Bahnfahren wird wieder teurer, und schneller wird es auch, sofern man nach München oder Dresden will. Aber wer will das schon bei diesem Wetter, das wie eine liebevoll kolorierte Entschuldigung für den vermurksten Sommer daherkommt?
In der Senatssitzung geht es heute u.a. ums Wohnungsbauprogramm bis 2030. Wie berichtet, lässt sich Bausenatorin Katrin Lompscher (Linke) dazu von ihrem stasimäßig havarierten Ex-Staatssekretär, dem „Einteignungsfetischist“ (FDP) Andrej Holm, beraten. Für die gerade auf Personalsuche befindliche Enteignungsbehörde kommt Holm laut Lompschers Büro aber nicht infrage, weil er sich 1. nicht beworben habe und 2. diese „streng hoheitliche Aufgabe“ reine Beamtensache sei. Zwar ist 1. kein Argument, weil die Bewerbungsfrist bis November läuft, aber im Ernstfall käme wohl 3. hinzu, dass „im Rahmen des Auswahlverfahrens auch die aktuellen dienstlichen Beurteilungen (nicht älter als 12 Monate) zu berücksichtigen“ sind.
Nachdem der TXL-Volksentscheid dem Senat vorerst sein größtes Entwicklungsgebiet auch für Wohnungen weggeschossen hat, will die CDU jetzt über Änderungsanträge zum Haushalt jene Vorhaben reaktivieren, über die sie sich zu rot-schwarzen Zeiten mit der SPD schon mal einig war. Neben diversen Citylagen zählt dazu die Elisabeth-Aue in Pankow, wo laut rot-rot-grünem Koalitionsvertrag aber weiter Ackerbau betrieben wird. Dass die Anträge durchkommen, glaubt die CDU selber nicht, aber es geht ums Signal. Das Kernproblem, dass wegen des Zuzugs mindestens dreimal so viele Wohnungen gebaut werden müssten wie bisher, wächst indessen schneller als die Pilze in der Oktoberhitze.
Wie gewaltig die Wachstumsschmerzen der Stadt noch werden können, lässt auch eine Anfrage von Ex-Sportstaatssekretär Andreas Statzkowski (CDU) ahnen, die Sportstaatssekretär Christian Gaebler (SPD) gerade beantwortet hat: Für 2030 ergibt sich demnach ein zusätzlicher Bedarf von „ca. 73 Großspielfeldern“. Das sind allein 43 Hektar, also rund 30 Mal der Pariser Platz, nur eben ohne NVA-Clowns und Taschendiebe. Schwer vorstellbar, wo die noch untergebracht werden können. Vielleicht auf den Flachdächern noch zu bauender Wohnungen. Oder auf der Elisabeth-Aue, wo der immergrüne Kunstrasen womöglich am Ende eine Win-Win-Situation…
Nazis in der Polizei? Geht gar nicht. Sie einfach rauszuwerfen, geht aber auch nicht, berichtet die „Berliner Zeitung“. Seit August 2007 liegt ein suspendierter Polizeimeister zu Hause auf der faulen, mit einem Hakenkreuz tätowierten Haut - bei vollen Bezügen, weil eine Kürzung (wurde laut Polizei mehrfach geprüft) wohl nicht rechtens wäre. Für einen verbindlichen Rauswurf war das Strafmaß (wegen Verwendens verfassungsfeindlicher Kennzeichen) zu gering; jetzt liegt der Fall beim Bundesverwaltungsgericht als dritter Instanz, das Präsidium erwartet eine Entscheidung noch in diesem Jahr. Insgesamt sind laut Polizei 13 Beamte suspendiert, sieben davon bei vollen Bezügen.
Für jene 99,9 Prozent der Polizisten, die täglich und nächtlich unter oft unerfreulichen Bedingungen tapfer Dienst tun, gibt es endlich mal gute Nachrichten: Der Innenausschuss des Parlaments beschloss, die wegen mangelhaft belüfteter Schießstände erkrankten Beamten zu entschädigen, statt weiter nur in Anwälte zu investieren, nachdem schon ein Betroffener gestorben ist. Und in einem fünfseitigen Brief an alle Berliner PolizistInnen erklärt Innensenator Andreas Geisel (SPD), welche neue Ausrüstung (Schutzwesten, Helme, Waffen) demnächst beschafft wird und wo es hakt. Dass sich ein Dienstherr ihnen gegenüber so sympathisch verhält, haben Berliner Polizisten lange nicht mehr erlebt.
Telegramm
Vergangene Nacht war die Polizei u.a. mit der Suche nach einer Person beschäftigt, die ins Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit an der Stresemannstraße eingedrungen sein soll. Deshalb das stundenlange Hubschraubergeknatter plus Lalülala und Straßensperrung. Gefunden wurde letztlich niemand.
Zoodirektoren aus mehr als 40 Ländern tagen zurzeit in Berlin. In rund 70 Vorträgen und Workshops geht es u.a. um Artenschutz, Tierhaltung, Verschmutzung der Meere, Wildtierhandel und Palmöl. Offizielles Oberthema der Tagung: „Die Zukunft“. Offizielles Rahmenprogramm: Trabi-Safari. Immerhin Safari. Mit Fiat als Sponsor hätten sie sogar eine Panda-Safari hinbekommen.
Apropos Safari: Die Tourismusmesse ITB hat endlich ihr offizielles Partnerland für 2018 verkündet. Es gab da nämlich noch eine Vakanz zwischen Mongolei (2015), Malediven (2016), Botswana (2017) und Malaysia (2019). Globetrotter wissen natürlich, wer in dieser Reihe fehlt. Für alle anderen: Mecklenburg-Vorpommern! Dazu Fischbrötchenbäcker Ole T. aus Warnemünde: Wenn’t kummt, kummt’t all up eenmaal! Als ITB-Partnerland 2020 soll Spandau im Gespräch sein.
Wir bleiben noch kurz bei exotischen Reisezielen. CP-Leser Holger H. schreibt, er hätte nichts dagegen, wenn die unterbesetzte Fähre zur Schulfarm Scharfenberg (CP von gestern) im Interesse des öffentlichen Seelenfriedens ganz eingestellt würde: Ein Käpt’n sei ein Rüpel, der (in den Sommern 2015 und 2016) immer wieder Sportbootfahrer drangsaliert und gegen die Binnenschifffahrtsordnung verstoßen habe. Die Schule habe nach einer Beschwerde toter Mann gespielt.
Als Alternative schlägt Herr H. eine Seilbahn wie auf der defizitär geendeten IGA vor. Die zehn Millionen, die das Land in Marzahn nun drauflegen müsse, „sind nach Meinung aller Bekannten gut angelegtes Geld“. Allerdings hat er die Rechnung ohne die vielen Unbekannten gemacht.
Der Fachkräftemangel wird immer schlimmer: Gestern wurde die Polizei nach Waidmannslust alarmiert, weil in einem Hausflur eine Jeans und Tütchen lagen. „Einer der eingesetzten Beamten durchsuchte die scheinbar herrenlose Hose und fand darin ein weiteres Tütchen mit weißem Pulver“ (O-Ton Polizei). Aufs Klingeln im 1.OG öffnete ein Mann in Unterhose, der sich auch nicht erklären konnte, was seine Jeans im Flur machte. Hinter ihm auf dem Couchtisch lag weiteres Pulver. Er sei noch neu im Drogenbusiness, sagte der unterqualifizierte Dealer.
Die Stadtautobahn fällt zumindest in den Herbstferien (21.10. bis 5.11.) als potenzieller Fluchtweg aus: Zwischen Gradestraße und Späthstraße wird sie zwecks Fahrbahnsanierung jeweils eine Woche in Fahrtrichtung Süd und Nord gesperrt. Laut Verkehrsverwaltung wurde mit den Baufirmen ein Mehrschichtsystem vereinbart. Mal sehen, ob sich das auf nur die Asphaltschichten oder auch auf die Arbeitszeiten bezieht.
Dafür verbessern sich in den Ferien die Bedingungen für Falschparker wieder. Die gestern begonnene Schwerpunktaktion, mit der Polizei, Ordnungsämter und BVG, die von Egoisten alltäglich blockierten Busspuren und Radfahrstreifen zumindest in der City freibekommen wollen, dauert noch bis Freitag. Danach gilt erfahrungsgemäß wieder das Gesetz der Straße.
BER Count Up – Tage seit Nichteröffnung:
Flughafenchef Engelbert Lütke Daldrup hat das Wunder vollbracht: Am 31. Oktober 2020 ist der Flughafen BER offiziell eröffnet worden. 3.073 Tage nach der ersten Nicht-Eröffnung stellen wir damit unseren Count Up ein. Wer nochmal zurück blicken will: Im Tagesspiegel Checkpoint Podcast "Eine Runde Berlin" spricht Lütke Daldrup mit Tagesspiegel Chefredakteur Lorenz Maroldt und Checkpoint Redakteurin Ann-Kathrin Hipp über detailverliebte Kontrollen, politische Befindlichkeiten und aufgestaute Urlaubstage.
Zitat
„Wir bewerben uns doch nicht auf einen Niedriglohnjob, solange uns keiner gesagt hat, dass wir den alten nicht behalten können.“
Einer von etwa 200 Beschäftigten von Air Berlin, die am Montag auf dem Firmengelände am SaatwinklerDamm gemeinsam versucht haben, mit ihrer Existenzangst fertig zu werden.
Tweet des Tages
„Hier steht einer am Bahnsteig, der keine Kopfhörer aufgesetzt hat und nicht auf sein Handy guckt. Wie so‘n Psychopath.“
Stadtleben
Im Il Tortellino D'oro könnte man meinen, die Wilmersdorfer Straße in Charlottenburg sei eine geschäftige Bummelstraße in Bologna, so authentisch ist der familienbetriebene Italiener in der Nummer 15. Schwarzweißbilder hängen an der Wand, auf simplen Holztischen wird hausgemachte Pasta serviert. Zum Beispiel Trofie mit Lachs, eine ligurische Spezialität, oder Tagliatelle mit Spargel. Als Antipasti sind die Bruschetta in dreierlei Variation oder der Burrata mit Gemüse ans Herz zu legen. Dazu passt ein Gläschen Vino und zum Abschluss noch ein Guizzardi-Espresso aus Bologna. Wer nicht genug kriegen kann von der frischen Pasta: Die gibt's auch roh to go zum selber Zubereiten. Mo-So 12-19.30 Uhr (je nach Andrang auch mal früher geschlossen), U-Bhf Richard-Wagner-Platz.
Ein paar Meter weiter in der Wilmersdorfer Straße 149 (U-Bhf Bismarckstraße) finden Sie das Traditionslokal Wilhelm Hoeck 1892, wo es Berliner Fassbrause und diverse Biere vom Fass gibt. Die komplett mit Holz vertäfelte Schankstube ist wahrhaft geschichtsträchtig: Vor dem Zweiten Weltkrieg war sie eine Degustation zur dazugehörigen Likörfabrik, bis eine Bombe alles zerstörte - doch das Hoeck blieb. Anfang des Jahres drohte das Aus, zum Glück fanden sich neue Besitzer, die hinter der gut sortierten Bar weiterhin den ein oder anderen Schnaps und Likör ausschenken. Besonderer Tipp für die Roch'n'Roller: Jeden 1. und 3. Dienstag im Monat (also auch heute) findet die Hoeck'sche Rocknacht statt. Mo-So 11-1 Uhr, oft auch länger.