In Berlin bricht gleich zweifach eine neue Ära an: Zum einen kostet das Zahlen im Taxi mit der Karte alsbald wirklich nichts mehr extra (aktueller Senatsbeschluss vom Dienstag, CP von gestern). Und zum anderen bekommt die Stadt nun doch noch einen Innovationscampus. Den leistet sich allerdings nicht Google, sondern Siemens, und der Campus entsteht auch nicht in funky Kreuzberg, sondern in funny Spandau. Heute um 9 Uhr wollen Joe Kaeser, der Chef von Siemens, und Michael Müller, der Chef vom Roten Rathaus, die Investition in Höhe von 600 Millionen Euro verkünden.
Auf 100 Hektar soll in Siemensstadt ein modernes und digitalisiertes Stadtquartier entstehen, wo geforscht, entwickelt, produziert und gewohnt wird. Geplant sind auch Schulen und Geschäfte. Der Konzern, der infolge des Zweiten Weltkrieges und der Teilung seinen Hauptsitz vom Gründungsort Berlin nach München verlegt hat, lässt sich schon mal vorab für die größte Einzelinvestition eines Industrieunternehmens in der Stadt seit 1945 loben. Allerdings haben auch Daimler und Sony schon eine Menge Geld in den Berliner Boden gesteckt (und später wieder rausgeholt): jeweils 2 Milliarden und 750 Millionen Euro am Potsdamer Platz. Ach ja, mit dem Breitbandanschluss von Siemensstadt wird’s ja hoffentlich klappen. Zur Not kann man ja Digi-Staatssekretärin Dorothee Bär mit dem Lufttaxi einfliegen.
An anderer Stelle in der Stadt wird dagegen diskutiert, ob man wirtschaftsfreundlich nicht übertreiben kann. Gemeint ist nicht die CDU-Bundeszentrale, wo mit Friedrich Merz der Aufsichtsratschef von Blackrock Deutschland die Aktienmehrheit übernehmen will, sondern die Hochschule für Wirtschaft und Recht (HWR). Dort zoffen sich Profs (10 im Ruhestand, 16 aktive) mit dem Dekan des Fachbereichs Wirtschaftswissenschaften. Ihr Vorwurf: Otto von Campenhausen wolle die HWR auf konservativen und wirtschaftsliberalen Kurs trimmen, aus ihr eine Management-Schule machen. Fest machen das die Kritiker (die Minderheit unter den Professoren) am Lehrplan und an Stellenbesetzungen. Und überhaupt: Die Mehrheit „regiere seit ein paar Jahren durch“. Campenhausen weist alle Vorwürfe zurück: Berufungen seien nicht nach Parteipolitik, sondern nach Leistung erfolgt, und der Stoff sei moderat umgestaltet worden – auf Wunsch der Studentenschaft.
Kennen Sie den „Palandt“? Dann sind Sie vermutlich Jurist (oder mussten sich wegen des Erbstreits um Oma ihr klein Häuschen mal schlau machen). Für alle anderen: So heißt der Standardkommentar zum Bürgerlichen Gesetzbuch, das Handwerkszeug vieler Juristen im Zivilrecht. Benannt ist das Werk nach Otto Palandt. Der Mann war NSDAP-Mitglied, wurde von Roland Freisler, dem späteren Präsidenten des Volksgerichtshofs, zum Chef des Reichsjustizprüfungsamts und Abteilungsleiter im Reichsjustizministerium ernannt. Seit 1938 trägt das Buch, das im C.H.Beck-Verlag erscheint, nun schon Palandts Namen. Drei Grüne wollen, dass das Braune verschwindet. Berlins Justizsenator Dirk Behrendt und seine Amtskollegen aus Hamburg und Thüringen haben am Dienstag eine Erklärung unterzeichnet, in der sie die Umbenennung fordern: „Ein Nationalsozialist ist seit Jahrzehnten in Gerichtssälen, Anwaltskanzleien, Universitäten und Bibliotheken präsent. Dies widerspricht unserem Verständnis einer aufgeklärten und offenen Gesellschaft.“ Für den Verlag ist der Name übrigens vor allem eine eingeführte Marke – eine Rechtswissenschaft für sich.
Innensenator Andreas Geisel macht am Donnerstag einen auf Apple-Chef: Er stellt zusammen mit dem Polizeivizepräsidenten Marco Langner neue, tragbare Endgeräte vor. Gedacht sind die mobilen Helfer (Tablets, Smartphones) natürlich nur für Polizisten. Damit soll die Zeit endgültig vorbei sein, dass die Beamten private Geräte nutzen – aus Mangel an geeigneter Technik. Im nächsten Schritt könnte sich Geisel ja dann um sein eigenes Haus kümmern. Denn die Innenverwaltung ist noch ein Digital der Tränen: Nur zwei von sechs Abteilungen - exklusive Senator - arbeiten mit der elektronischen Akte. Und wandert die mal rüber in den analogen Bereich, dann heißt es (laut Antwort auf die Anfrage des FDP-Abgeordneten Marcel Luthe): E-Akte ausdrucken, bearbeiten und wieder in die elektronische Form bringen. Kein Wunder, dass mancher den Druck nicht aushält.
Berliner Schnuppen
Telegramm
Auf 21,1 Grad hat es die Temperatur am Dienstag gebracht – es war der wärmste 30. Oktober ever. Wer bei dem Föhn einen Fön gekriegt hat, der sollte trotzdem froh sein: Im Hunsrück gab es einen Schneesturm.
Eigentlich sollten sie 15 Jahren halten, nun stehen sie aber bereits mehr als 40: die Schulcontainer oder auch mobile Unterrichtsräume (MUR) genannt. 30 gibt es noch, verteilt auf sieben Bezirke. Problem dabei: In Steglitz-Zehlendorf hat sich herausgestellt, dass aus den mobilen mittlerweile marode Unterrichtsräume geworden sind. Und beim ersten größeren Schneefall könnten aus dem MUR plötzlich EUR werden – einstürzende Unterrichtsräume.
Und noch eine Rekordzahl: Am heutigen Mittwoch öffnet das 69. Einkaufszentrum der Stadt – passend zum Reformations-Feiertag im Land Brandenburg (Willkommen, lieber Märker!). Zwischen East Side Gallery und Bahnhof Warschauer Straße ist auf 25.000 Quadratmetern die „East Side Mall“ entstanden. Es dürfte nicht das letzte Center sein (nachzulesen auf der Seite „Berliner Wirtschaft“ im Tagesspiegel).
Die „B.Z.“ hat wegen der centerschweren Eröffnung schon mal was zu meckern: Eine Verbindung für Fußgänger ins Shoppingparadies ist nicht rechtzeitig fertig geworden. Die Folge sind lange Umwege. Da fehlt wohl der Mut zur Brücke.
Eine Boygroup sichert jetzt den gefährlichen Radweg in der Schöneberger Kolonnenstraße. Verkehrssenatorin Regine Günther (parteilos, für Grüne) hat die „Leitboys“ am Dienstag persönlich vorgestellt. Das sind natürlich keine wegweisenden Jungmänner, sondern schlichte Verkehrsbaken. Und überhaupt „Boys“...
Das Leben ist bekanntlich ein ständiges Auf und Ab – außer in Teilen des Bezirksamts Mitte. Im Dienstgebäude in der Karl-Marx-Allee streiken zwei von vier Aufzügen. Besucher der Bereiche Elterngeld, Unterhaltsvorschuss, Regionaler Sozialdienst und Kitagutscheinstelle werden amtlich gewarnt, "mit deutlich längeren Wartezeiten vor den Fahrstühlen zu rechnen."
Die Feuerwehr will dagegen mobil sein und sucht vier Mountainbikes – zum Kauf. Die Anschaffung ist allerdings nicht zur Gründung einer eigenen Fahrradstaffel gedacht, sondern zur „Förderung konditioneller Fähigkeiten für die Mitarbeiter“ der Feuerwehr- und Rettungsakademie in Heiligensee. Steht jedenfalls in der Ausschreibung.
Der „Lonely Planet“, Reiseführer für alle Wanderer auf angeblich nicht ausgetreten Pfaden, hat sich jetzt auch ums Essen gekümmert. Er serviert „Die Top 500 Spezialitäten weltweit und wo man sie isst“. Aus Deutschland sind Brat-, Weiß - und Currywurst sowie Schweinshaxe, Schwarzwälder Kirschtorte und Stollen dabei. Bratwurst soll man übrigens nicht etwa in Nürnberg oder irgendwo in Thüringen ordern, sondern in Berlin - bei Konnopke oder Curry 36.
Berlins Flughafen der Herzen ist gerade dabei, einen Rekord zu vermasseln. Bei der Pünktlichkeit? I wo. Bei der Kofferwarterei? Nö. Vielmehr gibt es in Tegel bis Ende September 1217 Starts und Landungen zwischen 23 und 5.59 Uhr – auch als Zeit des Nachtflugverbots bekannt (laut Antwort des Senats auf Anfrage der SPD-Abgeordneten Bettina König). Hält der Trend bis zum Jahresende an, wird die 2017er Zahl (1792) endlich mal wieder unterflogen.
BER Count Up – Tage seit Nichteröffnung:
Flughafenchef Engelbert Lütke Daldrup hat das Wunder vollbracht: Am 31. Oktober 2020 ist der Flughafen BER offiziell eröffnet worden. 3.073 Tage nach der ersten Nicht-Eröffnung stellen wir damit unseren Count Up ein. Wer nochmal zurück blicken will: Im Tagesspiegel Checkpoint Podcast "Eine Runde Berlin" spricht Lütke Daldrup mit Tagesspiegel Chefredakteur Lorenz Maroldt und Checkpoint Redakteurin Ann-Kathrin Hipp über detailverliebte Kontrollen, politische Befindlichkeiten und aufgestaute Urlaubstage.
Zitat
"Wenn wir uns gruseln, empfinden wir ,Angst-Lust‘, ein Gefühlsgemisch aus Angst und lustvoller Erleichterung."
Der Psychologe Peter Walschburger erklärt im Tagesspiegel-Interview das Geheimnis des Gruselns. Heute lassen sich ja viele nicht davon abschrecken, Halloween zu feiern.
Tweet des Tages
"Gertrud kommt nachher noch vorbei, wir wollen Radieschen in Schokolade tunken für den Hellowien, wenn die Kinder wieder betteln kommen. Letztes Jahr hatten wir Rosenkohl, aber man will den Kleinen ja ein bisschen Abwechslung bieten, nicht wahr?"
Antwort d. Red.: (Wer sich hinter Renate Bergmann verbirgt, ist hier noch einmal nachzulesen.)
Stadtleben
Essen & Trinken Der Name ist Programm: Wer in Unsre Kneipe an der Belforter Straße 22 einkehrt, ist nicht nur Gast, sondern soll sich wie zuhause fühlen, als Teil des Ganzen. Mitarbeiten muss man deshalb noch nicht, doch zur Eröffnung im Mai dieses Jahres haben selbst das einige getan: Als die Betreiber Christian Keiser und Lutz Dallgas entschieden, sich selbstständig zu machen, packten 30 Stammgäste aus der alten Wirkungsstätte, dem Café Chagall, mit an und machten aus den Räumen einer ehemaligen Tapas-Bar „ihre“ Kneipe. CP-Leserin Pita Croy berichtet begeistert von "Ganz ehrlicher und guter - hauptsächlich deutscher - Küche, wunderbaren Getränke und sehr, sehr netter Bedienung" - und das zu für den Kollwitzkiez eher unüblich kleinen Preisen. Die Gerichte - Berliner Klassikern wie Hackepeter- und Schmalzstullen, Senfeier und Königsberger Klopse - liegen bewusst unter 10 Euro, alle Fassbiere kosten 2,40 Euro (0,3l) und Weine gibt es ab 2,90 Euro pro Glas (0,2l). U-Bhf Senefelderplatz, tgl. ab 15 Uhr, Küche von 17-22 Uhr
Geschenk Spätestens nach Einsetzen der Winterzeit ist klar: Das Jahr neigt sich seinem Ende entgegen, 2019 wirft seine Schatten voraus. Sich darauf einstimmen kann man sich schon jetzt mit den Illustrationen des Designers Raban Ruddigkeit, der mit seinen grafischen Kommentaren die sonntägliche Causa im Tagesspiegel begleitet und in Kalenderform monatlich auch das Jahr 2019. Zu erhalten ist der Kalender im Tagesspiegel-Shop (19,90 Euro) oder per Mail an checkpoint@tagesspiegel.de – wir verlosen bis 12 Uhr drei Exemplare.