In den letzten Tagen vor der Wahl beginnen die Parteien zu rechnen: Für welche Koalition würde es reichen? Und wer könnte und wollte mit wem? Einen aktuellen Überblick finden Sie hier. Dass sich CDU und Grüne ganz gut verstehen, ist kein Geheimnis - und manchmal auch offensichtlich, so wie am Samstagabend im „Il Calice“ (Wielandstraße, Charlottenburg): Monika Grütters und Winfried Kretschmann haben sich da an ihrem Tisch sicher nicht nur über die Güte der Speisekarte ausgetauscht.
Die Bildungsverwaltung will’s wissen: „Was ist Ihre sexuelle Orientierung?“, lässt sie die Wiener Sigmund-Freud-Universität (!) Berliner Lehrer fragen - die sollen zudem detailliert Auskunft geben über die Adresse ihrer Schule, ihr Alter, ihre Dienstjahre… ihren Namen brauchen sie da gar nicht mehr anzugeben, den bekommt der Leistungskurs Informatik noch vor der kleinen Pause raus. „Die Teilnahme ist freiwillig, wird aber von der Senatsverwaltung ausdrücklich gewünscht“, heißt es noch - Checkpoint-Analyse: Das muss die versprochene Bildungsoffensive von Rot-Rot-Grün sein.
PS: Kleiner Service für Lehrer, die von der Frage nach ihrer Orientierung verwirrt sind (oder vielleicht auch von ihrer Orientierung) - im Koalitionsvertrag (S. 11) heißt es dazu: „In den Schulen tritt die Anschlussorientierung an die Seite der Abschlussorientierung.“ Wenn Sie also keinen Ärger wegen falscher Orientierung riskieren wollen, antworten Sie auf die entsprechende Frage der Forscher einfach: „Anschluss und Abschluss“.
Neues aus unserer Reihe „Berliner Folklore“: In Mitte untersagt der Personalrat den Einsatz von Hausmeistern am 24. September - somit bleiben, Stand heute, die als Wahllokal eingetragenen Schulen verschlossen (Q: „Leute“-Newsletter von Laura Hofmann). Per Twitter bestätigt Stadtrat Carsten Spallek: „Leider kein Scherz! Das Bezirksamt wird am Dienstag Alternativen bzw. das weitere Vorgehen beraten.“ Checkpoint-Schlichtungsvorschlag: Die Bundestagswahl wird verschoben auf Freitag, den 29. September, geöffnet von Neun bis Eins (danach macht eh jeder seins).
Kleine Folklore-Zugabe gefällig? Bitte sehr - bei der Programmierung der neuen Online-Anträge für die Parkvignetten wurde eine Kleinigkeit vergessen: die Bezahlfunktion (Q: „Morgenpost“). Jetzt müssen die Antragsteller in manchen Bezirken ihr Geld (statt es zu überweisen) persönlich ins Amt tragen, in anderen werden die fehlenden Angaben nachträglich per Hand eingefügt (dauert pro Vorgang 10 Minuten). 103.210 ausgewiesene Stellplätze gibt es (Senatsangabe), die durch den kleinen Fehler vernichtete Lebens- und Arbeitszeit berechnen Sie bitte selbst.
Hunde liegen der FDP offenbar am Herzen - oder jedenfalls ihre Herrchen und Frauchen: Zur Forderung der Steuerfreiheit forcieren die Liberalen jetzt auch das Thema Auslaufgebiete. Doch da hat der Senat am Ende einer ziemlich langen Buchstaben-Leine eine schlechte Antwort - sie lautet: „Angesichts des aktuell in nennenswertem Umfang voranschreitenden Bevölkerungszuwachses in Berlin einschließlich der damit zusammenhängenden baulichen Verdichtung und Flächeninanspruchnahme insbesondere durch Wohnbebauung und begleitende Infrastruktur wie zum Beispiel Schulen, Verkehrs- und Gewerbeflächen, Sozialeinrichtungen oder gesundheitliche Grundversorgung sowie der damit einhergehenden stärkeren Nutzung der bestehenden Erholungsflächen durch immer mehr Menschen ist davon auszugehen, dass für eine Ausweitung des Angebots an Hundeauslaufgebieten künftig eher weniger Potentiale als bisher bestehen.“ Immer diese Gentrifizierung - es ist wirklich zum Jaulen. (Anfrage: MdA Henner Schmidt)
Das Elbe-Fachblatt „Der Spiegel“ (Motto: „Hauptstadt Hamburg“) hat sich im Wirtschaftsplan der „Volksbühne“ verirrt - heraus kam die Meldung: Intendant Dercon wirft alle Dramaturgen und Regie-Leute raus („Streichung sämtlicher Stellen für Regie und Dramaturgie“). Skandal. Skandal? Tatsächlich sind sie an einer anderen Stelle aufgeführt, unter dem Titel „Programm und Produktion“. Auch die vermeintliche Halbierung des Ensembles ist Theaternebel - Dercons Vorgänger Castorf hatte das de facto längst vollzogen. Allerdings verschaffte sich Castorf durch die auf dem Papier höhere Pseudo-Stellenzahl einen hübschen Etat-Spielraum zum Engagement von prominenten Gast-Akteuren - Dercon setzt dagegen auf die Uraufführung eines Computerspiels.
Telegramm
Aus Solidarität mit dem BER (Deutschlands verspätetste Baustelle) hat sich auch TXL um einen Titel bemüht - und ihn bekommen: Er darf sich Deutschlands verspätetster Flughafen nennen (bezieht sich zwar in diesem Fall auf die Flüge, gilt aber auch für die Schließung - planmäßig war die für Ende 2012 angekündigt). Checkpoint-Tipp: Weichen Sie doch einfach aus auf den Flughafen Weeze - der ist der Pünktlichste.
Still und heimlich operiert die Stadtentwicklungsverwaltung den Mietspiegel um - anstatt der Eingabemaske erscheint auf der Website ein Hinweis auf „flächendeckende und datenbasierte Aktualisierung“ bis 2019. Kommentieren will das die Verwaltung nicht - mit der Arbeitsgruppe Mietspiegel sei Stillschweigen vereinbart. Der Aufschrei der Mieter dürfte dafür umso lauter werden: Die angekündigte „objektive Lagebeurteilung“ läuft in der Innenstadt auf eine subjektive Verteuerung hinaus.
„München bleibt die attraktivste Stadt Deutschlands“ ist auch so eine Meldung aus der Altpapiertonne (und unverständlich dazu). Berlin ist übrigens auf Platz 5 gerutscht - v.a. weil die Mieten so schnell steigen.
Falls Sie sich heute in der Charité ihre Hypochondritis wegoperieren lassen wollten: Vergessen Sie’s, die meisten OP’s fallen aus, es streiken die Pflegekräfte - sie fordern einen „einklagbaren Personalschlüssel“. Ulrich Frei, Ärztlicher Direktor, hält das für „im Alltag unpraktikabel“: U.a. wegen der schlechten Bezahlung gibt es in Deutschland kaum noch arbeitssuchende Fachkräfte.
Auch in diesem Jahr veranstaltet die Bürgerstiftung Berlin (ich bin da Mitglied des Stiftungsrats) ein Art Dinner mit Versteigerung (17.10. ab 18.30 in den Bolle-Festsälen) - der Regierende Bürgermeister Michael Müller, Schirmherr der Veranstaltung, ist auch dabei. Für die Bürgerstiftung arbeiten inzwischen mehr als 500 Ehrenamtliche mit benachteiligten Kindern in 150 Kitas und Schulen an der Verbesserung ihrer Sprache und ihrer naturwissenschaftlichen sowie mathematischen Fähigkeiten - der Erlös des Abends kommt den Patenprojekten zugute. Den Auktionskatalog und die Anmeldeseite finden Sie hier.
Hier noch was in eigener Sache: Für unseren Fachinformationsdienst „Background Energie & Klima“ besetzen wir die Stelle Redakteurin bzw. Redakteur vom Dienst - bei Interesse: Zur Stellenausschreibung geht’s hier.
Nachtrag zur Briefwahl (CP v. 15.9.) - Nein, es gibt nicht auch noch einen gelben Umschlag, „ins Gelbe“ bedeutet: in den Briefkasten (oder direkt ins Wahlamt bringen). Nochmal zum Mitschreiben: Die Stimmzettel für die Bundestagswahl und den TXL-Volksentscheid kommen zusammen in den blauen Umschlag (zukleben!), der wiederum kommt zusammen mit dem unterschriebenen Wahlschein in den roten Umschlag, (zukleben!), der wiederum „ins Gelbe“ (siehe oben) kommt. Wo Sie Ihre Kreuze machen, überlegen Sie sich bitte selbst, aber: Machen Sie welche!
Zur Überbrückung der Wartezeit auf die Eröffnung des BER (z.Zt. geplant: Ende 2019) können Sie hier ja schon mal einen Blick auf die Erweiterungspläne für bis zu 55 Mio Passagiere werfen - nur die damit verknüpfte Jahreszahl (2040) sollten Sie mal lieber nicht zu ernst nehmen.
BER Count Up – Tage seit Nichteröffnung:
Flughafenchef Engelbert Lütke Daldrup hat das Wunder vollbracht: Am 31. Oktober 2020 ist der Flughafen BER offiziell eröffnet worden. 3.073 Tage nach der ersten Nicht-Eröffnung stellen wir damit unseren Count Up ein. Wer nochmal zurück blicken will: Im Tagesspiegel Checkpoint Podcast "Eine Runde Berlin" spricht Lütke Daldrup mit Tagesspiegel Chefredakteur Lorenz Maroldt und Checkpoint Redakteurin Ann-Kathrin Hipp über detailverliebte Kontrollen, politische Befindlichkeiten und aufgestaute Urlaubstage.
Zitat
„Jeden zweiten Tag Regen - das lässt sich nicht kalkulieren.“
IGA-Chef Christoph Schmidt macht das Wetter dafür verantwortlich, dass bisher nur etwa halb so viele Gartenfreunde nach Marzahn gekommen sind wie erhofft. Geöffnet ist die Schau bis zum 15. Oktober - und falls Sie noch nicht da waren: Es lohnt sich.
Tweet des Tages
„Praktisch: In Berlin kannst du auf einer 20-minütigen Fahrt mit dem ÖPNV einen einstündigen Podcast komplett anhören.“
Tweet des Tages
„In seinem ‚Wahl-Spezial‘ präsentiert der Tagesspiegel schon seit Wochen ziemlich guten Datenjournalismus. Chapeau.“
Antwort d. Red.: Da gebe ich dem Kollegen Robert Roßmann von der „Süddeutschen Zeitung“ gerne recht und sage: Danke! Wird sogar noch jeden Tag besser. Und wenn Sie das überprüfen wollen - bitte sehr.
Stadtleben
Gut versteckt zwischen den U-Bahnhöfen Turmstraße und Birkenstraße blieb das Sugar in Moabit bisher von Touristenhorden verschont. In dem kleinen Lokal in der Wilhelmshavener Straße 14 kann man sich mit spanischen Tapas den Bauch vollschlagen. Besonders delicioso kommen die Pimientos de padrón und die Datteln im Speckmantel daher. Wer ohne großen Hunger kommt, kann auch einfach bei spanischem Fassbier oder einem opulenten Glas Gin-Tonic die Atmosphäre genießen: Manchmal gibt’s chilligen Jazz oder lateinamerikanische Live-Musik. Geöffnet tgl. ab 18 Uhr.
Im Marietta treffen sich seit 15 Jahren Studenten, Arbeiter, Professoren und jeden Mittwoch die Gay-Community zum „Pink Martini“. Auf Sesseln im 60er Jahre Retro-Look kann man gediegen plaudern und am gold-schillernden Tresen seine Bestellung loswerden: Tagsüber gibt’s Kaffee und Kuchen, zu späterer Stunde dann Wein, Bier und Cocktails. Geraucht wird auch. Stargarder Straße 13 (U-Bhf Schönhauser Allee, Prenzlauer Berg), Sa-Do ab 10 Uhr.
Geschenk Als Matthias Balle während des Studiums mit einer selbstgenähten Laptoptasche seiner Mutter in der Uni aufkreuzte, trudelten schon bald Bestellungen für weitere Taschen bei ihm ein. Inzwischen ist aus dem Mutter-Sohn-Gespann die Manufaktur mabba mit Flagship-Store im Bikini (Sophie-Charlotten-Straße 49) geworden, die Lederprodukte nach Maß anfertigt (geöffnet Mo-Fr 10-17 Uhr).