Ach, hätten sie es doch lieber nicht getan - oder jemanden mal vorher gucken lassen: Das rot-rot-grüne Spitzentrio Michael Müller, Klaus Lederer und Ramona Pop hat ein Video gedreht, in dem es für ein „Nein“ beim Volksentscheid über den Berliner Flughafen der Herzen wirbt. Der Streifen simuliert ein Gespräch zwischen den dreien über Tegel, das in etwa so locker und spontan wirkt, als hätte Loriot einen Film für Berta Panislowski aus Massachusetts („ein Klavier, ein Klavier“) aufgenommen. Wer sich die 77 Sekunden antun möchte: Seit gestern stehen sie auf YouTube.
Mehr Raum für Spontaneität bot die Diskussion, zu der der Tagesspiegel am Dienstagabend in die Urania eingeladen hatte. Eingecheckt zum Rundflug „Eine Zukunft für TXL?“ hatten außer Müller und Pop der ehemalige Präsident des Berliner Verfassungsgerichtshofs Helge Sodan, FDP-Fraktionschef Sebastian Czaja und CDU-Politiker Matthias Brauner. Hinzu kamen 1000 Zuschauer, die vor allem eines im Gepäck hatten: Emotionen. So war bei der turbulenten Diskussion, die Tagesspiegel-Chefredakteur Lorenz Maroldt und RBB-Journalistin Anna Kyrieleis moderierten, schnell klar, dass die Stadt teils raus aus ihren Tegeljahren ist, teils noch mittendrin steckt. Und dass es spannend wird, wie sie am Sonntag abstimmt.
Müller konnte sich bei der Diskussion über Applaus für seine Bemerkung freuen, man müsse größere Flächen für neue Wohnungen bebauen, und bei Tegel habe man die Chance, das in der Stadt zu machen. Pro-Tegelianer Czaja machte eine Punktlandung bei seinen Anhängern im Publikum, als er bezweifelte, dass die Verantwortlichen des BER-Desasters es überhaupt hinbekommen, dort die Kapazitäten zu erweitern. „Zwei Flughäfen sind für Berlin angemessen“, sagte der FDP-Politiker auf der Veranstaltung. Zumindest juristisch wäre das nach den Worten des Rechtsprofessor Sodan durchaus möglich, der damit wohl diewichtigste Aussage des Abends traf. Müller und Pop empfahl er noch, das nächste Mal lieber einen Sachverständigen mit einem Rechtsgutachten zu beauftragen, der nicht aus Berlin kommt.
(Die Debatte zum Nachlesen im Live-Blog gibt es unter diesem Link, das Video zum Nachschauen hier. Der RBB bringt eine Aufzeichnung heute Abend um 22.15 Uhr.)
Das Berliner Landgericht bremst die Mietpreisbremse. Am Dienstag hat es das Gesetz als verfassungswidrig eingestuft. Erstmals hat damit ein Gericht grundsätzliche Bedenken gegen die Regelungen geäußert, die in Gebieten mit einem angespannten Wohnungsmarkt den Anstieg der Mieten begrenzen sollen. Das Gericht sieht eine Ungleichbehandlung - der Vermieter. Vermutlich muss nun das Bundesverfassungsgericht ran.
Als hätte man sich abgesprochen, präsentiert der Mieterverein eine neue Untersuchung, wonach bei Dreiviertel aller Mieterhöhungen mehr Geld als gesetzlich zulässig gefordert wird. Folgen hat das (außer fürs Budget der Mieter) aber nicht. Denn Bußgelder für Vermieter sind Fehlanzeige. Ärger gibt’s auch um den Mietspiegel, der eigentlich Wucher verhindern soll. Laut Mieterverein hat er seine Funktion verloren. Ursache: Lücken in der Gesetzgebung - und die wirkungslose Mietpreisbremse.
Neues aus der AfD-Traum(a)fabrik: In einem Videopodcast beklagt Franz Kerker, bildungspolitischer Sprecher der Fraktion im Berliner Abgeordnetenhaus, dass seine Partei im Vorfeld der U18-Wahl an einer Hohenschönhausener Schule „totgeschwiegen“ wurde. Als Beweis dient das offizielle Begleitheft zur U18-Wahl für Kinder und Jugendliche - in dem die AfD tatsächlich nicht auftaucht. Kein Wunder, dass das Video bereits wie wild rechts herum dreht, der Empörungsmotor jault auf höchster Stufe. Was aber unerwähnt bleibt: Über die AfD steht nichts im Heft, weil sie es versäumt hat, 18 Fragen wie die anderen Parteien zu beantworten (worauf in der Broschüre auch hingewiesen wird). Eine Weidel, wer an kalkulierte Empörung denkt.
Das Bezirksamt Mitte hat seinen Schulhausmeistern gezeigt, wo der Schlüssel hängt. Per dienstlicher Anordnung müssen sie am kommenden Wahlsonntag arbeiten, damit 90 Wahllokale in 46 Schulen öffnen können. Der Personalrat hatte wegen der vielen Überstunden seine Zustimmung verweigert und erwägt nun rechtliche Schritte. Das Bezirksamt ist nach den Worten des grünen Bürgermeisters Stephan von Dassel aber auf „jedes Krisenszenario“ eingestellt. Zur Not könnten auch Beamte oder Mitarbeiter einer Fremdfirma die Schlüsselpositionen übernehmen.
Telegramm
6, 16, 47, 78, 14.000 - das sind die aktuellen Berliner Glückszahlen. Eine 78-jährige Berlinerin hatte in der U-Bahnlinie 6 ihre Handtasche samt 14.000 Euro verloren. Eine 16-Jährige fand das Geld, erzählte ihrer Mutter davon, die sich auf dem Polizeiabschnitt 47 meldete. Als Finderlohn winken nun mindestens 215 Euro; Mutter und Tochter stammen aus dem Irak, leben in einem Berliner Flüchtlingsheim.
Bereits 23 Verkehrstote gibt es dieses Jahr in Berlin. Am Dienstag starb eine 75-Jährige Radlerin in Köpenick unter den Rädern eines Lastwagens. Der Fahrer hatte die Frau offenbar beim Abbiegen übersehen.
Wer bei der Polizei groß einsteigen will, sollte es gleich mal im Präsidium am Platz der Luftbrücke versuchen. Dort sind in der Nacht zu Montag Einbrecher in die historische Sammlung des Hauses eingedrungen. Gestohlen haben sie historische Helme, Dienstmarken und Orden (unter anderem das Bundesverdienstkreuz des früheren Polizeipräsidenten Johannes Stumm). Erst durch einen Bericht in der „Welt“ wurde der peinliche Bruch übrigens öffentlich. Bewachen lässt sich die Polizei von einem privaten Sicherheitsdienst.
Nicht nur die Sicherheit im eigenen Haus ist eine Baustelle der Polizei, sondern auch die neue Wache am Alexanderplatz. Vor gut zwei Wochen war dort Spatenstich mit großem Tamtam (oder Tatütata). Aber das war’s dann auch schon. 50 Quadratmeter Alex liegen unberührt da wie von Einbrechern verschmähte Teile in der Historiensammlung. Laut Senatsverwaltung für Inneres beginnen die „sichtbaren“ Bauarbeiten aber Mitte Oktober. Vorher müsse der Boden für tonnenschwere Baumaschinen vorbereitet werden. Und, ja, es bleibe bei der Eröffnung bis Ende des Jahres.
Die Polizei hat zwei mutmaßliche Mitglieder des IS in Berlin verhaftet. Die beiden 19 und 41 Jahre alten Männer sollen Kriegsverbrechen im Irak begangen haben. Ihnen wird vorgeworfen, an der Tötung zweier Frauen und eines irakischen Offiziers beteiligt gewesen zu sein.
Die brandenburgische Stadt Forst war bislang gut in der Prozentrechnung. Sie hatte nach Ärger um Saufgelage nämlich ein Verbot für Alkohol in der Öffentlichkeit verhängt. Doch das Oberverwaltungsgericht hat das Ganze gekippt, berichtet die „Berliner Zeitung“. Begründung unter anderem: Trinken an sich stelle keine so große Gefahr dar, dass einer gänzlich harmlos verhaltenden Person dauerhaft untersagt werden dürfe, Alkohol zu konsumieren. Bevor jetzt die Korken knallen: Forst denkt schon über neue Regelungen nach.
Es liegt ein bisschen im Nirgendwo der Berliner Museumslandschaft: das Märkische Museum am Köllnischen Park in Mitte. Damit sich das ändert, wird das Haus, immerhin 1908 als erster Neubau eines Museums für Regionalgeschichte eröffnet, für 65 Millionen Euro saniert.
Wiedersehen im Bärenhimmel: Lars, der Vater des legendären Eisbären Knut, ist im Zoo von Aalborg (Dänemark) eingeschläfert worden, meldet dpa. Das 23 Jahre alte Tier hatte Krebs.
BER Count Up – Tage seit Nichteröffnung:
Flughafenchef Engelbert Lütke Daldrup hat das Wunder vollbracht: Am 31. Oktober 2020 ist der Flughafen BER offiziell eröffnet worden. 3.073 Tage nach der ersten Nicht-Eröffnung stellen wir damit unseren Count Up ein. Wer nochmal zurück blicken will: Im Tagesspiegel Checkpoint Podcast "Eine Runde Berlin" spricht Lütke Daldrup mit Tagesspiegel Chefredakteur Lorenz Maroldt und Checkpoint Redakteurin Ann-Kathrin Hipp über detailverliebte Kontrollen, politische Befindlichkeiten und aufgestaute Urlaubstage.
Zitat
"Bei der Pünktlichkeit haben wir nicht den angedachten Schritt nach vorne, sondern einen halben nach hinten gemacht."
S-Bahnchef Peter Bucher auf einem Fahrgastforum
Tweet des Tages
"Post Interview: Vorm Platz der grünen Geschäftsstelle spricht uns ein kalifornischer Tourist an & fragt, wo es in Berlin Gras & Heroin gäbe."
Stadtleben
Verhungern muss am Ostkreuz niemand. In der Sonntagstraße reiht sich Burgerladen an Imbissbude an Cocktailbar und Rund-um-Wohlfühlläden für Frühstück, Mittag, Abendbrot. Ein solcher ist auch das Milja & Schäfa gleich vorn in der Hausnummer 1. Die große Fensterfront ermöglicht einen ungetrübten Weitblick auf die Bahnhofsbaustelle, während drinnen skandinavische Gemütlichkeit herrscht: viel Holz, gedimmtes Licht, sehr hyggelig. Das Essen ist eher mediterran und immer ein bisschen aufregend, denn trotz „regional und saisonal“ nicht alltäglich: Trüffelbutterührei, Paleo Platte mit Roastbeef, Quinoa und Minzchutney (10,50 Euro), Oktopus auf Zitronette-Kartoffeln, Lachsfilet an Süßkartoffel-Rote-Beete-Stampf. Die Nudeln sind hausgemacht, ebenso wie die apart in Szene gesetzten Drinks und Limonaden. Mo-Fr ab 8 Uhr, Sa-So ab 9 Uhr
Geschenk Definitiv einer unser Favoriten für die Suche ausgefallener Kleinigkeiten mit Charakter: Im Nordbahnhof (Ausgang Invalidenstraße) bietet der Lückeladen allerhand „Souvenirs d'Art“ feil, die nicht selten einen DDR-Bezug haben, wie der Nähtank mit Fingerhut, Garnrolle und Nadeln. Getreu dem Motto „Manche Sachen von früher sind die Dinge von morgen“ wird Altem, vermeintlich Ausgedientem neues Leben eingehaucht. So auch den Tannenbaumspitzen, die als Nudelheber (aka „Organic Pastalifter“) eine neue Funktion bekommen.