Heute beginnt die Berlinale, offiziell – aber eigentlich ging es schon gestern Abend los, mit der Weltpremiere von „Symphony of Now“ im legendären Weißenseer Stummfilmkino Delphi (u.a. Drehort der wilden Tanzszenen aus „Babylon Berlin“ von Tom Tykwer). In Anlehnung an Walther Ruttmanns Film „Berlin – Die Sinfonie der Großstadt“ (1927) schuf Regisseur Johannes Schaff ein modernes Berlin-Kaleidoskop, zu dem Frank Wiedemann zusammen mit Hans-Joachim Roedelius, Samon Kawamura, Gudrun Gut, Thomas Fehlmann, Modeselektor und Alex.Do einen hypnotischen Sound komponierte. Faszinierend. Für die Vorführung heute Abend (Einlass 19 Uhr) kann ich noch zwei Plätze auf der Gästeliste verlosen (Mail bis 12 Uhr an checkpoint@tagesspiegel.de). Pünktlich zum Filmstart kamen gestern Abend für die Premierengäste auch die ersten 350 Exemplare unseres neuen Magazins „Tagesspiegel Berliner“ am Delphi an – die anderen 149.650 Hefte werden am Sonnabend mit der Zeitung ausgeliefert.
Und damit zum heutigen Abend und der großen Frage: Wird Michael Müller bei seiner Berlinale-Eröffnungsrede auf die „MeToo“-Debatte eingehen? In der Senatskanzlei ging es dazu hin und her, letzter Stand: Im Manuskript ist was drin – was dabei rauskommt, werden wir in ein paar Stunden hören. Apropos: Wir haben in den vergangenen Wochen ja viel davon gehört, wie wenig Schauspieler beim Dreh von sexuellen Übergriffen mitbekommen haben; allenfalls ein bisschen despotisch habe sich der eine oder andere Regisseur verhalten. Von einem Team, das geschlossen das Set verlässt (oder die Bühne), weil eine Kollegin angebrüllt und erniedrigt wird (was gar nicht so selten vorkommt), war nichts zu hören.
Zu anderen Themen des Tages: Im Juni 2017 forderte das Parlament den Senat auf, „unverzüglich ein Berliner Jugendfördergesetz auf den Weg zu bringen“ – also hat die Bildungsverwaltung „ein Projekt installiert“, jetzt liegen die ersten Ergebnisse vor, u.a.: „Alle Projektbeteiligten arbeiten motiviert, konstruktiv und zeitgerecht an der Umsetzung des Zeit- und Meilensteinplans.“ Dafür gibt’s vom Checkpoint ein Fleißbienchen ins Heft (resp. in die Drucksache 18/0395)
Überhaupt setzt die Berliner Politik gerade voll auf die kommenden Generationen. Unter dem Motto „Deine Stadt. Dein Leben. Dein AGH“ gibt’s auf der Webpage des Parlaments jetzt alles, was das politische Herz von Snapchat-müden Kindern, Jugendlichen und Pädagogen begehrt – z.B. „Das Demokratiespiel“, und das geht so: „Ausgangspunkt ist die Geschichte des weisen Königs Gundur, der auf dem Sterbebett seinen sechs Kindern aufträgt, das Land gemeinsam zu regieren. Die Königskinder zerstreiten sich jedoch und das Reich versinkt in Dunkelheit. In spielerischer Weise sollen die Kinder erarbeiten, wie man durch Demokratie aus einer solchen Misere ausbrechen kann.“ Spannender als jedes Ballerspiel. Checkpoint-Hinweis: Auch für Erwachsene geeignet.
Ebenfalls nett: das Rollenspiel „Ausschusssitzung nachgespielt“ – wir empfehlen ein aktuelles Beispiel aus dem Bildungsausschuss (ja, liebe Kinderlein, hier geht’s um euch), da steht heute nämlich dieses schöne Thema auf der Tagesordnung: „Quereinsteigerinnen und Quereinsteiger in pädagogische Berufe in Schule und Kita – Erfahrungen und Schlussfolgerungen für die weitere Gestaltung der Rahmenbedingungen.“ Viel Spaß!
Und ein Letztes für heute von „Deine Stadt. Dein Leben. Dein AGH“ – Jugendliche fragen, der Parlamentspräsident antwortet, Zlata (14) will wissen: „Was würden Sie wählen: Schönheit, Liebe, Geld oder Intelligenz?“ Na, was meinen Sie wohl, was wählt Ralf Wieland? Bei einer kleinen Checkpoint-Umfrage in der Berliner Politik fiel die vermutete Antwort nicht ganz eindeutig aus, aber Sie liegen da sicher richtig. Es ist, na klar: die Liebe.
Wir bleiben noch kurz in der Altersklasse und schalten um zur Dauerserie „Berlins marode Schulen“ – denn trotz aller Investitionsprogramme mit den Namen Siwa und Siwana werden die Schüler der Carl-Kraemer-Grundschule (Gesundbrunnen) ins Nirwana geschickt: Sie sind „ausgelagert“ oder machen Exkursionen, weil fast alle Räume gesperrt sind. Im Dezember hieß es noch, betroffen seien von Schimmel, herunterfallenden Deckenplatten, Asbest und Mauerrissen nur Mensa und Turnhalle.
Den schwierigsten Job haben in solchen Situationen die Schulleiter – der Senat sollte bei Ausschreibungen das Jobprofil entsprechend anpassen: „Gesucht wird ein/e Facility-Manager/in mit Erfahrungen in Bauleitung, Sanierung, Umzügen, Provisorien und Notfällen aller Art sowie Orientierungsgeschick im Ämterdschungel. Pädagogische Kenntnisse wären schön, sind aber kaum erforderlich.“
Telegramm
„Auch Dirk Diedrich aus Dithmarschen will SPD-Chef werden“, meldet der Schleswig-Holsteinische Zeitungsverband – die Lücke, die Martin Schulz hinterlässt, füllt offenbar nicht nur ihn voll aus.
Wir bleiben kurz in der Bundespolitik: Im Wahlkampf versprach die SPD, die sachgrundlose Befristung von Arbeitsverträgen zu verbieten, im Koalitionsvertrag setzte sie eine Obergrenze von 2,5 Prozent der Beschäftigten durch (ab 75 MA). Und hier der Anteil sachgrundlos befristeter Verträge im SPD-geführten Familienministerium: 13,7 Prozent (schlechtester Wert der Bundesregierung, Q: Anfrage MdB Teuteberg, FDP).
Die überraschend innerhalb der SPD als neue Familienministerin ins Gespräch gebrachte Neuköllner Bürgermeisterin Franziska Giffey wird von ihrem eigenen Berliner Landesverband übrigens nicht unterstützt: „Das kommt zu früh“, heißt es. Vielleicht fängt sie, siehe oben, ja erstmal mit dem Parteivorsitz an.
„CDU-Politiker Steffel fordert den Ein-Euro-Schein“ (Q: Tagesspiegel-Interview) – Begründung u.a.: Das wirkt beim Trinkgeld „viel netter“. Aber was sollen wir damit in Berlin?
Apropos nett: Wir haben hier etwas Neues für die Rubrik „Berlin, aber Schnauze“ – abendliche Lautsprecher-Durchsage in der S9 am Hauptbahnhof: „Schwing Deinen Arsch in den Waggon, Du Kanaille!“ Das schöne, alte Wort brachten uns übrigens einstmals die Hugenotten mit.
Apropos ÖPNV: Die Bundesregierung hat das mit dem Nulltarif bei Bus und Bahn doch nicht so richtig ernst gemeint: War nur ein Vorschlag an die EU für einen Modellversuch in u.a. Reutlingen (haben die überhaupt Bahnen?), hieß es gestern, eine von mehreren möglichen Maßnahmen zur Luftreinhaltung. In einer rbb-Umfrage zeigten sich 60 Prozent von der nicht wirklich neuen Idee angetan (ob das nun viel ist oder wenig: entscheiden sie selbst). Wie es funktionieren könnte, hatten übrigens 2015 drei Gutachter für die Piratenfraktion untersucht, Sie können das hier gerne mal nachlesen, während Sie im Stau stehen oder auf den Bus warten.
So oder so: Monika Herrmann, Bürgermeisterin von Xhain, war gestern mal wieder sauer auf die BVG: „8 Minuten Wartezeit auf die U-Bahn und vorher 13 Minuten auf die Straßenbahn! Und das im Berufsverkehr. Und ich komme viiiiel zu spät! Trotz frühem Losgehen. DAS NERVT GEWALTIG !!!!“, teilte sie per Twitter mit. Kleiner Trost: Sie ist nicht allein.
Ach ja, die BVG hat natürlich auch gleich geantwortet: „Langes Warten und dann kommt doch nichts rum. Man nennt uns auch die Jamaika-Verhandlungen des ÖPNV.“ Na dann: Lieber gar nicht warten als schlecht warten.
Ach ja, die BVG hat natürlich auch gleich geantwortet: „Langes Warten und dann kommt doch nichts rum. Man nennt uns auch die Jamaika-Verhandlungen des ÖPNV.“ Na dann: Lieber gar nicht warten als schlecht warten.
Und ein Letztes für heute auch dazu: „Autoverkehr kostet Kommunen das Dreifache des ÖPNV“, haben gerade Wissenschaftler der Uni Kassel errechnet. Checkpoint-Prognose: Das Thema bleibt auf dem Fahrplan.
Die Senatorinnen Breitenbach (Linke) und Lompscher (Linke) verkünden zu den 25 neuen Standorten für Flüchtlingsunterkünfte: „Alles mit den Bezirken abgesprochen“. Dazu Dagmar Pohle (Linke), Bürgermeisterin von Marzahn-Hellersdorf: „Das kann ich so nicht teilen.“ Es kommentiert Karl Marx: „Niemand ist so taub, als wer nicht hören will."
Korrektur zur Nachricht „Valentinstag“ (CP von gestern): Die Bindungsresilienz ist in Berlin dann doch nicht ganz so ausgeprägt – immerhin 13.700 Paare haben im Jahr 2016 geheiratet (interne Checkpoint-Notiz: Zahlen möglichst nicht von vorne kürzen).
Tätä – es gibt Neues vom BER: Nach nur zwei Fristverlängerungen gelang es der Finanzverwaltung, dem Parlament „den Fertigstellungsstand zu den Sprinklern und Türen darzustellen“ (Drs. 0459 E). Demnach wird noch an 35 von 1580 Türen gebastelt und 125 von 132 Löschbereichen „sind geprüft“, Terminprognose für die Fertigstellung: Ende Mai 2018. Kommt auf WV.
BER Count Up – Tage seit Nichteröffnung:
Flughafenchef Engelbert Lütke Daldrup hat das Wunder vollbracht: Am 31. Oktober 2020 ist der Flughafen BER offiziell eröffnet worden. 3.073 Tage nach der ersten Nicht-Eröffnung stellen wir damit unseren Count Up ein. Wer nochmal zurück blicken will: Im Tagesspiegel Checkpoint Podcast "Eine Runde Berlin" spricht Lütke Daldrup mit Tagesspiegel Chefredakteur Lorenz Maroldt und Checkpoint Redakteurin Ann-Kathrin Hipp über detailverliebte Kontrollen, politische Befindlichkeiten und aufgestaute Urlaubstage.
Zitat
„Ihr Staat ist doch untergegangen!“
Zwischenruf im Ausschuss für Verfassungsschutz aus den Reihen der CDU während eines Redebeitrags von Niklas Schrader – der Linken-Abgeordnete war am 3. Oktober 1990 gerade mal 8 Jahre alt. Ach, übrigens: Geboren und aufgewachsen ist Schrader in Steglitz, und er kann sich, nach eigenen Angaben, „auch nicht erinnern, dass ich mal ‚nach drüben‘ wollte“.
Tweet des Tages
„Willkommen in Berlin, wo man sich eine 2000€-Matratze bei einem schwedischen Internet-Startup bestellt, um sie auf 5€-Paletten aus dem Sperrmüll zu platzieren.“
Stadtleben
In der Flammerie und Bar Hugo Ball bekommt man seinen Flammkuchen nach Originalrezept - hauchdünn und gleichzeitig knusprig, wie er sich gehört. Aufgepeppt wird der elsässische Teigklassiker mit diversen Toppings, inspiriert aus der modernen und orientalischen Küche: Auf die Spitze gebracht wird das bei der "Karawane" mit Aubergine, Datteln, Feta und Walnüssen. Die wechselnden Tagesflammkuchen werden etwa mit Roquefort, Birne und Walnüssen geschmückt. Beliebte Durstlöscher in dem lichtgedimmten, leicht rustikalen Lokal sind die hausgemachten Limonaden aus Ingwer oder Himbeeren, auch die Cocktails werden aus frischen Zutaten gemixt, wie z.B. der Basil Smash. U-Bhf Sonnenallee, tägl. ab 18 Uhr, Küche bis 22 Uhr
Neu in Charlottenburg ist das Schwein. Der Umzug des Fine-Dining-Spots aus der Elisabethkirchstraße in Mitte wurde schon im letzten Genuss-Guide angekündigt, seit Montag ist es soweit: In der Mommsenstraße 63 zaubert Küchenchef Christopher Kümper extrem edel angerichtetes, saisonales Barfood, wie das Rindertatar mit Räucherfisch und eingelegtem Gemüse. Profilieren will man sich aber vor allem mit der ausgiebigen Weinkarte. S-Bhf Savignyplatz, Mo-Sa ab 18 Uhr