Einbrüchen u.ä. warnen. Mehr als 100 Notrufe gingen deshalb bei der echten Polizei allein in der Nacht zu Freitag ein. In einigen Fällen war es den Betrügern gelungen, ihren Opfern Bargeld abzuschwatzen, das die Pseudo-Polizisten angeblich in Sicherheit bringen wollten. Die echte Polizei weist deshalb darauf hin, dass sie 1.) dergleichen niemals tun würde und 2.) auch nicht selbst mit der Telefonnummer 110 im Display anruft.
Telegramm
Die ICEs zwischen Berlin und Hannover ff. können wegen Gewitterschäden noch bis Mittwoch nicht in Wolfsburg halten (oder durchfahren). Die Umleitung über Braunschweig dauert laut Bahn ca. eine halbe Stunde länger.
Die nächtlichen Spül- und Kühlfahrten der Stadtreinigung müssen heute Abend leider entfallen, weil es in dieser Woche nur Montag und Donnerstag heiß werden soll, aber die Dienstpläne bei der BSR wochenweise gemacht werden. So bleibt es vorerst bei den beiden Einsätzen am vergangenen Donnerstag (als es gewitterte) und Freitag (als es kühl war).
Der Fall der Mauer hat auch den Mauerpark ermöglicht – auch wenn der inzwischen so überstrapaziert aussieht wie vieles in Berlin. In den nächsten Jahren sollen sieben Hektar hinzukommen und das aktuelle Gelände aufgebrezelt werden. Dazu hat die Verwaltung eine Online-Befragung gestartet, die schon jetzt interessante Ideen (z.B. eine Imbisshütte mit Spiele-Verleih) erbracht hat. Mal sehen, was davon die angekündigte Machbarkeitsstudie überlebt.
CP-Leserin Maika J. hat Fotos einer verwaisten Baustelle samt Müllhalde von der Größe zweier Parklücken aus der Warthestraße gemailt – als „letzten Versuch, Abhilfe zu schaffen“. Das Ordnungsamt Neukölln fahre tatenlos an dem Schandfleck vorbei und reagiere genervt auf Anrufe. Immerhin landet man nicht in der Wartheschleife.
Vielleicht ist das Ordnungsamt auch einfach vom Chef genervt. Bezirksbürgermeister Martin Hikel (SPD) möchte seinen Leuten nämlich ein Dreischichtsystem verordnen (Q: Morgenpost), damit die dem wahren Leben auch nach 22 Uhr zu Leibe rücken können. Die in Berlin sonst eher unübliche Buschkowsky-Giffey-Taktik, wonach man Regeln hin und wieder durchsetzen kann, scheint in Neukölln auch unter Hikel zu gelten.
In Kreuzberg verwahrlost das untere Ende der Friedrichstraße derart, dass Anwohner des Mehringplatzes per Offenem Brief ans Bezirksamt Alarm schlagen (Q: Berliner Kurier). Laut Baustadtrat Florian Schmidt (Grüne) ist die geplante Entschmuddelung des Platzes ungewiss, weil aus geschätzten 3,5 Mio. Euro schon vor Baubeginn 5,9 Mio. geworden sind.
Heiße Geschichte von CP-Leserin Barbara A., deren Mann Donnerstagmittag (bei >30 Grad) in der Torstraße im Auto döste, während sie zur Post ging. Plötzlich klopft ein junger Mann an die Scheibe, sagt: „Sie müssen das Fenster auflassen, bei der Hitze ist es sonst gefährlich!“ Fünf Meter weiter dreht er sich noch mal um zur Kontrolle – und geht zufrieden weiter.
Der Fachkräftemangel in Brandenburg wird immer dramatischer: Auf dem Spreewaldgurkentag in Golßen konnte mangels Bewerbern kein neues Gurkenkönigspaar gekrönt werden (Q: B.Z.). „Dabei ist die eingelegte Gurke das Aushängeschild der Region.“ Vielleicht mal das Schild wechseln?
Mäh!, lautet der Auftrag der Grün Berlin GmbH an einen Brandenburger Landwirt. Heute früh vor 7 Uhr legt der Bauer mit der großen Mähmaschine auf dem Tempelhofer Feld los. Erst wird eine Hälfte von Berlins größter Wiese gemäht, in drei bis vier Wochen die andere. Das soll den Insekten Zeit zum Umzug in die noch nicht gemähten Bereiche verschaffen. Was die Insekten machen, wenn die zweite Hälfte drankommt, bleibt in der Schwebe.
Am BER könnte es den Tierchen gefallen. Allerdings breiten sich dort gerade die Nachfolger von Käfer & Co. aus: Vergangene Woche hat VW per Lastwagen den ersten Schwung jener Neuwagen nach Schönefeld karren lassen, die wegen neuer Abgastests nicht zugelassen werden können. Gut eine Million Euro kassiert die Flughafengesellschaft für die etwa 8000 Stellplätze. Macht 125 Euro Parkgebühr pro Auto für den Rest des Jahres. Sechs Jahre nach der Beinahe-Eröffnung verdient der BER endlich Geld.
BER Count Up – Tage seit Nichteröffnung:
Flughafenchef Engelbert Lütke Daldrup hat das Wunder vollbracht: Am 31. Oktober 2020 ist der Flughafen BER offiziell eröffnet worden. 3.073 Tage nach der ersten Nicht-Eröffnung stellen wir damit unseren Count Up ein. Wer nochmal zurück blicken will: Im Tagesspiegel Checkpoint Podcast "Eine Runde Berlin" spricht Lütke Daldrup mit Tagesspiegel Chefredakteur Lorenz Maroldt und Checkpoint Redakteurin Ann-Kathrin Hipp über detailverliebte Kontrollen, politische Befindlichkeiten und aufgestaute Urlaubstage.
Zitat
„Dann endete die Rede des Bürgermeisters mit seiner berühmten, erfolgreichen Schlusswendung. Seine Stimme wurde plötzlich staatstragend, und er verkündete feierlich, wenn es eines gäbe, was er sicher wüsste, dann dies: dass sich die Berliner keinen Blödsinn erzählen ließen.“
Die Passage ist dem Krimi „Der König von Berlin“ von Horst Evers entnommen – perfekte Lektüre für letzte Ferienwoche zum heiteren Eingrooven in den Wahnsinn des Alltags. Das Buch gibt’s auch online im Tagesspiegel-Shop.
Stadtleben
Achtung, im Angiyok gilt der Dresscode: Wollpulli, Mütze, Schal. Die Wintersachen sind noch im Keller verstaut? Macht nichts, Jacken und Handschuhe können Sie in der Eisbar an der Spandauer Straße 2, kältestes Fleckchen der Stadt und Sehnsuchtsort der vergangenen Wochen, auch kostenfrei ausleihen. Frostige 60 Tonnen Eis wurden in der Einrichtung verbaut - sogar die Gläser, in denen die Drinks ausgeschenkt werden, sind aus Eis. Abkühlung garantiert. S-Bhf Hackescher Markt, barrierefrei, So-Do 14-24 Uhr, Fr/ Sa 14-2 Uhr, Eintritt ab 4,50 Euro