Heute zeigt sich die Sonne erst nachmittags, begleitet von Böen (26°C), am Sonntag kann es leicht regnen

Olaf Scholz will SPD-Vorsitzender werdenBundeswehrsoldaten dürfen kostenlos Bahn fahrenBerliner Knabenchor muss nach Gerichtsurteil keine Mädchen aufnehmen

der in diesem Stunden meistzitierte Politikerspruch stammt von Olaf Scholz, seit gestern Kandidat für den SPD-Vorsitz: „Ich halte das mit dem Amt eines Bundesministers der Finanzen nicht zeitlich zu schaffen“, sagte er am 2.6. bei „Anne Will“. Hatte er da die Stunde vergessen, die ihm bei der Umstellung zur Winterzeit geschenkt wird? Oder preist er jetzt das Ende der Großen Koalition ein? Konnte ihm die langjährige CDU-Vorsitzende und Bundeskanzlerin Angela Merkel doch noch erklären, wie das beides geht? Ist ihm Annegret Kramp-Karrenbauer zum Vorbild geworden, die das Amt der Verteidigungsministerin für nicht kompatibel hielt mit dem der Parteichefin, bis sie es übernahm?

Viele Leute mögen es nicht, wenn Politiker „wortbrüchig“ werden. Doch das ist bei der prekären Kandidatenlage der SPD das kleinere Übel, einer der Parteipromis musste raus aus der Deckung. Nur ist Scholz ein Retter mit Blei an den Füßen, die Koalition zieht ihn runter. Er braucht deshalb selbst ganz schnell Hilfe: „Scholz sucht Frau“, lautet heute die Titelzeile im Tagesspiegel. Das Casting in der SPD geht weiter.

Zu anderen Themen:

Zwei Meldungen zum Radfahren kamen gestern rein:
1) Frauen werden enger überholt
2) Helmträger werden enger überholt 
Aber stimmt das überhaupt?

Wir haben uns daraufhin nochmal die Daten von unserem Projekt „Radmesser“ angeschaut - es ist die größte Studie, die es zum Thema Überholabstand gibt:

- 100 Probanden waren zwei Monate in Berlin unterwegs.
- Auf 13.300 km Strecke wurden 16.700 Überholvorgänge gemessen.


Das Ergebnis: 56% der Überholvorgänge waren dichter als der vorgeschriebene Mindestabstand von 1,5 Meter – wären alle diese Verstöße geahndet worden, hätte das Land Berlin zusätzliche Bußgelder in Höhe von mindestens 282.060 Euro eingenommen.

Und jetzt zu den Details und den Meldungen von oben:
1) Das Geschlecht hat keinen Unterschied gemacht
2) Helmträger wurden sogar mit etwas mehr Abstand überholt.

Weitere Ergebnisse unserer Studie: Mit Kind gab es etwas mehr Abstand, der Effekt war aber marginal – und nach gängiger Rechtsprechung müssten es dann zwei Meter Abstand sein. Einfluss hat das Fahrverhalten: Wer sehr weit rechts fährt, wird dichter überholt. Wer schneller fährt, bekommt mehr Platz.

Und außerdem: Aufgemalte Fahrradwege (Schutzstreifen und Radfahrstreifen) haben einen kleinen Effekt. 59% der Überholvorgänge auf Straßen ohne Radinfrastruktur sind zu dicht, bei Schutzstreifen sind es 51%, bei Radfahrstreifen 48%, auf Busspuren 44%. Auf baulich getrennten Radwegen wird man nie zu dicht von Autos überholt.

Wir haben eine zweite Auswertung gemeinsam mit Statistik-Professor Claus Weihs von der TU Dortmund gemacht, er kommt zum gleichen Ergebnis in Bezug auf die Fragen von oben: Geschlecht und Helm haben so gut wie keinen Effekt.

Der „Radmesser“, den unser Team vom Innovation Lab entwickelt hat, wird übrigens gerade in Stavanger implementiert.

Telegramm

Deutsche Soldaten dürfen künftig umsonst zu spät kommen – die Bundeswehr hat sich mit Bahn über die Gratisbeförderung für Uniformträger geeinigt.

Falls Sie ein bisschen Geld investieren wollen und wie Donald Trump ein Auge auf eine Insel im Norden geworfen haben – vergessen Sie’s: Grönland steht nicht zum Verkauf, lautet eine der Schlagzeilen des Tages.

Kurzer Blick auf die Bundesliga-Tabelle: Hertha steht nach dem 2:2 in München auf Platz 1 – jedenfalls bis zum Nachmittag. Von mir aus kann die Saison abgepfiffen werden.

Während die schwulen Zoo-Pinguine Skipper und Ping unter der Anteilnahme von CNN, BBC, NBC, abc, Fox, People, USA Today, New York Times, Washington Post u.a. weiter ihr Ei ausbrüten („B.Z.“), verweigert Panda-Dame Meng Meng eine Ultraschalluntersuchung. Immerhin haben wir schon mal einen Namen für den Nachwuchs der gerne rückwärtslaufenden Mutter: Etwas passenderes als Plem Plem wird es nicht mehr geben.   

Maßnahmen zur Erhöhung der Verkehrssicherheit“ sind dem Senat sechs Millionen Euro in zwei Jahren wert – für die gleiche Summe ersteigerte jetzt ein unbekannter Bieter den Aston Martin DB5 von James Bond aus „Goldfinger“, und der ist seine eigene Verkehrssicherheit: Mit Rauchbomben, Wurfkrähenfüßen, Schleudersitz, Schutzschild und drehbaren Nummernschildern ist er wie gemacht für die Berliner Straßen.

Apropos Verkehrssicherheit – ob’s was Neues gibt zum Immobilitätsgesetz? Mal schauen… tatsächlich, hier: Gesucht wird eine „externe Begleitung für die interne Kommunikation zur Umsetzung des Berliner Mobilitätsgesetzes“ (IV AbtL 1-1_2019) – alleine traut sich die Kommunikation offenbar nicht in die Verwaltung. Und die Sache mit dem Mobilitätsgesetz sitzt noch nicht.

„Berlin setzt jetzt auf Qualitätstourismus“, hieß es im Januar 2018, und ein halbes Jahr später legte der Senat nach: „Millionenspritze für Werbekampagne zum Qualitätstourismus“. Super! Aber was ist eigentlich Qualitätstourismus? Tja, das haben sie sich in den Berliner Ratloshäusern offenbar auch gefragt – das Ergebnis: eine aktuelle Ausschreibung mit dem Titel „Entwicklung einer Definition des Qualitätstourismus in Berlin“ (Nr. D-0042-2019). Bald wissen wir mehr. Spätestens nach dem nächsten Urlaub.

Nächster regulärer Termin beim Bürgeramt zum Anmelden einer Wohnung (Online-Buchung): 25. September. Gesetzlich vorgegebene Frist zum Anmelden einer Wohnung: zwei Wochen – das wäre also spätestens am 2. September.

Eine ganz andere Erfahrung machte gerade Twitter-Nutzer @Dave Gröhlt: „War 'ne halbe Stunde zu früh beim Bürgeramt, bin trotzdem direkt drangekommen und alle waren nett. Berlin, ich bin entsetzt!“

Und Checkpoint-Leserin Mareen Koch hatte sogar Glück mit der Ordnungsamts-App: Auf dem Radweg in der Grenzallee wuchs ein riesiger Müllberg heran – am dritten Tag meldete sie um 7:15 Uhr das gefährlich mäandernde Hindernis, um 16:30 war es weg. Sensation.

Aus der Reihe „Berlins marode Schulen“: Hier gleich der nächste Wasserschaden in einem „Modularen Ergänzungsbau“ –diesmal traf’s die Heinrich-von Stephan-Schule (Moabit). Die Folge: Erdgeschoss gesperrt. Da bekommt der Begriff „Turbo-Bau“ gleich eine neue Bedeutung. (Q: „B.Z.“)

Einen ganzen Monat lang belagert die „Koryphäen-Film-GmbH“ unsere Straße (5.8. bis 2.9.) – dazu ist der schmale Gehweg mit Flatterband abgesperrt und mit Verbotsschildern vollgestellt. Immerhin hängt jetzt mal ein Info-Zettel an der Tür, der Titel des Films: „Es ist zu deinem Besten“. Na da bin ich jetzt aber mal so richtig gespannt.

Vor zwei Monaten hatten wir hier einen internen Aufruf der Polizeipräsidentin – die MitarbeiterInnen der Behörde sollten sich für eine Plakataktion zum Thema Korruption kurze, prägnante Sprüche einfallen lassen. Gestern meldete Barbara Slowik ihren Leuten Vollzug: „449 Einsendungen“ liegen vor, mit „treffenden, teils witzigen Slogans“. Die Imagekampagne „Wir können Hauptstadt“ (startet am Montag) läuft aber extra: „Wir können Korruption“ wäre sicher etwas missverständlich.

Ein Knabenchor muss kein Mädchen aufnehmen, urteilte gestern das Verwaltungsgericht (nicht das Kammergericht, wie hier aus Versehen gemeldet) – die Richter schlossen sich der Argumentation des Domchor-Direktors an: „Genauso wie eine Klarinette nicht in einem Streichquartett spielen kann.“ Aber ein Elefant in einem Porzellanladen, das geht offenbar immer.

„Berlins oberster Wirtschaftsförderer wirbt für eigene Firma“, meldet die „Morgenpost“ – Aufsichtsratschef Jürgen Allerkamp is not amused. Vielleicht muss Stefan Franzke ja bald für sich selbst werben: bei der Jobsuche.

Die Senatskanzlei rechnet für einen Stadtmarkenrelaunch mit Agenturkosten in Höhe von 1,5 Millionen Euro – be berlin aktiviert nicht mehr“, heißt es in einer Vorlage für den Haushaltsausschuss, „es beschreibt lediglich einen Zustand. Das Image als Partyhauptstadt mit ‚arm, aber sexy‘ kann außerdem nicht das Zielbild Berlins als europäische Metropole sein.“ Klaus Wowereit darf aber trotzdem hier wohnen bleiben.

Die neuen Klos auf dem Tempelhofer Feld, die Ostern eröffnen sollten, sind übrigens immer noch nicht fertig – es stand aber ehrlicherweise auch kein Jahr dran.

Falls Sie stolzer Besitzer einer Urkunde des Bezirksamts Treptow-Köpenick mit dem Dienstsiegelaufdruck Nr. 46 sind, haben wir leider schlechte Nachrichten – der dazugehörige Gummistempel wird vermisst und ist für ungültig erklärt worden.

BVV-Mitte-Mitglied Taylan Kurt lotet die Möglichkeiten zur rechtmäßigen Sonntagsöffnung von Spätis aus, das Ergebnis: Mittes Bezirksbürgermeister Stephan von Dassel legt alle Tricks trocken. Egal ob E-Tankstelle, Dauerveranstaltung, Kleinstverpackungen, Kneipe – offiziell geht da gar nichts. Nur der Verkauf von Sonnenschutzmittel und Antimückenspray ist zulässig – aber das Zeug schmeckt ja nicht. Einzige Hoffnung für Verpeilte: „Dem Allgemeinen Ordnungsamt stehen samstags ab 20 Uhr keinerlei Kräfte zur Verfügung“. Irgendwann müssen die ja auch mal einkaufen. (Anfrage 0658/V).

Durch­gecheckt

Durchgecheckt

Steffen Krach (SPD) ist Staatssekretär für Wissenschaft und Forschung. Im Checkpoint-Interview spricht er über Berlins Bildungskrise und die Lehrerverbeamtung.

Herr Krach, vor fünfzehn Jahren lag die Berliner Wissenschaft am Boden, heute gehört sie zur nationalen Spitze und ist international anerkannt. Was lässt sich von dieser Erfolgsgeschichte auf die Berliner Schulpolitik übertragen?

Natürlich steht es mir nicht zu, andere Senatsressorts zu kommentieren, aber als für die Lehrkräfteausbildung verantwortlicher Staatssekretär liegt mir der Bereich besonders am Herzen. Ganz wichtig ist eine enge Abstimmung aller Beteiligter. Es braucht ein einheitliches Konzept, klare Strukturen und feste Regeln. Und den Willen, an einem definierten Ziel festzuhalten, denn das geht alles nicht von heute auf morgen. Die Schulen müssen außerdem genau wissen, was sie wie zu tun haben. Als Vater erlebe ich, dass viele Eltern beunruhigt sind. Was die Schulen nicht brauchen, ist immer wieder eine neue Schulstrukturreform. Eine sichere Finanzierung ist absolut notwendig, aber nur mit mehr Geld alleine lassen sich die Probleme nicht lösen. Auch der Blick nach draußen ist hilfreich: Wie machen es andere, die erfolgreicher sind? Was lässt sich zum Beispiel von Hamburg lernen?

Die Kita-Kinder von gestern sind die Schülerinnen und Schüler von heute und die Studierenden von morgen – und einige davon sind die Lehrenden von übermorgen. Muss Bildungspolitik da nicht ganzheitlicher organisiert werden?

Ja, unbedingt. Die Wissenschaft muss den Prozess eng begleiten und ständig evaluieren. Und die Politik muss die wissenschaftliche Perspektive und Expertise viel mehr nutzen. Die Ernennung von Olaf Köller zum Leiter der neuen Qualitätskommission ist ein wichtiger, überfälliger Schritt in die richtige Richtung. Aber auch bei der Ausbildung der Lehrkräfte hat die Wissenschaft eine große Aufgabe – da wurde in den vergangenen Jahren viel versäumt.

Als einziges Bundesland verbeamtet Berlin seine Lehrkräfte nicht – ein Standortnachteil in der Konkurrenz um Lehrkräfte. Ist es nicht an der Zeit, das zu ändern?

Der Schritt damals war richtig, und die Verbeamtung allein löst auch nicht die Berliner Bildungsprobleme. Aber das Thema spielt durchaus eine Rolle für Referendare, für die ist das ein wichtiger Aspekt bei der Wahl ihres Arbeitsplatzes – und außerdem ist die jetzige Situation eine Steilvorlage für alle, die unser Bildungssystem kritisieren. Ich denke, wir sollten an das Thema nochmal rangehen.

Zu einem anderen Thema: Die Gründungskommission der milliardenschweren Bundesagentur für Sprunginnovation empfiehlt als Standort „die Metropolregion Berlin“, weiter heißt es: „Die endgültige Standortauswahl soll im Einvernehmen mit dem Gründungsdirektor getroffen werden.“ Berlin und Brandenburg haben sich auf Potsdam geeinigt. Doch Rafael Laguna de la Vera scheint es in seine Heimatstadt Leipzig zu ziehen, und in der Wirtschaftswoche sagt er: „Die finale Entscheidung treffe ich.“ Am 26. August kommt der Direktor nach Potsdam, wie kann ihn die „Metropolregion Berlin“ überzeugen?

Also ich wundere mich da schon ein bisschen, die Empfehlung der Kommission ist eindeutig, und von einer alleinigen Entscheidung des Direktors war bisher nirgendwo die Rede. Die Metropolregion Berlin hat eine einmalige Dichte an Forschungseinrichtungen, darunter das weltweit anerkannte Hasso-Plattner-Institut. Das ist hier der internationalste Standort Deutschlands bei Studierenden sowie Forscherinnen und Forschern – und die Startup-Szene ist konkurrenzlos. Einen besseren Standort für Sprunginnovationen gibt es in Deutschland nicht.

Die wichtigste Frage heute mal zum Schluss: Berlin ist die einzige deutsche Fußballstadt mit zwei Erstliga-Vereinen – halten Sie zu Hertha oder zu Union?

Ich liebe Berlin, beim Fußball gibt’s aber nur: Hannover 96.
 

Thomas Wochnik

Wochniks Wochenende

Die besten Berlin-Tipps für drinnen, draußen und drumherum.

48h Berlin

Samstagmorgen – Am ersten September startet, wie mittlerweile jedes Kind in der Stadt weiß, die Checkpoint-Radgruppe. Um sich dafür in Fahrt zu bringen, radeln einige dieses Wochenende schon mal von Paris nach Brest – und zurück. Es heißt zwar, man gewinne keine so tiefe Einsicht in die Dinge, wenn man schnell von Ort zu Ort ziehe und nirgends lang genug bleibe, um sich in die alltäglichen Verstrickungen zu verstricken. Nun, dafür gewinnt, wer sich aufhält, keinen Einblick in den Streckenalltag und die Fügung flüchtiger Eindrücke zum Gesamtbild einer Strecke, Landschaft, oder Region. Wem die rund 1200 Kilometer vom PBP zu ambitioniert sind, kann auch entlang des Elbdeiches die Prignitz per pedales näher kennenlernen. Die Tour startet ab Lenzerwischer Burgvorplatz um 11 Uhr. 27 Kilometer sollen in äußerst entspannten 4 Stunden zurückgelegt werden, 10 Euro beträgt die Mitmachgebühr. Ganz ohne Fahrrad geht übrigens auch: 12 Kilometer betreutes Wandern durch Tegeler Fließ und Forst bietet der Sauerländische Gebirgsverein. Treffpunkt ist um 10 Uhr ab U-Bhf Tegel, Kosten 3 Euro.

Samstagmittag – Nach der brutalen Verausgabung eine süßlich-brutalistische Zwischenmahlzeit: Beim Baldon-Brunch auf dem Aufsehen erregenden Terrassenbau in der Weddinger Böttgerstraße 16 spielt die Architektur eine wesentliche Rolle im Speiseerlebnis, das Auge isst bekanntlich mit. Es soll ja Leute geben, die sich was Hübscheres anstelle des interessanten Multifunktionsbaus wünschten. Erstens ist doch aber nicht der Blick auf das Gebäude, sondern aus dem Bau auf die Welt der entscheidende – und dieser hier ist ganz sicher dem Geschmackserlebnis förderlich. Und zweitens kommentiert Chefpromenadologe Lucius Burckhardt: „Genügend solcher ästhetischen Kakteen stehen schon herum, ja, eben sie sind es, die zu der vielfach beklagten Verhässlichung der Umwelt beigetragen haben.“ Wer das anders sieht, bewahre Ruhe, trinke Tee und fröne dem allseits gefälligen Minimalismus, wie er bei Paper & Tea gepflegt wird. Verbindet man mit der Schriftstellerei nicht sonst eher härtere Getränke als Tee? Eine Gelegenheit, dem nüchternen Klischeebruch auf die Spur zu kommen, bietet das Teeseminar um 15 Uhr – für Notizen stehen natürlich adäquate Paraphernalien zur Verfügung. Kantstraße 31, S-Bhf Savignyplatz

Samstagabend – Weiter geht es mit einem Paradebeispiel musikalischer Früherziehung. Zum Sun Ra Arkestra hat unter anderem ein gewisser Phil Cohran den Trompetensound beigesteuert. Zuhause hat er mit seiner Band „Circle of Sound“ Proben abgehalten und inmitten der Klänge seine Kinder aufwachsen lassen. Täglich um 6 Uhr soll er sie zum Morgenappell mit ihren Blasinstrumenten antreten lassen haben. Als „Phil Cohran Youth Ensemble“ spielten sie schon bald unter anderem für Harold Washington und Nelson Mandela. Und heute Abend stehen acht der Söhne als Hypnotic Brass Ensemble auf der Bühne des Club Gretchen19.30 Uhr in der Obentrautstraße 19-21, 21,20 Euro.

Sonntagmorgen – Wo waren wir noch gleich stehengeblieben? Wem öfter mal der eigene Standort abhanden kommt, dem könnte der Kartographie-Workshop von Parkakademie und Sonntagsbureau in der Amerika-Gedenkbibliothek am Halleschen Tor auch langfristig etwas bringen, sei es auf längeren Radtouren, Wanderungen oder zur Bestimmung von Lösungswegen. Blücherplatz 1

Sonntagmittag – Die hohe Kunst der exakten Standortbestimmung kann man sich übrigens auch bei Turntablisten, also virtuosen Platten-Spielern abschauen. Die laufende LP wird von Hand gebremst oder in die Gegenrichtung beschleunigt, wieder losgelassen, die abtastende Nadel, muss dabei immer an genau der richtigen Stelle landen, alles im gewünschten Rhythmus erklingen. Im Friedrichshainer Cassiopeia steigt im Rahmen des Sample Music Festival der „Clash of the Titans“, die Weltmeisterschaft der besten Plattenkünstlerinnen der Galaxis. Ab 16 Uhr in der Revaler Straße 99

Sonntagabend – Es ist allerdings gar nicht nötig, gleich in esoterisch-galaktische Gefilde abzuschweifen, um die Welt als Klang zu begreifen. Schon ein wenig Sinn für Proportion, etwas Assoziationsreichtum und Neugier sollten dafür eigentlich genügen. Ebendie haben die Musikerinnen des Ensemble Mosaik schon oft eindrücklich unter Beweis gestellt. Sie tun es aktuell wieder und bieten ein Abendprogramm aus in „abgelegenen Wohnzimmerlaboratorien“ oder „Hosentaschensammlungen“ aufgespürten Stücken – eine Art musikalischer Gegenwartsarchäologie. Heute Abend: Stücke von Andrea Neumann, Carlos Sandoval, Elena Rykova / María Korol und Chatschatur Kanajan, Rama Gottfried, Orm Finnendahl, Mayr / Surberg mit Liping Ting, Prins / Neffe / Strasser und der Tänzerin Hironori Sugata. Eintritt 12/ 8 Euro, um 19 Uhr im Ackerstadtpalast, Ackerstraße 169/170

Mein Wochenende mit

Durchgecheckt

Niccolò Bonanno schweißt in Kreuzberg schnelle Fahrräder aus modernem Stahl. Zur Entschleunigung, wie er sagt.

„Ich beginne mit dem Baretto. Eigentlich bin ich meistens am Montagmorgen da. Das Café gehört Freunden und sorgt für einen guten Start in die Woche. Aber warum nicht auch ins Wochenende? Wie am Montag gehe ich schließlich auch am Samstag anschließend in die Werkstatt. Meistens treffe ich dann Kunden, die von weit her angereist kommen. Die wichtigste Mission des Tages besteht aber ganz klar im Wäschewaschen – die Arbeit sorgt für wahre Berge, die sich unter der Woche ansammeln. Jedes Mal ein Großprojekt. Dann setze ich mich auf mein Rad und fahre am liebsten nordwärts aus der Stadt raus. Auch wenn ich dafür erst das halbe Berlin durchqueren muss, lohnt sich der Weg zum Bernsteinsee bei Ruhlsdorf zum Beispiel. Oder zum Liebnitzsee. Idealerweise mit Abkühlung im Wasser und Übernachtung auf einer Isomatte. Klappt aber leider oft nicht, weil aus der Woche noch so viele Aufgaben anliegen, dass ich aus der Werkstatt kaum rauskomme. Und die müssen am Samstag erledigt werden, damit der Sonntag richtig frei wird. Komischerweise zieht es mich auch dann in die Werkstatt, weil sie am Wochenende, wenn kein Druck anliegt, eine ganz andere Atmosphäre verströmt. Man kommt auf Ideen, wenn man hier in Ruhe durchfegt, Werkzeug pflegt, oder einfach einen Kaffee trinkt. Und über das nachdenkt, was man so macht. Diesen Sonntag fahren zwei meiner Räder bei Paris Brest Paris mit, das werde ich sicher verfolgen. Und zum Schluss trinke ich gern ein Bier, zum Beispiel beim Elefanten oder nebenan im Goldenen Hahn mit Freundin, Freunden, Fremden. Irgendwo, wo Menschen sind – dazu verpflichte ich mich bewusst, um hier nicht mürrisch zu werden.“

Lese­empfehlungen

Prometheus hat der Morgenröte das Feuer geklaut, um es der Menschheit zu geben und so die Geschichte der Technik entfesselt. Zur Strafe hat ihn Zeus gefesselt und den Menschen die Büchse der Pandora geschenkt, die alles Übel der Welt enthält. Dass das Übel der Welt seinen Ursprung in neuer Technik hat, ist also ein verdammt alter Hut. Irgendwo bei Luhmann findet sich die These, dass noch nie ein technisches Medium als Lösung eines Problems dahergekommen ist, sondern stets selbst ein neues Problem war. Schon mit der Einführung der Sprache tritt die Lüge in die Welt. Der Schrift gegenüber stehen auch die Nicht-Skeptiker der Antike skeptisch gegenüber und Platon schreibt überhaupt nur unter Vorbehalt und widerwillig. Immanuel Kant warnt vor den schlimmen Folgen des Buchdrucks, der seinerzeit Fahrt aufnimmt und der Volksmund erfindet allerlei Märchen, um Kinder vor dem schlechten Einfluss der Bücher zu schützen. Das Radio kommt als Militärtechnik in die Welt, als Propagandaapparat in die privaten Haushalte und beim Fernsehen herrscht in manchen Gegenden anfangs durchaus Unsicherheit darüber, ob die kleinen Menschen nicht doch auch zurück in die Wohnzimmer schauen. Natürlich meinte man schon immer, das größte aller Übel vor sich zu haben. Wie gut dieser alte Hut auch ein Drittel Jahrhundert nach 1984 noch sitzt, zeigt ein Text von Autorin Anna Miller in der Zeit. Sie wünscht sich ein Leben nach dem Internet. Konstruktives Gegenmittel: Im Grunde kann man das Gesamtwerk des kürzlich verstorbenen Philosophen Michel Serres nennen, der immer schon als Verteidiger der steigenden Komplexität und der Möglichkeiten in der Welt auftrat. Seine letzte Abrechnung mit Technophobie und Medienpessimismus ist autobiografisch, streckenweise blumig geschrieben und ebenso zugänglich, wie Didier Eribons Rückkehr nach Reims: „Was genau war früher besser? – Ein optimistischer Wutanfall“.

Wochen­rätsel

Eine gute Woche für den Checkpoint in Sachen Animal Content. Worum ging's?

a) Biberstaudämme im Landwehrkanal und Reinickendorfer Wasserbüffel
b) Drogenspürbienen, trächtige Pandas und Therapiehunde
c) Invasive Tiergarten-Sumpfkrebse, Killerwelse und Kurierfüchse
 

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Encore

Schließlich hat die Gegenwart auch Vorteile – zum Beispiel den, dass so einiges Vergangene heute verfügbar ist, das meiste Heutige in der Vergangenheit aber nicht. So sind Forscher der Londoner National Gallery gegenwärtig dabei, eine Zeichnung freizulegen, die etwa seit dem Jahr 1500 unter Leonardo da Vincis Felsgrottenmadonna liegt und vermutlich noch nie zuvor von anderen als Leonardos Augen gesehen wurde. Und das ohne das Gemälde zu beschädigen. Im Vergleich bescheidene fünfzig Jahre zurück reist der US-amerikanische Radiosender WXPN dieser Tage. Schon seit Donnerstag 17.07 Uhr nach Eastern Standard Time bis diesen Sonntag strahlt er quasi in Echtzeit die Liveübertragung aus Woodstock aus dem Jahr 1968 aus – inklusive Regenmeldungen, Konzertverschiebungen, Ausfällen und was sonst noch so geschah. Für das ultimative Live-dabei-Feeling ist der Sender via Web-Player oder App auch hierzulande hörbar.

Die Schnelligkeit moderner Datenleitungen macht es übrigens möglich, dass wir diesen Checkpoint Sonnabend um 8 Uhr verschicken und Sie ihn, falls Sie gerade jenseits von etwa 120° östlicher Länge weilen, schon am Freitag lesen. Wann auch immer Sie gerade sind, wir wünschen Ihnen ein schönes Wochenende.

Lorenz Maroldt