Schaltet Jan Böhmermann sich ein, bekommen politische Debatte unfreiwillig Event-Charakter. Wer für die SPD in Charlottenburg-Wilmersdorf für den Bundestag kandidieren solle, fragte der Satiriker am Freitag schelmisch via Twitter: Sawsan Chebli erhielt 82,5 Prozent, Michael Müller 17,5 Prozent, 10.000 Menschen stimmten ab. Dem Regierenden Bürgermeister wird das Online-Ergebnis egal sein, letztlich wird ganz oldschool per Stimmzettel gewählt. Ihm wird aber wohl missfallen, dass seine Bundestagskandidatur zum Internetwitzchen gerät. Es prallen ja filmreif Gegenteile aufeinander. Aufstrebend gegen Altgedient. Digital gegen analog. Verkaufstalent gegen Verwaltungsmann. Polarisierung gegen Nummer sicher. Letztlich auch: Frau gegen Mann. Und Müllers Staatssekretärin machte am Freitag klar, dass ihre Kandidatur gegen den Chef wohlüberlegt ist: „Die Frage ist: kann ich mit meiner Kandidatur etwas Wichtiges und Richtiges bewirken? Für Berlin, für das Land und dafür, dass unsere Partei wieder zu neuer Stärke findet? Ja, ich kann“, schrieb sie.
Auch gestandene Berliner Sozialdemokraten können sich an ein ähnliches Duell nicht erinnern. Michael Müller hatte Chebli 2016 noch selbst ins Rote Rathaus geholt, ihr Verhältnis kühlte schnell ab. Das letzte Jahr ihrer gemeinsamen Regierungszeit verbringen sie als Konkurrenten – normalerweise vertrauen sich Staatssekretäre und Minister besonders. Wie soll das nun gehen? „Es ist sicherlich eine ungewöhnliche Situation, aber in einem demokratischen Land sollte der sportliche, faire Wettbewerb der Normalfall sein“, sagte Chebli dem Checkpoint. „Wir sind beide Profis und können Parteiarbeit von Dienstlichem trennen.“ Aus der SPD kamen auch andere Stimmen: Chebli müsse nach ihrer Kandidatur Konsequenzen für ihr Amt ziehen, hieß es. Ein einflussreiches Parteimitglied sagte: „Was wäre wohl in anderen Bundesländern los? Unvorstellbar.“ An einen Rücktritt wegen der Kandidatur gegen den eigenen Chef denkt Chebli nicht. Sie sagte dem Checkpoint: „Ich habe ein Staatsamt übernommen und werde das bis Ende fortführen.“
Fest steht, dass die Kampfkandidatur Müllers Pläne für den Karriereherbst mindestens ankratzt und ginge es nach Twitter: komplett über den Haufen wirft. Allerdings richtet sich Parteipolitik selten nach dem, was in 280-Zeichen durch’s Netz schwirrt. Müller hat seine Kandidatur gut vorbereitet, ist zu hören, seine Vertrauten Christian Gaebler und Robert Drewnicki geben in der SPD Charlottenburg-Wilmersdorf den Ton an. Er gilt als Favorit – auch wenn Chebli schon vor mehr als einem Jahr verkündete, in den Bundestag zu wollen. Die einen fragen sich deshalb, warum der scheidende Landesvorsitzende nicht willens oder in der Lage war, diesen absehbaren Konflikt auszuräumen, bevor ihn Böhmermann in sein Gag-Repertoire aufnehmen konnte? Die anderen erzählen, Chebli habe sich alternativen Wahlkreisen verweigert. Die Hoffnung sei, sagte ein führender Sozialdemokrat, dass der Wettstreit der beiden, ihre unterschiedlichen Politikstile und Einflussphären „nicht selbstzerstörerisch für die SPD“ werden. Aber das Beruhigende an Selbstzerstörung ist ja, dass man sie auch selbst verhindern kann.
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Ordentlich was los in der SPD, es riecht nach Wahlkampf: Tim Renner war quasi der Vorgänger des Kandidaten-Duos Müller/Chebli. 2017 hatte er in Charlottenburg-Wilmersdorf für den Bundestag kandidiert – und war knapp an der CDU gescheitert. Der Ex-Kulturstaatssekretär hat sich für 2021 einen neuen Wahlkreis gesucht: Am späten Freitagabend verkündete er via Facebook, dass er von Bezirksbürgermeister Martin Hikel und der SPD-Bürgermeisterkandidatin in spe, Franziska Giffey, gefragt wurde, in Neukölln für den Bundestag zu kandidieren.
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Sie haben mich gefragt und ich habe "Ja" gesagt. Neukölln 2021, here we come! #neukoelln #btw21 @martinhikel pic.twitter.com/uRnswsnXBt
„Neukölln ist in vielen Dingen so, wie Berlin gern wäre“, schrieb der Noch-Nicht-Neuköllner dazu auf Facebook. Kein Bezirk sei so vielfältig. Neukölln habe alles vom Hipster bis zur gepflegten Bürgerlichkeit, kenne Armut aber auch Anmut. Neukölln stehe für die morderne Gesellschaft, glaubt Renner. Der Unternehmer aus der Musikbranche berichtet bei Facebook aber auch, dass er vor der Entscheidung für die Kandidatur mit sich gerungen hat. Renner war sich demnach unsicher, ob er als Außenstehender den Bezirk vertreten kann.
Letztlich führte wohl vor allem der Rückhalt von Franziska Giffey und Martin Hikel dazu, dass sich Renner für die Kandidatur entschied. Der 57-Jährige will es nach dem knapp verpassten Einzug in den Bundestag vor vier Jahren nun noch einmal wissen. Und Neukölln gilt bei der Wahl im kommenden Jahr mit Spandau als Wahlkreis mit den höchsten Siegchancen für die SPD. Deshalb weicht der Kulturpolitiker nun dorthin aus.
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Doch ob Tim Renner überhaupt der Kandidat der SPD sein wird, ist keinesfalls klar. Renner wird gegen den Co-Vorsitzenden der SPD-Arbeitsgemeinschaft für Migration und Vielfalt, Hakan Demir, antreten. Demir hatte schon im Juni angekündigt, den scheidenden Neuköllner Bundestagsabgeordneten Fritz Felgentreu beerben zu wollen.
Seine Kandidatur hatte allerdings offensichtlich nicht die Unterstützung der Spitzen der Neuköllner SPD, weshalb diese auf Tim Renner zugingen. Der Neuköllner SPD-Kreisverband ist umkämpft zwischen dem Lager von Giffey, Hikel, dem Kreisvorsitzenden Severin Fischer und einem linken Lager auf der anderen Seite, für das Demir antritt.
Unterstützung erhält Renner auch vom scheidenden Neuköllner SPD-Abgeordneten Fritz Felgentreu, der den Wahlkreis 2017 direkt gewonnen hatte. Der anerkannte Sicherheitspolitiker, der parteiintern als Konservativer bekannt ist, entschied sich auch aus Frust über den Kurs seiner Partei, bei der kommenden Wahl nicht noch einmal anzutreten. Nun schreibt er auf Facebook: „Ich hoffe, dass der Wettbewerb um die Neuköllner Kandidatur auch für eine breitere Öffentlichkeit interessant wird - und Werbung für unsere SPD!“ Renner mache einen mutigen Schritt.
Setzt sich Demir in der parteiinternen Wahl letztlich durch, würde das wohl als Schwächung der sozialdemokratischen Hoffnungsträgerin Franziska Giffey gewertet. Es würde bedeuten, dass ihr im eigenen Kreisverband eine sichere Mehrheit fehlt.
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Schluss mit Steine schmeißen: Am Montag soll im Abgeordnetenhaus die Situation um das autonome Hausprojekt „Rigaer 94“ besprochen werden. Die CDU-Fraktion will im Innenausschuss Hausverwalter und Eigentümer-Anwalt anhören, die im Juli von Linksextremisten angegriffen wurden. Die Koalition verweigert das. In einem Tagesspiegel-Gastbeitrag beschreibt Innensenator Andreas Geisel seine Sicht der Dinge. Wir zitieren Auszüge:
1) „Der Vorwurf, die rot-rot-grüne Regierung hätte ein Faible für Linksextremisten, ist so absurd und abwegig, dass ich ihn eigentlich gar nicht wiederholen will. (…) Rechtsbrüche werden konsequent verfolgt; jeder richterliche Durchsuchungsbeschluss vollstreckt. Und diejenigen, die dort linken Klassenkampf im Kiez vortäuschen, sind nichts anderes als gewöhnliche Kriminelle, die mit totalitären Methoden ihre Nachbarschaft terrorisieren.“
2) „Der Entscheidungsvorbehalt (der Polizeiführung) wurde übrigens 2012 unter dem CDU-Innensenator Frank Henkel schriftlich fixiert und politisch durchgesetzt. Dass die CDU diesen ‚Henkel-Vorbehalt‘ jetzt benutzt, um Rot-Rot-Grün Tatenlosigkeit vorzuwerfen, gleicht politischer Amnesie.“
3) „Die Vorstellung, die Polizei könnte nach Gutdünken des Innensenators ‚einfach rein mit der Ramme und räumen‘, verfängt vielleicht am Stammtisch, aber nicht vor unseren Gerichten. Man muss zur Kenntnis nehmen, dass die Rigaer Straße 94 zwar ein Rückzugsort für Kriminelle ist, aber eben auch nur ein in Teilen besetztes Haus.“
4) „Geht man es sachlich an, ist die entscheidende Frage noch immer offen: Wer steht hinter dem Eigentümer? Im Grundbuch steht eine Lafone Investments Limited, eine Kapitalgesellschaft mit Sitz in Großbritannien. Dieser ‚Limited‘ ist es in den vergangenen Jahren mehrfach nicht gelungen, die deutschen Gerichte davon zu überzeugen, dass sie rechtswirksam Geschäftsführer bestellt hat“
5) „Von zentraler Bedeutung ist, dass es zu einer zivilgerichtlichen Klärung der Eigentums- und Besitzverhältnisse kommt. Die Polizei Berlin wird dann bei Vorliegen eines gerichtlichen Titels dem Gerichtsvollzieher Vollzugshilfe leisten. Sie wird dem rechtmäßigen Eigentümer und seiner Hausverwaltung Schutz beim Zugang in das Haus gewähren.“
Die Anwälte, die als Vertreter der Eigentümer gelten, widersprechen übrigens: Seit dem Frühjahr lägen dem Innensenator die Nachweise über die Vertretungsrechte vor. Geisel selbst soll sich im September 2019 mit dem Mehrheitseigentümer der Rigaer94 getroffen haben – einem Berliner Privatmann. Er wolle aus Sorge vor Angriffen anonym bleiben. Da steh ich nun ich armer Tor...
Telegramm
Die nächste Baustelle des Innensenators: Seit 2016 und bis Ende Juni 2020 hat die Berliner Polizei 32 Disziplinarmaßnahmen wegen unberechtigter Datenabfragen gegen Beamte eingeleitet. 2017 waren es 12, 2019 vier, im ersten Halbjahr 2020 nur eines. Die scharfe Kritik von Berlins Datenschutsbeauftragter, die der Polizei mangelnde Kooperation vorwarf, hat die Behörde aber zurückgewiesen, es gebe "lediglich unterschiedliche Rechtsauffassungen". Nach Tagesspiegel-Informationen lassen sich zwei Datenabfragen bei Betroffenen der rechtsextremistischen Neuköllner Anschlagsserie auf eine für links-motivierte politische Kriminalität zuständige Einheit beim Staatsschutz im Landeskriminalamt zurückverfolgen. Bei der dritten Abfrage ist die Auskunft zum Beamten gesperrt.
Berlin geht gegen Partys vor – auch so eine Meldung, bei der wir uns im vergangenen Jahr noch die Augen gerieben hätten. Jetzt will sich die Gesundheitssenatorin einen Überblick über die Feier- und Corona-Hotspots der Stadt verschaffen. Mittes niemals müder Bezirksbürgermeister Stephan von Dassel verspricht verschärfte Kontrollen am Wochenende (bis weit nach 24 Uhr) und kratzt den Rost von einer – Zitat Kultursenator Lederer – „Räuberpistole“ Kalaycis: Er begrüße es, sagte er im Interview mit meiner Kollegin Ronja Ringelstein, sich über zeitlich begrenzte Alkoholverbote auszutauschen. Als letztes Mittel müsse man Bars und Gaststätten auch schließen. 89 Neuinfektionen am Freitag geben ihm recht – mehr lesen Sie in unserem Corona-Liveblog.
Jens Spahn macht es sich in Berlin – sehr verständlich! – sehr gemütlich: Zusammen mit seinem Mann soll er sich eine schnieke Villa in Dahlem gekauft haben. Laut „Business Insider“ habe die 300-Quadratmeter-Immobilie rund vier Millionen Euro gekostet. Spahn scheint sich unbedingt an Berlin binden zu wollen, auch mögliche Kandidaturen lassen sich im 20er-Jahre Bau sicher gut ausgrübeln: Ob ins Kanzleramt oder, huch, doch erstmal ins Rote Rathaus? Hauptsache Regieren, hätte Andy Möller wohl geantwortet.
Haste ma 'ne Mark? Kaum irgendwo verdienen Landesbedienstete so schlecht wie in Berlin. Der Senat hatte deshalb 2019 die sogenannte Hauptstadtzulage beschlossen: 150 Euro im Monat für die 130.000 Mitarbeiter der Berliner Verwaltung sollte es geben, im November würde das erste Mal ausgezahlt. Die Tarifgemeinschaft der Länder (TdL) hat das jetzt abgelehnt, der Senat steckt in der Klemme: Entweder die Landesbediensteten (und: Personalräte, Gewerkschaften, Bematenbund) gegen sich aufbringen oder im schlimmsten Fall aus der TdL verstoßen werden. Letzteres wäre immerhin nichts Neues für die Hauptstadt: Von 1994 bis 2013 war Berlin nicht Teil der TdL, weil der Senat darauf bestanden hatte, im ehemaligen Ost-Berlin die Entgeltregelungen für Westdeutschland anzuwenden. Was fast genauso unfair klingt, wie die Bezahlung der schlecht bezahlten Landesbediensteten ein wenig zu verbessern.
Neues aus Müllhausen! Mancher fliegt für Pyramiden in den Urlaub, andere haben sie gleich vor der Haustür: Seit Dezember 2019 wächst eine formschöne Fahrradpyramide am Adenauerplatz. Am 14. Januar, 23. Januar und 28. Februar hatte Checkpoint-Leserin Uschi Frese das Ordnungsamt deshalb angerufen. Der Fall wurde aufgenommen – aber nie erledigt. „Dann kam Corona und ich habe aufgegeben“, schreibt Frese. Vielleicht liest der zuständige Ordnungsstadtrat von Charlottenburg-Wilmersdorf, Arne Herz (CDU), ja hier mit?
Für die Justiz ist der Fall klar: „Es gibt keine Anhaltspunkte, dass Amri mit jemandem zusammengearbeitet hat“, sagte Bundeanwalt Horst Salzmann am Freitag im U-Ausschuss zum Anschlag auf dem Breitscheidplatz. Der 63-Jährige ergänzt aber: „Das Verfahren wird, so lange ich lebe, nicht eingestellt.“ Warum der Islamist Anis Amri wohl trotzdem kein Einzeltäter war, hat Sabine Beikler aufgeschrieben.
Die Friedrichstraße wird autofrei – das hatten wir gestern berichtet. Weil so eine Straße ohne SUVs aber ganz schön leer wirkt, werden 65 Bäume aufgestellt. Nicht gepflanzt? Aufgestellt! Wir haben nachgefragt: „In jedem Falle sind die Bäume zur temporären Gestaltung vorgesehen und werden zum Teil mit Sitzelementen versehen“, schreibt Christian Zielke vom Bezirksamt Mitte. „Die Stabilität sowie damit auch der Schutz vor Diebstahl der Bäume wird durch ihr Eigengewicht sichergestellt.” Wetten, dass…
Demokratischer Widerstand. Wo sich einst Hitler-Stellvertreter Rudolf Heß umbrachte, marschierten lange Zeit jährlich tausende Neonazis. Immer um den 17. August herum, immer an diesem namenlosen Flurstück an der Spandauer Wilhelmstraße vorbei - vor dem ehemaligen Kriegsverbrechergefängnis. Ab heute soll dieser Ort "Platz der Weißen Rose" heißen. Spandaus Bürgermeister Helmut Kleebank, der die Idee dazu hatte, will den Ort künftig pädagogisch nutzen und den Neonazis ihren Wallfahrtsort nehmen: "Wir schweigen nicht, wir sind Euer böses Gewissen, die Weisse Rose lässt Euch keine Ruhe!"
Der Berliner Senat stellt am Ende seines viertes Regierungsjahres fest: „Wir brauchen eine funktionierende Stadt, die den Servicegedanken für die Bürgerinnen und Bürger in den Mittelpunkt stellt.“ Wer hätte das gedacht...
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Da gibt es überhaupt gar keine Verstärkung der Ordnungsämter! Temporäre Umschichtung, mehr ist das nicht - es wirklich unglaublich!!! 😡https://t.co/pFwCrObYHf
...fünf konkrete Ideen damit wir viel häufiger als bislang "Amt, aber glücklich" werden, präsentierte Innensenator Andreas Geisel aber immerhin auch noch:
1) An- und Ummeldungen einer Wohnung sind befristet bis Ende 2020 auch auf schriftlichem Weg möglich.
2) Alle Bürgerämter haben mindestens 35 Stunden pro Woche geöffnet, das soll 35.000 weitere Termine bis Jahresende ermöglichen.
3) Der Berlinpass soll pauschal bis zum Jahresende verlängert werden.
4) Der Online-Vorbuchungszeitraum wird ab sofort von 14 auf 28 Tage erweitert.
5) In den KfZ-Zulassungsstellen wird auch samstags gearbeitet, um Rückstände abzubauen.
Während der Corona-Pandemie will Geisel zudem die Einhaltung der Corona-Regeln stärker kontrollieren. 240 Mitarbeiter des Ordnungsamts sollen dafür von anderen Aufgaben abgezogen werden. Konkret bedeutet das: Falschparker sind bald im Corona-Glück. Denn die Parkraum-Kontrolleure sollen nun umgeschult und zur Kontrolle der Hygienvorschriften eingesetzt werden. „In Pandemiezeiten ist das Parkverhalten nicht ganz so prioritär", sagte Geisel. „Wir müssen eine zweite Corona-Welle verhindern. Es muss deshalb erste Aufgabe der Ordnungsämter sein, alles für eine erfolgreiche Pandemiebekämpfung zu unternehmen."
Damit die Parkraum-Kontrolleure im allgemeinen Dienst der Ordnungsämter eingesetzt werden können, müssen sie eine zehntägige Schulung in der Verwaltungsakademie Berlin durchlaufen. Der ersten Mitarbeiter sollen bereits Ende September bei der Pandemiebekämpfung eingesetzt werden. Die Maßnahme gilt zunächst befristet bis zum 30.9.2021. Geisel sieht damit „die Ordnungsämter personell gestärkt“.
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Das wollte Monika Herrmann (Grüne), Bürgermeisterin in Friedrichshain-Kreuzberg, so nicht stehen lassen. „Da gibt es überhaupt gar keine Verstärkung der Ordnungsämter! Temporäre Umschichtung, mehr ist das nicht – es ist wirklich unglaublich!!!“, schrieb sie am Samstagmorgen bei Twitter. Das Ignorieren der Realität in den Ordnungsämter sei längst ein Skandal, meinte sie bereits gestern. „Das Ungleichgewicht zwischen Aufgaben und Ausstattung muss endlich auf den Tisch.“
Zum Schluss fragen wir uns: Drohen Dauerkrisensenatorin Sandra Scheeres Konsequenzen aus der vermurksten ersten Schulwoche? Die kurze Antwort: Nein, die SPD hat genug andere Sorgen. Die ausführliche Antwort und das Plädoyer für einen Personal- und Parteienwechsel im Bildungsressort gibt's hier.
Wochniks Wochenende
Die besten Berlin-Tipps für drinnen, draußen und drumherum.
48h Berlin
Samstagmorgen: Der Wetterbericht ist wegen des gedrosselten Flugverkehrs noch immer unzuverlässig. Die meisten Wetterdienste stellen fürs Wochenende endlich etwas nasse Abkühlung in Aussicht, die nach der unerträglichen Hundswoche niemanden am Ausgehen hindern dürfte. Regenschirme sehen sowieso bei jedem Wetter gut aus und verpassen dem Stadtbild einen Hauch Neo-Rokoko. Vor allem, wenn sie zum Schutz vornehmer Blässe gegen die Sonne dienen und Spitzenapplikationen tragen. Regen bei Hitze führt dagegen zu hoher Luftfeuchtigkeit, und die soll gut für die Haut sein, die Poren öffnen und für den beliebten Plain-Air-Spa-Effekt, a.k.a. Draußensauna, sorgen. Außerdem funktionieren lange, klassische Regenschirmmodelle auch hervorragend als Abstandshalter, sind also sowieso gesund. Der Steglitzer Rolf Lippke (Kieler Straße 6) fertigt traditionell von Hand und nach Kundenwunsch. S- oder U-Bhf Rathaus Steglitz, Sa 10-14 Uhr, Di-Fr 10-18 Uhr
Samstagmittag: Derart charmant überdacht spricht auch nichts gegen ein feucht fröhliches Picknick. Künstlerisches Programm drumherum wird bei den Picknick Konzerten geboten. Um 15 Uhr zum Beispiel skandiert der Schweizer Songwriter Faber im Marienpark (Lankwitzer Straße, Mariendorf) vor ungewohnt harmlos auf dem Parkboden picknickendem Publikum. Einlass ist um 13.30 Uhr, Tickets kosten 49,35 Euro. Sollten die knapp werden, schiebt er um 19.30 Uhr (Einlass 18 Uhr) noch einen zweiten Auftritt hinterher.
Samstagabend: Schirme und Flugfantasien gehen spätestens seit Heinrich Hoffmanns fliegendem Robert Knauf in Hand. Weit weniger gefährlich geht es am Abend bei der Langen Nacht in Beelitz zu: Der Baumkronenpfad, wie der Name schon sagt, ein Pfad auf Baumkronenhöhe, bleibt ausnahmsweise bis 0 Uhr geöffnet und bietet 320 Meter purer Erhabenheit über allen Dingen. Über fast allen, denn, klarer Himmel vorausgesetzt, könnten einige verspätet ankommende Partikel des noch weit höher vorüberziehenden Kometen „109P/Swift-Tuttle“ für Sternschnuppensensationen sorgen. Und für alle, die es beim Hochschauen mit dem Nacken kriegen, rundet ein bodennahes Kunst- und Musikprogramm unter dem Motto „Überirdisch schön“ den Tagesausklang ab. Tickets zu 12,50 Euro vor Ort
Sonntagmorgen: Nachdem das diesjährige Kirschblütenfest ausgefallen ist, behelfen wir uns mit dem Japanmarkt im Festsaal Kreuzberg (Am Flutgraben 2), wo in grüner Biergartenumgebung ein Designmarkt mit japanischem Flair innere Blüten zum blühen bringt. Vielleicht gibt es hier auch Schirme, auf jeden Fall aber japanische Handwerkskunst und Design. Oder Nicht-Sein, wenn man nicht hingeht. Eintritt 3 Euro
Sonntagmittag: Mit 42 feiert man anders, als noch mit Anfang 20, klar. So auch im Fall des SO36, das am 11. August 42 wurde und damit in das weiseste aller Lebensalter kam – die Zahl 42 ist nach Douglas Adams schließlich die Letztantwort auf alle Fragen. Darum besteht auch kein Zweifel daran, dass die Feier zum Ende des Universums statt eines Punkrock-Konzerts eine Art Picknick mit Bingo und Glücksrad im Freiluftkino Kreuzberg sein muss. Diverse Getränke werden feil geboten, die allesamt von befreundeten Läden aus dem Kiez gespendet wurden. Die Erlöse aus dem Verkauf kommen dem Corona-gebeutelten SO36 wie dem ebenso geschundenen Freiluftkino zugute, was ultimatives, solidarisches Kiezkultur-Kolorit verspricht und all jenen ans Herz gelegt sei, die noch nicht ganz begriffen haben, wozu allerorten so viel Aufhebens um die Erhaltung von Kiezen gemacht wird. Tickets zu 11/ 6 Euro gibt es hier.
Sonntagabend: Zum Wochenendeende endet auch die Jazzwoche mit einem schirmgleich über die Stadt gespannten Programm. So steigt das „Lerchenbaum Festival“ um 20.30 Uhr im Gotischen Saal der Galerie Kremers (Schmiedehof 17, am Viktoriapark in Kreuzberg), Johanna Borchert singt und spielt um 21 Uhr im Hotel Orania (Oranienstraße 40, Kreuzberg), gleichzeitig tritt die Marque Loewenthal Band im b-flat auf (Dircksenstraße 40, Mitte), um 21.30 Uhr sind im Club der Polnischen Versager (Ackerstraße 168, Mitte) Andrea Parkins und Yorgos Dimitriadis zu sehen, während gleichzeitig im Zig Zag Club (Hauptstraße 89, Schöneberg) Fabiana Striffler an ihrer „Hot Jazz Violin“ zu hören ist.
Mein Wochenende mit
Kevin, unser liebstes Wildschwein in der Rotte, kennt jeden Flecken Land in Berlin und Brandenburg. An dieser Stelle gibt er wöchentlich Ausflugstipps ins Umland.
„Endlich wieder Sauwetter! Ich habe wirklich alles probiert, aber Sonnencreme ist wirklich schwierig aufzutragen bei mir, wie Sie sich sicher denken können. Und Sonnenschirme sehen einfach nicht aus. Wenn der Wetterfrosch, alter Bekannter von mir, recht hat, kann ich mich aber am Wochenende endlich wieder aus dem Schatten trauen und vielleicht ein Stückchen wandern. Zum Beispiel durch den Süden Brandenburgs, entlang der Baruther Linie vom S-Bahnhof Blankenfelde nach Mahlow. Da hat der Tourismus-Stammtisch Teltow Fläming einen hübschen Wanderweg zusammengestellt, dessen 45 Kilometer über Feld- und Waldwege in vier entspannten Tagesetappen zu gehen sind, man folge einfach den Markierungen. Wer nicht so viel Zeit hat, suche sich einfach ein oder zwei schöne Abschnitte aus. Das Baruther Urstromtal wurde durch Schmelzwasser der Weichseleiszeit geformt, auf einstigen Dünen, Sandern und Endmoränen wachsen Kiefern, die meiner Trüffelnase schmeicheln. Vogelkundler erfreuen sich an Bekassinen, Kranichen und Seeadlern. Auch Fischotter und Eisvogel sind mit Glück und wachem Auge zu erspähen, Fledermäuse, Glattnattern und die etwas streberhaften Heldböcke – genetisch bedingter Heldenkomplex eben. Alle Gemeinden entlang des Weges verfügen über kleine, charmante Hotels und Gastronomie, sowie hübsche Architektur vom Klassizismus bis zur Romanik. Mein persönliches Highlight ist aber der Wasserskipark in Zossen, da erkennen Sie mich an ebenso anmutigen wie eleganten Kunststückchen auf vier Brettern.“
Zeichnung: Naomi Fearn, Idee: Susanne Leimstoll, Text: Thomas Wochnik
Leseempfehlungen
Kulturgeschichte kann man sehr schön an konkreten Orten oder Gegenständen erzählen. In „Paul's Boutique“ in der Oderberger Straße kommt beides zusammen und Schriftsteller David Wagner hat die wechselnde Kundschaft 20 Jahre lang beobachtet. Für den Tagesspiegel (Abo) hat er seine Beobachtungen zusammengetragen.
Was im neuen Schuljahr auf Berliner Schüler:innen und Eltern durch die Pandemie zukommt, hat Susanne Vieth-Entus ebenfalls für den Tagesspiegel (Abo) aufgeschrieben.
Und was in Sachen Geschichte im Schulunterricht und im kollektiven Bewusstsein in Deutschland oft zu kurz kommt, die deutsche Kolonialgeschichte, hat Cristina Nord für die Zeitschrift Merkur anhand der Straßennamen des Weddinger Afrikanischen Viertels reflektiert.
Wochenrätsel
Das Kammergericht hat gerade entschieden, schwarz-weiß ausgedruckte Landgerichtsakten nicht mehr zu bearbeiten, wenn die elektronisch eingereichten Schriftsätze…
a) größer als 1 MB sind.
b) nach 17 Uhr eingegangen sind.
c) Farbbestandteile enthalten.
Encore
Was wichtig wird: Am Montag beginnt die erste Plenarwoche nach der parlamentarischen Sommerpause. Wie der Sitzungsplan für unsere Landespolitiker aussieht? Das sind die interessantesten Sitzungstermine im Abgeordnetenhaus:
Montag: Innenausschuss, 9 Uhr bis 12 Uhr, Thema: u.a. "Rigaer Straße 94: Linke Gewalt ohne Ende?"
Dienstag: 3. Untersuchungsausschuss "Gedenkstätte Hohenschönhausen", ab 9 Uhr
Mittwoch: Stadtentwicklungsausschuss, 12 Uhr bis 15 Uhr, Thema: u.a. "Entwicklung des Dragonerareals"; Rechtsausschuss, ab 15 Uhr, Thema: "Rechte Anschlagsserie in Neukölln"
Donnerstag: Plenarsitzung, ab 10 Uhr bis sehr lange Uhr
Freitag: Unterausschuss Personal & Verwaltung, 10 Uhr bis 13 Uhr, Themen: u.a. "Ausstattung Bürgerämter"
Für diesen Checkpoint recherchiert haben Masha Slawinski und Sophie Rosenfeld, Caspar Schwietering hat die Produktion übernommen. Wir wünschen Ihnen ein erholsames Wochenende, bis bald!