S-Bahn-Kunden müssen ab heute ganz stark sein oder ganz dünn, sofern sie nicht lieber gleich zu Hause bleiben: Von Freitagfrüh bis in die Nacht zu Dienstag fahren auf den Ost-West-Strecken zwischen Lichtenberg bzw. Karlshorst und Alex keine Züge. Wer via Lichtenberg unterwegs ist, soll am Ostkreuz außerdem den Ersatzbus wechseln, was den Spaßfaktor für die An- und Abkömmlinge der Linien S5/7/75 und S9 noch vergrößern dürfte. Für die Busse zwischen Karlshorst, Ostkreuz und Alex (also entlang der S3) kündigt die S-Bahn einen Fünfminutentakt an. Interessant wird, ob dann jeweils ein Bus kommt, der zwei Dutzend S-Bahn-Waggons ersetzen soll.
Das steht hier auch deshalb so ausführlich, weil man sich die früher auf einen Klick erhältlichen Online-Baufahrpläne seit dem Relaunch der S-Bahn-Webseite mühsam zusammensuchen muss. Wer naiv oder neu in Berlin ist, sollte auch diesen Service-Hinweis beachten: „In den Bussen des Ersatzverkehrs ist die Beförderung von Fahrrädern, Rollstühlen und Kinderwagen nur eingeschränkt möglich.“ Das dürfte ebenso für die alternativ empfohlenen Züge von U5 und Regios gelten. Wie es läuft bzw. wer alles läuft, werden berittene Außendienstler ab etwa 7.30 Uhr auf tagesspiegel.de berichten. Am Montag wird das Ganze dann noch mal ohne Schulferien wiederholt. Bonuswissen für Pufferküsser: Grund sind „Prüf- und Abnahmehandlungen zur Inbetriebnahme der Viergleisigkeit im Bereich Ostkreuz“
Wenn die Bahnplaner damit fertig sind, können sie sich der erfreulicherweise fällig gewordenen Reaktivierung der Siemensbahn widmen. Die 1980 stillgelegte Strecke von Charlottenburg nach Spandau ist zwar prinzipiell noch vorhanden, aber dem Berliner Bahnchef Alexander Kaczmarek wird beim Gedanken an den Wiederaufbau ganz schummerig. Noch nicht einmal „die Hierarchie der Probleme“ sei klar, hat er meinem Kollegen Jörn Hasselmann erzählt: Denkmalschutz, Bahnhöfe, Anschluss an den Ring, Spreebrücke. Aber: „Wenn der Besteller die Bahn will, dann bekommt er sie.“ Theoretisch könne die Strecke 2030 fertig sein. Praktisch käme noch die übliche Berlin-Zulage obendrauf.
Rette sich, wer kann – am besten selbst, weil die Rettungsstellen es wegen Überlastung kaum noch können. Nachdem die Lage über Jahre immer dramatischer geworden war, beginnt sie sich nun zu bessern, seit die Kassenärztliche Vereinigung (KV) beim Abarbeiten der weniger akuten Fälle hilft. Im Virchow-Klinikum gibt es bereits eine KV-Praxis gleich neben der Rettungsstelle; nächstes Jahr sollen zwei weitere folgen, perspektivisch sind 13 geplant. Kommende Woche allerdings wollen erst einmal die Therapeuten einer Billiglohn-Tochter der Charité streiken. Ein Verdi-Verhandler sieht Indizien, dass schon die Gründung dieser Firma illegal war. Es gilt also wie gehabt: Hauptsache gesund.
Finanziell besser als die Charité-Therapeuten sind die Grundschullehrer dran. Ihnen will der Senat das Gehalt bzw. den Sold auf 5300 Euro erhöhen – und ihnen nächstes Jahr einen Sprung von mehr als 500 Euro verschaffen, der sich auch unmittelbar auf die Pension auswirkt. Wer vor dem Stichtag 1. August 2019 das Pensionsalter erreicht, kann ebenfalls profitieren, indem er einfach ein paar Monate länger arbeitet. So wird mit sehr viel Geld das berüchtigte Scheeres-Gap geflickt.
Man mag sich gar nicht ausmalen, was passiert, wenn das Berliner Haushaltsgeld eines Tages nicht mehr aus allen Poren quillt wie zurzeit: Die sechs landeseigenen Wohnungsbaugesellschaften würden ohne Zuschüsse des Landes in die Miesen rutschen, wenn sie weiter per Vorkaufsrecht Mietshäuser kaufen und Neubauwohnungen zwischen 6,50 und 10 Euro pro Quadratmeter vermieten sollten. Rein marktwirtschaftlich geht die Rechnung also momentan nicht auf. Aber im Sinne der staatlichen Daseinsvorsorge und des sozialen Friedens eben doch.
Beim Vorkaufsrecht bahnt sich in Neukölln gerade ein heikler Präzedenzfall an. Dort soll ein Mietshaus im Milieuschutzgebiet zu 25 Prozent verkauft werden. Das Bezirksamt muss nun eine städtische Gesellschaft dazu bewegen, das Viertelhaus zu kaufen. Passiert das nicht, wäre das Amt bei einem späteren Verkauf der restlichen Anteile von vornherein aus dem Rennen. Der Mieterverein hat die Finanzverwaltung gebeten, genau diesen Fall zu verhindern. Denn auf den dürften weitere folgen, falls es sich als so simpel erweist, die Behörden auszutricksen.
Berliner Schnuppen
Telegramm
Der von der AfD besorgte Würger, der im September 2017 beim Gauland-„Bürgerdialog“ im Rathaus Zehlendorf einen Gast im Schwitzkasten aus dem Saal gezerrt hat, ist vom Amtsgericht Tiergarten wegen vorsätzlicher Körperverletzung zu 60 Tagessätzen à 15 Euro verurteilt worden.
Vor dem 80. Jahrestag der Judenpogrome am 9. November starten Kirchengemeinden, Vereine und Bürger im Berliner Südwesten samt Umland am Sonntag die „Aktion Glanz“: 50.000 bronzefarbene Stolperstein-Aktionskarten sollen verteilt werden. Auf ihnen wird zur Pflege vorhandener Stolpersteine aufgerufen und eine gedankliche Brücke zwischen damals und heute gebaut, Stichwort: Enthaltung ist keine Haltung.
Im Heimathafen Neukölln ist der „Goldene Aluhut“ verliehen worden – eine heitere Veranstaltung (hier gibt’s ein Video) mit ernstem Hintergrund. Das gilt umso mehr in diesem Jahr, in dem nach Drohungen aus den Tiefen des Reichsbürgertums Polizeischutz nötig war. Den Medien-Aluhut erhielt übrigens die „Bild“-Zeitung, die ihn sich seit ihrem Chefredakteur Julian Reichelt täglich neu verdient. Chapeau!
Eine Milliarde Euro will die EU in den nächsten Jahren für Quantenforschung zur Entwicklung noch stärkerer Supercomputer ausgeben. In Berlin wird der ehemalige HU- und Helmholtz-Präsident Jürgen Mlynek Aufsichtsratschef des entsprechenden Forschungsprogramms. Quantencomputer wickeln Rechenschritte nicht nacheinander, sondern parallel ab. Multitasking muss man eben können.
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Eine Milliarde könnte vermutlich auch Christoph Martin Vogtherr gut gebrauchen: Der bisherige Direktor der Hamburger Kunsthalle löst Hartmut Dorgerloh als Generaldirektor der Stiftung Preußische Schlösser und Gärten ab. Dazu CP-Gastautor Friedrich II.: „Ich bereite mich auf jedes Ereignis, das da kommen könnte, vor. Mag das Glück mir günstig sein oder ungünstig, das soll mich weder mutlos machen, noch übermütig.“
Nach dem zweitägigen Public Viewing & Doing von Walls Toilettenprototyp sind viele Verbesserungsvorschläge eingegangen, die überwiegend realisiert werden sollen, teilt der Senat auf Linken-Anfrage mit. Angeregt wurde z.B., das Pissoir als solches zu beschriften. Außerdem seien die Bedienungsanleitung zu niedrig und der Lageplan zu hoch angebracht. Dazu der Cartoonist Martin Perscheid: „Männer bitte Brille hochklappen“.
Wo ein Weg ist, ist auch ein Wille: Nachdem die BSR die Mülltonnen aus dem Hinterland der Zehlendorfer Waldsiedlung nicht mehr zur Straße ziehen will (vor den Häusern dürfen sie wg. Denkmalschutz nicht stehen), bietet eine private Firma ihre Dienste an: Für 16 Euro wollen deren Leute die Tonnen vor- und leer wieder zurückziehen. Macht 416 Euro pro Jahr und Tonne. Und illustriert die Innovationskraft der deutschen Wirtschaft.
Noch nicht geklärt ist der Fall des mutmaßlichen Fahrraddiebes, der am Abend des 24. Oktober einen Kriminalpolizisten niedergestochen hat. Dem Beamten geht es inzwischen besser; die Polizei sucht Zeugen, die an jenem Mittwoch zwischen 20.15 und 20.30 Uhr um den S-Bahnhof Schichauweg etwas Auffälliges beobachtet haben.
BER Count Up – Tage seit Nichteröffnung:
Flughafenchef Engelbert Lütke Daldrup hat das Wunder vollbracht: Am 31. Oktober 2020 ist der Flughafen BER offiziell eröffnet worden. 3.073 Tage nach der ersten Nicht-Eröffnung stellen wir damit unseren Count Up ein. Wer nochmal zurück blicken will: Im Tagesspiegel Checkpoint Podcast "Eine Runde Berlin" spricht Lütke Daldrup mit Tagesspiegel Chefredakteur Lorenz Maroldt und Checkpoint Redakteurin Ann-Kathrin Hipp über detailverliebte Kontrollen, politische Befindlichkeiten und aufgestaute Urlaubstage.
Zitat
"Ich bin natürlich nicht begeistert, aber wenn es der Sicherheit der Menschen dient, muss es sein."
Wilhelm von Boddien, Geschäftsführer des Stadtschloss-Fördervereins, zur möglichen Verpollerung des Humboldtforums. Nachdem die Polizei zu solchen Sperren als Schutz vor Anschlägen geraten hat, werden optisch passable Umsetzungsmöglichkeiten Hochbeete oder Wasserbecken diskutiert. (Q: „Berliner Zeitung“)
Tweet des Tages
"Ich kann mir einen Mann als Bundeskanzlerin gar nicht mehr vorstellen. #Merkel"
Stadtleben
Trinken und zum Geburtstag prosten. Die gemütliche Neuköllner Kneipe Broschek wird heute nämlich zehn Jahre alt. Natürlich wird das in der Weichselstraße 6 (U-Bhf Rathaus Neukölln) ordentlich gefeiert. Nicht nur mit den üblichen Biobieren und über 25 Rumsorten aus aller Welt, sondern mit speziell hergerichtetem Käsefondue, wie Leute-Autorin Madlen Haarbach berichtet. Und wie es sich bei einem runden Geburtstag gehört, wird gleich zwei Nächte gefeiert (je ab 20 Uhr).