Während sich Bundeskanzlerin Merkel nach Jamaika aufmacht und Berlins Regierender Müller nach Los Angeles (Abflug 4. Oktober), lohnt sich heute zu Beginn mal ein Blick nach Brandenburg, denn dort hatten sie gestern offenbar was im Tee: Die CDU fordert Neuwahlen, der SPD-Schatzmeister putscht gegen den Ministerpräsident, die Freien Wähler beschließen die Selbstauflösung ihrer Gruppe im Landtag, der Bildungsminister tritt zurück und wird ersetzt von der Frau des Hamburger Bürgermeisters ... also, da müssen wir uns ja richtig Mühe geben, um mitzuhalten. Aber natürlich gibt es auch heute einiges zu berichten ...
Beginnen wir mit ein bisschen Chaos in Kreuzberg (jedenfalls bei den Grünen): Canan Bayram, direkt gewählte BT-Abgeordnete, will sich einer Koalition mit Union und FDP verweigern - und wird von Parteifreunden deshalb als verirrte Extremistin mit AfD-Charakter verspottet. Wir schalten uns hier mal exklusiv ein in einen internen Chat einiger Parteifreunde …
… und los geht’s:
„Frau Bayram macht gerade die grüne Petry. Die beiden würden sich auch gut verstehen.“
(Jürgen Roth, Ex-Bundestagskandidat, Berliner Sprecher der AG Säkulare Grüne)
„Mach hier bitte keine falschen Versprechungen ; -)“
(Norbert Schellberg, Ex-Abgeordneter, Ex-Kreisvorsitzender)
„Ernsthaft Jürgen? Für mich wäre der Spruch ein Grund, dich aus der Gruppe rauszuwerfen.“
(Thomas Künstler, Sprecher AG Netzpolitik)
„Schon mal was von autoritärer Staatsfixierung links und rechts gehört, lieber Thomas?“
(Jürgen Roth)
„Soviel zur Fundamentalopposition. Da muss man keine konstruktiven Vorschläge machen. Insofern sind linke und rechte Extreme sich ähnlich.“
(Irmgard Franke-Dressler, Ex-Landesvorsitzende)
Tja, Parteifreunde eben. Derart in Stimmung versetzt, ziehen wird doch gleich mal weiter zur SPD, wo Mark Rackles, Vize von SPD-Chef Michael Müller, vom 17,9%-Hügelchen aus die politische Landkarte neu vermisst und feststellt, dass es eine ärgerliche „Doppelung von Strukturen, Inhalten und Zielgruppen“ bei SPD und Linkspartei gibt. Seine Lösung: Das „Schisma“ muss weg - es braucht eine „gemeinsame organisationspolitische Option“. Hm, vielleicht - eine Partei? Wir hätten da auch schon ein paar Namensvorschläge: LSPD, SLPD, SPLD, SPDL ...
Weil Senator Dirk Behrendt alle Justizprobleme in Rekordzeit gelöst hat (und auch der Unisextoilette die Türen offen stehen), kann er sich jetzt endlich um die Schweinemast kümmern: Berlin sieht als erstes Bundesland die Grundbedürfnisse der Tiere verletzt und lässt deshalb deren Massenhaltung vom Verfassungsgericht überprüfen. Checkpoint-Tipp an Berliner Großbauern: Am besten gleich auf Nudeln umsatteln ...
… wobei es auch damit Probleme geben kann, wie eine Anfrage des FDP-Bezirksverordneten Marc Schulte aus CW zur Vergabe der Essenversorgung der Dietrich-Bonhoeffer-Grundschule zeigt - er will wissen: „Warum führte das Fehlen einer Vorgabe (Tomatensoße mit Pesto-Topping statt Pesto zu den Nudeln) bei der Ersatzjury nicht zu einer eigentlich zwingend erforderlichen Abwertung?“ Tja, da muss das Bezirksamt erstmal schlucken - die Antwort steht aus, der Checkpoint bleibt dran.
Die „B.Z.“ setzt heute ihre „Ihm doch egal“-Titelserie fort - nach dem Michael-Müller-Aufmacher gestern („Wahl? Ihm doch egal!“) ist heute Klaus Lederer dran: „Volksbühne besetzt? Ihm doch egal!“ Der Kultursenator bot den ordnungsliebenden Kulturrevolutionären („Bei Fehlverhalten wird ein Raumausschluss ausgesprochen“) den grünen Salon und den Pavillon an - er setzt auf eine Koexistenz der „Räuber“-Revival-Fans mit Neu-Intendant Chris Dercon. Der Regierende Bürgermeister steht übrigens bisher nicht auf der Gästeliste.
Wir bleiben noch kurz im kulturellen Kampfgebiet Volksbühne - gestern Abend auf dem Programm: Ex-Staatssekretär Andrej Holm mit einem Vortrag zum Thema „Tonlage der Aufwertung. Gentrifizierung im Spiegel von Musik“. Das ist allerdings ein Oldie - auf seinem Blog hatte Holm bereits 2011 unter diesem Titel eine „Gentrification-Playlist“ begonnen, damals auf Platz 1: Rainald Grebe mit seinem Hit „Prenzlauer Berg! Prenzlauer Berg! Schau mal da oben, Biofeuerwerk!“
Telegramm
Das schlechteste Ergebnis der CDU in Berlin hat Direktkandidat Timur Husein in Friedrichshain-Kreuzberg eingefahren - das Ziel waren 20 Prozent, erreicht hat er 12, und hier ist sein Kommentar: „Es gehört dazu, dass man auch mal leidet.“
Und wo hat die AfD ihr bestes Ergebnis geholt? Im hohen Norden von Pankow, wo Parteichef Georg Pazderski kandidierte, die Kinder mit dem Pick-up-Truck in die Kita kutschiert werden und die Boulevards Gurkensteig oder Birnbaumring heißen - macht 37 Prozent.
Dass die Ostfriesen fünf Bauern brauchen, um eine Glühbirne zu wechseln, ist ja bekannt (einer hält die Birne hoch, vier drehen den Tisch, auf dem er steht) - aber wussten Sie auch, dass die Bayern fünf CSU-Funktionäre brauchen, um ein Elektro-Auto aufzuladen? Ach, das glauben Sie nicht? Dann schauen Sie mal hier: Bloß gut, dass etliche Christsoziale nach dem Wahldebakel jetzt Zeit genug haben für so was.
Apropos Bayern: Es ist jetzt auch wieder Zeit für unseren kleinen Oktoberfest-Sprachkurs „B2B“ (Bayerisch-zu-Berlinerisch) - aus den vielen Einsendungen unserer Leserinnen und Leser beiderseits der Weißwurstgrenze (vielen Dank dafür) heute ein Beitrag zur Lektion „Begrüßung“: Was bedeutet das bayerische „Grias di“ auf Berlinerisch? Na klar, das haben Sie gewusst, natürlich: „Soll ick dir die Fresse polieren?“ Servicehinweis für Neuberliner (und solche, die es werden wollen): Wir tun nur so.
Philipp Pflieger, schnellster deutscher Marathonläufer (Bestzeit 2:12:50), erlitt am Sonntag bei Kilometer 39 in Höhe der Leipziger Ecke Jerusalemer Straße einen Kollaps: Beine weggeknickt, Augen verdreht - so fing ihn ein unbekannter Helfer auf. Aber wer ist der Mann? (Foto hier.) Pflieger möchte sich gerne bei ihm bedanken - wenn Sie ihn kennen: Hinweise bitte an checkpoint@tagesspiegel.de.
Gestern Abend, 21.59, Eilmeldung der Nachrichten-App „Resi“: „Spektakuläre Wende -Saudi-Arabien erlaubt Frauen das Autofahren.“ Schön, dann dürfen sie demnächst ja sicher auch die Panzer fahren, die wir dorthin liefern.
Der heutige Beitrag zu unserer Reihe „Amt, aber glücklich“ kommt von Checkpoint-Leser Alexander Otto - er schreibt: „Geburtsurkunde für meine Tochter in Charlottenburg-Wilmersdorf: 4 Arbeitstage. Kindergeld Antrag bis Bescheid: 2 Arbeitstage in Tempelhof-Schöneberg. Elterngeld Antrag bis Bescheid: 4 Arbeitstage in Tempelhof-Schöneberg.“ Wow - irgendjemand, der das toppen kann?
Nachtrag zur Wahl: Mehrere Leser wunderten sich darüber, dass sie Parteienwerbung zugeschickt bekamen - mit ihrer exakten Adresse inkl. Etage und Lage, also Daten, die nur dem Einwohnermeldeamt vorliegen. Der Landeswahlleiter teilt dazu mit: Jede Partei hat vor Wahlen und Volksentscheiden das Recht, Daten der Bürger vom zuständigen Landesamt einzusehen (Bundesmeldegesetz § 50). Darauf muss im Amtsblatt hingewiesen werden. Wer das nicht will, kann Widerspruch bei der Meldestelle einlegen.
Korrektur zum CP von gestern – Michael Müllers Nachbarn waren nicht gar so garstig zum SPD-Chef - der Absturz um 9,7 Prozentpunkte fand ein paar Häuser weiter statt, im Stimmbezirk des Regierenden Bürgermeisters waren es nur minus 5,8. Das Ergebnis hüben und drüben an der Manfred-von-Richthofen-Straße unterschied sich allerdings nur um 0,3 Prozentpunkte: 19,5 zu 19,8 - also aber immerhin über Berlin-Durchschnitt der SPD (17,9).
BER Count Up – Tage seit Nichteröffnung:
Flughafenchef Engelbert Lütke Daldrup hat das Wunder vollbracht: Am 31. Oktober 2020 ist der Flughafen BER offiziell eröffnet worden. 3.073 Tage nach der ersten Nicht-Eröffnung stellen wir damit unseren Count Up ein. Wer nochmal zurück blicken will: Im Tagesspiegel Checkpoint Podcast "Eine Runde Berlin" spricht Lütke Daldrup mit Tagesspiegel Chefredakteur Lorenz Maroldt und Checkpoint Redakteurin Ann-Kathrin Hipp über detailverliebte Kontrollen, politische Befindlichkeiten und aufgestaute Urlaubstage.
Zitat
„Die Straße des 17. Juni ist vollständig freigegeben.“
Eine Mitteilung der Verkehrsinformationszentrale von Montag, 25.9., 15.25 Uhr.
Zitat
„Die Straße des 17. Juni wird bis 5. Oktober voll gesperrt.“
Eine Mitteilung der Verkehrsinformationszentrale von Dienstag, 26.9., 15.25 Uhr.
Zitat
„Das trifft nach meiner Kenntnis … ist das sofort, unverzüglich.“
So hätte Günter Schabowski als Sekretär für Verkehrsinformationswesen den Beginn der neuen Sperrung der Straße des 17. Juni verkündet. Konkret bedeutet das: ab heute früh 6 Uhr.
Tweet des Tages
„Sowas gibt’s nur in Berlin: Der Tiergarten ist ein Park, der Tierpark ist ein Zoo und Zoo ist ein Bahnhof…“
Stadtleben
Geschenk Der Name legt den falschen Stadtteil nahe: "Rummelsburg" heißen die Taschen, die Tanja Schilling in verschiedenen Größen für verschiedene Gelegenheiten in Friedenau herstellt. Die schmucken Teile aus Leder gibt es in klein (für lose Sachen, die man immer sucht, 49 Euro) oder groß zum Umhängen (mit Handyfach und Karabiner für Schlüssel, 85 Euro) im Popcorner (Hedwigstraße 12, S-Bhf Friedenau, Mo/Di/Mi/Fr 12-18 Uhr, Sa 11-14 Uhr).