es sollte eine Woche der Entscheidungen werden. Doch Berlin bummelt. Der Senat will sich bis nächsten Dienstag Zeit nehmen, die strikten Eindämmungsmaßnahmen dort zu lockern, wo es möglich scheint. Für Geschäfte, Schulen, Kirchen vielleicht, einsame Herzen. Falsche Erwartungen will aber niemand wecken: So schnell kommt unsere Berliner Normalität nicht zurück. Aber wir gehen diesen Weg jetzt das ist die schöne, die mutmachende Nachricht der vergangenen Tage. Gesundheitsminister Jens Spahn bezeichnet den Ausbruch des Virus am Freitag als “berechenbar”, das Robert-Koch-Institut gibt das magische R (die Reproduktionszahl) mit nur 0,7 an. Ein Infizierter steckt weniger als einen anderen Menschen an. Und es gibt weitere Zahlen, die Hoffnung machen. Nach allem, was wir wissen, ist das die Konsequenz der schmerzhaften Restriktionen, die wir uns als Gesellschaft auferlegt haben. Wir gegen das Virus. Jetzt ist es ein Poker: Wie weit können wir uns dem alten Normalzustand nähren, ohne einen weiteren unkontrollierten Ausbruch der Seuche auszulösen?
Brandenburg hat sein Blatt schon ausgespielt. Das rot-schwarz-grüne Dreierbündnis in der Mark hat – wie alle anderen Bundesländer – am Freitag Lockerungen beschlossen. Ministerpräsident Dietmar Woidke (SPD) bezeichnete die Maßnahmen als “kleine Schritte, aber auf dünnem Eis”. Vieles, was in Brandenburg wieder erlaubt ist, könnte auch für Berlin gelten. Die Hauptstadtregion soll kein regulativer Flickenteppich werden. Woidke: Die Regeln werden "weitgehend adäquat" sein. Aus dem Senat heißt es auf Checkpoint-Anfrage, man stehe in engem Kontakt, Stadtstaat und Flächenland seien aber "nicht in allen Bereichen vergleichbar". Checkpoint-Prognose: sieht nach dreiviertel-adäquat aus.
Was Brandenburg beschlossen hat (gilt ab 22. April):
1) Geschäfte mit einer Verkaufsfläche von bis zu 800 Quadratmetern dürfen wieder öffnen. Auch solche, die ihre Fläche auf diese Größe verkleinern. Einkaufszentren dürfen öffnen.
2) Die Abstandsregel von 1,5 Metern muss in allen Läden eingehalten werden. In Wartebereichen dürfen sich nicht mehr als zehn Personen aufhalten.
3) Kulturfrühling: Museen, Galerien, Ausstellungshallen und Bibliotheken dürfen wieder öffnen.
4) Sogenannte “Körpernahe Handwerks- und Dienstleistungen” wie Nagelstudios, Tätowierer, Kosmetikstudios oder Massagesalons bleiben geschlossen. Ab 4. Mai dürfen Friseure aus lauter Robinsons wieder schnittige Köpfe machen.
5) Die Kontaktsperren bleiben größtenteils, auch die Abstandsvorgaben. Sie wurden bis 8. Mai verlängert. Auf der Bank sitzen, ist wieder erlaubt (galt in Berlin schon). Besonders im Nahverkehr und beim Einkaufen werden Masken dringend empfohlen.
6) Angemeldete Demonstrationen mit bis zu 20 Teilnehmern können erlaubt werden (in Berlin schon gestattet)
7) Religiöse Zeremonien wie Taufen und Bestattungen werden mit bis zu 20 Teilnehmern erlaubt. Gottesdienste und andere Formen der Zusammenkunft bleiben verboten.
8) Die Abiturprüfungen finden ab dem 20. April wie geplant statt. In Brandenburger Schulen soll der Unterricht ab dem 27.April schrittweise wieder aufgenommen werden. Berlin hatte vorgelegt.
9) Wider den tierischen Ernst: Die Zoos und Tierparks öffnen.
Aus dem Berliner Senat drang am Freitag wenig Neues nach außen. Silke Gebel, Fraktionsvorsitzende der Grünen, bestätigte dem Checkpoint: "Der Grundsatz, dass Berlin und Brandenburg nah beeinander sein wollen, wurde im Senat mehrfach bekräftigt.” Die Entscheidungen werden am kommenden Dienstag getroffen: 10 Uhr, Rotes Rathaus, Louise-Schroeder-Saal.
Wer am Freitag durch Berlin ging, fühlte schon das Streben nach Normalität. Die Bahnen waren voller, die Gehsteige belebter. Kaum Schutzmasken. Es liegt am Senat, den richtigen Sound zu erwischen. Bleibt zu Hause, haltet Abstand. Das gilt – trotz notwendiger Lockerungen. Und zur Not gibt's nen Eierlikörchen.
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Das Berliner A 1,5 Meter B 1,5 Meter I ist laut Schulsenatorin Sandra Scheeres (SPD) sicher. Am Montag sollen die Abi-Prüfungen beginnen, da war man sich im Senat verhältnismäßig schnell einig. Ausgerechnet mit Latein geht's los. Herrje. Nicht nur der Landesschülerausschuss kritisiert scharf, dass die Klausuren stattfinden (CP von Gestern). Dem Checkpoint liegt die Mail eines Vaters vor, der Scheeres und Regiermeister Müller eine "förmliche Dienstaufsichtbeschwerde" androht. Der Grund: Der Senat delegiere die Verantwortung für Gesundheitsgefahren an Schulen und Eltern. Erziehungsberechtige sollen "Besondere Regelungen zur Vermeidung der weiteren Ausbreitung des Coronavirus bei der Durchführung der schriftlichen und mündlichen Prüfungen“ unterschreiben. Darin sind Gründe angegeben, wann Kinder nicht zu den Prüfungen erscheinen dürfen: unter anderem bei Kontakt zu Rückkehrern oder Infizierten und Erkältungssymptomen. Gib es "im Kontaktbereich" einen Covid-19-Fall muss das Kind zu Hause bleiben. Weder sei dieser Bereich definiert, noch könne man ausschließen, dass es Kontakte zu Infizierten gegeben habe, schreibt der Vater. Gesundheitsfährdungen würden durch diese Erklärung "auf die Schüler abgewälzt" - sie müssen ebenfalls unterschreiben. Weiter: "Wenn Sie die Abiturprüfungen meinen durchführen zu müssen, dann tragen Sie allein das Risiko von Infektionen Dritter, die dadurch verursacht werden." Abi 2020: Hygiene- statt Reifeprüfung.
Wir bleiben im Bereich Jugendkultur: Ich und meine Maske. Was Berlins Maskenträger Nummer 1 schon 2008 besungen hat, wird dieses Jahr nochmal ganz groß Thema: Brauchen wir eine Mundschutzpflicht? Eine Dringende Empfehlung? Reicht ein Hinweis? Sido rappte damals: "Heut' und für ewig, Ich und meine Maske // Sie kann mit mir reden, ich verdank' ihr mein Leben // Auch wenn ich sie hasse." Gut, "Heute und für ewig" wird es hoffentlich nicht sein, aber es gibt starke Indizien dafür, dass Masken die Ausbreitung des Coronavirus verlangsamen: In Jena gibt es seit acht Tagen keine Infektionen mit Covid-19 mehr. Seit knapp zwei Wochen gilt in der thüringischen Stadt eine Maskenpflicht in Bussen, Bahnen und Supermärkten, seit einer Woche auch am Arbeitsplatz. Ob das momentane Abebben der Fälle einzig an der Maskenpflicht liegt? Unklar. Jenas Oberbürgermeister Thomas Nitzsche (FDP) ist aber sicher, dass die Pflicht geholfen hat. Auch gleich nebenan in Sachsen wurde jetzt verordnet: „Verpflichtend ist das Tragen einer Mund-Nasenbedeckung bei der Benutzung des öffentlichen Nahverkehrs und beim Aufenthalt in Einzelhandelsgeschäften." So geht's sächsisch.
Wie sehen das die Deutschen? Laut einer exklusiven Umfrage des Tagesspiegel halten 46,2 Prozent den Verzicht auf eine Maskenpflicht für falsch, 39,7 Prozent halten die Maskenpflicht für falsch. Klassisch: Unentschieden. Und Berlin? Die Innenverwaltung hatte nach Checkpoint-Informationen vorgeschlagen, die Ausgangsbeschränkungen für diejenigen zu lockern, die Maske tragen, und wollte so Gruppentreffen erlauben. Interner Vermerk aus der Senatkanzlei dazu: Die Lockerung der Regeln sollte nicht an "begrenzt wirksame Mittel wie das Tragen von Schutzmasken" gekoppelt werden. Sido missfällt das.
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Zum Schluss: Drei Nachrichten, die über den Tag hinausreichen:
1) Schluss mit telefonischer Krankschreibung: Ab nächster Woche müssen Arbeitnehmer mit Atemwegserkrankung für ihre Krankschreibung wieder in Arztpraxen. Ärzte- und Patientenverbände protestieren dagegen. Sie vermuten misstrauische Arbeitgeber hinter dem Beschluss.
2) Ab sofort können Angehörige von Risikogruppen für einen schweren Covid-19-Verlauf ihre Therapiewünsche für den Notfall mit dem eigenen Hausarzt beraten. Der kann künftig die „Ärztliche Notfallanordnung“ (ÄNo) unterschreiben, die die Intensivbehandlung und lebensverlängernde Maßnahmen regelt.
3) Hoffnung im Kampf gegen die Pandemie: Es gibt Hinweise darauf, dass viele Covid-19-Erkrankte an Lungenembolien sterben. Dagegen könnten gängige Blutverdünner helfen, glaubt ein Schweizer Forscher. Die Details hat mein Kollege Sascha Karberg aufgeschrieben.
Unseren Liveblog mit allen wichtigen Neuigkeiten für Berlin finden Sie wie immer hier.
Telegramm
Heute in einer anderen Welt hätte der Record Store Day stattgefunden. Vinyl-Fans pilgern an diesem Tag seit 2008 in kleine, unabhängige Plattenläden. Ganz besondere Schallplatten werden verkauft, exklusive Cover und schon gar nicht mehr produzierte Ware. Das Schöne: alles nur vertagt. Die Organisatoren haben das Event auf den 20. Juni verlegt. Ja, dieses Jahr. Plattennerds sind Optimisten. Wer gar nicht warten will, kann sich am Wochenende als Alternativprogramm den filmgewordenen Plattenladen "High Fidelity" anschauen. Oder sich dessen wirklich tollen Soundtrack anhören.
Was wird in den kommenden Wochen noch abgesagt, was verschoben? Hier gibt's den Überblick.
...heute in einer anderen Welt auch eher unwahrscheinlich: Auf Twitter trendeten gestern die Worte “Döner” und “Pommes”. Beweis gibt's hier. Der Mensch braucht ja manchmal nicht viel, um glücklich zu sein.
Falsche Namen, gefälschte Ausweise, erfundene Unternehmen. Die Berliner Staatsanwaltschaft ermittelt in 41 Verfahren wegen des Verdachts auf Subventionsbetrug und Geldwäsche bei Anträgen auf staatliche Corona-Soforthilfe. Schon jetzt sei ein Schaden von mehr als 200.000 Euro entstanden. Leider nur "die Spitze des Eisbergs", sagt der ermittelnde Oberstaatsanwalt. Wir ahnen Böses.
...wo viel Geld rausgeht, ist weniger drin: Mittes Bürgermeister Stephan von Dassel (Grüne) ist ja immer für eine flotte Idee gut. Sein Vorschlag, dass Berliner Spitzenverdiener im Öffentlichen Dienst (Bürgermeister, Stadträte usw.) wegen der künftig knapperen Kassen freiwillig auf Teile ihres Gehalts verzichten, kam bei seinen Amtskollegen, sagen wir, durchwachsen an. Lesen Sie mal, wer die Kürzungen zieht - und wer das Sparen der Anderen.
Friedrichshain, Donnerstagnacht: Gegen 22.10 Uhr kracht es zweimal am Heck eines Mannschaftswagens der Polizei. Ein 56-Jähriger Fordfahrer übersieht das geparkte Fahrzeug beim Abbiegen und fährt hintenauf. Er stoppt, setzt zurück, und fährt laut Polizei nochmal in den Wagen. Gründe? Eine freiwillige Atemalkoholkontrolle ergibt 2,68 Promille, einen gültige Fahrerlaubnis hat er auch nicht. Da brauchst Du keine Ausrede mehr.
Verwaltung am Werk: Rund um den Karpfenteich im Treptower Park sind in den vergangenen Wochen bunt bemalte Steine aufgetaucht. Mit Gesichtern drauf oder Sprüchen lagen sie im Gras neben den Wegen, von Kindern gestaltet. Coronakunst. Am Donnerstag war ein großer Teil der Steine plötzlich weg, berichtet ein Checkpoint-Leser, und die Kinder traurig. Kein Dieb, die Verwaltung hatte zu handeln begonnen. Mitarbeiter des Grünflächenamtes Treptow-Köpenick entfernten die Steine. Zu bunt? Checkpoint-Anfrage beim Bezirksamt: Die Aktion sei "seit Kurzem" bekannt, eine Bewertung der "Verkehrssicherheit" negativ ausgefallen. Zitat: "Die am Wegesrand liegenden losen Steine können an dieser Stelle als Wurfgeschosse missbraucht werden oder als Fußballersatz auf dem Weg landen, wo sie dann wieder als Stolperfallen für Spazierende eine Gefahr darstellen." Immerhin: Die Steine sind nicht einfach im Bezirksmülleimer gelandet, sondern eingelagert worden. Und ein neuer Standort ist wohl schon gefunden: Die Kinderkunstwerke werden schon ganz bald auf der Insel der Jugend zu sehen sein. Steine gut, alles gut.
Es geht voran mit der Gigafactory in Grünheide (Erinnerung: das ist die E-Autobude mit dem Club darunter). Ein erster Zug mit Schotter für die Baustelle ist diese Woche angekommen. Und: Tesla hat versprochen, die Gleise auch in Zukunft zu nutzen. Das ist deshalb erwähnenswert, weil der Konzern vorhandene Eisenbahnschienen in seinen anderen drei Giga-Fabriken prominent ignoriert und die E-Autos lieber mit Lkw abholen lässt. Da hätte in Brandenburg nicht nur die Waldameise was dagegen.
Clanchef in Not: Das Berliner Landgericht zieht die Villa von Oberhaupt Issa Remmo ein. Die Richter gehen davon aus, dass die Villa mit schmutzigem Geld gekauft wurde. Offiziell gehörte das Anwesen seinem 27 Jahre alten Sohn Jusuf. Der braucht sie aber wohl gerade eh nicht: Er sitzt im Gefängnis.
Gute Nachrichten für Studierende: Berlins Universitäten bieten trotz des Kontaktsverbots fast alle Kurse an. Digital natürlich. Tagesspiegel-Kollege Tilmann Warnecke hat recherchiert, dass an der Humboldt-Universität mehr als 80 Prozent der regulären Kurse stattfinden sollen. Auch die Freie Universität rechnet damit, dass rund 80 Prozent der 4.500 geplanten Kurse digital angeboten werden. An der Technischen Universität sind es 80 bis 90 Prozent der Kurse. Größere Ausfälle gibt es in Bereichen, in denen Laborpraktika oder Versuche nötig sind, etwa Chemie, Brauereiwesen oder Lebensmitteltechnologie. FU-Präsident Günter M. Ziegler nennt das kommende Sommersemester ein „Kreativsemester“, HU-Präsidentin Sabine Kunst spricht von einem „Experimentiersemester“. Und das klingt doch, bei allem Verdruss, ganz gut.
Dem Meisenmann geht's schlecht: Eine tödliche Krankheit sucht Blaumeisen heim. Sie wirken apathisch, scheinen Atemprobleme zu haben. 8000 tote Singvögel wurden deutschlandweit in letzter Zeit gemeldet, in Berlin seit Gründonnerstag 85. Ein Zusammenhang zur Coronavirus-Pandemie gilt als unwahrscheinlich, was Meisen und Menschen jetzt trotzdem eint: Social Distancing hilft.
Treffen sich der deutsche Gesundheitsminister, der Kanzleramtsminister, der hessische Ministerpräsident, sein Gesundheitsminister und einige Ärzte im viel zu kleinen Fahrstuhl; die Geschichte hatten wir schon. Stimmt. Fortsetzung folgt: Seit dem Vorfall Anfang der Woche gingen bei der Polizei in Gießen sieben Anzeigen ein. In Hessen drohen für Verstöße gegen das Kontaktverbot Strafen von bis zu 5.000 Euro. Sein schneller Weg nach oben könnte für Jens Spahn noch teuer werden.
Ins Netz gegangen: Der Tagesspiegel Verlag startet in Kooperation mit dem Unternehmen "web4business" die Aktion "Digitalhelfer". Berliner Kleinunternehmer können sich so kostenlos eine Website bauen lassen. Unkompliziert und innerhalb von 48 Stunden. Auf der Seite können Produkte und Gutscheine im Online-Shop verkauft werden, auch Video-Chat mit Kunden ist möglich. Bis zum Jahresende wird die Website kostenlos betrieben. Im nächsten Jahr ist die Seite nicht mehr gratis, aber es gibt keine Vertragslaufzeit. Hier geht's zur Anmeldung. Erzählen Sie's weiter.
Noch ein abschließender Hinweis zum Thema Maskenpflicht: Ein Joint im Mund zählt nicht als Stoff vorm Gesicht, behauptet Christian Vooren. Wir nehmen uns vor, das mal bei Henry Maske zu erfragen. Der muss es wissen.
Durchgecheckt
Katleen Kirsch, Cheftresenfau in der legendären Charlottenburger Kiezkneipe „Zum Hecht“ (Foto: privat)
Wie fühlt es sich an, wenn ein 24-Stunden-Dauerbetrieb plötzlich stillsteht? Darum geht's in der zweiten Folge unseres Checkpoint-Podcasts „Eine Runde Berlin“. Auszüge aus dem Gespräch, das meine Kollegin Ann-Kathrin Hipp geführt hat, lesen Sie heute hier. Weil gemeinsam Bahnfahren gerade nicht so gut geht, hat sie sich mit Cheftresenfrau Katleen Kirsch im geschlossenen "Hecht" getroffen – natürlich mit Abstand. Nachzuhören, gibt's die ganze Folge auf Tagesspiegel.de, Spotify und Apple Podcasts.
Frau Kirsch, sagt man du oder Sie?
Wir sind hier in einer Kneipe, natürlich du. Hier wird nicht gesiezt. Wir kennen auch keine Nachnamen.
Wie geht es dir?
Ich bin gesund. Das ist das Wichtigste. Aber die Langeweile ist schlimm. Man staunt ja doch, wie man an seiner Arbeit hängt. Sonst hätte man gern mal eine Woche frei gehabt. Aber so frei möchte man dann doch nicht haben.
Wie hast du den Moment erlebt, als ihr schließen musstet?
Um 21 Uhr kam das Ordnungsamt und hat gesagt, dass wir sofort alle rausbekommen müssen. Wir mussten unseren Gästen dann wirklich den Hocker vom Hintern wegziehen. Für viele ist das hier eine zweite Heimat. Wir haben dann angefangen, zu putzen und den Müll rauszubringen. Man musste ja vieles erstmal überlegen. Was macht man jetzt überhaupt? Wir haben zwei Stunden gebraucht, um den Laden zuzumachen.
Wann er wieder aufmacht, ist erstmal ungewiss.
Ich finde, das ist das Schlimmste. Wenn man ein Datum hätte, wäre das okay. Dann könnte man zwei Wochen vielleicht sogar genießen. Aber ich glaube, keiner von uns genießt das. Das ist Stress pur.
Seit 1974 gibt’s den „Hecht“. Damals lag er noch mitten im Rotlichtmilieu.
Ich kannte die Ecke nur, weil von hier die Regionalbahn ins Umland gefahren ist. Aber niemals, nie wäre ich in den Hecht gegangen. Ich bin ein paarmal vorbeigelaufen, wenn irgendwelche Besoffenen rausgestolpert sind. Man hat dann seine Handtasche unter den Arm gedrückt und ist schnell vorbei. Erzählt wird ja, dass im Hecht einige auch mal vergessen haben, auf die Toilette zu gehen und dass das dann irgendwie am Tresen lief. Ob das nun wirklich so schlimm war, weiß ich nicht. Aber hier soll sich schon früher alles getroffen haben. Ein sehr gemischtes Publikum, so wie heute – aber bei uns benehmen sich alle und gehen auf die Toilette.
Was sind das heute für Gäste?
Wir haben einige, die wirklich jeden Tag kommen. Der Rentner, der hier um eine Ecke wohnt und sein Gespräch braucht, vielleicht auch weil er alleine und seine Frau gestorben ist, Arbeitslose, die auch mal ein Bier trinken, viele Anwälte, Schauspieler – Ben Becker zum Beispiel. Frank Zander meckert jedes Mal mit uns, weil es noch kein Lied von ihm in der Musikbox gibt.
Von einem Gast habt ihr auch den Hecht an der Wand geschenkt bekommen.
Ja, das fand ich süß. Da kam eine Frau rein und sagte, dass ihr Mann hier immer Stammgast war. Ich glaube, der war auch Rechtsanwalt und hatte in seinem Büro einen Hecht hängen und den wollte sie uns gerne schenken und jedes Jahr zum Geburtstag und zum Todestag ihres Mannes mit ihren Kindern kommen und ein Hecht-Gedeck trinken (Anmerkung der Redaktion: Hausbier mit Kümmel). Das machen sie jetzt auch.
24 Stunden, sieben Tage die Woche, gibt es auch Momente, in denen hier keine Gäste sind?
Das kann in der Frühschicht schon mal passieren. Es trinkt ja nun nicht jeder Berliner unter der Woche schon morgens Bier. Ist aber eigentlich selten.
Habt ihr schon Pläne, wie es in den nächsten Tagen, Wochen, Monaten weitergeht?
Eigentlich denkt man da nicht darüber nach. Wir wollen hier alle noch ganz doll putzen und – wenn's noch länger dauert – vielleicht ein paar Renovierungen machen. Und ja, wir hoffen, dass unser Chef durchhält.
+++ Außerdem im Interview +++ Jukebox-Klassiker, Schmalzstullen, singende Weihnachtsmänner, Lieblingsstammgäste, was Frank Zander gerne trinkt, was Tom Schilling im Hecht gemacht hat, warum sich keine Union-Fans in die Kneipe trauen – und wie Katleen Kirsch reagierte, als einmal Hitler am Tresen stand. Jetzt reinhören.
Wochniks Wochenende
Die besten Berlin-Tipps für drinnen, draußen und drumherum.
48h Berlin
Samstagmorgen — Allzu lange galt das Spielen mit dem Essen in bürgerlichen Haushalten als unschicklich. Gut für uns, denn so ist einiges ungenutztes Potenzial auf dem Gebiet der Speisen-Ludologie ungenutzt liegengeblieben und wir können tatsächlich noch Neuland betreten. Zumal die fortwährende Entwicklung neuer Rezepte und Speisen das Feld immer wieder neu aufmischt – klar im Vorteil ist, wer die tägliche Rezeptkolumne auf der Tagesspiegel Genussseite verfolgt. Sicheres Neuland, zumindest an den meisten Frühstückstischen, ist das klassische Gemüseorchester. Wie man sich zum Beispiel eine Karottenflöte baut, erfahren Sie hier. Echtes Neuland, weil bislang nicht existent, sind etwa Bassmelone, „Viola da Kürbis“ oder auch das vielversprechend klingende „Cor Ingwer“, man muss nur seinen wilden Ideengarten etwas wässern und den Dingen ihren Lauf lassen.
Samstagmittag — Für Ihre musikalischen Erzeugnisse könnte sich anschließend auch das Museum Europäischer Kulturen interessieren. Die Dokumentation von Alltagskultur seit dem 18. Jahrhundert ist das Kernanliegen des Hauses. Aktuell hat es einen Aufruf an Menschen in ganz Europa gestartet, Eindrücke und Dokumente vom Ausnahmealltag einzureichen. Der Aufruf ist Teil einer Online-Initiative der Staatlichen Museen zu Berlin, die auch eine Sammlung von Musik in Ausstellungen der Neuen Nationalgalerie samt eigener Spotify-Playlist umfasst, sowie den Ausbau des smb-Youtube-Kanals mit Geschichten aus Bode Museum, Museum Berggruen, der Sammlung Scharf-Gerstenberg und anderen.
Samstagabend – Wer hat in letzter Zeit nicht das Gefühl, mitten in einem dystopischen Roman gelandet zu sein? Was läge also näher, als diese Gegenwartserzählung mit literaturwissenschaftlichen Mitteln zu hinterfragen, ihre Sprache und Stilmittel, Figuren und Plot Twists sowie mögliche Fortsetzungen bis hin zum (Happy?) End zu erforschen? Genau das möchten das Literaturkollektiv Kabeljau & Dorsch und das Literaturhaus Berlin im gemeinsam produzierten Podcast „Call for Fiction“. Der Reihe liegt das Kettenbrief-Prinzip zugrunde: In jeder Folge wird mit einem Gast gesprochen, der am Ende den nächsten benennt, wodurch Zukunft und Ende offen bleiben. Den Anfang macht der apokalypsenerfahrene Schriftsteller Juan S. Guse.
Wer am Sonntagmorgen das Vogelgezwitscher bewundert und sich dabei, wie so viele Komponistinnen der Geschichte, inspiriert fühlt, baue sich doch einen Synthesizer. Klingt komplizierter, als es ist und Erfahrung mit dem Billyregal ist eigentlich schon Überqualifikation, wenn man sich am „Korg Nu:Tekt“-Bausatz versucht, an dem bereits alle Elektronik vorverlötet ist und zum finalen Instrument nur noch eine Handvoll Schrauben zu versenken ist. Die Grundlagen der Audiosynthese sind an dem Minisynthesizer spielend erlernbar und neben bekannten Sounds aus 80er-Jahre Popsongs ist das naive Vogelgezwitscher eine seiner leichtesten Übungen. Zu beziehen ist er über den einschlägigen Online-Musikalienhandel und hält garantiert länger als die Karottenflöte.
Sonntagmittag – Apropos do-it-yourself: Wer mit dem Frühjahrsputz auch ummöblieren möchte, aber von den üblichen Katalogeinrichtungen gelangweilt ist, lege selbst Hand an. Mit Inspiration geizt das Netz kein bisschen. Seiten wie Schereleimpapier.de, solebich.de oder DIY-Academy liefern Bauanleitungen und nachhaltige Upcycling-Ideen, über die sich Archäologen ferner Zukünfte freuen werden.
Sonntagabend – Wem das intensive Wohnen zurzeit allerdings sowieso schon bis Oberkannte Dachbalken steht, kann sich zumindest zum Schein in den Urlaub versetzen. Die Influencerin Natalia Taylor hat es kürzlich mit Fake-Kulissen bei Ikea vorgemacht, dann eröffnete in Berlin ein Selfie-Museum – zurzeit natürlich geschlossen. Eine Alternative: Verschicken Sie doch Postkarten aus dem Ausland, ohne sich weiter als bis zum nächsten Briefkasten zu bewegen. Die Karte schreiben Sie selbst, stecken sie in einen Umschlag und schicken sie an Alibi-Urlaub. Die Post geht anschließend weiter ins gewünschte Urlaubsland, wo sie ausgepackt, in der Landeswährung neu frankiert und an den Wunschempfänger geschickt wird. Der können natürlich auch Sie selbst sein – die passenden Erinnerungen an den besten Urlaub aller Zeiten werden sich mit ein wenig Autosuggestion und Selbsthypnose schon einstellen.
Mein Wochenende mit
Victor Kümel macht mit Kabeljau & Dorsch Lesungen junger Literatur in ungewöhnlichen Settings und aktuell den Podcast „Call for Fiction“, der die Gegenwart als Fiktion betrachtet. Foto: Shirin Moayeri
„Freitagnachmittag geht der Podcast online, danach kann ich eine Pause gebrauchen. Zum Beispiel für etwas Yoga mit Adriene oder einen Spaziergang. Ich wohne nahe der Sonnenallee und laufe ganz gerne Samstag oder Sonntag den Kanal hoch. Bei der Gelegenheit versorge ich mich in der Trattoria Vigata mit einer warmen Mahlzeit to go. Da man zurzeit gar keine Livemusik zu Ohren bekommt: Auf der Brücke in der Lohmühlenstraße, an der der Flutgraben in den Landwehrkanal fließt, befindet sich ein schöner Spot für Straßenmusik, an dem ich schon öfter sehr gute Darbietungen gehört habe. Ansonsten werde ich dieses Wochenende schon mit der nächsten Podcastfolge beschäftigt sein, die wir wahrscheinlich schon Sonntag aufzeichnen werden. In der Reihe geht es darum, die Gegenwart wie einen dystopischen Roman zu behandeln und ihn mit literaturwissenschaftlichen Mitteln zu erforschen. Das Gefühl, sich plötzlich in einem zu befinden, ist ja allgegenwärtig. Wir fragen uns, inwieweit hier wirklich ein neues Kapitel der Geschichte aufgeschlagen wird und welche Hinweise sich darin für das Folgekapitel finden lassen. Wir reden mit Leuten, die sich mit dem Erzählen auskennen und mit Dystopien, sowie mit Leuten, die besondere Perspektiven auf die Ereignisse entwickeln. Später auch mit Betroffenen, es soll allerdings kein Expertenpodcast zur Krise werden. Am Ende jeder Folge benennt unser Gast den folgenden, weshalb eine Vorproduktion nicht möglich ist und das Format immer eine gewisse Aktualität beibehält.“
Leseempfehlungen
Der musikalische Kontrapunkt ist ein großartiges Konzept für alle Lebenslagen. Nicht nur, wenn man mit Karottenflöte am Frühstückstisch sitzt oder mit dem DIY-Synthesizer versucht, sich in den Vogelsang vor dem Fenster einzustimmen. Auch wenn man gerade nicht weiß, was man lesen soll, bietet sich eine Übertragung des Prinzips an. Wenn man sich nämlich selbst in einer Dystopie wähnt, lese man eben Bücher über Utopien. Eines, das wegen seines Optimismus schon zum Erscheinungszeitpunkt vor zwei Jahren aus der Zeit gefallen zu sein schien, ist es heute erst recht. Andreas Stichmanns zweiter Roman, „Die Entführung des Optimisten Sydney Seapunk“ ist witzig, und weil Humor eine todernste Angelegenheit ist, todernst. Hardcover 19,95, E-Book 9,99 Euro.
Es ist heute weltweit verbreitet, dass auch politische Amtsträger Aussagen mit „Ich möchte, dass meine Kinder…“, „…mein Land“, „…meine Familie“ oder einfach mit „Ich will…“ beginnen. Nach Aristoteles wären sie auf der alten Agora sofort vom Redestein geholt und zu Privatmenschen erklärt worden – sie hätten das neue System nämlich noch nicht verstanden, das Demokratie heißt, in dem mündige Bürger nicht „ich“ und „meins“ sagen, sondern mit dem Gemeinwohl argumentieren. Das altgriechische Wort für Privatmensch wurde nicht zufällig zur weltweiten Beleidigung: Idiot. Mit seinem Buch Idiocracy hat Zoran Terzić über heutige Idiotenherrschaften nachgedacht und die Kritik überschlägt sich vor Lob. Keine Utopie, keine Dystopie, sondern eine Art Bestandsaufnahme zum Vehältnis Egoismus und Macht. 360 Seiten, 24 Euro
Wochenrätsel
Wie viele Beschäftigte des Öffentlichen Dienstes haben vom Homeoffice aus einen sicheren Computerzugang auf ihren Arbeitsplatz?
a) 1 %,
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Einen Hoffnungsschimmer in Corona-Zeiten schickt „Ticket“-Kollegin Sandra Luzina: Der Stargeiger Daniel Hope zeigt täglich um 18 Uhr ein Hauskonzert im Livestream auf arte.concert. Ein wachsendes Publikum aus aller Welt verfolgt Hope@Home, deswegen macht der Ausnahmemusiker noch bis zum 26. April weiter. Er hat schon viele befreundete Künstler in sein Berliner Wohnzimmer eingeladen, um gemeinsam zu musizieren – mit allem gebotenen Abstand. Die Konzerte sind eine Reise durch diverse musikalischen Genres, das macht ihren besonderen Reiz aus. Außerdem zeigt Hope in jeder Folge musikalische Grußbotschaften von Kollegen. Musik zu teilen helfe gegen Vereinsamung und gegen kulturelle Verarmung, davon ist Hope überzeugt. Beim heutigen Konzert wird Hope von dem Pianisten Sebastian Knauer begleitet. Und am Sonntag ist ein Best-of zu sehen; mit dabei ist auch Max Raabe, der die Texte seiner Lieder an die aktuelle Lage angepasst hat und nun singt: „Ich küss' nicht ihre Hand, Madame ...“
Was bleibt: Halten Sie Abstand, bleiben Sie solidarisch, bleiben Sie hoffnungsfroh. Wir wünschen Ihnen ein sonniges Wochenende