Elfter September, war da nicht was? 17 Jahre ist der Terrorangriff auf Amerika heute her. Wenn man bedenkt, was seitdem passiert ist auf der Welt, fällt einem wenig Erfreuliches ein. Nicht leicht, eine gute Nachricht für den Start in den Tag zu finden. Nehmen wir diese hier, die einen noch relativ frischen Skandal zum Skandälchenzusammenschnurren lässt: Die Bremer Außenstelle des Bamf hat nicht wie zunächst vermutet 1200, sondern laut Prüfbericht nur 145 falsche Asylbescheide erteilt. Das entspricht 1,1 Prozent der Fälle. Das Bremer Oberverwaltungsgericht verbot Innenminister Horst Seehofer am Montag, die geschasste Leiterin der Außenstelle weiter öffentlich vorzuverurteilen. Beruhigend, wenn die Justiz funktioniert – in den Vereinigten Staaten anno 2018 wie in Deutschland.
Insgesamt 950.000 Euro wurden via Landessportbund 164 Vereinen überwiesen, die wegen der Flüchtlingskrise 2015 ff. ihre Hallen über Monate oder gar Jahre nicht mehr nutzen konnten. „Bei den an die Vereine ausgezahlten Beträgen handelte es sich nicht um eine Entschädigung, sondern um eine Anerkennungsprämie für den Beitrag des Sports zur Bewältigung der Flüchtlingskrise“, teilt die Innenverwaltung dem FDP-Abgeordneten Stefan Förster mit. Der hatte nach Entschädigungen gefragt, zumal ja viele hallenlos gewordene Vereine Mitglieder verloren hatten. Wie viele eigentlich? „Einzelheiten sind dem Senat nicht bekannt.“
Ist das der Schlüssel gegen die Wohnungsnot? Die Tauschbörse für Mieter der sechs landeseigenen Gesellschaften ist online. So können beispielsweise junge Familien in Zweizimmerwohnungen auf Senioren hoffen, denen ihre 130 Quadratmeter zu groß geworden sind. Rechnerisch ließe sich der Wohnungsmangel so weitgehend beheben, aber Mathematik und das wahre (Kiez-)Leben sind eben zweierlei. Da die Wohnungsgesellschaften die Nettokaltmieten beim Tausch nicht erhöhen dürfen, werden auch sie nicht übermotiviert ans Werk gehen. Damit die Mieter trotzdem von der Option erfahren, sollen 300.000 Faltblätter (= eins pro Wohnung) und 15.000 Aushänge verteilt werden.
Einen Beitrag zum platzsparenden Wohnen leistet auch das Angebot, auf das CP-Leserin Elisa P. gestoßen ist: 6 m2 WG-Zimmer in Mariendorf für 450 Euro nettokalt. Macht 75 Euro/m2, warm 90. Preis-Leistungs-Füchse können in derselben Butze für 480 Euro kalt auch 7,5 m2 mieten. Dann sinkt der Quadratmeterpreis auf 68,57 Euro im Monat. Ist immerhin Neubau. Aber vor einem Dachschaden ist man nie ganz gefeit.
In Shisha-Bars gilt bald Rauchverbot, sofern dort auch zubereitetes Essen (z.B. Räucherfisch) angeboten wird. Die Einstufung als Restaurant ist einer von mehreren Punkten, in denen das vor zehn Jahren eingeführte Nichtraucherschutzgesetz verschärft werden soll (Q: B.Z.). Geplant sind demnach auch Rauchverbote auf Spielplätzen und Klinikgeländen. Auch die Bußgelder will Gesundheitssenatorin Dilek Kolat (SPD) erhöhen – auf bis zu 10.000 Euro. Im (nach wie vor knochentrockenen) Wald sind es schon jetzt bis zu 50.000 Euro. Aber, da wir ja in Berlin sind, eben nur theoretisch.
Das Überleben der Leichenschau am Fernsehturm ist gesichert. Nach vier Jahren Rechtsstreit haben sich das Bezirksamt Mitte und die von Gunther von Hagens gegründete Plastinate GmbH vor dem Oberverwaltungsgericht geeinigt. Das „Menschenmuseum“ ist jetzt Teil eines anatomischen Instituts, also Wissenschaft, sodass seine Exponate nicht mehr unters Bestattungsgesetz fallen. Außerdem wurden für die Juristen all jene Exponate entfernt, die keinem Spender mehr zuzuordnen waren – zwecks Persönlichkeitsschutz. Mein Kollege Bernd Matthies weist aus gegebenem Anlass daraufhin, dass Organe nicht nur plastiniert, sondern auch gespendet werden können.
Berliner Schnuppen
Telegramm
Von heute Mittag bis (maximal) morgen 18 Uhr können Berliner und Touristen schon mal probesitzen, wo sie künftig ihren Geschäften nachgehen dürfen: Am Molkenmarkt vor dem Alten Stadthaus präsentieren Umweltsenatorin und Wall-Chef den Prototyp der nächsten Toilettengeneration. Laut Einladung handelt es sich um „eine komplett neue, modulare City-Toilette für die unterschiedlichsten Standortsituationen und Anforderungen“. Muss ja.
Nächste Woche soll geklärt sein, ob die östliche Elsenbrücke saniert werden kann oder neu gebaut werden muss. CP-Prognose: Der Abriss nach dem Riss fällt ungefähr mit der Eröffnung der verlängerten Stadtautobahn zusammen, die (zum Preis von 500 Mio. Euro) ab ca. 2022 ganz neue Stauerlebnisse sowohl um den Britzer Tunnel als auch am Treptower Park auslösen wird.
Ende August hat die Polizei einen Mitarbeiter der Zulassungsstelle hopsgenommen, der Termine verkauft haben soll. Jetzt geht’s (in der Lichtenberger Filiale) auch ohne Bakschisch fast verboten schnell, berichtet CP-Leser Philipp B.: Donnerstag Termin für Freitag 8 Uhr gebucht, um 07:59‘43“ aufgerufen, nett mit der Bearbeiterin („Wir ham hier janz schön wat wegjeschafft übern Sommer!“) geplaudert, 8:23 nach Zahlung der (regulären) Gebühr am Kassenautomaten wieder raus. Sache erledigt – klarer Fall für „Amt, aber glücklich“.
Nicht ganz so fix geht’s bei der polizeilichen Fahrradstaffel, die seit vier Jahren in der Ost-City zivilisatorische Errungenschaften verteidigt, so gut das mit 20 Leuten eben geht, und längst ausgeweitet werden sollte. Aber laut Polizeipräsidium „wird ein maßvoller Personalzuwachs voraussichtlich erst zum Jahresende 2019 angestrebt“. „Angestrebt“ kommt von Streben. In diesem Fall wohl von Schutzblechstreben.
Auch der Innenausschuss des Abgeordnetenhauses befasste sich gestern mit Verkehrssicherheit. Es ging viel um Radverkehr in der Diskussion, zu der konsequenterweise alle maßgeblichen Verbände außer dem ADFC eingeladen waren. Zuspruch gab es für die These, Radfahrer (speziell auf Gehwegen) seien die „lästigste“ Gruppe. Die tödlichste Gruppe ist allerdings eine andere: 12 von 13 Fußgängern starben 2017 bei Unfällen mit Autos.
Gegen lästige Gehwegradler helfen oft auch benutzbare Radwege. An der Kolonnenstraße wurde der farbige Radstreifen nach dem Tod einer Radfahrerin im Januar verbreitert. Autofahrer ließen sich von der Farbe nicht stören, weshalb Unbekannte im Mai zwei Plastikpoller aufstellten. Die Polizei ermittelte daraufhin wegen gefährlichen Eingriffs in den Straßenverkehr. Gestern stellte die Verkehrsverwaltung „flexible Mini-Baken“ in Aussicht. Klingt nach Sinnstiftung für SUVs.
Wer seine Meinung zum Thema kundtun will: Aktuell läuft wieder die Umfrage zum Fahrradklimatest. Vor zwei Jahren kam Berlin mit der Gesamtnote 4,3 auf Platz 36 von 39 Großstädten. Viel Luft nach unten ist also nicht mehr.
Apropos Luft nach unten: Die FU und der Verein Berliner Wetterkarte verkaufen ab heute Patenschaften für die Hochs und Tiefs 2019. Letztere bekommen männliche Vornamen und kosten 199 Euro, die Hochs sind nächstes Jahr weiblich und kosten 299 Euro inkl. Schönwetterzulage.
Heute mal was fürs Betriebsstörungsbingo vom „Sprungbrett der Republik“ (Söder): „Ein Wagen fehlt“, zeigt das Display in der Bayrischen Oberlandbahn. Hoffentlich nicht der, in dem CP-Leser Dominic B. saß, als er das Foto gemacht hat.
BER Count Up – Tage seit Nichteröffnung:
Flughafenchef Engelbert Lütke Daldrup hat das Wunder vollbracht: Am 31. Oktober 2020 ist der Flughafen BER offiziell eröffnet worden. 3.073 Tage nach der ersten Nicht-Eröffnung stellen wir damit unseren Count Up ein. Wer nochmal zurück blicken will: Im Tagesspiegel Checkpoint Podcast "Eine Runde Berlin" spricht Lütke Daldrup mit Tagesspiegel Chefredakteur Lorenz Maroldt und Checkpoint Redakteurin Ann-Kathrin Hipp über detailverliebte Kontrollen, politische Befindlichkeiten und aufgestaute Urlaubstage.
Zitat
„Wir danken dem Gesetzgeber für diesen Paragrafen; wir greifen beherzt zu.“
Verkehrspolizeichef Frank Schattling zu der erst seit Oktober 2017 bestehenden Möglichkeit, Autos von Rasern nach Rennen einzuziehen. Am Sonntag kassierte die Berliner Polizei das 100. Auto seit Inkrafttreten des §315d (Strafgesetzbuch) ein.
Tweet des Tages
„Ich treffe mich mit meiner Freundin.“
Antwort d. Red.: Die Antwort auf die Frage, was ein 16-Jähriger noch vorhabe, nachdem er beim Diebstahl von 49 Kondomen erwischt wurde?
Stadtleben
Essen im Charlotte & Fritz. Restaurantkritikerin Elisabeth Binder besuchte das Restaurant im Regent Hotel und berichtete von exzellentem Essen zu stolzen Preisen – überzeugend in jedem Gang, vom Ceviche von der Gelbflossenmakrele mit schaumigen Zitrusaromen an Papayasalat (22 Euro) über Maishuhn mit Polentawürfeln und gebackenen Romanasalatherzen (36 Euro) und frischem Baba-Rumkuchen mit Sommerblüten und Kräutern an Galgant-Schaum. Auf der Mittagskarte geht es etwas preiswerter, doch kulinarisch nicht weniger exquisit zu: In dieser Woche wird z.B. Fisch des Tages mit geschmortem Fenchel, Zitronenpüree und Anissauce für 22 Euro angeboten. Im Schnitt also eher eine Lokalität für besondere Anlässe – aber auch die gibt es ja. Charlottenstraße 49 (U-Bhf Französische Straße), Di-Sa 12-14 und 18-22.30 Uhr
Trinken Die Biergarten-Saison auskosten, solange es noch geht - die nächsten Tage bieten bei Temperaturen um milde 25 °C das passende Setting dazu. Die Terrasse der Tiger Bar sollte man sich aus zwei Gründen nicht entgehen lassen: zum einen wegen der charmanten und ruhigen Lage in der Hinterhofremise, zum anderen, um die „Terroir-Cocktails“ zu probieren, die seit Ende Juni das Herzstück des neuen Bar-Menüs bilden. Spirituosen werden mit verschiedenen Gesteinen infusioniert und, kombiniert mit speziellen Aromen, zu Drinks verarbeitet – heraus kommt z.B. Martini auf Basis von Blauschiefer-Gin und Weißem Tee oder Manhattan mit Agricole Rum an Kalkstein und Bananenblatt. Potsdamer Straße 91 (U-Bhf Kurfürstenstraße), Di-Sa ab 20 Uhr, barrierefrei