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Spielt Berlin in einer Liga mit New York, Dubai & Co?Oldtimerparade muss Al-Quds-Marsch weichenInterview mit Innensenator Geisel

ich war noch niemals in New York – und Sie? Brauchen Sie auch gar nicht. Berlin hat’s endlich geschafft. Im Jubiläumsjahr – 100 Jahre Groß-Berlin – stehen wir in einer funkelnden Reihe mit: Big Apple, Singapur und Dubai. „Wir spielen in einer Liga“ mit denen, sagte Burkhard Kieker, Chef von Berlins Tourismusagentur „Visit Berlin“, am Freitag bei der Vorstellung der Tourismusbilanz für 2019. Bling, bling! 

13,96 Millionen Besucher schliefen im vergangenen Jahr in den Hotels, Hostels und Pensiönchen der Hauptstadt, 3,4 Prozent mehr als 2018. Neuer Rekord – und der Babypanda-Boom kommt ja erst noch! Für die deutsche Konkurrenz aus Hamburg und München hatte Kieker übrigens schlechte Neuigkeiten im Reiserucksack: Berlin hat so viele Übernachtungen wie seine Nord- und Südvorstadt zusammen. Da kiekste. Aber spielt Berlin wirklich in einer Liga mit New York, Dubai, Singapur? Wollen wir das?

Wir machen den exklusiven Checkpoint-Test und wagen zuerst den großen Kaffeepreisvergleich. Der ist (nach dem Big-Mac-Index) ja eines der gehaltvollsten Indizien fürs Wohlbefinden im Urlaub. Hier spricht der (Durchschnitts-)Preis:

Dubai: 4,15 Euro
New York: 2,87 Euro
Singapur: 2,15 Euro
Berlin: 1,87 Euro

Checkpoint-Fazit: Berlin spielt zweitklassig, Dubai in der Champions League. Die Transfersumme für einen lauwarmen Schluck Airport-Kaffee in den Emiraten wirkt ähnlich unanständig, wie die niedrigen Gehälter der zehntausenden Gastarbeiter.

Telegramm

Nie wieder, das sagen und schreiben deutsche Politiker fast routiniert. Und doch passiert es immer wieder. Deutsche Nazis töten. Immer wieder, wieder mehr. Der NSU, Walter Lübcke, Halle und in dieser Woche der grausame rechtsextremistische Mordlauf im hessischen Hanau. Es sind nur einige Beispiele. Die türkische Zeitung „Hürriyet“ hat auf Deutsch getitelt: „Es reicht“. Immerhin hat Bundesinnenminister Horst Seehofer (CSU) jetzt klare Worte gefunden: Er machte die Hetze der AfD am Freitag mitverantwortlich für den rechtsextremistischen Anschlag. Auch Berlins Innensenator Andreas Geisel (SPD) sagte dem Checkpoint: „Die AfD legt mit ihrem Rechtspopulismus, mit ihrer Hetze den Nährboden für diese Taten.“ Ein Interview mit dem Innensenator zur Sicherheitslage in Berlin lesen Sie weiter unten – und am Sonntag ausführlich im Tagesspiegel.

Ein Freund eines der Ermordeten von Hanau bittet um Spenden für dessen Beerdigung – und für die Zeit danach. Er will damit den Hinterbliebenen helfen. Der Name des Opfers: Ferhat Unvar. Sein Freund schreibt: „Es muss nicht viel gespendet werden pro Person, selbst ein kleiner Betrag kann viel helfen.“ Hier geht es zur Spendensammlung.

Zurück nach Berlin: Am Sonntag tritt der Mietendeckel in Kraft – nach zehrenden Diskussionen und mit unklarer Zukunft. Mein Kollege Robert Kiesel schreibt über ein internes Papier aus der Senatsverwaltung für Stadtentwicklung. Innerhalb der nächsten fünf Jahre, steht da drin, müssen die städtischen Wohnungsbaugesellschaften mit 300 Millionen Euro weniger rechnen. Insider sagen: die Zahlen sind „deutlich zu tief gegriffen“. Kurios: Mieter müssen außerdem künftig mit zwei verschiedenen Mieten im Vertrag rechnen. Berlin und der Mietendeckel – Beziehungsstatus: Eiersalat.

Ihnen hilft auch der beste Mietendeckel nicht: Sie tragen die falschen Namen. Meine Kollegin Viola Kiel hat ihnen zugehört. Sie heißen Mehmet, Fadi und Ferahnur, kriegen keine Wohnung, keinen Job. Was dahinter steckt? Keine Sorgen, keine Ängste – was dahinter steckt: rassistische Vorurteile.

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Das Berlin Travel Festival geht vom 6. - 8. März 2020 in der Arena Berlin unter dem Motto „Where Is Paradise“ in die dritte Runde und vereint Abenteurer, Entdecker und Marken von heute. Zu Gast sind rund 150 Speaker und 200 Aussteller, die sich mit den neuesten Innovationen, originellen Ideen und spannenden Destinationen beschäftigen. Jetzt Tickets sichern!

Il Barberini di Potsdam: Dort jedenfalls (im Museum Barberini gleich bei Berlin) läuft ab diesem Wochenende die größte jemals in Deutschland gezeigte Ausstellung des Impressionisten-Impresarios Claude Monet – und sie ist sensationell, sagen die Kollegen von unserer märkischen Schwesterzeitung PNN. Zeit für einen Wochenendausflug...

...wobei das Gute gerade so nah liegt: Checkpoint-Kollege Robert Ide treibt sich auf der Berlinale herum. Unser Filmfestivalprofi hat die Steh-Bloß-Nicht-Dumm-Rumchen mit Champagnerglas auf der Eröffnungsparty beobachtet und versucht, sich alle Namen der mehr als 300 A-,B- und Z-Promis zu merken. Wie Mission Impossible – nur ohne Flugzeugträger.

Ein (wohl unbeteiligter) Mann ist tot, vier weitere verletzt. Langsam lichtet sich der Pulverdampf um die Schießerei am Tempodrom Der Grund? Wohl Revierstreitigkeiten unter türkisch-kurdischen Familien aus der Halbwelt. Die eine soll für den Kartenverkauf, die andere für den Sicherheitsdienst zuständig gewesen sein. Eine der Familien wollte jetzt das ganze Geschäft, heißt es aus Sicherheitskreisen. Das Tempodrom widerspricht.

Gar kein Koalitionskrach dieser Tage. Ungewöhnlich – ist was im Busch? Um uns zu die Zeit zu vertreiben, kramen wir in den Kleinen Anfragen: Der SPD-Abgeordnete Joschka Langenbrinck wollte wissen, wie der Senat die Einführung des Studiengangs „Türkisch“ an der Freien Universität bewertet. Wissenschaftsstaatssekretär (und Parteifreund) Steffen Krach antwortete kurz, aber polyglott: Sehr positiv / çok olumlu“. Gut zu wissen, einfach: çok güzel!

Die Berliner Grünen müssen wählen: Soll Wirtschaftssenatorin Ramona Pop ins Rennen um das Bürgermeisterinnenamt gehen oder Fraktionsvorsitzende Antje Kapek. Am 28. November soll eine Mitgliederversammlung entscheiden. Kapek hätte innerparteilich recht gute Chancen, heißt es aus Parteikreisen, an der Wahlurne dürfte Senatorin Pop aber eine breitere Wählerschaft anziehen. Ihr Ziel eint beide: Das Rote Rathaus soll einen grünen Anstrich bekommen.

Seit 7 Jahren röhren sie über den Ku’damm: die hübschen Oldtimer auf den „Classic Days Berlin“. Ein Stück Verkehrsgeschichte (auch wenn das einigen in Berlin nicht gefällt). In diesem Jahr sollten sie am 16. Mai stattfinden, seit Monaten warten die Veranstalter auf eine Genehmigung. Jetzt verschickten sie folgende Mail: „Leider sind wir gezwungen die Classic Days Berlin für dieses Jahr abzusagen, da für den 16.05.2020 der Al-Kuds-Marsch auf dem Kurfürstendamm nachträglich angemeldet wurde.“ Die Ämter seien nicht in der Lage gewesen, der Demonstration eine andere Strecke zuzuweisen. Der Al-Quds-Marsch ist übrigens die jährliche Prunkparade religiöser Eiferer und Antisemiten – und die hat in Berlin anscheinend Vorrang.

Christentum und Klimaretter machen gemeinsame Sache: Pfarrer Thomas Zeitler redet am 26. Februar in der Kirchengemeinde Alt-Pankow. So weit, so klassisch. Sein Thema: gewaltfreie christliche Klimaaktion (wir sponsern das Kürzel: gechriKA). „Wir sind da als Kirche noch nicht gut aufgestellt“, sagt Zeitler. Er ist Teil von Extinction Rebellion und die wollen im Mai – wie im vergangenen Jahr – Berlins Straßen blockieren. So Gott will.

Hurra! Wir haben ein neues Baby: Mit dem Newsletter „Twenty/Twenty“ begleitet unser US-Quartett Christoph von Marschall, Anna Sauerbrey, Juliane Schäuble und Malte Lehming Sie ab nächsten Donnerstag einmal wöchentlich auf dem Weg zur Präsidentschaftswahl in den Vereinigten Staaten. Macht es Trump noch einmal oder finden die Demokraten zu sich selbst? Hier geht’s zur kostenlosen Anmeldungtagesspiegel.de/twentytwenty

Letzte Meldung: Die „B.Z.“ berichtet von einem Gespenster-Protest vor der Senatsverwaltung für Soziales“. Was war gruseliges passiert? Einem Seniorenwohnen wird nach 16 Jahren die Förderung durch Jobcenter und das Land Berlin gestrichen, die Hälfte der Arbeitsplätze fällt weg. 1000 Senioren könnten so aufs Abstellgleis geraten.

Durch­gecheckt

Durchgecheckt

Andreas Geisel (SPD), 53, ist seit 2016 Berliner Innensenator. Mit dem Checkpoint spricht er über die Sicherheitslage in Berlin nach dem rechtsextremistischen Attentat im hessischen Hanau.

Herr Geisel, ist ein rechtsextremistischer Anschlag wie im hessischen Hanau auch in Berlin denkbar?

Wir sagen seit geraumer Zeit, dass wir eine abstrakt hohe Gefährdungslage haben – auch in Berlin. Der Bundesinnenminister und die Innenminister der Länder sind sich einig: Die Gefährdung, speziell durch den Rechtsextremismus, ist sehr hoch. Deshalb müssen wir handeln.

Der Attentäter von Hanau, Tobias R., war – soweit das bislang bekannt ist – ein Verschwörungstheoretiker mit einem rassistischen, rechtsextremistischen Weltbild. Er hat wohl allein gehandelt. Wie sind die Berliner Sicherheitsbehörden auf solche Gefährder vorbereitet?

Solche Täter sind ein großes Problem für uns, wenn sie sich alleine zuhause oder im Internet radikalisieren. Sie tauchen im Moment nicht auf unserem Radar auf. Da müssen wir uns stärker aufstellen – das haben wir schon nach dem Anschlag auf die Synagoge in Halle gemerkt. Das Bundeskriminalamt arbeitet gegenwärtig daran, das Analysetool „Radar IT” auf rechtsextremistische Gefährder auszuweiten – bislang wurde es im Bereich Islamismus eingesetzt. Das ermöglicht uns künftig ein besseres Monitoring und eine bessere Einschätzung der Gefährdungslage.

Wie wollen Sie migrantisches Leben in Berlin schützen?

Seit Freitag schützt die Polizei mehrere große Moscheen in Berlin. Wir müssen aber auch überlegen, was wir für Vereine und Kulturzentren tun können. In Halle hat nur eine Schutztür ein Massaker verhindert, wir wollen deshalb auch für stark frequentierte migrantische Einrichtungen oder Moscheen die baulichen Sicherheitsmaßnahmen verstärken. Das Abgeordnetenhaus hat für 2020 und 2021 je fünf Millionen Euro für den Opferschutz zur Verfügung gestellt, davon könnte man das zum Beispiel finanzieren.

Das Infame dieser Anschläge ist ja, dass die Täter versuchen, durch Angst die Menschen zu vereinzeln, sie zu isolieren. Unsere offene und tolerante Gesellschaft wird nur stark bleiben, wenn wir alle zusammenhalten, wenn wir nicht zulassen, dass Menschen vereinzelt werden, weil Rassisten einzelne Teile unserer Gesellschaft angreifen 

Migrantische Organisationen werfen der deutschen Politik vor, die häufigen Kontrollen von Shisha-Bars, wie auch in Berlin, würden Vorurteile schüren. Was antworten Sie auf diese Kritik? 

Wir bekämpfen nicht die Shisha-Bars, wir bekämpfen Kriminalität – das muss man sauber trennen. Welchen Sinn soll es haben, Kontrollen von Shisha Bars einzustellen, weil jetzt ein Anschlag stattgefunden hat? Das werden wir nicht tun. Wir dürfen das nicht miteinander vermischen.

Wie wollen Sie den Spagat schaffen, zwischen der Bekämpfung der Kriminalität in den Shisha-Bars und dem Vorwurf, rassistische Vorurteile zu schüren?

Wir müssen sauber argumentieren und beides nicht in einen Topf werfen – genauso wenig wie Linksextremismus und Rechtsextremismus. Wir bekämpfen bei der Kontrolle der Shisha-Bars Kriminalität. Wir finden dort Tonnen von nicht versteuertem Shisha-Tabak, Verstöße gegen Brandschutzverordnungen, Schwarzgeld und ähnliches. Es gibt Kriminalität in Shisha-Bars, aber es gibt keine Sippenhaft.

Ein ausführliches Interview mit Innensenator Andreas Geisel lesen Sie am Sonntag im Tagesspiegel.

Thomas Wochnik

Wochniks Wochenende

Die besten Berlin-Tipps für drinnen, draußen und drumherum.

48h Berlin

Samstagmorgen – Weil im Dunkeln gut Munkeln ist, aber die Tage mit dem bedrohlich aufziehenden Frühling wieder zunehmend länger werden, wird im Weddinger Sprengelhaus (Sprengelstraße 15, U-Bhf Amrumer Straße) die Nacht verlängert. Bei der Gelegenheit wird ganz generell der Umgang mit der dunklen Seite des Tages geschult, sowie die Raumwahrnehmung über das Gehör. Somit steht einem zukünftigen Leben unter Tage oder auf der Rückseite des Mondes nichts mehr im Wege. Von 10 bis 14 Uhr wird im Gymnastiksaal mit den Ohren gesehen. 37 Euro kostet die Verdunkelung der Tatsachen. Wieder bei Sinnen, lasse man seinen Mehrwegbecher anschließend mit ausgezeichnetem Kaffee im Göttlich befüllen und schlendere damit zum Nordufer und immer weiter nordwärts, bis der Hohenzollernkanal fast den Plötzensee berührt, aber nur fast, aus dramaturgischen Gründen. Weil keine gute Geschichte – also auch nicht das Wochenende – mit einem Happy End beginnt.

Samstagmittag – Apropos Ende, kaum hat AKK ihren Rücktritt erklärt, war schon vom Ende der Frauen-Ära die Rede. Wer solche hirnrissigen Aussagen nicht auf sich sitzen lassen möchte aber nicht weiß, was er oder sie tun kann, ist schon länger bei Polis180 an einer guten Adresse. Der europäische Graswurzel-Thinktank will vor allem jungen Menschen den Zugang zur Politik ermöglichen, indem er nicht nur Analysen, sondern auch Lösungsoptionen anbietet und über Partizipation aufklärt. Von 14 bis 18 Uhr geht es in einer offenen Diskussionsrunde im ACUD macht Neu (Veteranenstraße 21, U-Bhf Rosenthaler Platz) um das Thema Migration, genauer: Polis180 wollen einen eigenen Programmbereich zum Thema inhaltlich gestalten und ausrichten, um in Zukunft eben in Sachen Migration politische Beratungsarbeit und Lobbyismus zu betreiben. Interessierte wie Expertinnen sind gleichermaßen zum Mitreden eingeladen – eine Gelegenheit also, sich in mögliche politische Weichenstellungen einzubringen. Anmeldung hier.

Samstagabend – Die arabische Knickhalslaute Oud gilt im Jazz längst nicht mehr als exotisches Instrument – kennt man den kulturellen Kontext, dem die Oud entstammt, ist das auch keineswegs überraschend. Denn die Improvisation über klassische Formen der arabischen Musik dürfte der Haupteinsatzzweck des Instruments sein. Gleichzeitig ist der Kontrabass im arabischen Raum kein wirklicher Exot mehr. Beide teilen sich heute die Bühne des Donau115 (Donaustraße 115, U-Bhf Rathaus Neukölln), um authentische Musik aus der Levante mit Jazzelementen zu verbinden. Dazu Perkussion und eine Gesangstimme, die zweisprachig vorträgt: Arabisch und Hebräisch. Eintritt auf Spendenbasis. Wem die Großstadtnacht zu grell ist und wer am Morgen noch nicht genug Dunkelheit getankt hat, kann seine Finsternis ab 0 Uhr im OHM beim Danse Noire noch vertiefen. Dunkler als hier wird man heute nicht mehr durch die Samstagnacht kommen (Köpenicker Straße 70, U-Bhf Heinrich-Heine-Straße).

Umso heller wird anschließend der Sonntagmorgen, den man mit einem Spaziergang durch den Tiergarten begehen kann, um gleich um 11 Uhr im großen Saal der Philharmonie Platz zu nehmen, wo Yukari Ishimoto und Tristan Benveniste das Orchester Berliner Musikfreunde und das Streichquartett Opus 76 aus dem französischen Rouen dirigieren. Auf dem Programm steht ein etwas zusammenhangslos zusammengewürfelter Fargmente-Kompott aus Beethoven, Bizet, Mahler und Mussorgsky. Dafür haben Autogrammjäger besonders gute Chancen, hier einen Fang zu machen, wenn sich das ein oder Sternchen vom roten Berlinale-Teppich auf der anderen Straßenseite in eine musikalische Auszeit verirrt. Eintritt 10 bis 29 Euro

Sonntagmittag – Hell-Dunkel-Kontraste der Musik waren schon immer auch Gegenstand der bildenden Künste – wie auch nicht, so gut wie alle Kunst bis in die Moderne strebte nach Universalität, entsprechend haben sich schon einige an der Frage der Übertragung von Klängen ins Visuelle und vice versa abgearbeitet. Man betrachte allein die Geschichte des Farbenklaviers oder Vassily Kandinskys Aufzeichnungen zum Thema. Im Deutschen verbinden sich beide Sinne nicht zuletzt im Begriff der Klangfarbe. Erschöpfen scheint sich das Thema nicht. Beispiel: Der Maler Bernhard Paul hat sich insbesondere der Neuen Musik nach Schönberg angenommen, um kompositorische Prinzipien auf die Leinwand zu übertragen und zeigt im aktuellen Zyklusgraue Sinfonie“ eine Auseinandersetzung mit eben der titelgebenden, unbunten Farbe. Heute ist die letzte Gelegenheit, um 18 Uhr beginnt die Finissage in der Schönleinstraße 25 (U-Bhf Schönleinstraße).

Sonntagabend – Wer in seiner Einer-WG die Gesellschaft seiner Selbst manchmal einfach nicht erträgt, muss nicht gleich verzweifeln. Autor und Regisseur Jan Kosslowski bietet in seinem aktuellen Stück nämlich Ferien vom Ich“. Ein selbstloser Badeurlaub an der Ostsee soll hier mit der Leichtigkeit einiger feiner impressionistischer Pinseltupfer eingefangen werden – im übertragenen Sinne versteht sich, die Tupfer setzen keine Maler sondern die Regie. Wem das zu kompliziert klingt, mache sich am besten selbst ein, äh, Bild von der Sache. Zum Beispiel in der Vorstellung heute um 20 Uhr im Ballhaus Ost, Pappelallee 15, U-Bhf Eberswalder Straße.

Mein Wochenende mit

Durchgecheckt

Max Andrzejewski spielt mit allen Kleinen und Großen in der Mitte der Berliner Jazzwelt Schlagzeug und komponiert Musik für die Randgebiete dessen, was Traditionalisten so Jazz, zeitgenössische Musik, Minimal oder experimentellen Rock nennen.

„Am Samstag arbeite ich an einer Partitur. Das Festival Podium Esslingen“ hat eine ziemlich umfangreiche Komposition bei mir in Auftrag gegeben, ein Nonett von einer Stunde Dauer, das sich aus vielen kleinen Stücken für Teile des Ensembles zusammensetzt, die wiederum räumlich arrangiert sind. Im April beginnen die Proben, Anfang Mai wird es in Esslingen uraufgeführt. Zwischendrin werde ich in mein absolutes Lieblingscafe in Berlin gehen, nämlich im „Café Motte“ (Nazarethkirchstraße 40, Wedding) – mein erstes Stammcafé überhaupt – ein Familienlokal, geführt von zwei Geschwistern und ihrer Mutter, die großartige Spinatknödel kocht, fantastische Suppen und Salate anrichtet. Die beiden Geschwister schmeißen den Laden, nebenan hat der Sohn außerdem ein Tattoo-Studio. Abends werde ich zum Konzert vom „Ensemble Adapter“ im Ex-Rotaprint gehen. Auf dem Programm stehen „Adoptions“, bei dem Ensemble in Auftrag gegebene Stücke, teils Uraufführungen. Sonntag fahre ich nach München und spiele mit dem Ensemble Resonanz aus Hamburg. Wäre ich in Berlin würde ich im Rehberge Park spazieren gehen, dann um 18 Uhr im Citykino Wedding (Müllerstraße 74) „Les Miserables“ schauen, diesen Film über Sarkozys Politik des ‚Wegkärcherns‘ unliebsamer Wutbürger. Zum Wochenendenende würde ich bei Saint Bess im Sprengelkiez (Sprengelstraße 41) eine sensationelle neapolitanische Pizza speisen.“

Lese­empfehlungen

Der emeritierte Professor für Linguistik am MITNoam Chomsky, ist seit langer Zeit einer der Wortführer einer Spielart der radikalen US-Amerikanischen Linken, die sich in vieler Hinsicht, etwa im Ton, aber auch inhaltlich, von der europäischen unterscheidet. Während die klassische US-Linke, schon hier im Gegensatz zur europäischen, eng mit einem philanthropischen Bildungsbürgertum gehobener Einkommensklassen verknüpft ist und kaum fundamentale Systemkritik enthält, steht Chomsky mittlerweile für einen neo-anarchistischen Gesellschaftsentwurf mit umstürzlerischen Tendenzen und einer geballten Ladung Wut auf den Status Quo. Leider wird der 91-Jährige zunehmend anschlussfähig an Verschwörungstheorien und hat sich mit seiner unbedingten Forderung nach Meinungsfreiheit vor den Karren von Holocaustleugnern spannen lassen. Gleich, ob und in wie weit man mit ihm mitgehen kann: Will man die US-Linke verstehen, ist es allemal interessant, sich ein wenig mit ihm zu befassen, sei es im aktuellen freitag, der ein Interview mit Chomsky über Trump, Sanders und Thunberg abgedruckt hat, oder gleich in einem seiner zahlreichen Bücher wie das in zugänglicher Interviewform gehaltene „Anatomie der Macht“. Seine Rhetorik ist oft purer „Linker Populismus“ – ein gleichnamiges Buch der belgischen Politikwissenschaftlerin Chantal Mouffe liegt seit 2018 auch in deutscher Übersetzung vor. Eine Art Schutzimpfung gegen Verschwörungstheorien gibt es übrigens von Jan Skudlarek.

Wer, wie die AfD, mit unverhohlenem Rassismus Wählerstimmen holt, schwebt nach Anschlägen, wie denen von Hanau, Halle oder dem an Walter Lübcke stets für einige Tage in Erklärungsnot. Bald darauf geht die Welt wieder zum Tagesgeschäft über. Der Taschenspielertrick, mit dem sich Rechtspopulisten von Rechter Gewalt distanzieren, ist stets die Vereinzelung der Täter als in die Irre geleitete, tragische Ausnahmefälle, die in keiner Weise mit den Populisten zusammenhängen. Dass dem schon ein falscher Begriff vom Rassismus zugrunde liegt, erklärt die Amerikanistin und Kulturwissenschaftlerin Jule Bönkost für Edition F. Rassismus zur reinen Individualhaltung einzelner Ausreißer zu verklären, bedeutet nichts anderes, als die Gesellschaft für ohnmächtig zu erklären und so beste Bedingungen für die Verbreitung und Normalisierung von Rassenideologien zu schaffen.

Wochen­rätsel

Welcher Berliner Kiez zählt laut der britischen Tagesszeitung „The Guardian“ zu den zehn coolsten Nachbarschaften Europas?

a) die City West
b) Rummelsburger Bucht
c) Schillerkiez Neukölln

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Encore

Wir entlassen Sie ins Wochenende mit dem täglichen „Abspann“-Tipp aus dem Programm der Berlinale, diesmal „Télé Réalité“: „Drei kongolesische Produzentinnen planen eine Reality-TV-Show über den Karneval in Belgien. Hawaly, ihre burundische Showrunnerin, soll den Dreh vor Ort vorbereiten, aber ihre belgische Mitarbeiterin ist viel zu sehr mit dem Übernatürlichen beschäftigt.“

Kommen Sie gut durchs Wochenende und denken Sie dran: Bling-Bling gibt’s anderswo! Am Montag begrüßt Sie hier wieder Lorenz Maroldt mit Sinn und Unsinn aus der Reality-Soap „Berlin“.

Ihr Julius Betschka