Am Sonnabend zitierte der „Spiegel“ den türkischen Außenmister Cavusoglu mit den Worten: „Es gibt keinen Grund für Probleme zwischen Deutschland und der Türkei. “Am Sonntag dann die Meldung: „Türkische Staatsanwaltschaft fordert 15 Jahre Haft für Berliner Menschenrechtsaktivisten Peter Steudtner.“ In der Gethsemanekirche wurde am Abend Nelson Mandela zitiert: „Ich wusste immer, dass ich irgendwann wieder im Sonnenschein durch die Freiheit laufe.“
Michael Müller ist zurück aus Los Angeles - und musste nach der Landung in Tegel erstmal (wie alle anderen auch) ewig auf seinen Koffer warten (in Minuten: 45). Zur Erheiterung der Delegation rief er scheinempört bei Flughafen-Chef Lütke Daldrup an, der die Situation mit einem Fluch quittierte. Übrigens kamen die Koffer mit „Priority“-Badge als allerletzte aufs Rollband - willkommen zurück in Berlin! Für den Tagesspiegel hat Sidney Gennies den Regierenden nach L.A. begleitet, seinen Bericht („So far, so good“) finden Sie hier.
Während Müller noch über den Atlantik flog, forderte SPD-Fraktionschef Raed Saleh von seiner Partei einen „vollständigen personellen Neuanfang“: Die Sozialdemokratie werde heute „in weiten Teilen von Karrieristen und Apparatschiks geprägt“, die nicht mehr „die Sprache der ganz normalen Menschen sprechen“ (Q: Essay im Tagesspiegel). Dazu auch der Kommentar von Willy Brandt (gestern war sein 25. Todestag): „Es hat keinen Sinn, eine Mehrheit für die Sozialdemokraten zu erringen, wenn der Preis dafür ist, kein Sozialdemokrat mehr zu sein.“
PS: Die Berliner SPD ist jetzt auch in der „Forsa“-Sonntagsfrage bei 18 % angekommen - stärkste Koalitionspartei ist demnach die Linke (19 %). (Q: „Berliner Zeitung“)
Saleh bemängelt vor allem, dass seine Partei „das Thema Sicherheit in den vergangenen Monaten kaum angesprochen hat“ - das tun dafür jetzt andere, z.B. der Grüne Stephan von Dassel, Bürgermeister von Mitte - er sagt: „Der Tiergarten wird mehr und mehr zur rechtsfreien Zone. Wir können das nicht mehr hinnehmen.“ Es geht um campierende Obdachlose, Prostitution Minderjähriger, Verwahrlosung, Diebstahl und Gewalt…
… und warum ist das so? In der „Morgenpost“ beschreibt Alexander Dinger das so: „Die Bundespolizei, deren Wache am Zoo nur wenige Meter von dem Ort entfernt ist, an dem Susanne F. getötet wurde, ist nicht zuständig, ebenso wenig das Sicherheitspersonal der Bahn. Die Landespolizei ist zwar zuständig, hat aber zu wenig Personal und verweist auf das Ordnungsamt und damit auf den Bezirk. Der Bezirk verweist wiederum auf seine Personalsituation und schickt ab und zu Mitarbeiter des Grünflächenamts in den Park. Aus dem Bezirk kommt der verständliche Ruf nach der Landespolitik, die wiederum den Ball zurück zum Bezirksamt spielt.“ Wir sehen: Die Organisation der Unzuständigkeit funktioniert in Berlin wie immer einwandfrei.
Parlamentspräsident Ralf Wieland erklärt zum Angriff auf Auto und Haus von Georg Pazderski: „Politische Gegnerschaft darf nicht in Gewalt umschlagen. Deshalb verurteile ich diese Attacke auf das Eigentum des AfD-Fraktionsvorsitzenden Georg Pazderski. Gewalt ist in einer demokratischen Gesellschaft kein Mittel der politischen Auseinandersetzung. Das gehört ins Repertoire der Anti-Demokraten. In einer Demokratie sollte das Wort mehr Macht haben als eine Gewalttat. Jeder Andersdenkende sollte sich dessen bewusst sein. Wer frei gewählte Parlamentarierinnen oder Parlamentarier gewalttätig angreift, erweist der Demokratie einen Bärendienst.“
Wir bleiben noch bei der AfD: Ein Grüppchen ihrer Sympathisanten ließ sich nicht abschrecken von Bernd Schmidt, dem Intendanten des Friedrichstadtpalastes („Deren Geld will ich nicht“) - sie nutzen die Freikarten, die AfD-Pressesprecher Ronald Gläser für sie organisiert hatte. Schmidt hieß dann auch sie willkommen, fügte aber hinzu: „Hoffentlich fühlen Sie sich dennoch komisch, wenn Sie gleich sehen, was entstehen kann, wenn ein Ensemble aus 25 verschiedenen Nationen, mit allen Hautfarben, aus Atheisten, Christen, Muslimen und Juden, aus Hetero- und Homosexuellen, von Menschen mit und ohne Behinderungen friedlich zusammenarbeitet.“
Telegramm
Auf den Orkan Xavier folgte ein Sturm der Entrüstung: Die Bahn ließ Hunderttausende Regio-Kunden rätseln, wann der nächste Zug nach Nirgendwo fährt - mögliche Informationen waren wie vom Winde verweht.
Die Kritiker arbeiten sich weiter an der neuen Staatsoper ab - Udo Badelt schreibt heute im Tagesspiegel zum Gastspiel der Wiener Philharmoniker: „Es gibt eine starke Unwucht zwischen Forte und Piano, wobei das eine oft beziehungslos ins andere umschlägt.“ Irgendwie menschlich, diese Oper.
Freche Bemerkungen zu Müttern, die sich beim Bezirksamt nach dem Schicksal ihres Antrags auf Unterhaltsvorschuss erkundigen (CP vom 5.9), gibt’s offenbar öfter: In Charlottenburg-Wilmersdorf bekam eine Checkpoint-Leserin jetzt zu hören, seit drei Monaten würden Eingänge wegen Personalmangels nur noch registriert, aber nicht mehr bearbeitet - wenn sie es so eilig habe, könne sie ja gerne aushelfen kommen.
Kleine Warnung: Im Bezirksamt Neukölln (Abt. Bildung, Schule, Kultur und Sport) wurde gerade ein „Gummistempel groß“ mit der Dienstsiegel-Nummer 114 gestohlen - falls Ihnen also jemand damit die Befähigung zur Lehrkraft bescheinigt: So kommen sie nicht ins Klassenzimmer.
Ach, und falls Ihnen jemand das Siegel „Annemarie Herzog-Hosemann Notarin in Berlin“ aufs Auge drücken will - auch das wurde gerade vom Landgericht für ungültig erklärt („am 28. August 2017 in Verlust geraten“).
Apropos Notariate: 79 dieser Gelddruckzertifikate hat die Justizverwaltung soeben neu ausgeschrieben - wenn Sie Ihr Glück versuchen wollen: Informationen gibt’s hier.
Klingelingeling: Die Verkehrsverwaltung sucht eine „leitende Baudirektorin“ (kann auch ein Mann sein) - erwartet wird u.a. „Erfahrung in der Umsetzung neuer verkehrstechnischer Ansätze ins operative Handeln“. Große Eile scheint allerdings nicht zu bestehen: Die Stelle ist unbefristet (Kennziffer SenUVK Nr. 97/2017).
Zur Frage des Tages: Im Angebot sind 80 qm, Altbau, Prenzlauer Berg, Miete unter 1000 Euro - wie viele Interessenten haben sich gemeldet? Die „Abendschau“ kennt die Lösung, hier ist sie.
Die CDU-Abgeordnete Vogel sorgt sich um die „Situation der Berliner Stadttauben“ und will wissen: „Wie entwickelt sich die Population in den letzten fünf Jahren?“ Berlinkenner ahnen schon, wie die Antwort von Staatssekretärin Margit Gottstein lautet, oder? Richtig: „Hierzu liegen dem Senat keine belastbare Erkenntnisse vor.“ (Drucksache 18/12221)
Also versucht es Frau Vogel gleich noch mit einer weiteren Frage: „Welche rechtliche Verpflichtung hat der Senat gegenüber herrenlosen Tieren?“ (Drucksache 18/12238) Die Antwort von Staatssekretär Torsten Akman: „Herrenlosen Tieren gegenüber bestehen grundsätzlich keine Verpflichtungen.“ (W)uff.
Herrlich: Die AfD besteht im Haushaltsplan auf „Deutsch als Amtsprache“ - auch bei den „Sustainable Development Goals“ der Vereinten Nationen. Gibt dort bestimmt demnächst eine Krisensitzung.
Immer wieder Ärger mit Berlins größter privater Wohnungsgesellschaft: Meine Kollegen Christian Hönicke und Ralf Schönball haben das Geschäftsgebaren der „Deutsche Wohnen“ (Motto: „... um eine hohe Rendite zu erwirtschaften“) mal genauer unter die Lupe genommen - ihre Berichte finden Sie hier („Albtraum Neu-Venedig“) und hier („Der Mangelprofiteur“).
Kaum zu glauben, aber wahr: Die alte Post in Spandau (ICE-Fahrgästen durchs Fenster bekannt) wird endlich abgerissen - wer’s verfolgen will: Hier gibt’s eine Webcam, die den Fortschritt dokumentiert.
Und nochmal Spandau - Aufregung bei Aldi am Henri-Dunant-Platz: Die graue Fassade des Supermarkts wurde dem Namensgeber der internationalen Rotkreuz-Bewegung zu Ehren mit einem Bild verziert - es zeigt u.a. Fahnen der Hilfsorganisation mit dem Roten Kreuz und dem Roten Halbmond. Aufgebrachte Anwohner hielten es für Erdogan-Reklame (obwohl der türkische Halbmond weiß ist) und beschmierten das Werk - jetzt soll der Bezirk auf Antrag der SPD eine Infotafel für besorgte Bürger aufstellen.
„Wir öffnen noch bevor der Flughafen fertig ist!“, steht am Schaufenster eines leeren Ladens, aus dem ein Restaurant werden soll - kann also noch dauern.
BER Count Up – Tage seit Nichteröffnung:
Flughafenchef Engelbert Lütke Daldrup hat das Wunder vollbracht: Am 31. Oktober 2020 ist der Flughafen BER offiziell eröffnet worden. 3.073 Tage nach der ersten Nicht-Eröffnung stellen wir damit unseren Count Up ein. Wer nochmal zurück blicken will: Im Tagesspiegel Checkpoint Podcast "Eine Runde Berlin" spricht Lütke Daldrup mit Tagesspiegel Chefredakteur Lorenz Maroldt und Checkpoint Redakteurin Ann-Kathrin Hipp über detailverliebte Kontrollen, politische Befindlichkeiten und aufgestaute Urlaubstage.
Zitat
„Deutschland ist nicht der Prenzlauer Berg.“
Verkehrsminister Alexander Dobrindt zeigt zum Ende seiner Amtszeit, was er in den vergangenen vier Jahren alles gelernt hat.
Tweet des Tages
„Wer mal mit dem Vorsatz in die Kneipe ging, dass nach zwei, drei Bier aber Schluss ist, der weiß, dass eine Obergrenze Quatsch ist.“
Antwort d. Red.: Und wenn Sie wissen wollen, wie sich die Unionsparteien das mit der Obergrenze, die nicht so heißen soll, jetzt so vorstellen: Robert Birnbaum versucht es hier mal zu erklären.
Stadtleben
Auch das Essen in Neukölln bricht mit traditionellen Vorstellungen: Tapas sind spanische Vorspeisen und bei japanischer Küche denkt man an Sushi? Im Dr. To's lächelt man müde darüber, in der Weichselstraße 54 (U-Bhf Rathaus Neukölln) werden nämlich asiatische Tapas serviert: asiatisches Ceviche vom Lachs mit Koriander, geschmortem Rindfleisch in japanischer Currysauce, oder Kuki Wakame, einem Salat aus Sesam und Seetang (3-7,50 Euro). Die Fusion-Häppchen kommen edel angerichtet daher, genau wie das Interieur, das Berliner Industriecharme mit traditionell asiatischem Chic kombiniert. Geöffnet Mo-So 18-24 Uhr, Reservierung empfohlen.
Heute mal so tun, als wäre es An einem Sonntag im August im Prenzlauer Berg. In der Kastanienallee 103 kann man den heranrückenden Winter zwischen Vintage-Möbeln, bunten Sitzkissen und baumelnden Hängepflanzen gerne mal verdrängen. Im gemütlichen Licht der Kronleuchter und Kerzen lässt es sich entspannt lesen, oder einen Jasmintee genießen. Zum leichten Brunch ist das "Café Sonntag", wie es kurz genannt wird, genauso eine gute Adresse, wie für's Feierabendbier vom Fass. Für Raucher gibt es einen kleinen Extra-Service, damit sie nicht draußen frieren müssen: Einen durch eine Glaswandseparierten Bereich zum Qualmen. So-Do, 9-2 Uhr, Fr-Sa, 9-4 Uhr, U-Bhf Eberswalder Straße.